Erstbesteigung des Ama Dablam (6856 m) über den Ostgrat

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stbesteigung

des Ama Dablam ( 6856 m ) über den Ostgrat

Albert Gonthier, Chernex ( VD )

235 Der 6856 m hohe, zunächst für unbesteigbar gehaltene Ama Dablam wurde 1961 durch eine von Sir Edmund Hillary, dem Bezwinger des Everest, dazu ermutigte Equipe erstiegen. Seitdem haben Bergsteiger noch mehrmals diesen gefürchteten Gipfel erreicht, sei es über den Südwest- oder den Nordgrat oder auch über die Nordostwand. Die Route über den Ostgrat ist zunächst durch einen langen, stark verwächteten Abschnitt gekennzeichnet, der anschliessend in einen 500 m hohen eigentlichen Grataufschwung überleitet, der seinerseits von einer mächtigen Serac-Bar-riere gekrönt ist. Diesen Aufstieg hat 1983 eine belgisch-schweizerische, von Nadine Hubert aus Brüssel organisierte Expedition gewählt. Ausser Alain Hubert und André Georges, zwei Spitzenkletterern, gehörten der Expedition noch ein Arzt an, Pierre Soete aus Mons, ferner Dinah Learmonth aus Genf, Nadine Hubert und zwei Sherpas aus Kumjung, Ang Pasang und Zimba Zangbu. Für den Führer André Georges, dessen Widerstandskraft und Leistungen jeder kennt, war das die erste Begegnung mit dem Himalaya, und er fand in Alain Hubert einen ihm ebenbürtigen Seilgefährten. Eine Trainingstour mit einem eisigen Biwak in der Nordwand der Grande Veisivi im Wallis hatte das nötige gegenseitige Verständnis und Vertrauen geschaffen. Die Expedition hatte Brüssel am 19. März 1983 verlassen und errichtete am 10. April ihr Basislager am Fuss der Südwand auf 5200 m.

Während der 15 Tage des Anmarsches geben die Kletterer ihrem Training den letzten Schliff, indem sie an die Anstrengung eines Marschtags noch jeweils eine Klettertour von 300 bis 500 m oberhalb des Etappenlagers anschliessen. Derart akklimatisiert, können sie alsbald zum Angriff übergehen.

Das schlechte Wetter verzögert die Errichtung des Camps I auf 5700 m nur wenig. Der Schrund und seine 20 m höhere Lippe sowie die Eisrinne von 55°, die 450 m höher auf den Grat mündet, werden nacheinander überwunden und mit fixen Seilen versehen. Von Camp II auf 6100 m steigt der Grat 200 m steil empor und zieht sich dann über eine Horizontaldistanz von mehr als 2 km praktisch waagrecht dahin. Er ist schmal und mit unstabilen, blumenkohlförmigen, die beiden gleichermassen steilen Flanken überragenden Wächten versperrt, die sich als wahres Labyrinth erweisen werden. Ist der Grat einmal bewältigt, bleibt noch der 500 m hohe Gipfelhang, der aus einer Folge von riesigen Eistürmen mit Neigungen zwischen 55° und 90° besteht.

Am 21 .April lässt das kühne Unternehmen auf einen Erfolg innerhalb von zwei Tagen hoffen; dieser schöne Optimismus wird Lügen gestraft: Es sind ganze fünf Tage nötig!

Doch geben wir dem Führer aus La Sage das Wort:

Ich brauche einen Augenblick, um meine Lebensgeister wieder zu sammeln. Gott sei Dank funktionieren alle Muskeln, auch wenn ein Knie offen und die Hände aufgeschrammt sind. Aber ich habe einen Pickel verloren. Mit einem Schrei beruhige ich Alain und beginne meinen Wiederaufstieg, den das gefrorene Seil nicht gerade erleichtert; vierzig Meter sind eine weite Strecke! Endlich gleite ich in das Biwakloch, und der Blick, den wir tauschen, sagt mehr als tausend Worte. Alain zeigt mir seine zerfetzten Handschuhe und seinen vom Seil zerschnittenen Anorak. Dann erhebt sich der Wind und bringt Schnee... Wir haben für heute unser Teil Aufregung gehabt. Nach einem letzten Funkkontakt, der unsere Einsamkeit durchbricht, verschanzen wir uns in unserem Loch bis zum Anbruch des nächsten Tages.

Unser Bestand an Lebensmitteln ist beunruhigend: Wir müssen - bei diesem Ama Dablam mit seinen Überraschungen - dafür sorgen, dass sie vorhalten. Aber wir sind uns einig: Es kommt nicht in Frage aufzugeben, auch wenn wir fühlen, dass dieser unendliche Grat eine Falle ist und uns wohl zum Sieg ( verurteilen ) könnte, das heisst, den Weg über den Gipfel zu nehmen.

Am Morgen des 24. April stehe ich wieder vor meinem Problem, der Wächte. Diesmal greife ich von rechts an, grabe mit dem Pickel ein Loch, das auf eine Flanke von weniger ab-schreckendem Aussehen mündet. Ich nehme meinen Rucksack ab, schiebe ihn vor mir hindurch und verkeile ihn auf der andern Seite der Öffnung. Aber als ich mit meinen 90 kg wieder bei ihm bin, gibt der Schnee nach und ich verliere den Halt. Wieder ein Looping! Als ich zu mir komme, hänge ich unverletzt am Ende von 20 m Seil. Aber mein Rucksack, dem ich mit den Augen folge, saust in gewaltigen Sprüngen in die Tiefe und verschwindet dann; mit ihm verliere ich auch meinen Schlafsack, die Kamera und meinen zweiten Pickel!

Wenn der Ama Dablam geglaubt hat, uns zu entmutigen, so irrt er sich. Mit ebensoviel Wut wie Anstrengung steige ich erneut auf und unternehme sofort einen dritten Versuch, wobei ich gewissermassen im Innern der Wächte klettere. Diesmal gelingt es mir, das Hindernis zu überwinden und ich erreiche nun etwas sichereres Gelände. Als Alain zu mir trifft, wissen wir, dass der Rückweg wirklich abgeschnitten ist.

Wieviel Stunden Akrobatik sind noch bis an den Fuss des Gipfelhangs nötig! Endlich sind wir dort und haben die tückischen Wächten hinter uns gelassen. Der vor uns liegende Auf- schwung mit seinen Eishängen und Séracs scheint zumindest stabiler ohne jedoch weniger schwierig zu sein.

Wir schlagen uns noch zwei Tage in diesen fast senkrechten Mauern herum, bei Sichtweiten von nicht mehr als 40 m. Wind und Schneetreiben pressen uns gegen den Berg. Ein Eiscouloir folgt dem andern. Wann endlich kommt der Gipfel? Der verlorene Schlafsack fehlt mir schrecklich, doch dank meiner Abhärtung gegen Kälte ( seit zehn Jahren fahre ich ohne Handschuhe Ski ) überstehe ich die Biwaks ohne Schaden. Wir haben wohl eine Abbildung links:

Die Westwand des Ama Dablam Abbildung rechts: Eissporn auf dem Ostgrat ( unter dessen Gipfel befand sich das Campili ) Aludecke, die gegen den Wind schützt, aber unter der es durch das entstehende Kondenswasser sehr schnell feucht wird. Die Funkkon-takte tun wohl, selbst wenn man uns eine Temperatur von minus 35° in 7000 m Höhe ankündigt. Um unsere Freunde nicht zu beunruhigen, haben wir nichts von dem Verlust des Rucksacks und auch nichts von unseren zur Neige gegangenen Lebensmittelvorräten gesagt: Zwei Zeltchen für den letzten Tag und nichts mehr zu trinken! Dennoch nähern wir uns ständig kletternd dem Ziel. Das letzte Bollwerk vor dem Gipfel ist eine 50 m hohe Eiswand. In drei Stunden habe ich sie überwunden, und am Mittag schütteln wir uns auf der höchsten Spitze die Hände.

Trotz der Notwendigkeit, diesen Ort noch vor Einbruch der Nacht zu verlassen, nehmen wir uns Zeit, das Panorama zu bewundern und unsere herrlichen Nachbarn mit Namen zu nennen: Pumori, Everest, Lhotse, Makalu, Cho Oyu.

Unsere intensive Freude wird durch die Sorge um den Abstieg gedämpft: 1500 m voll des Unbekannten. Nach der Westflanke schwenken wir zur Südflanke über, wo wir uns 25 mal je immer 50 m abseilen. An unserem letzten Eishaken befestigen wir das halbierte und geopferte Seil; es bringt uns genügend weit hinunter, so dass beide den flachen Teil des Gletschers erreichen können, von wo Rufe zu uns dringen: Es sind Pierre und Zimba, die uns an den Fuss der Südwand entgegengekommen sind. Jetzt kann es ruhig Nacht werden, wir sind ihr entkommen und geniessen das Gefühl der wiedergewonnenen Sicherheit.

Es ist 20.30 Uhr, und die Temperatur scheint uns hier auf 5300 m mild. Wir haben jetzt 11 Tage auf mehr als 6000 m überlebt. Die unaufhörliche Anspannung, die allgegenwärtige Gefahr, Anstrengung, Kälte und Hunger haben uns erschöpft. Der Wille, der allein uns noch aufrecht hielt, hat uns plötzlich verlassen. Jetzt sind wir zu jämmerlichen stammelnden und schwankenden Gestalten geworden, ebenso erbarmenswert wie Hermann Buhl, als er dem Nanga Parbat entronnen war.

Der Gipfel des Eissporns vom Camp III aus Wir überlassen unsere elenden Lebensgeister Pierre und Zimba. Bald bringen sie uns unter einem grossen Block unter, um uns wie grosse schläfrige Kinder zu pflegen. Wie gut tut es, die Freundschaft unserer Retter wieder zu empfinden, das Brüllen des seit fast drei Tagen leeren Magens zu beruhigen! Wie gut tut es, in Schlaf zu sinken! Vom Sieg werden wir morgen sprechen!

Am Morgen des 27. April, als die ganze Mannschaft des Basislagers zu uns gestossen ist, um uns zu beglückwünschen und uns zu unterstützen, begreifen wir endlich, dass der Ama Dablam kein Traum mehr ist: Die Wächten und Eistürme, die Ängste und Stürze, all das gehört der Vergangenheit an. Wir sind heil aus der Welt von Eis und Frost zurückgekehrt.

Ungläubig und stolz legen wir die abenteuerliche Strecke noch einmal mit den Augen zurück, wir erleben die Ereignisse noch einmal und beschreiben sie der Gruppe, überwältigt vom Glück, das sich allen mitteilt. Es tut sich in den strahlenden Augen kund und auch in einem unbändigen, augenscheinlich unbegründeten, aber unerhört wohltuenden Gelächter, kostbar wie ein Schatz.

So sind wir an das Ende dieser Besteigung über den Ostgrat gelangt, der bis dahin schwierigsten Route am Ama Dablam. Jedoch wissen wir, die Bezwinger, sehr wohl, dass der Sieg nur dank der Anstrengungen der ganzen Gruppe möglich war; ohne ihr Vertrauen, ohne ihre Unterstützung hätten wir unser Ziel niemals erreicht.

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