Gedichte aus den Alpen

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Von Ulrich Wilhelm Züricher.

Heimat.

O Berge, hohe Heimat! 0 lichtdurchflutet Land, Wo meine wunde Seele Stets Trost und Stärkung fand.

Dort unten jagt die Menge Nach Schein und leerer Lust. Hier atmet ew'gen Frieden Die menschenmüde Brust.

Hier ragen Fels und Firne Ins weite Blau hinein. Wie Erdenaugen leuchtet Der Seelein heller Schein.

Und weich und braungrüngolden Schmiegt Moos sich ins Gestein Und ladet stille Wandrer Zu Rast und Ruhe ein.

0 Klarheit, Glanz und Stille Bleibt mir dort unten treu, Begleitet, was ich schaffe, Und schafft mich selber neu.

Blick in die Weite.

Nun haben wir den Weg gefunden, Die steile Steigung überwunden, Und rings um unsern Gipfel weit Dehnt sich des Landes Herrlichkeit.

Die grosse Welt zu unsern Füssen Will uns aus tausend Augen grüssen.

Dort jenes Grates blankes Eis War einmal unsres Kletterns Preis, Als mit dem Freund voll Jugendkraft Uns Höhenluft war Leidenschaft.

Auch jene frei geschwungne Lücke Sah uns in jungem Wanderglücke.

Die Zacke kühn und hochgeboren Hab einsam ich mir einst erkoren, Um durch Gefahr und festen Willen Des heissen Blutes Sturm zu stillen.

Die Gruppe dort im zarten Blau, 0 Liebste, heb dein Aug und schau:

In fernen, ersten Liebestagen Hat uns der Fuss dorthin getragen.

Dort glänzt ein Fluss, ein Seelein blinkt.

Vergangne Zeit aus Weiten winkt.

Und mit der Zeit kommt Leid und Glück Durch Dämmerwellen uns zurück.

Was wir geliebt, gelobt, bestritten, Das wandert wie mit Geisterschritten Beschwingt ob all dem Gipfelmeer Aus fernen Tälern zu uns her.

Die Augen schweifen in der Runde.

O Herrlichkeit der hohen Stunde, Wo hoch ob aller Alltagsnot Befreiten Geistes Flamme loht, Zu sich den Weg die Seele findet Und allem Ew'gen sich verbindet!

Morgengrus s.

Morgenstill durchwandern Lichte Lärchenhaine, In der Tiefe lassend Allen Streit, in reine Höhenfrische Winde Seine Stirne tauchen, Während erste Strahlen Rötlich überhauchen Alle unermessne Freie Himmelsweite: So kommt der Gedanken Starkes Weggeleite. Was in bangen Nächten Quälet Herz und Hirn, Das entspringt in Gluten Nun der Mannesstirn. Halbdurchalinte Wirrnis Wendet sich zur Klarheit. Höhengruss ins Weite Allem Mut der Wahrheit.

Bergestrost.

Wenn der Friede von dir wich Und das Leid als Opfer dich erlesen, Flieh ins Bergland! Auf der Alp Wirst von Gram und Sorgen du genesen.

Wenn der Blick ins Weite schweift, Und ein fernes Glockenläuten leisen Widerklang im Herzen weckt, Wenn um freie Höhen Gipfel kreisen, Endlos, ungezählt ein Heer Ungebrochner, trotz'ger Riesenrecken, Die die Häupter in die Luft Gegen Wolken, Blitz und Himmel strecken:

Wird das Herz dir wieder weit, Wachsen wieder deine Lebensgeister, Über Gram und Sorgen fühlst Du dich selig Sieger, Herr und Meister.

1G9

Wintersturm.

Schnee fegt um weisse Halden. Im Walde Stöhnen, Heulen, Krachen, Und von den Felsen stürmen Gespenstig graue Nebeldrachen.

Wie das die Seele lüftet, Das alte, herbe Herz erfrischt! Und Müdigkeit und Sorgen Sind alle wieder weggewischt.

Wie Spannkraft, Frohmut wachsen In wilder Winterherrlichkeit, Und schlaff gewordne Liebe Wird wieder stark und kampfbereit.

E x e e 1 s i o r.

Die Menschheit stöhnt in Werdenot. Der Hass, der um die Erde schäumt, Zuckt leis auch durch das Nebelgrau, In dem mein stilles Dörfchen träumt.

Beengter Blick und feuchte Luft, Herrgott, ich halt es nimmer aus! Die Unruh sitzt mir im Gebein Und jagt mich aus dem warmen Haus.

Durch dichte Wolkentiefenei Steig ich den steilen Berg empor, Und nirgends Helle, nirgends Licht Glänzt aus dem trüben Grau hervor.

Und höher wandert stets mein Fuss Den einsam stillen Weg hinan: Ist denn die ganze Welt verhüllt, Versenkt in dunklen Nebelwahn?

Dort, dort um jenen Höhengrat, Dort muss es endlich heller seinl Erreicht! Doch rings in trübem Grau Gespenstern Tannen und Gestein.

Schon dämmert 's durch die Schattenwelt. Rasch steig ich höherm Gipfel zu: Es muss, es muss erstritten sein, Licht lebt ob dieser Nebelruh!

Da! Helle! Bläue! Nebelriss! Empor und in den Glanz hinein! Und Berg um Berg in dunkler Pracht Ruhn klar im Abendhimmelschein.

Und staunend schweift der frohe Blick Aufs endlos weite Nebelmeer, Das um die Gipfeleinsamkeit Gespenstisch flutet hin und her.

Und eine Stimme klingt in mir:

Ob allem Dunkel leuchtet Licht, Und Nacht und Graus und Krieg und Mord Sind letzte Menschheitswerte nicht.

Wohl liegt die Welt in Hass beengt Im Nebel schwankt der Völkerschwall, Doch einmal wird es doch noch wahr, Dass Friede klingt durchs weite All.

Morgenstunde.

Noch pulst in unsern Adern Ein froher Jugendmut: Hervor nun Sack und Pickel, Und du, mein Wanderhut!

Komm, Lieb, die Sterne flimmern Geheimnisvoll durchs All, Heut möcht ich Fernen schauen Vom hohen Alpenwall.

Noch nachts, bevor im Osten Uns graut der junge Tag, Durchwandern wir schon rüstig Vorweid und Tannenschlag.

Und küsst dann Mutter Sonne Die Erde aus der Ruh, Begrüsst sie frohes Jauchzen Von steiler Stockenfluh.

0 sonndurchglühtes Bergland! 0 weltentrunkner Blick! Wie auch die Lose fallen: Heut preis ich mein Geschick.

Lebensmittag.

Hand in Hand mit liebem Weibe Durch die Wälder, Weiden gehn Und von sonnengoldnen Höhen Sehnsuchtsblaue Fernen sehn, Heller seine Augen spüren In gedankenklarer Luft, Steigen seine Seele spüren Hoch ob Erdenleid und Gruft:

0 du königliches Leben In der Bergesfürsten Kreis: Will, wie heut in Mannesjahren, Einst als wandermüder Greis Dir die Treue froh bewahren, Will mit meinem letzten Blick Segnen, was das Leben brachte, Segnen, segnen mein Geschick.

Gipfel.

Steig im Nebel steil hinan Deine einsam dunkle Bahn. Vielleicht aus den Wolken bricht Einmal eines Gipfels Licht. Frost und Eis des Herzens taut, Wenn ein Ziel du so erschaut.

Bergsprüche.

Sing das Lied von der Höhe und was dir die Höhe verkündet: Hoch über Jammer und Nacht strahlet ein ewiges Licht.

* Wenn dir auf staubiger Strasse so Leben als Liebe ermatten, Steig zu den Gipfeln empor: Weite des Blickes erlöst.

* Siehst du das Grattier durch Felsen und Schluchten sich Wege gewinnen? Gemse, du Schlanke, gleich dir springt mein Gedanke hinan.

# Grat über Gletscher und Gründen! O Gleichnis erhebender Grosse: Unter dir lauert der Tod, liegt auch die menschliche Not.

* Gestern noch magere Weide und heute ein Teppich von Enzian: Also aus dürftigem Sein spriessen oft Wunder ans Licht.

* Sahst du in einsamer Wildnis des Murmeltiers muntere Possen? So ins verlassenste Sein sprudelt ein Lachen hinein.

* Hier auf den Höhen der Berge umtanzen dich deine Gedanken. Heilige Stille der Welt! Nur in der Seele erklingt 's.

Immer mit Ehrfurcht betracht'ich die edle Gestalt der Kristalle. Dir seien Tempel geweiht, hohes Geheimnis der Form.

* Zarte vertrauende Liebe zerbröckelt die Mauern des Herzens. Gleichnis solch lieblicher Kraft, Steinbrech der Berge, bist du.

Gipfel und Sonne und Morgen und ewiges, herrliches Glänzen! Trinke die Weite der Welt! Glaube der ewigen Kraft!

* Immer abseits vom Getriebe, von Reden, Theater, Konzerten? Hier in den Bergen erklingt tiefer erhebendes Wort.

* Bergsee, du selig von Bläue des Himmels gesättigtes Auge, Liebliches Gleichnis bist du: Hohem geöffneter Sinn.

* Siehst du die siegende Kraft in dem lieblichen Leib Soldanellens? Ahnte sie Wärme und Licht, als sie sich wand durch den Schnee?

Dunkel dich wölbender Wald, wie beschwichtigt dein Schweigen die Seele, Leuchtende Firnen, wie hebt ihr meine Seele empor!

Bergwald, der ernste erwacht und erschauert in sprossendem Leben. Auch der Ergraute fühlt jung, grüssen die Drosseln den Lenz.

* Blendender Gletscher — und plötzlich geheimnisvoll gähnende Spalte: So ist das heitere Sein, welches die Tiefen verhüllt.

* Wandernd und malend, o Heimat, wie bin ich verwachsen dir worden! Rings fast von jeglichem Grat grüsst mich ein seliger Tag.

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