Grosser Aletschgletscher

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Hanspeter Holzhauser, Zürich

The Aletsch is the grandest glacier in the Alps: over it we now stood, while the bounding mountains poured vast feede into the noble stream. ( John Tyndall, 1860: 101 ) Der Märjelensee ( 20. September 1976 ) 1. Überblick Der Grosse Aletschgletscher gehört dank seinen beachtlichen Dimensionen zu den imposantesten Eisströmen. Mit einer Fläche von 86,8 km2 und einer Länge von 24,7 km ( Werte für das Jahr 1973, Gletscherinventar, MÜLLER F. et al. 1976: 32 ) ist er sowohl der grösste als auch der längste Alpengletscher. Sein Nährgebiet wird im Norden gesäumt von bekannten Viertausendern wie der Jungfrau, dem Mönch sowie den Fiescherhörnern und umfasst im wesentlichen die Firnmulden Grosser Aletschfirn, Jungfraufirn, Ewigschneefeld und Grüneggfirn ( von West nach Ost ), die zusam-menfliessend den Konkordiaplatz bilden. Bis zu 1000 Meter Eis liegen hier an der tiefsten Stelle auf dem Felsuntergrund ( AELLEN und RÖTHLISBERGER H. 1981:91 ). Dem Haupttal folgend fliesst vom Konkordiaplatz aus das Eis, einen leichten Bogen nach Osten beschreibend, südwärts Richtung Rhonetal bis weit unter die Waldgrenze. Die spitz zulaufende Gletscherzunge endet auf 1554,6 m ü. M. ( Wert für das Jahr 1986, AELLEN 1987:201 ) inmitten abgeschliffener Felsbuckel und zerrüt-tetem Fels.

Blickt man von der Belalp auf den Gletscher hinab, so kann leicht der Eindruck eines starren, unbeweglichen Eiskörpers entstehen, der seit eh und je in demselben Zustand verharrt. Der Schein trügt jedoch: Wie alle Alpengletscher, so hat auch der Grosse Aletschgletscher eine im wahrsten Sinne des Wortes ( bewegte ) Vergangenheit hinter sich. Innerhalb der letzten rund 2500 Jahre sind acht grössere Vorstossphasen von diesem Gletscher bekannt. Während drei solcher Phasen erreichte er sogar die Ausmasse eines Hochstandes. Untrügliche Spuren des letzten, zeitlich nicht weit zurückliegenden Hochstandes sind die streckenweise gut ausgebildeten und teilweise mächtigen Ufermoränen an den Talflanken. Das in den letzten 130 Jahren vom Eis freigegebene Neuland ist augenfällig und säumt den Gletscher, zumindest im mittleren Abschnitt, als helles, breites und noch wenig bewachsenes Band.

Obwohl der Grosse Aletschgletscher in der Länge sichtlich abnimmt, fliesst das Eis ständig talabwärts. Auf der Oberfläche in Gletschermitte wurden einen halben Kilometer südlich des Konkordiaplatzes mit 195-205 m/ Jahr die grössten Fliessbeträge gemessen. Im Bereich des Aletschwaldes kriecht das Eis oberflächlich immerhin noch mit einer Ge- schwindigkeit von 74-86 m/Jahr zu Tale ( AELLEN und RÖTHLISBERGER H. 1981: 87 ). ' Trotzdem vermochte dieser dauernde Eisnachschub das abgeschmolzene Eis am Zungenende in den letzten 100 Jahren nicht zu ersetzen. Seit Beginn der jährlichen Vermessung der Gletscherzunge im Jahre 1892 ist eine ununterbrochene Längenreduktion feststellbar. Im Gegensatz zu einem Grossteil der Alpengletscher, die zwischen 1915 und 1920, Ende der 1970er Jahre - insbesondere 1977/78 und 1979/80 - sowie 1983/84 ( AELLEN 1986: 213 ) kurzfristig vorgestossen sind, nahm die Länge des Grossen Aletschgletschers jährlich ab. Hauptsächlich ist dies auf die Tatsache zurückzuführen, dass naturgemäss kleinere und/ oder steilere Gletscher auf Änderungen des Klimas schneller reagieren als grössere und/ oder flachere Gletscher. Diesbezüglich ist der Grosse Aletschgletscher kein guter Indikator für kurzfristige, wohl aber für langfristige und ausgeprägte Klimaschwankungen.

Noch in der jüngsten Vergangenheit, vor allem im letzten Jahrhundert, wurde der Grosse Aletschgletscher neben den erwähnten Firnen zusätzlich von einigen weiteren seitlichen Zuflüssen genährt; die beiden grösseren und bekannteren Nebengletscher sind der Ober-aletschgletscher2 und der Mittelaletschgletscher ( 21,7 km2 bzw. 8,5 km2, Werte für das Jahr 1973, Gletscherinventar, MÜLLER F. et al. 1976: 78 ). Während die orographisch linke, in einer tief eingeschnittenen Schlucht liegende Zunge des Oberaletschgletschers sich schon kurz nach dem Hochstand um 1850 vom Eis des Grossen Aletschgletschers trennte ( zwischen 1870 und 1880 ), bildete der Mittelaletschgletscher erst Ende der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts eine selbständige Gletscherzunge aus ( Vermessungsbeginn 1970, KASSER und AELLEN 1972: 226 ).

Zwischen Oberaletsch- und Mittelaletschgletscher thronen in erhöhter Position zwei weitere grössere Eismassen: der Driest- und der Zenbächengletscher ( 2,4 km2 bzw. 1,05 km2, Werte für das Jahr 1973, Gletscherinventar, MÜLLER F. et al. 1976: 78 ). Der Driestgletscher dehnt sich zwischen den steil aufragenden, kronenartig gezackten Fusshörnern und dem Geissgrat aus. Nördlich daran anschliessend liegt der nur etwa halb so grosse Zenbächengletscher. Namengebend für diese beiden Gletscher sind die ihnen vorgelagerten Alpen Driest und Ze Bächu ( manchmal auch Triest und Zenbächen geschrieben ). Die Zeit, als diese beiden Gletscher dem Grossen Aletschgletscher Eis zuführten, liegt allerdings weit zurück. Zeugen des einstigen Zusammen- flusses sind die schon stark überwachsenen und langgezogenen Moränenwälle, die besonders schön am Driestgletscher ausgebildet sind. Sie wurden während der letzten späteiszeitlichen Gletschervorstösse zwischen 13000 und 10000 Jahre vor heute gebildet. Im Unterschied zu diesen alten Gletscherablagerungen sind die nacheiszeitlichen ( postglazialen ) Hochstandswälle sowohl am Driest- wie auch am Zenbächengletscher formfrisch und weitgehend vegetationslos.

Im Zusammenhang mit dem Grossen Aletschgletscher muss auch der Märjelensee erwähnt werden, der in der Senke zwischen Strahlhorn und Eggishorn vom Eis aufgestaut wurde. Dieser See zählte noch bis in unser Jahrhundert hinein zu den schönsten Gletscherrandseen und war deshalb ein Anziehungspunkt für Touristen. Infolge des Gletscherschwundes sank die Oberfläche des Märjelensees zusehends ab, und heute ist von diesem einstigen Prunkstück nur ein kärglicher Rest übriggeblieben. Für die einheimische Bevölkerung stellte allerdings der Märjelensee vor allem bei grosser Gletscherausdehnung eine ständige Bedrohung dar: Gefürchtet waren seine unregelmässigen, in kurzen Abständen auftretenden Ausbrüche, bei denen sich die Wassermassen unter dem Grossen Aletschgletscher hindurch nach Naters oft mit zerstörerischer Gewalt bewegten ( AL 13.2* undALi5*S.147).3 2. Der Grosse Aletschgletscher innerhalb der Neuzeit Obwohl die Zunge des Grossen Aletschgletschers weit im Tal unten endigt und während Hochstandsphasen an kultiviertes Land heranreicht, liegt historisches Schrift- und Bildmaterial bei weitem nicht in solcher Fülle und zeitlicher Dichte vor wie etwa von den beiden Grindelwaldgletschern ( ZUMBÜHL 1980 ) und den Gletschern im Räume Chamonix ( WETTER 1987 ). Das hat folgenden Grund: Der Grosse Aletschgletscher liegt weit abseits der damaligen Hauptreiseroute durch das Rhonetal, und um einen Blick auf den Gletscher werfen zu können, hätte zuerst ein mehrstündiger Weg in Kauf genommen werden müssen.

Der Grosse Aletschgletscher mit dem Mittelaletschgletscher, Aletschhorn, Konkordia- platz und unten rechts dem Märjelensee, vom Eggishorn aus gesehen ( 20. September 1976 ) Karte 1 Grosser Aletsch- und Oberaletschgletscher:

Ausdehnungen 1846-1980 und geländearchäologische Spuren Originalmesstischblatt von J. A. Müller Blatt 421 ( XVIII/6 ), 1:50'000 1880/81 Siegfriedkarte, aufgenommen von X Imfeid Blatt 493, Ausgabe 1882, 1:50'000 1906 Siegfriedkarte ( Nachführung ) Blatt 493, 1:50000 1926/27 Spezialkarte ( Aletschgletschen, 1:25'000 L + T, VAW/ETHZ, 1966 herausgegeben 1957 Spezialkarte ( Aletschgletschen, 1:25'000 L + T, VAW/ETHZ, 1966 herausgegeben 1980 Landeskarte der Schweiz, Blatt 1269, 1:25000 Geländearchäologische Spuren Ehemals begangene Wege bei grosser Gletscherausdehnung ( 1-3 vgl. Abb. 8, S.161 ) Gletscherkreuze ( vgl Abb. 5, S.151 ) Wasserleitung Oberriederi, Abschnitte A/B/C1 Letzte Spuren am Rande des Gletschervorfeldes — ». Fundstellen der Balken ( vgl Abb 9 und 10, S.163Fundstelle des Holzhammers ( vgl Abb 11, S. 163 ) 0500 m Gletscherausdehnung ( rekonstruiert nach Kartenwerken der Eidgenössischen Landestopographie L + T; heute: Bundesamt für Landestopographie ) Riederhorn 1846

Oberried AL 15 H. Hogard, 18. August 1849: Der ausgelaufene Märjelensee. Das Wasser wird durch den Grossen Aletschgletscher abgedämmt; die horizontale Linie im Eis markiert die Höhe des Seespiegels vor der See-Entlee-rung.

Das Wort taucht zwar in Schriftquellen schon früh auf4, dem Namen

AL 13.2 J. R. Bühlmann, 1859: Der Märjelensee mit dem Olmenhorn im Hintergrund; Gemälde nach dem Aquarell AL 13.1 vom 28. Juni 1835 Sowohl die wissenschaftliche als auch die touristische Erschliessung des Aletschgebietes begann sehr spät in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Grossteil aller gletschergeschichtlich interessanten Bild- und Schriftdokumente ist deshalb nicht älter als rund 140 Jahre.Verschiedene bis in das Spätmittelalter zurückreichende Schriftquellen erlauben jedoch in Verbindung mit geländearchäologischen Spuren ( Alpwege, Wasserleitungen ) -wenn auch nicht lückenlos - die Rekonstruktion der Gletscherausdehnung über den Neuzeitbereich hinaus.

2.1. Der Grosse Aletschgletscher im 17. Jahrhundert Ein erster schriftlicher Hinweis innerhalb der Neuzeit führt uns zurück in das Jahr 1653. Damals sahen sich die Bewohner von Naters genötigt, dem seit mehreren Jahren gewaltig vorrückenden Grossen Aletschgletscher Einhalt zu gebieten, weil er die Weiden der Natischer im Üsseren Aletschji zunehmend bedrohte. Sie wandten sich an die in jener Zeit ansässigen Jesuiten mit der Bitte, eine glet-scherbannende Prozession durchzuführen. Laut Aufzeichnung erklärten sich die Geistlichen damit einverstanden und sandten zwei Patres nach Naters, die dort als vorbereitende Massnahme während sieben Tagen predigten. Anschliessend erfolgte der Bittgang zum Gletscher. Während des vierstündigen Marsches zum wurde abwechselnd gebetet und gesungen. Um den am Gletscher erfolgten Segnungen und Beschwörungen Nachdruck zu verleihen, errichtete man anschliessend eine Säule und stellte darauf eine Statue des heiligen Ignatius. Offenbar zeitigten die Bemühungen der Geistlichen und der Talbewohner die erhoffte Wirkung: Der Gletscher stiess danach nicht mehr weiter vor.7 Das Schriftstück darf wohl als einmalig in seiner Art bezeichnet werden.8 Relativ detailliert ist darin der Verlauf einer Gletscherprozession beschrieben. Leider geht aus dem Dokument nicht hervor, wo genau die Beschwörungen am Gletscher stattgefunden haben. Es ist aber anzunehmen, dass sich die Prozession auf dem alten Aletschweg bewegte, der von Blatten über die Gibidumbrücke, dann entlang der Massa zum Gletscher führte. Der Weg über das Eis in das Innere Aletschji, wo die lagen, ist wohl kaum beschritten worden. Höchstwahrscheinlich wurde deshalb das Zeremoniell nahe der Gletscherzunge abgehalten.

Dem Dokument sind ferner keine genaueren Angaben zu entnehmen, wie weit sich der ungemütliche Nachbar ausdehnte. Offenbar schwoll der Gletscher schon seit mehreren Jahren an und übertraf das gewohnte Ausmass. Die Tatsache, dass er dadurch Kulturland gefährdete, lässt auf einen Hochstand schliessen. Diese Interpretation kann mit " C-Daten von fossilen Hölzern aus den Ufermoränen erhärtet werden ( s. S. 165 ).

2.2. Der Grosse Aletschgletscher im W. Jahrhundert Rund einhundert Jahre liegen zwischen dieser schriftlichen Aufzeichnung und dem nächsten, gletschergeschichtlich nicht weniger bedeutenden Hinweis.

Einem schon früh entbrannten Rechtsstreit zwischen den Gemeinden Ried-Mörel, Mörel und Bitsch einerseits sowie den Gemeinden

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; A Naters und Rischinen andererseits ist es zu verdanken, dass wir Kenntnis von der Ausdehnung des Grossen Aletschgletschers um die Mitte des 18. Jahrhunderts haben.

Zwischen den genannten Parteien herrschte Uneinigkeit über die Besitzverhältnisse am Westabhang des Riederhorns. Zankapfel waren, neben dem genauen Grenzverlauf zwischen den Gemeindegütern, die Meder, ein Stück Wiesland, durch das heute der Weg von der Riederfurka nach Blatten führt. Eine erste Gerichtsverhandlung im Jahre 1684 konnte mit einem abschliessenden Urteil den Streit nur vorübergehend schlichten. Die Gemeinden sahen sich gezwungen, siebzig Jahre später einen neuen Prozess anzustrengen, der dann von 1754 bis 1755 dauerte. Auch hier gelangte das Gericht zu einem abschliessenden, aber nicht zur allgemeinen Zufriedenheit ausfallenden Urteil. Etwa drei Generationen später

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à'i 1à à nämlich, in den Jahren 1855 bis 1856, wurde das hohe Gericht ein drittes Mal bemüht, um in derselben Angelegenheit einen klärenden Entscheid zu fällen.

Sämtliche Akten dieser rechtlichen Auseinandersetzungen sind in den Archiven von Mörel und Naters aufbewahrt. Zu diesen Schriftstücken gehört ein Plan aus dem Kantonsarchiv von Sitten vs, der im Bilde das umstrittene Gelände festhält ( AL 02.2* S. 148/149).9 Der Betrachter überblickt von einem erhöhten Standort aus die Westflanke des Riederhorns, das als höchste Erhebung ersichtlich ist. Die Massa, der Abfluss des Grossen Aletschgletschers, bildet nach unten die Grenze des dargestellten Gebietes. Ganz links hat der Zeichner gerade noch den untersten Zipfel des Grossen Aletschgletschers (

bietes deuten die zahlreichen stilisiert hinzugefügten Bäume hin. Auch auf dem

Der Zusammenhang zwischen Plan und Gerichtsakten war nicht von vornherein offensichtlich, da die Dokumente getrennt voneinander an verschiedenen Orten archiviert sind. Zudem trägt der Plan weder Datum noch sonst einen Hinweis über den genauen Verwendungszweck. Um die dargestellte Gletscherausdehnung zeitlich einordnen zu können, ist das genaue Alter des Planes jedoch Voraussetzung.

Erst das Studium der Prozessakten hat hier weitergeholfen. Bald einmal zeigte sich: Das in den Akten angesprochene Gebiet ist identisch mit demjenigen auf dem Bilddokument, und dieselben Lokalbenennungen findet man sowohl in den Prozessakten als auch auf dem Plan. Bei näherem Betrachten des Planes sind vier, teilweise etwas sonderbar anmutende Jahreszahlen erkennbar, die ungefähr in einer horizontalen Linie liegen. Von links nach rechts sind das 1756, 17 + 56, +1755 und 1V56. Die Kreuze bei den mittleren Zahlen liessen schon erahnen, um was es sich handeln könnte, nämlich um Märchen. Diese Vermutung kann mit Hilfe der Schriftquellen bestätigt werden: Im Urteil des Prozesses von 1754/55 ist festgehalten, dass die genannten Grenzpunkte anschliessend in den Felsen gehauen wurden, und im letzten Prozess von 1855/56 ist denn auch von diesen Märchen oft die Rede.12 Die Jahreszahlen sind offensichtlich in derselben Schreibweise, wie man sie im Gelände vorfand, auf den Plan übertragen worden ( Abb.4 S. 151 ). Somit kommt als Entstehungszeit des abgebildeten Planes nur das Datum des letzten Prozesses in Frage, nämlich 1855/56. Diese Datierung befriedigte aber nicht, denn der Grosse Aletschgletscher stirnte um die Mitte des 19. Jahrhunderts weiter talauswärts im Bereich des

Einem glücklichen Umstand ist es zuzuschreiben, dass ein weiterer Plan in der Gemeinde Naters zum Vorschein kam ( AL 02.1 ). Auf Pergament ist das gleiche Gebiet in derselben Grösse wie auf dem Plan von 1855/56, jedoch nicht koloriert, festgehalten. Im weiteren sind die Märchen nur mit Bleistift eingetragen, eine fehlt sogar. Offenbar handelt es sich um den im Prozess 1855/56 angesprochenen Plan der Natischer. Dieses Exemplar wurde während des zweiten Prozesses oder im Anschluss daran, also um 1755, von der Partei Naters und Rischinen angefertigt. Das Datum des ersten Prozesses ( 1684 ) kommt als Entstehungsdatum deshalb nicht in Frage, weil in den Schriftstücken von 1754/55 nie ein schon bestehender Plan erwähnt wird. Damit die Gemeinden Ried-Mörel, Mörel und Bitsch ebenfalls über eine optische Grundlage während der Gerichtsverhandlungen verfügten, wurde eine getreue Kopie des Pergamentpla-nes in den Jahren 1855/56 veranlasst ( AL 02.2* S. 148/149 ). Das ist der Grund, weshalb das Ausmass des Gletscherendes dem von 1754/55 und nicht dem Ausmass um 1855/56 entspricht.

Die Topographie ist auf dem Plan erstaunlich gut erfasst, und deshalb lässt sich die Lage der Gletscherzunge um die Mitte des 18. Jahrhunderts relativ genau abschätzen: Der Grosse Aletschgletscher wies damals etwa eine Ausdehnung wie um 1890 auf und stirnte somit 900 bis 1000 Meter hinter einem Hochstand. Rund 100 Jahre später, um 1850, reichte das Eis dann bis zum

Wie bereits erwähnt, ist dieser Platz auf dem Plan bewaldet. Der Grosse Aletschgletscher bedeckte demzufolge diese Stelle schon jahrzehntelang vor der Mitte des 18. Jahrhunderts nicht mehr und hat vermutlich seit 1653 -dem Jahr der Gletscherprozession - keinen Hochstand mehr aufgewiesen.

2.3. Der Grosse Aletschgletscher im 19. Jahrhundert Die Skizzen und ein Relief von J. E. Müller ( 1791 /92-1819; AL 03; AL 04; AL 05; AL 08; AL 09)13 und das Panorama von H. C. Escher von der Linth ( 1805, AL 07 ) sind die nächsten Anhaltspunkte, die ein einigermassen verlässliches Bild der Gletscherausdehnung im Aletschgebiet gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts vermitteln. Das Zungenende des Grossen Aletschgletschers kommt auf keinem Bild zur Darstellung, doch kann anhand der benachbarten Gletscher ( Oberaletsch-, Driest- und Zenbächengletscher ) auf recht beachtliche Gletscherdimensionen geschlossen werden, die nicht allzu weit von einem Hochstand entfernt sind.

Die Jahre zwischen 1812 und 1817 waren bekanntlich äusserst kalt und nass ( PFISTER 1984, 1: 126, 131, 147 ) und begünstigten daher das Gletscherwachstum. Innert kurzer Zeit stiessen die Gletscher kräftig vor und erreichten um 1820 ihren ersten Hochstand im 19. Jahrhundert, der bei einigen Gletschern dank schriftlicher Aufzeichnungen gut belegt ist. Am Grossen Aletschgletscher hingegen kann er nur indirekt vermutet werden:

Verschiedentlich wurden Holzkreuze in der Nähe von bedrohlich anwachsenden Gletschern aufgestellt, um sie am weiteren Vor- rücken zu hindern. So ist bekannt, dass am Mer de Glace und am Glacier des Bossons ( beide in Chamonix ) diese Art der Gletscher-bannung durchgeführt wurde ( LE ROY LADURIE 1967: 193; WETTER 1987: 197,201,204 ). Im Üsseren Aletschji ( Oberaletsch ) stehen heute noch solche , wie sie von den Einheimischen genannt werden. Eines befindet sich auf dem äussersten Felssporn der Obfliejeregga, ein anderes auf der Baselflie ( Karte 1 S. 146; Abb. 5 S.151).14 Die Kreuze standen während des letzten Gletscherhochstandes dicht am Eisrand, und beide tragen eingeschnitten die Jahreszahl 1818. Sie wurden mit der Absicht errichtet, die beiden um jene Zeit offenbar ungewohnt vorstossenden Gletscher, den Oberaletsch- und den Grossen Aletschgletscher, aufzuhalten. Wie weit diese sich schlussendlich ausdehnten, muss allerdings offenbleiben. Kulturland und Wege scheinen immerhin wieder einmal, wie um 1653, gefährdet gewesen zu sein, was die Annahme eines Hochstandes um 1820 durchaus Das Holzkreuz auf der Baselflie im Üsseren Aletschji mit der eingeschnitzten Jahreszahl rechtfertigt. Der vermutete Vorstoss um diese Zeit reichte zeitlich weit in die 1820er Jahre hinein an: Nach I. Venetz ( 1833: 15 ) stiess der Grosse Aletschgletscher 1828 noch vor.

Für einen Hochstand in den frühen 1820er Jahren spricht auch ein, leider nur skizzenhaf-tes, Panorama, das S. Birmann am 18. August 1824 gezeichnet hat ( AL 10 ). Der Betrachter sieht vom Eggishorn unter anderem auf den Zusammenfluss Mittelaletsch/Grosser Aletschgletscher hinab. Die Darstellung ist für Birmannsche Verhältnisse weder sehr detailliert noch sehr genau, doch ist immerhin ersichtlich, dass die Eismassen an den Talflanken das Hochstandsniveau erreicht haben.

Eine aquarellierte Zeichnung, die J. R. Bühlmann im Jahre 1835 von der Riederfurka mit Blick gegen das Sparrhorn und die Fusshörner anfertigte, deutet auf ausgedehnte Gletscher hin ( AL 11* S.154 ). Mit Ausnahme des Oberaletschgletschers, der an der linken Zunge Spuren des Rückschmelzens zeigt, weisen die anderen Gletscher hochstandsähnliche Ausmasse auf. Das Zungenende des Grossen Aletschgletschers ist leider verdeckt und er- In den Fels geschlagene Marche am Weg von der Riederfurka nach Blatten. Auf dem Plan ( AL 02.2* S. 148/149 ) ist es die zweite Marche von links.

laubt keine Rückschlüsse auf die genaue Länge dieses Eisstromes. Im selben Jahr fertigte J. R. Bühlmann eine Zeichnung vom Eggishorn aus Richtung Aletsch- und Olmenhorn an ( AL 12 ). Obwohl der Zusammenfluss des Mittelaletsch- mit dem Grossen Aletschgletscher nur skizzenhaft dargestellt ist, spricht auch dieses Bilddokument für eine hochstandsähnliche Gletscherausdehnung um 1835.

Die letzte grössere Vorstossphase der Alpengletscher setzte in den 1840er Jahren ein, nach einer nur bei einigen Gletschern nachgewiesenen kurzfristigen Rückschmelzperiode im Anschluss an den Hochstand von 1820.15 Gegen 1850 rückten die Gletscher zum zweiten Hochstand im 19. Jahrhundert vor.

Das äusserst kräftige Anwachsen des Grossen Aletschgletschers in jener Zeit ist in Wort und Bild gut dokumentiert. E. COLLOMB ( 1849a: 34-36/1849 b: 7-9 ) schreibt, dieser Eisstrom habe 1848 schon sichtbar an Grösse zu-genommen.16 Die Gletscherzunge zwängte sich damals durch die enge Massaschlucht und zerstörte einen Teil des alten Aletschwe-ges, was die Bewohner vorübergehend daran hinderte, ihr Vieh ins Üssere Aletschji zu treiben. Im darauffolgenden Jahr, im August 1849, beobachtete auch H. HOGARD ( 1858:316, 319 ) das bereits von E. Collomb festgestellte Vorrücken der gewaltigen Eismasse.

H. Hogard richtete sein Augenmerk besonders auf Stellen, wo die zerstörerische Wirkung des Gletschers exemplarisch im Bilde veranschaulicht werden kann: Eine Skizze zeigt das Beschädigen des alten Aletschwe-ges ( AL 16 ), auf einer anderen dringt die Gletscherstirn in den Wald ein und wirft Bäume um ( AL 17 ), und schliesslich auf einer dritten ist das Eis ungemütlich nahe an vier Hütten im Üsseren Aletschji herangerückt ( AL 18* S. 156; Karte 1 S.146).17 Die hinterste Hütte in AL 18* ( Pfeil ) wurde kurz darauf vom Gletscher beschädigt. Schon E. COLLOMB ( vgl. Anm. 16 ) schrieb:

Nicht mehr skizzenhaft, sondern in Form eines kleinen und eindrücklichen Kunstwerkes, hielt H. Hogard ( in: D. DOLLFUS-AUSSET und H. HOGARD 1854 ) das ihm sich bietende Naturereignis an der Gletscherzunge im Bilde fest ( AL 19* S. 156 ). Die steile und unregelmässig gewellte Gletscherfront drückt auf der einen Talseite hochgewachsene Bäume um, begräbt sie teilweise unter sich oder lässt sie mitsamt dem Wurzelstock über eine kleine Felsstufe in die Massa fallen. Der alte Aletschweg ( im Bilde rechts unten ), der über den

Das Alter der umgeworfenen Bäume schätzt E. COLLOMB ( 1849a: 35/1849b:8 ) auf mindestens 200 Jahre und folgert daraus, dass der Grosse Aletschgletscher entsprechend lange diese Stelle nicht mehr erreicht hat.16 Die im Plan ( AL 02.2* S. 148/149, Gletscherausdehnung um 1755 ) angedeutete Bewaldung im Bereich des Zungenendes entsprang also nicht der zeichnerischen Phantasie, denn dieser Wald fällt jetzt ( 1848/49 ), rund hundert Jahre später, dem Gletscher zum Opfer. Der Grosse Aletschgletscher schob sich folglich während seines letzten Hochstandes weiter vor, als dies um 1820 der Fall war. Stimmt die Angabe von Collomb über das Alter der umgeworfenen Bäume, so wies der Gletscher seit der Mitte des 17. Jahrhunderts - seit der Prozession im Jahre 1653 -wenigstens im vorderen Zungenbereich keine so grosse Ausdehnung mehr auf.

Das Vorrücken dauerte über das Jahr 1849 hinaus an. In einer Reihe von Briefen ersuchen die Gemeinden Ried, Bitsch und Naters den Staatsrat um Erlaubnis, den unmittelbar bedrohten Wald vor dem Gletscher ausbeuten zu dürfen. Einem ersten Schreiben vom 4. Mai 1851 ist zu entnehmen, dass

Die Frage nach dem Ende der Vorstossphase um 1850 lässt sich nicht mit Sicherheit beantworten. Fritz ( 1872: 233 ) zufolge war der Hochstand 1854 beendet, nach dem Geologen Bonney hingegen begann die Rückschmelzphase nicht vor 1859, war aber 1861 bereits im Gange ( zit. in FOREL 1891: 358 ). Gemäss Aufzeichnungen von Kaplan Bamatter in Naters und in Übereinstimmung mit vielen Talbewohnern ( zit. in LÜTSCHG 1915: 208 ) erreichte der Grosse Aletschgletscher im Jahre 1856 den höchsten Stand und begann anschliessend zu schwinden. Tyndall fand den Gletscher 1860 leicht abgeschmolzen vor ( zit. in FOREL 1881: 38; 1882: 139 ), und GRAD ( 1870: 178 ) stellte 1869 an gewissen Stellen eine seit dem Hochstand erfolgte Dickenabnahme von 30 bis 40 Metern fest. Als viel zu spät sind Zeitmarken anderer Beobachter, nämlich 1870 und 1873 ( siehe FOREL 1881: 38 ) zu werten.19 In diesem Zusammenhang muss allerdings betont werden, dass die Beobachtungen von verschiedenen Standorten aus vorgenommen wurden und deshalb widersprüchliche Aussagen hervorrufen konnten. Drei Fotografien helfen hier etwas weiter:

Ein Blick vom bekannten Aussichtspunkt Belalp auf den damals weit ausgedehnten Grossen Aletschgletscher vermittelt die Fotografie von F. Martens, aufgenommen um 1856 ( AL 25.1* S. 159; AL 25.2; vgl. Abb. 6 S. 159 ). Der Gletscher zeigt kaum Spuren des Rückschmelzens. Sieht man von einem kleinen Eislappen am linken Bildrand ab, der leicht zurückgewichen ist, so füllt der Gletscher noch das gesamte, zumindest auf der Fotografie sichtbare Vorfeld aus. Übrigens sind etwas unterhalb des erwähnten Eislappens die von H. Hogard ( AL 18* S. 156 ) zeichnerisch festgehaltenen Hütten gerade noch erkennbar ( Kreislein in AL 25.1* S. 159 und Abb. 6 S. 159 ).

Etwa zur selben Zeit, als dieses Foto entstand, nämlich im Jahre 1855, besuchte E. COLLOMB ( 1857:44 ) den Grossen Aletschgletscher nochmals.20 Seinen Beobachtungen im Zungenbereich zufolge kann aber höchstens vermutet werden, dass der Gletscher noch im Vorstossen begriffen war ( c... la forêt de l' Aletschwald que le glacier entame depuis quelques années, ...> ).

Zwei Fotografien von E. Edwards halten die Verhältnisse am Gletscherende 10 Jahre später, 1865, fest ( AL 30* S. 160; AL 31* S. 160 ). Die in die Massaschlucht eingeklemmte Gletscherstirn weist deutliche Zerfallserscheinungen auf, sie ist schuttbedeckt und etwas abgeflacht. Die äussere Grenze des hellen, seit dem Hochstand eisfrei gewordenen Schuttbandes am rechten Talhang ( links in AL 30*/AL 31* S. 160 ) zeichnet die Umrisse des kurz zuvor erreichten Hochstandes nach. Aus dem gleichen Jahr datieren zwei weitere Fotografien, aufgenommen von A. Braun ( AL 32 und AL 33 ). AL 32 zeigt den Grossen Aletschgletscher von der Belalp aus. Gegenüber der Fotografie von E. Martens ( AL 25.1* S. 159 ) hat sich der Eisrand nur geringfügig verändert: Seitlich, im Bereich der Chatzulecher und des Aletschwaldes, ist der Gletscher etwas abgeschmolzen, der Hochstandswall ist teilweise deutlich sichtbar.

Nach Aussage dieser Bilder begann die Abschmelzphase nach 1856, aber vor 1865, und somit scheinen die Beobachtungen von Bamatter, Bonney und Tyndall zu stimmen, wonach das Schwinden des Gletschers zwischen 1856 und 1859/60 einsetzte. Die von Grad 1869 festgestellte Abnahme der Eisdicke steht ausserdem nicht im Widerspruch mit den Fotos von 1865.

Um 1870 dürfte die Panoramazeichnung von Chr.Gugolz ( Kopie von J. Müller-Weg-mann, AL 34 ) entstanden sein. In dieser Darstellung hat sich der Rand des Grossen Aletschgletschers deutlicher vom Kamm des Hochstandswalles gelöst als auf der Fotografie von A. Braun ( AL 32 ). Das dadurch eisfrei gewordene vegetationslose Band längs des Gletschers erscheint jedoch etwas schmaler als auf einer um 1880 ungefähr vom gleichen Standpunkt, nämlich von der Belalp aus, aufgenommenen Fotografie ( AL 35, s. auch AL 36 ).

Somit darf zusammenfassend festgehalten werden, dass der Grosse Aletschgletscher nach dem Ende des Hochstandes ( zwischen 1856 und 1860 ) äusserst langsam zu schwinden begann. Deutliche Spuren des Schmelzens waren vor allem an der Gletscherzunge um 1865 feststellbar; das Absinken des Gletschers im seitlichen Bereich war anfangs weniger ausgeprägt.

Noch 1875 stirnte der Grosse Aletschgletscher im Bereich der Stockflüe ( ( Hoch Stock ) AL11 J. R. Bühlmann, 27. Juni 1835: Blick von der Riederfurka gegen Sparrhorn, Oberaletschgletscher, Fusshörner und Driestgletscher. Etwas unterhalb der Bildmitte wälzt sich der Grosse Aletschgletscher talabwärts.

auf AL 02.2* S. 148/149; s. Anmerkung 11 ), ebenso um 1880 ( Siegfriedkarte 1882, Gletscherausdehnung 1880/81; AL 37 ), als er sich seitlich etwas ausdehnte und vor allem auf der linken Talseite einzelne Moränenwälle ablagerte ( HOLZHAUSER 1984a: 46 ). Im Jahre 1892, als die Vermessungen an der Gletscherzunge begannen, stellte de Torrente ( zit. in FOREL 1892: 300 ) einen kleinen Vorstoss fest.21 Danach setzte der Abschmelzprozess wieder ein, und er dauert noch an. Verglichen mit dem letzten Hochstand liegt heute das Zungenende knapp drei Kilometer weiter talaufwärts ( Kartei S.146 ).

3. Geländearchäologische Spuren 3. /. Alte Wege Am Ostfuss des Olmenhorns, direkt gegenüber dem Märjelensee, erstreckt sich das Wiesenband der Olme. Gegen den Grossen Aletschgletscher hin grenzt es an den Moränenwall von 1850. Laut Überlieferung hat sich hier einst ein stattliches Dorf befunden, mit fetten Matten und saftigen Weiden. Zahlreichen Rinderherden soll diese Gegend Nahrung geboten haben ( GUNTERN 1979).22 Ein ( stattliches Dorf ) scheint zwar etwas übertrieben zu sein; immerhin sind aber einzelne dort anzutreffende Mauerreste eindeutige Zeugen menschlicher Aktivität und lassen vermuten, dass in dieser abgelegenen Gegend zumindest einzelne Hütten gestanden haben. Alprechtsverträge, die bis in das 15. Jahrhundert zurückreichen, sind weitere Beweisstücke einer einstigen Nutzung dieser Alpweide.23 Früher war der Zugang zur Olme von der jeweiligen Gletscherausdehnung abhängig: Der ehemalige Alpweg der Natischer führte nach Blatten, von da über die Gibidumbrücke und entlang des alten Aletschweges über den Gletscher ins Üssere Aletschji. Bei Gletscherhochstand stieg man von hier aus weiter auf die Obfliejeregga und dann, dem steilen Weg folgend, an den Rand der linken Zunge des Oberaletschgletschers ( Karte 1 S.146; Abb.7 S. 161 ). Nach dem Überqueren des Eises erreichte man das die Alpen Tälli, Driest und Ze Bächu umfassende Innere Aletschji ( Abb. 8 S. 161 ).

Auf dem Messtischblatt24 von J.A. Müller aus dem Jahre 1846 ( Blatt 421, AL 14 ) ist der ganze Weg vom Üsseren Aletschji ins Innere Aletschji eingezeichnet, hingegen fehlt das Wegstück über die Schlucht auf der Siegfriedkarte von 1882 ( Gletscherausdehnung 1880/81, AL 37 ): Die Zunge des Oberaletschgletschers hat sich schon kurz nach dem Hochstand zurückgebildet. Dadurch taten sich beidseits der Schlucht steile, unüberwindbare Felswände auf.

Das Schwinden des Oberaletschgletschers zwang die Natischer, nach einem anderen Übergang ins Innere Aletschji zu suchen. Der neue Weg führte über das Eis des Grossen Aletschgletschers, das den Schluchtausgang auszufüllen vermochte ( Abb.8 S. 161 ). Mit der Zeit sank die Oberfläche dieses Gletschers immer weiter ab, und auch hier kamen schliesslich hindernde Felswände zum Vorschein, die eine Aufgabe des Weges bewirkten. Um 1935 trieb man zum letzten Mal auf diesem Wege Kühe in das Innere Aletschji und von da an bis in die 1940er Jahre nur noch vereinzelt Rin-der.25 Heute verbindet ein in die Schluchtwände gesprengter Weg wieder das Üssere Aletschji mit dem Inneren Aletschji.

Das älteste bekannte Dokument, in dem von einer Nutzung der Alpen im Inneren Aletschji die Rede ist, stammt aus dem Jahre 1404. Damals verkaufte ein Natischer das Alprecht für sechs Kühe in Ze Bächu. Aus dem 15. und dem 16. Jahrhundert sind weitere Kauf- und Tauschverträge betreffend die Alpen Tälli, Driest, Ze Bächu und Olme greifbar. Die Daten der einzelnen Urkunden sind in den Anmerkungen zusammengestellt.23 In den betreffenden Jahren muss der Grosse Aletschgletscher mindestens Ausmasse wie um 1935/40 aufgewiesen haben, damit eine Bestossung der Alpen im Inneren Aletschji und in der Olme möglich war, denn der heutige Weg in den Felsen der Oberaletschschlucht existierte damals noch nicht.

Es sind nur die Dokumente aus dem 15. und dem 16. Jahrhundert aufgeführt, weil diese von besonderem Interesse sind: In den betreffenden Zeiträumen verfügen wir über sehr wenig Information bezüglich Ausdehnung des Grossen Aletschgletschers. Aus dem 17. Jahrhundert sind ebenfalls Alprechtsverträge vorhanden, doch wissen wir aus anderen Quellen ( fossile Hölzer, Gletscherbannung ), dass der Grosse Aletschgletscher - wie alle Alpenglet- scher auch - zu einem Hochstand angewachsen war. Während der neuzeitlichen Hochstandsphase von etwa 1600 bis um 1850 sowie während der anschliessenden Schwundphase bis um 1940 war das Innere Aletschji über den Gletscher gut erreichbar, und es bedarf keiner Alprechtsverträge mehr, um nachweisen zu können, dass dieser Gletscher ausgedehnter war als heute.

Somit kann festgehalten werden: Der Grosse Aletschgletscher unterschritt von 1404 bis etwa um 1935/40 - während rund 540 Jahren - zumindest über eine längere Zeitspanne nicht die Ausdehnung von 1935/40.

In den Schriftstücken wird weder der Ober-aletsch- noch der Grosse Aletschgletscher direkt erwähnt. Die besonderen topographischen Verhältnisse, nämlich die das Üssere Aletschji vom Inneren Aletschji trennende Oberaletschschlucht, bringen zusammen mit den Wegspuren die alten Schriftstücke bezüglich Gletschergeschichte zum Sprechen. Wie historische Schriftquellen in Verbindung mit geländearchäologischen Spuren weitere gletschergeschichtliche Anhaltspunkte lieferten, zeigt ein anderes Beispiel.

3.2. Die Oberrieden Das Wallis ist bekannt für seine kilometerlangen Wasserleitungen, die oft weit hinten in den Seitentälern das kostbare Wasser aus Gletscherbächen schöpfen und auf die trockenen Wiesen führen. Der Bau dieser ( Lebensadern ) war teilweise äusserst gefährlich und forderte manches Menschenleben.26 Aus dem Aletschgebiet sind verschiedene Wasserleitungen bekannt, von denen die bis 1946 betriebene Riederi und die Oberriederi hervorzuheben sind.

Bedeutend für die Gletschergeschichte ist die längst aufgegebene und zerfallene Oberriederi, welche früher das Gebiet von Oberried mit Wasser versorgte. Überreste dieser Leitung findet man in Form von Mauern sowie in den Fels gehauener Löcher, in denen einstmals Trägerbalken steckten. Der Verlauf der Oberriederi kann aufgrund dieser Relikte nachgezeichnet werden, jedoch gelingt die Rekonstruktion talaufwärts nur bis zu den Hochstandsmoränen des Grossen Aletschgletschers ( Karte 1 S. 146 ).

Genau genommen besteht die Oberriederi aus drei Teilleitungen; in Karte 1 S. 146 sind sie mit A, B und C gekennzeichnet. Den Leitungen A und C kann, im Gegensatz zur Leitung B, bis an den Rand des Gletschervorfeldes gefolgt werden. Anlass zur Konstruktion der nur kurzen Leitung B war höchstwahrscheinlich ein Felssturz, der im Bereich der Stockflüe Leitung A beschädigte und eine Umgehung dieser Stelle notwendig machte. Talauswärts bis zur Winterna sind Leitung A und C noch getrennt, von da an bestehen jedoch nur noch die Überreste einer Leitung bis nach Oberried ( Fortsetzung von Leitung A ). Die Oberriederi ist demnach auf dem alten Plan richtig dargestellt worden ( vgl. AL 02.2* S. 148/149 ), obwohl sie, wie noch gezeigt werden kann, im 18. Jahrhundert nicht mehr benutzt wurde.

Wie erwähnt, verlieren sich die Spuren der Oberriederi talaufwärts am Rande des Gletschervorfeldes. Zweifellos setzten sich die Leitungen A und C weiter fort, in das Vorfeld hinein; verschiedene Gletschervorstösse haben hier aber sämtliche Spuren verwischt. Aus demselben Grund sind auch die Fassungen nicht mehr lokalisierbar. Während die Oberriederi in Betrieb war, wies der Grosse Aletschgletscher folglich eine kleinere Ausdehnung auf als bei einem Hochstand. Der Zusammenhang Wasserleitung und Gletscherausdehnung ist hier offensichtlich und rechtfertigte eine genauere Untersuchung dieses Bewässerungssystems.

In der Literatur wird die Oberriederi häufig als mittelalterliche Leitung bezeichnet, deren Fassung einst vor der Zunge des weit zurückgeschmolzenen Grossen Aletschgletschers lag. Nach KlNZL ( 1932: 388 ) überfuhr der Gletscher die Fassung schon vor 1385 und setzte die Leitung ausser Betrieb. OESCHGER und RÖTHLISBERGER H. ( 1961: 191-205 ) wiesen mit 14C-datierten Baumresten einen Vorstoss des Grossen Aletschgletschers um 120070 n. Chr. nach und verbanden dieses Ereignis mit der Zerstörung der Oberriederi. Ein 540100 Jahre alter Holzbalken der Wasserleitung zeigte aber: die Aufgabe der Oberriederi könnte auch viel später erfolgt sein ( RÖTHLISBERGER H. 1978: 12 ). RICHARD ( 1975: 191 ) vermutet eine sukzessive Zerstörung dieser Leitung mit dem Einsetzen des ersten neuzeitlichen Gletscherhochstandes gegen Ende des 16. Jahrhunderts.

Von zwei Seiten wurde nun versucht, weitere Anhaltspunkte zur Datierung des Bewässerungssystems zu gewinnen, nämlich mitder Suche nach schriftlichen Dokumenten, in denen die Oberriederi erwähnt wird, undder Suche nach datierbaren Resten der Holzkonstruktion.

Falls in Oberried früher Land den Besitzer wechselte, sollten dementsprechende Ver- träge auffindbar sein. Mit dem Kauf oder dem Tausch von Land verbunden waren die Wasserrechte, denn das erworbene Land musste ja auch bewässert werden können. Die Suche konzentrierte sich folglich auf Schriftdokumente, in denen solche Wasserrechte vertraglich festgelegt wurden und die somit indirekt zur Klärung der Altersfrage der Oberriederi beitragen.

In der Tat sind Dokumente dieser Art auf-findbar.27 Die Oberriederi wird darin zwar nicht namentlich erwähnt, sondern umschrieben, wie beispielsweise im Kaufvertrag vom 17. November 1408. Unter den verschiedenen Vereinbarungen ist auch das Recht zum Wässern aufgeführt:

Die Anzahl der Schriftdokumente erschöpft sich jedoch nicht in den fünf genannten Übereinkommen. Mehrere Urkunden betreffend Oberried sind aus der Zeit nach 1509, nämlich ab 1582, vorhanden, doch wird in diesen keine Wasserleitung mehr erwähnt.29 Somit steht fest: die Oberriederi war gegen Ende des 16. Jahrhunderts schon ausser Betrieb.

Nun zu den Resten der ehemaligen Holzkonstruktion:

Neben dem schon erwähnten Balken mit einem 14C-Alter von 540100 Jahre vor heute ( RÖTHLISBERGER H. 1978: 12 ) konnten drei zusätzliche datierbare Relikte gefunden werden, nämlich zwei weitere Balken und ein Holzhammer, der zum Bau oder Unterhalt der Leitung benötigt wurde ( Karte 1 S. 146 ):

Ein Stützbalken der Leitung C ist noch heute in einer senkrechten Felswand verankert; der zweite ist Bestandteil einer Mauerkonstruktion von Leitung A ( Abb. 9 und 10 S. 163 ). Das Fall- alter der beiden dazu verwendeten Bäume ist dendrochronologisch auf 1510 bzw. 1509 n.Chr. bestimmt worden ( Fehlergrenze5 bzw.2 Jahre ). Der im Fels eingelegte Balken datiert den Bau von Leitung C, während das Datum des anderen Balkens eine Zeitmarke für Ausbesserungsarbeiten an der Leitung A im Abschnitt Stockflüe—Oberried setzt, denn diese Leitung existierte laut Schriftquellen schon vor der Leitung C.

Gemäss 14C-Daten ist der bei Leitung A gefundene Holzhammer 800110 ( UZ-2127, AMS-Datierung, ETHZ ) Jahre alt ( Abb. 11 S.163 ) und bezeugt damit ein hohes Alter von Leitung A; die Oberriederi wurde demnach um 1150110 n. Chr. schon betrieben. Vermutlich ist der Holzhammer das älteste datierte Holzrelikt einer Wasserleitung im Wallis überhaupt.

Mit den neu gewonnenen Anhaltspunkten kristallisiert sich mittlerweile folgendes -wenn auch lückenhaftes - Bild von der zeitlichen Stellung der Oberriederi heraus:

Um 1150110 n.Chr. existierte die Oberriederi bereits ( Leitung A ), ebenso floss in den Jahren 1372, 1404, 1408, 1483 und 1509 Wasser in ihr nach Oberried. Die streckenweise äusserst exponierte Leitung C wurde um 1510 gebaut, und gleichzeitig sind Reparaturen am älteren Leitungsteil A vorgenommen worden. Von Leitung B weiss man nur soviel: Sie ist jünger als Leitung A, aber älter als Leitung C.

: :'AL 22 D. Dollfus-Ausset, 6. September 1850: Der Grosse Aletschgletscher stösst in den Wald vor.

Ein in den dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts für eine Dachtraufe in Ried-Mörel verwendeter Kännel des Leitungsabschnittes A nahe Oberried trug angeblich eingeschnitzt die Jahreszahl 1572 ( oder 1574).30 Die Oberriederi war in der ersten Hälfte der 1570er Jahre also noch intakt. Zwischen 1572(74 ) und 1582 setzte sie aus, denn in den Schriftquellen ist ab 1582 keine Wasserleitung mehr erwähnt.

Ohne zwingenden Grund ist die Oberriederi kaum aufgegeben worden, war sie doch für Oberried äusserst wichtig. Die wenigen Quellen deckten den Wasserbedarf für die Landwirtschaft bei weitem nicht.31 In diesem Zusammenhang sind folgende Fragen offen:

- Weshalb waren die Oberrieder gezwungen, eine streckenweise neue Leitung ( Leitung C ) um 1510 zu bauen?

- Aus welchem Grund musste die Oberriederi schlussendlich Ende des 16. Jahrhunderts aufgegeben werden, und weshalb war sie seither nie mehr in Betrieb?

Wir haben jetzt wohl eine Vorstellung vom Alter der Oberriederi; allein mit Hilfe der Schriftquellen und der Radiokarbondaten sind diese Fragen jedoch nicht zu beantworten.

Auf den engen Zusammenhang zwischen Oberriederi und Grossem Aletschgletscher wurde bereits hingewiesen, und es ist deshalb naheliegend, die Gletschergeschichte für die Beantwortung der Fragen einzubeziehen.

Wie die Ergebnisse des vorangegangenen Kapitels betreffend Inneres Aletschji nahelegen, war der Grosse Aletschgletscher zwischen 1404 und ca. 1935/40 nicht kleiner - wenigstens über eine längere Zeitspanne nicht -als um 1935/40. Dieser Sachverhalt lässt zweierlei Schlussfolgerungen zu:

Erstens: Die Oberrieder schöpften ihr Wasser nicht, wie bisher vermutet wurde, unmittelbar vor dem Gletscherende; der Grosse Aletschgletscher war dafür zu ausgedehnt. Wo genau die Wasserfassung lag, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich reichte Leitung A bis zum Märjelensee hinauf, die Fassung von Leitung C hingegen lag viel weiter talauswärts gegen das Gletscherende hin, was aufgrund des sehr geringen Gefälles dieser Leitung angenommen werden muss.

Zweitens: Bei einer Gletscherausdehnung wie etwa 1935/40 floss Wasser in der Oberriederi.

Die Ursache einerseits für den Bau von Leitung C und andererseits für die Stillegung der Oberriederi ist allem Anschein nach in einer AL 25.1 F. Martens, um 1856: Blick von der Belalp auf den Grossen Aletschgletscher. Kreislein: Hütten von al 18* S. 156 Veränderung der Gletscherausdehnung im 16. Jahrhundert zu suchen. Folgende Hypothese drängt sich an dieser Stelle auf:

Um 1500 stiess der Grosse Aletschgletscher über die Ausdehnung von 1935/40 vor und zerstörte dadurch die Fassung oder Teile von Leitung A. Eine zweite Wasserleitung, nämlich Leitung C, war erforderlich. Die Gletscheraus-masse zwangen aber die Oberrieder, das Wasser viel weiter gletscherabwärts anzuzapfen; ein bedeutend geringeres Gefälle der Wasserleitung war die Folge. Die Verbindung dieser Ersatzleitung mit dem alten Trasse von Leitung A konnte daher erst kurz vor Oberried, bei der Winterna, wieder hergestellt werden. Zudem mussten an der Stockflüe senkrechte Felswände überwunden werden. Die aufwendige und gefährliche Konstruktion bekräftigt die äusserste Notwendigkeit dieser Wasserleitung.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts begann der Grosse Aletschgletscher weiterhin anzuwachsen, und damit wurde auch die Fassung von Leitung C ausser Betrieb gesetzt. Wäh- Der Grosse Aletschgletscher im Jahre 1987 von der Belalp aus gesehen. Kreislein: Hütten von AL 18*S.156 rend der anschliessenden, über zweieinhalb Jahrhunderte andauernden Phase grosser Gletscherausdehnung sahen die Oberrieder keine Möglichkeit mehr, das Wasser am Gletscher zu fassen; sie mussten die Wasserleitung aufgeben, und diese zerfiel allmählich. Während der Prozesse um die Meder ( s. S. 148-150 ) fand die Oberriederi nur noch als Verwendung ( s. Anmerkung 12 ).

Die im Zusammenhang mit der Oberriederi vermuteten Gletschervorstösse können nachgewiesen werden; wir müssen dazu aber aus einem anderen Archiv unsere Informationen schöpfen. Das Archiv heisst:

4. Fossile Hölzer aus dem Gletschervorfeld Im Laufe verschiedener Feldbegehungen ist im Vorfeld des Grossen Aletschgletschers eine Vielzahl fossiler Hölzer — Wurzelstöcke in situ und Stämme - entdeckt worden. Wie eingangs schon erwähnt, reicht die Gletscherzunge weit in die Waldzone hinein, so dass nach einem Gletscherrückgang auf dem eisfrei gewordenen Gelände niedere Pflanzen und Bäume schnell wieder Fuss fassen, die dann bei einem erneuten Vorstoss vom Eis überfahren und teilweise einsedimentiert werden.

Altes Holz, das im Gletschervorfeld unter dem zurückweichenden Eis hervorschmolz, regte hier im Aletschgebiet die Phantasie der Talbewohner an und gab Anlass zu allerlei Spekulationen über das Klima vergangener Zeiten. So soll früher dank günstigerer Klimabedingungen im Aletschji ein Apfelbaum gestanden haben, und auf der Riederalp ist angeblich ein Tisch verborgen, hergestellt aus dem Holz eines Nussbaumes, der in Gletschernähe gedeihen konnte ( GUNTERN 1979: 38, Nr. 7/8 ). Die vorgefundenen Hölzer schienen das ehemalige Vorkommen solcher Baumarten zu bestätigen. Was die bisher geborgenen Baumreste jedoch betrifft, so handelt es sich ausschliesslich um Nadelhölzer.

Die ersten Holzfunde im Stirnbereich des Grossen Aletschgletschers sind von Correvon ( zit. in FOREL 1902: 209 ) beschrieben worden.32 HESS ( 1935: 288 ) erwähnt Überreste von Bäumen an Stellen, die um 1920 noch unter dem Eis verborgen lagen. Erst viel später, mit der damals noch jungen 14C-Methode, ist es OESCHGER und RÖTHLISBERGER H. ( 1961: 191-205 ) sodann gelungen, fossile Wurzeln in situ zu datieren und damit einen Vorstoss des Grossen Aletschgletschers um 120070 n.Chr. nachzuweisen.

Eigene Untersuchungen in den Jahren 1979 bis 1982 lieferten weitere Überreste einstmals vom Gletscher überfahrener Bäume, die 14C-datiert werden konnten. In einzelnen Fällen war sogar eine dendrochronologische Altersbestimmung möglich. Die Resultate, kombiniert mit den historischen und geländearchäologischen Befunden ( s. S. 143-159 ), beleuchten die Geschichte des Grossen Aletschgletschers rund 2500 Jahre zurück ( Fig. 3, Falttafel ).

Die folgenden Ausführungen sind aus Platzgründen und weil die Ergebnisse schon als Publikationen vorliegen, knapp gehalten. Der interessierte Leser möge detailliertere Angaben in HOLZHAUSER ( 1983, 1984a, 1984 b ) nachlesen.

AL 30, AL 31 E. Edwards, 1865: Ab-schmelzende Zunge des Grossen Aletschgletschers. Der äussere Rand des hellen Schuttbandes am Gletscherrand ( links ) zeichnet die Maximalausdehnung des kurz vorher erreichten Hochstandes nach. In al 31 ist rechts unten der alte Aletschweg erkennbar.

4.1. Frühe Vorstösse Vor rund 2500 Jahren war der Grosse Aletschgletscher kleiner als heute, und am rechten Gletscherufer auf der Höhe von Ze Bächu gediehen Lärchen. Um 2200 Jahre vor heute dehnte sich der Gletscher aus und überfuhr die Bäume.

Diese Aussage ist möglich, weil bei Ze Bächu in der Nähe des aktuellen Eisrandes die Überreste bis zu 280jährig gewordener Lärchen zum Vorschein gekommen sind, die dort vor etwa 2500 Jahren aufkamen.

Nach dem Ende des Vorstosses um 2200 Jahre vor heute - wie weit der Grosse Aletschgletscher sich schlussendlich ausgedehnt hat, bleibt ungewiss - schmolz das Eis wiederum zurück, und es dauerte einige Jahrhunderte, bis um 1550 Jahre vor heute ein erneutes Anwachsen über die heutige Grössenordnung hinaus einsetzte.33 Wie fossile Hölzer in situ belegen, war der Gletscher zwischen 1950100 yBP und 1550100 yBP während längerer Zeit kleiner als heute.34 8 Die ehemaligen Wege vom Üsseren Aletschji in das Innere Aletschji.Eisrand um 1850 Diese auch an anderen Gletschern belegte römerzeitliche Vorstossphase ( u.a. am Zmutt-, Ried- und Rhonegletscher, alle VS ) bildet den Abschluss einer langen Klimaphase, die etwa von Christi Geburt bis 400 n. Chr. gedauert hat. Sie deckt sich erstaunlich gut mit dem Zeitraum, in dem die Römer ihr Reich über den Alpenraum hinaus nach Norden ausdehnten.

Besonders auffallend ist der Umstand, dass sich die Phasen geringerer Gletscherausdehnung von 2500 bis 2200 Jahre vor heute und von 1950 bis 1550 Jahre vor heute in der zeitlichen Dimension ( rund 300 bzw. 400 Jahre ) deutlich von den nachfolgenden mittelalterlichen und neuzeitlichen ( Klimagunst-Phasen> abheben, die im Durchschnitt kaum länger als 150 bis 200 Jahre gedauert haben.

4.2. Gletschervorstösse im Mittelalter Innerhalb des Mittelalters ( etwa ab 500-1500 n.Chr.)35 stiess der Grosse Aletschgletscher viermal vor, im Mittel alle 200 bis 250 Jahre. Um 135036 ist sogar ein Hochstand zu verzeichnen.

Spuren des alten Weges an der Obfliejeregga ( Pfeil ). Ausgezogene Linie: Rand der linken Zunge des Oberaletschgletschers während des letzten HochstandesWege:

1 bei Gletscherhochstand ( D um 1900 ® um 1935/40 ( Aufnahmejahr: 1980 ) Der erste mittelalterliche Vorstoss ereignete sich um 600, was durch drei datierte fossile Hölzer belegt ist ( 14C-Alter um 1350 yBP ). Der Gletscher dehnte sich von etwa heutiger Ausdehnung bis zu einer Ausdehnung wie um 1920 aus. Danach trat eine Schwundphase ein, und der Grosse Aletschgletscher büsste beträchtlich an Volumen ein; das Zungenende verlagerte sich weit talaufwärts, weiter als dies heute der Fall ist. Vermutlich wies der Gletscher damals die minimalste Ausdehnung auf, die er innerhalb der letzten 1500 Jahre je aufgewiesen hat. Nahe dem aktuellen Gletscherende, in momentan noch vegetationslosen Felsrinnen am Ausgang der Oberaletschschlucht, kamen damals Lärchen auf.

Die Phase geringer Gletscherausdehnung war allerdings nicht von langer Dauer: Um 750 bewegte sich der Eisstrom einmal mehr talabwärts, überfuhr erst die Lärchen unmittelbar vor der Gletscherstirn und erfasste schliesslich um 850/900 auch die höhergelegenen Bäume an der linken Talflanke. Nicht zu beantworten ist die Frage, ob der Grosse Aletschgletscher damals einen Hochstand erreicht hat; jedenfalls rückte er mindestens bis zu einer Ausdehnung wie um 1880 vor. Der Vorstossbetrag ist trotzdem beachtlich: Von einer bedeutend kleineren Ausdehnung als heute schob sich das Eis in etwas mehr als 100 Jahren relativ nahe an die Hochstandswälle heran. Wahrscheinlich bedurfte es dazu einer entsprechend einschneidenden Klimaveränderung.

Die zeitliche Einstufung der anschliessenden Vorstoss- und Rückschmelzphasen gelingt dank dendrochronologischen Datierungen weitaus besser. So steht fest, dass der erwähnte Vorstoss kurz nach 900 seinen Abschluss gefunden hat. Der Gletscher nahm um 973 wieder heutige Dimensionen an; am linken Gletscherufer, auf der Höhe des Eisrandes von 1926/2737, fasste eine Arve Fuss. Sie lebte bis gegen das Jahr 1100, als ein erneuter Vorstoss einsetzte und die Arve vom Eis umgedrückt wurde. Der Baumstrunk ist bis in unsere Zeit an Ort und Stelle verankert geblieben. Sogar der ehemalige humusreiche Boden ist noch vorhanden; sein 14C-Alter bestätigt das damalige Vorrücken des Gletschers ebenfalls.38 Diese im Ausmass wohl nicht allzu ausgeprägte Vorstossphase - zumindest was den Grossen Aletschgletscher betrifft - ist durch weitere 14C-Daten abgesichert; zu diesen sind auch diejenigen von OESCHGER und RÖTHLISBERGER H. ( 1961: 191-205 ) zu zählen.

Nachdem der Grosse Aletschgletscher eine Ausdehnung erreicht hatte, die wohl kaum grösser war als diejenige von 1920, bildete er sich nach 1100 zurück und machte der Vegetation wieder Platz. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wanderten sodann Bäume in das Vorfeld ein, unter anderem auch eine Lärche, die sich um 1184 im Bereich der Gletscherzunge etwa auf dem Niveau der Ausdehnung von 195737 ansiedelte. Kaum 120 Jahre alt geworden, musste der Baum den erneut vorrückenden Eismassen weichen: Um 1300 hat ihn der Gletscher erreicht und anschliessend überfahren; einzig der Strunk ist am Wuchsort stehengeblieben. Der Eisstrom dehnte sich in der Folgezeit weiter aus, und um 135060 kulminierte diese Vorstossphase in einem Hochstand.39 In jüngster Zeit ist historisches, klimatologisch auswertbares Datenmaterial verfügbar, das wenigstens teilweise zu einer Erklärung und möglicherweise auch zu einer genaueren zeitlichen Eingrenzung dieses Gletscherhochstandes beiträgt: Nach PFISTER ( 1985: 192/193 ) genügten offenbar wenige kühle und nasse Jahre - von 1342 bis 1347 -, um den bereits vorgeschobenen Grossen Aletschgletscher zu einem Hochstand im Zeitraum um 1380 anwachsen zu lassen. Diese Zeitmarke scheint mir allerdings etwas zu spät gewählt, aus folgendem Grunde nämlich: Laut schriftlicher Überlieferung war im Jahre 1372 Wasserleitung A der Oberriederi in Betrieb ( s. S. 157 und Karte 1 S. 146 ). Weil die Leitung in das Vorfeld hineinführte und der Gletscher deshalb geringere Ausmasse aufweisen musste als während eines Hochstandes, kommt schon 1372 als Zeitpunkt für die maximale Ausdehnung nicht mehr in Frage. Dieselbe Leitung führte auch schon um 1150110 n. Chr. Wasser nach Oberried, zu einer Zeit, als der Grosse Aletschgletscher ebenfalls kleiner war als während eines Hochstandes. Die Kulmination der betreffenden Vorstossphase kann deshalb nur kurze Zeit nach den klimatisch extremen Jahren 1342-1347 erfolgt sein.

4.3. Neuzeitliche Gletschervorstösse Im Anschluss an den Hochstand um die Mitte des 14. Jahrhunderts begann der Grosse Aletschgletscher wiederum abzuschmelzen, das Gletscherende verlagerte sich sukzessive talaufwärts, und im eisfrei gewordenen Vorfeldbereich kamen wieder Pflanzen auf. Der Abschmelzprozess und der anschliessende Mauern mit ehemals zwei Holzbalken; diese Mauern gehören zu der Leitung A nahe Oberried. Einer der Balken wurde um 15092 n.Chr. eingebaut, der andere ( Pfeil ) ist nicht datiert.

10 Mauerrest und Holzbalken ( Pfeil ) als Überreste von Leitung C der Oberriederi an der Stockflüe. Das Baujahr dieses Leitungsabschnittes ist dendrochronologisch auf 15105 n.Chr. datiert.

Holzhammer, der unter einem Felsblock an der Oberriederi ( Leitung A, Stockflüe ) gefunden wurde. Das 14C-Alter beträgt 800110 Jahre vor heute.

163 Wiedervorstoss gegen Ende des 16. Jahrhunderts können dank dendrochronologisch datierter Bäume recht gut nachvollzogen werden ( s. Fig.2, Falttafel ):

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts breitete sich allmählich wieder ein lichter Wald im Vorfeld aus, ähnlich wie dies heute der Fall ist. Um 1412 vermochte sich auf dem Hochstandswall eine Arve anzusiedeln ( Arve 2 ). Um 1430/40 begannen eine Lärche ( Lärche 2 ) und um 1451 eine Arve ( Arve 1 ) auf dem Niveau der Gletscherausdehnung von etwa 1890 zu wachsen, um 1454 keimte eine weitere Lärche ( Lärche 1 ) in einem Bereich des Gletschervorfeldes, der um 1920 noch knapp vom Eis bedeckt war.

In den folgenden Jahrzehnten stirnte die Gletscherzunge im Bereich der Ausdehnung von 1935/40; der Zugang vom Üsseren Aletschji in die Alpweiden des Inneren Aletschji über das Eis des Grossen Aletschgletschers war damit gewährleistet ( s.S. 154/155 ).

Kurz vor oder um 1500 herrschten Klimabedingungen, die für das Auslösen eines kleineren Vorstosses ausreichten: Der Grosse Aletschgletscher schob sich nahe an Lärche 1 heran. Die lokalklimatischen Bedingungen im Zungenbereich änderten sich plötzlich, und ab 1505 reagierte die Lärche mit der Bildung enger Jahrringe ( Abb. 12 S. 164 ). Der Eisstrom überschritt allerdings die Ausdehnung von 1920 noch nicht. Bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts, und damit bis zum Beginn der Kleinen Eiszeit, vergrösserte sich das Volumen des Grossen Aletschgletschers nicht mehr wesentlich; er oszillierte vermutlich innerhalb einer nur mehr kleinen Bandbreite ( zwischen einer Ausdehnung von 1935/40 und 1926/27 ).

In engem Zusammenhang mit dem damaligen Gletscherverhalten steht die Geschichte der Oberriederi ( s. S. 155-159 und Karte 1 S. 146 ). Die Konstruktion von Leitung C um 1510 erfolgte, weil der Gletscher durch sein Vorrücken kurz nach 1500 die Oberrieder zwang, das Wasser weiter talabwärts zu fassen. Die Auflassung eines Abschnittes der älteren Leitung A ist somit die Folge dieses kleineren Vorstosses. Das Volumen eines anwachsenden Gletschers vergrössert sich bekanntlich zuerst im oberen Bereich, und aus diesem Grunde ist Leitung A vermutlich im talaufwärts gelegenen Abschnitt zerstört worden ( beim Märjelensee ?).

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begannen die Alpengletscher allgemein kräftig vorzustossen, so auch der Grosse Aletschgletscher. Er setzte dadurch die vergleichs- weise noch junge Wasserleitung C der Oberriederi ausser Betrieb, und zwar nach 1572/74, aber vor 1582 ( s. S. 158 ). Das Anwachsen des Gletschers kann dank genauer Datierungen gut nachgezeichnet werden ( s. Fig. 2, Falttafel ):

Lärche 1 überlebte die Oberriederi nur um wenige Jahre; sie wurde 1590 von den jetzt rasch vorrückenden Eismassen umgedrückt. Der Gletscher hatte unterdessen das Niveau der Ausdehnung von 1920 überschritten und näherte sich einer Ausdehnung wie um 1890. Im Jahre 1600 erreichte das Eis Lärche 2 ( Abb. 13 S. 164 ) und weiter talaufwärts auch Arve 1. Innerhalb nur eines Jahrzehnts verlagerte der Grosse Aletschgletscher seine Stirn somit um 400 m weiter talabwärts.40 In weiteren 10 Jahren, von 1600 bis 1610, hat sich die Gletscheroberfläche dann so weit angehoben, dass der Eisrand fast im Hochstandsbereich lag; dabei fiel Lärche 3 dem Gletscher zum Opfer. Die weitere Entwicklung des Grossen Aletschgletschers in den folgenden vier Jahrzehnten zwischen 1610 und 1650 ist indessen nicht genau rekonstruierbar. Fest steht nur, dass er sich zu Beginn der 1640er Jahre noch weiter ausdehnte ( Arve 2 wurde umgedrückt ), und schliesslich, im Jahre 1653 ( s. S. 147/148 ) -dem Jahr der Gletscherprozession -, endete diese Vorstossphase mit einem Hochstand, der mit 14C-datierten fossilen Stämmen und Wurzeln aus dem Hochstandswall mehrfach nachgewiesen ist.

Die Geschichte des Grossen Aletschgletschers im anschliessenden Zeitraum bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, aus dem dann Schrift- und Bildquellen vorliegen, ist mit Hilfe fossiler Hölzer nur unbefriedigend rekonstruierbar. 14C-Daten von fossilen Baumresten zufolge ist nach dem Hochstand von 1653 der Grosse Aletschgletscher so weit zurückgeschmolzen, dass er wenigstens im seitlichen Randbereich des Vorfeldes das Aufkommen von Bäumen ermöglichte.41 Eine ( spärliche ?) Bewaldung in der Stirnregion des Gletschers ist zumindest um 1755 belegt ( s. AL 02.2* S. 148/149 und S. 150 ). Leider sind die bis jetzt gefundenen Baumreste dendrochronologisch nicht datierbar, und auch hier - wie im Falle des Hochstandes im 14. Jahrhundert - bleibt abzuwarten, bis geeigneteres Material zum Vorschein kommt.

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