Hans Konrad Eschers wunderbare Bewahrung auf dem Sandfirn

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Josl Hösli, Männedorf

Ein vergessener Beitrag zur Geschichte der alpinistischen Erschliessung und geologischen Erforschung des Tödi SANDALP, AM 9. AUGUST 1807 In aller Frühe bewegt sich eine wackere Schar von Männern mit langen Bergstöcken von den Hütten des Glarner Alpstafels Obersand am rechten Ufer des Oberstafelbaches entlang in Richtung des Sandfirns. Nach einer Stunde mühsamen Aufstieges über Schutthalden und Felsen erreicht die Kolonne den « Doedigletscher, der sich vom westlichen Abhang des Doediberges an die Clarider Alpen hinüberzieht und sich von da südlich gegen den Canton Uri ausdehnt ». Die blanke einem höheren Standpunkt gelangen: Schaut doch in das herbstliche Farbenwunder unserer W7älder! Ist das nicht geradezu ein festliches Verklingen? Gemahnt uns dies nicht an den Strahlenglanz der Erinnerungen? Sollten wir uns dessen nicht eher freuen und dankbar dafür sein?

Ein Mensch, der rein beruflich mit der Natur eng verbunden war, weiss die Zeichen zu deuten und wird auch aus dem Alter keine Tragödie machen. Wir können unser Finale nicht bestimmen; kommt aber die Zeit, wo wir die letzten Stufen zu übersteigen haben, so möchte ich es mit unserem « Altmeister » Gottfried Keller halten, der für seine Abschiedsstunde die trefflichen Worte fand: « Werf ich ab von mir dies mein Staubgewand, beten will ich dann zu Gott, dem Herrn: ,Lasse strahlen deinen schönsten Stern nieder auf mein irdisch Vaterland'. » Gletscherzunge liegt steil und ist stark zerrissen. Die Spalten sind weit offen und tief. Ohne Seil, doch sorgsam hintereinander rücken die Berggänger über einen breiten Eisrücken zwischen klaffenden Schrunden vor. Da stürzt ein mächtiger Felsblock, von kleineren Bruchstücken begleitet, von der Westflanke des noch unbestiegenen Tödi über das Eis herunter und saust nur wenige Schritte vor der überraschten Gruppe in die Tiefe der Spalten. Erschrocken halten die Männer an. Nach einer Weile setzten ihrer drei die Wanderung fort, die andern kehren zurück. Bald t Ausschnitt aus dem Panorama von der Nordseite des Tödi Aquarellierte Federzeichnung von H.K. Escher von der Linth. 8.8. 1807 2Ansicht des Tödi von Nordosten, mit dem Bifertengletscher im Vordergrund Aquarellierte Federzeichnung von K. Escher von der Linth. 8.8. 1807 3Der Chli Tödi ( 3076 m ) mit dem Sandfirn Lithographie von J. Weber. Neue Alpenpost, 19. 10. 1878 stapfen die Unentwegten durch Schnee. Je höher sie steigen, um so tiefer sinken sie ein. Die Gletscherspalten sind schliesslich nicht mehr zu erkennen.

Wenige hundert Schritte vor dem Felsgrat des Sandpasses geschieht es: Einer sinkt ein, der zweite Mann der Dreiergruppe! Geistesgegen-wärtig breitet er die Arme aus. Ein Wunder! Die durchstossene Schneebrücke hält ihn, er bleibt in ihrer Öffnung über dem Schlund der verhüllten Gletscherspalte hangen. Die Begleiter fassen ihn an den Händen. Doch finden seine Füsse keinen Halt. Die Anstrengungen, ihn zu retten, scheinen nichts zu nützen, im Gegenteil. Mehr und mehr Schnee bröckelt ab, das Loch wird grosser. Der eisige Rachen des Todes öffnet sich.

DER MANN ÜBER DEM ABGRUND RETTET SICH SELBST Der Mann über dem Abgrund gibt sich nicht auf. Er verzweifelt nicht. Er weiss Rat. Selbstbeherrschung, Mut und Ausdauer lassen die Rettung gelingen. Sie ist ein Geschenk des Himmels. Der Mann, der über dem eisigen Abgrund hängt, verlangt von seinen Begleitern die Bergstöcke. Was hat er im Sinn, was will er damit anfangen? Lassen wir ihn doch selber berichten!

« Da sie den Gebrauch, den ich von denselben machen wollte, nicht kannten, zögerten sie, und erst auf einen zweyten Ruf streckte mir Obrecht seinen Stock dar. Diesen konnte ich glücklich unter meinen linken Arm quer über die offene Eisspalte schieben, und nun erhielt ich sogleich auch einen zweyten Stock, den ich mir unter den rechten Arm schob. Auf diesen Stöcken hob ich mich allmählig in die Höhe, so dass ich bald ausser der Schneeöffnung war, mich vorwärts bog und so ganz aus dem schauerlichen Abgrund kroch, in welchem ich so gefährlich geschwebt hatte. Glücklicherweise war ich durchaus ruhig geblieben und hatte daher die in dieser fürchterlichen Lage einzig möglichen Hilfsmittel angewandt, um mich zu retten. Als ich schon wieder gerettet neben meinen Begleitern stand, waren diese kaum noch gefasst, nur mein froher Zuruf, uns alle durch einen Schluck Kirschenwasser zu stärken, stellte den Frohsinn wieder her. » DIE DREI MANNER Der Mann, der in höchster Lebensgefahr weder die Nerven noch den Mut verlor und der uns das Ereignis in seinen handschriftlichen « Fragmenten über die Natur-Geschichte Helvetiens » selber erzählt, hiess Hans Konrad Escher ( 1767-1823 ). Nach dem politischen Misserfolg des helvetischen Einheitsstaates ( 1798-1803 ), dem der entschiedene Republikaner als einer der fähigsten Führer diente, setzte sich der vielseitig interessierte Stadtzürcher vermehrt für die Korrektion der Linth ein. Damit hatte er sich schon seit 1792 beschäftigt. 1804 übertrug ihm die eidgenössische Tagsatzung die Leitung der nationalen Aktion zur « Rettung der durch Versumpfung ins Elend gestürzten Bewohner der Gestade des Wallen-Sees und des untern Linth-Thales ». Im Juli 1807, einen Monat vor dem geschilderten Erlebnis auf dem Sandfirn am Tödi, konnte Escher das grosse Werk in der Linthebene beginnen ( 1 ).

Der dritte Mann der wagemutigen Dreiergruppe gehörte zu Eschers Mitarbeiterstab. Es war Ingenieur Johann Christian Obrecht ( gest. 1817 ) von Karlsruhe, der « vortreffliche Gehülfe » des grossherzoglich-badischen Rheinwuhrin-spektors und Ingenieurhauptmanns Johann Gottfried Tulla ( 1770-1828 ). Die Tagsatzung hatte Tulla, den « fähigsten Wasserbaumeister », dazu berufen, die hydrotechnischen Grundlagen der Linthkorrektion zu schaffen. Obrecht, seine rechte Hand, hatte « sich schon durch ausgedehnte Vermessungen und auch selbst in der Schweiz durch einen vortrefflichen Plan der Stadt Nion im Canton Waadt rühmlich bekannt gemacht ». Beim Linthwerk übernahm er « mit ebenso viel Genauigkeit als unverdrossener Thätigkeit die wichtigsten Theile der Vermessung ».

4Die Clubhütte am Grünhorn ( 2448 m ) Lithographie von J. Weber. Neue A] pen posi. 20.. 1880 5Bifertengletscher und Bündner Tödi ( 3124 m ) Lithographie von F. Graf. Neue Alpen post, 20. 1 1. 1880 Die Reproduktionen der Zeichnungen H.K. Eschers verdanken wir der Zentralbibliothek Zürich ( Graphische Sammlung Obrecht leitete auch den damals in der Schweiz noch unbekannten Faschinenwuhrbau und besorgte während seines letzten Aufenthaltes 1808 « noch die trigonometrische Vermessung der ganzen Gegend der Linthcorrection » ( 2 ).

Den Namen des Bergführers kennen wir nicht. Es könnte Johannes Thut ( 1782-1850 ) von Linthal gewesen sein. Dieser war Senne auf der Sandalp und als Gemsjäger ebenso geschickt wie später als naturheilkundiger Vieharzt und « Wasserdoktor ». 1819, 1820 und 1822 begleitete Thut den Stäfner Arzt und späteren Zürcher Regierungsrat Dr. med. Johannes Hegetschweiler ( 1789—1839 ) auf dessen « Reisen in den Gebirgsstock zwischen Glarus und Graubünden » ( Zürich, 1825 ), ( 3 ' ).

DER GLÜCKLICHE ABSCHLUSS DER TÖDI-FAHRT Hans Konrad Escher hatte Mühe, den erschrockenen Führer zum Weitergehen zu bewegen. Bald erreichten die drei die « Doedischeid-ecke », die Wasserscheide des Sandpasses, wo Escher, als ob nichts geschehen wäre, wie immer und überall auf seinen unzähligen Bergfahrten -das anstehende Gestein des Felsgrates untersuchte und die Aussicht nach Süden als Panorama skizzierte. Mit Rücksicht auf die zurückgebliebenen Begleiter traten sie den gleichen Rückweg an. « Gerne hätten wir der gefährlichen zweyten Gletscherwanderung den weiten Umweg durch Bündten vorgezogen. Bey dem Loch, in das ich eingesunken war, suchten wir uns den festesten Standpunkt in seiner Nähe aus, öffneten dasselbe mehr und bemerkten nun, dass die Eisschründe sehr weit und so tief war, dass man keinen Grund in derselben sah; der Schnee, der sie bedeckte, war gewölbeartig ausgeschmolzen, und ich hatte gerade im dünnsten Theil dieses nur noch ungefähr 1 Fuss starken Schneegewölbes gehangen. Wir wünschten uns also aufs neue Glück über meine Rettung und eilten so schnell wie möglich über den Gletscher herab. Als wir den Gletscher zurückgelegt hatten und uns wieder auf festem Land befanden, wars uns doch wieder leichter und ruhiger. » Escher ist hier im Quellgebiet der Linth seinem eben erst begonnenen Lebenswerk drunten in der versumpften Ebene zwischen Walen- und Zürichsee zum Wohl von Generationen erhalten geblieben.

DIE TÖDI-ERSTBESTEIGUNGEN Die ersten bekannten Versuche, die Ostschweizer Bergmajestät zu bezwingen, erfolgten bekanntlich vom Bündner Oberland aus. Im letzten Vierteides 18. Jahrhunderts bestieg der Benediktiner Pater Placidus a Spescha ( 1752—1833 ) bereits den Stoc Grond und den Piz Urlaun. Wie bereits erwähnt, versuchte 1819, 1820, 1822 und nochmals 1834 Dr. med. Johannes Hegetschweiler, den Tödi sowohl vom Sandfirn als auch vom Bifertengletscher her zu erobern. Am 1. September 1824 gelang es den von Pater Spescha mobili-sierten Oberländern Placidus Curschellas und Augustin Bisquolm vom Val Rusein aus den höchsten Punkt des Tödi-Hauptes, den Piz Rusein ( 3614 m ), zu erreichen. Dreizehn Jahre später, am 10. August 1837, bestiegen Vater und Sohn Bernhard und Gabriel Vögeli und Thomas Thut von Linthal den Glarner Tödi ( 3586 m ). Acht Tage später führten sie den ersten Touristen, Friedrich von Dürler aus Zürich, auf den Eissattel zwischen den südlichen Gipfelpunkten. Zu den frühen Gästen des Piz Rusein, der vom Glarnerland her erstmals 1859 betreten worden sein soll, gehört ja auch der Gründer des SAC, Dr. Rudolf Theodor Simler. Sein Tödi-Erlebnis war der Impuls zur Gründung des Schweizer Alpen-Clubs. Hier « reifte in mir der Gedanke an eine Assoziation der Freunde der Bergwelt ». Die Tödi-Gruppe war das erste Exkursionsgebiet des am 19. April 1863 in Ölten gegründeten Vereins. Am Tödi erbaute die Sektion Tödi im gleichen Jahr die erste Klubhütte, die Grünhornhütte.

DER VERGESSENE TODI-PIONIER Escher suchte auch nach 1807 das Grenzgebirge zwischen Linth und Vorderrhein auf. 1813 erreichte er von Brigels aus über den Kistenpass den Muttsee. Das Wetter zwang ihn zur Rückkehr. 1817 stieg er mit dem Führer Hans Vögeli von Linthal über Baumgarten und Nüschen nach Muttsee auf, um über das Kistenband ins Bündner Oberland zu wandern. Doch weder die Geschichte der alpinistischen noch die der geologischen Erforschung des Tödi-Gebietes erwähnen Eschers Bergwanderungen. Der mächtige Ruhm als Schöpfer des Linthwerkes hat seit seinem frühen Hinschied am g. März 1823 alle übrigen ihm zukommenden Verdienste weit überstrahlt. So blieben diese entweder unbekannt oder gingen mit der Zeit vergessen. Hans Konrad Eschers Pionierarbeit im Quellgebiet der Linth ist bis auf den heutigen Tag wenig beachtet worden.

In der « Geschichte der touristischen Erschliessung des Tödimassivs und der Clariden- und Bifertenstockkette » von Rudolf Bühler ( Glarus, 1937 ) suchen wir den Namen Escher von der Linth vergebens. Albert Heim ehrt ihn nur sehr kurz in der Einleitung zu seiner fundamentalen dreibändigen Geologie der Schweiz ( Leipzig, 1919, 1921, 1922 ) als « vortrefflichen, wahrheitsgetreuen, vom Spekulationsgeist seiner Zeit freien Beobachter, der aus Bescheidenheit wenig geschrieben habe ». So wie Eschers Ansichten und Panoramen mehr als ioo Jahre wohlbehütet im « Escherkasten » des Geologischen Institutes der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich ruhten, so sind die 1 I Hefte in drei Bänden mit insgesamt 1500 Folioseiten Reisenotizen, die « Fragmente über die Natur-Geschichte Helvetiens, die Gebirgskunde betreffend », selten angetastet worden. Nur so ist es verständlich, dass dem äusserst gründlichen und gewissenhaften Jakob Oberholzer, dem Erforscher der Glarner Berge, Eschers Zeichnungen, Panoramen und Berichte unbekannt blieben. In der Einleitung zu seiner « Geologie der Glarner Alpen » ( Bern, 1933 ) fehlt die Würdigung der geognostischen Tätigkeit Hans Konrad Eschers. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Hans Widmer in der Dissertation « Zur Geologie der Tödigruppe » ( Wetzi-kon/Rüti, 1949 ) irrt, wenn er schreibt: « Der erste Fachmann, der sich in diese ,Tödi'wagte, um die Gesteine zu studieren, war wohl Arnold Escher von der Linth, nachdem sein Vorfahr, Joh. Konrad Escher von der Linth, den Tödi wenigstens aus Entfernung gemalt hatte. » Seit der zurückhaltenden Würdigung der Leistungen des Vaters durch seinen Sohn Prof. Dr. Arnold Escher ( 1807-1872 ) im Anhang der von J.J. Hottinger verfassten Biographie ( Zürich, 1852 ) hat erstmals wieder Prof. Dr. Rudolf Staub t auf die grundlegende Forschertätigkeit von Hans Konrad Escher hingewiesen. In seinem letzten Werk « Der Bau der Glarneralpen » ( Glarus, 1954 ), das u.a. mit Schwarz-Weiss-Repro-duktionen von drei kolorierten Zeichnungen Eschers illustriert ist, lesen wir: « Hans Conrad Escher von der Linth ist, durch seine unvergängliche Hingabe an die Verbesserung der unhaltbaren Lebenszustände an der unteren Linth und am Walensee, zum Begründer und eigentlichen Pionier der glarnerischen und damit der auf diese Dinge weitgehend aufbauenden alpinen Geologie der späteren Zeiten geworden. Denn die moderne Entwicklung der Alpengeologie gründet sich weitgehend auf die Erkenntnisse in den Glarneralpen ».

DER UNERMÜDLICHE BERGWANDERER Eschers Bergwanderungen beginnen mit seinem 16. Lebensjahr und enden mit dem letzten Sommer seines Lebens, 1822. Die erste führte ihn 1783 von Morges aus durch das Vallée de Joux und auf den höchsten Schweizer Juraberg, La Dole ( 1677 m ). Auf seiner Heimreise nach einem neunmonatigen Welschlandaufenthalt in Genf wanderte er zwei Jahre später mit seinem Freund und Lehrer Jean Pierre Vaucher nach Chamonix. Die grossartige Gletscherwelt Savoyens rund um den höchsten Berg der Alpen, den Mont Blanc ( 4807 m ), faszinierte Escher noch mehr als ihn die Lektüre der Beschreibungen der Genfer Marc Théodore Bourrit und Horace Benedict de Saussure dafür begeistert hatte.Von Vallorcine aus bestiegen Vaucher und Escher den unweit der Schweizer Grenze gelegenen, 3094 Meter hohen Buet, der 1770 erstmals von den Gebrüdern de Luc aus Genf bezwungen worden ist. Diese erste Hochgebirgstour hat den erst 18jährigen Zürcher in verschiedener Hinsicht geprägt. Daran erinnert in seiner Sammlung eine grau und blau lavierte « Fischaug»-Rundsicht vom vergletscherten Gipfel, eine Kopie nach Bourrit, der diese « Vue circulaire des Montagnes » im Auftrag für de Saussure für dessen Werk « Voyages dans les Alpes » ( Neuchâtel, 1779 ) schuf.

Das Glarnerland besuchte Escher erstmals im Juli 1792. Bei schlechtem Wetter passierte er das Linthtal in Begleitung seiner Genfer Freunde Vaucher und Dunant, um über den Klausen nach Uri und über den Gotthard nach dem Süden zu wandern. Vier Jahre später, im Juli 1796, zog er wieder ins Glarnerland: von Schwanden ins Sernftal, von Matt durch das Krauchtal ins Weisstannental und dann durch das Rheintal an den Bodensee. Damals sah er bei prächtigem Wetter den « Dödi von Mitlödi aus und seine benachbarten Schneeberge im Hintergrund des Linththals ungemein schön; aus der abgerundeten geschichtet scheinenden Form des Dödi zu schliessen, gehört er noch zu den Kalk-stein- und Schiefergebirgen ». Damals mag in ihm der Wunsch wach geworden sein, dem Tödi näherzukommen. Zeit und Umstände aber verhinderten dies viele Jahre lang, Jahre vor allem, in denen er andere Tiefen und Höhen erlebte: diejenigen der Politik.

DAS TÖDI-PROJEKT « Juhe! auf den Dödi mit Freund Steinmüller! » Der freundschaftliche, von Ende 1796 bis 1821 dauernde Briefwechsel zwischen Escher und dem Glarner Johann Rudolf Steinmüller ( 1773-1835 ), Pfarrer, zuerst in Obstalden GL, dann in Gais AR und schliesslich in Rheineck SG, belegt auf eindrucksvolle Weise den langen Jahre gehegten Wunsch beider Männer, miteinander ins Gebiet des Tödi zu wandern ( 4 ). Von einer Besteigung des Berges ist jedoch nie die Rede. Erstmals 1797 freut sich Steinmüller, Escher auf die Sandalp begleiten zu können. Die Tour kam nicht zustande. Es folgten die wirren Zeiten der Revolution und der Kriege der fremden Armeen im eigenen Lande. Escher gehörte dem Grossen Rat der helvetischen Zentralregierung an; später wurde er sogar Mitglied des Vollziehungsausschusses, kurze Zeit amtete er als Kriegsminister. 1803 politisch « kaltgestellt », verschaffte die Zeit der Mediation dem nun Sechsunddreissigjährigen wieder Ruhe und Musse für die Berge. Das Reiseziel Tödi wird wieder aktuell. « Denk doch, wie viel Jahre diese Tour projektiert, aber nie ausgeführt wurde! » schreibt Steinmüller am 16. Mai 1803. « Da mich die beidseitigen Abhänge des Dödi ganz besonders interessieren, so hatte ich Anfangs im Sinn, ganz allein hinzugehen » ( Escher, 4. August 1803 ). Im Frühling 1804 übertrug der regierende Landammann der Eidgenossenschaft, der Berner Niklaus Rudolf von Wattenwyl, Escher den Vorsitz der Expertenkommission für die Korrektion der Linth, was den Wanderlustigen nicht hinderte, die Tödi-Tour auch wieder für dieses Jahr zu planen. « Ich werde die Mineralogie für einige Zeit der Hydrotechnik aufopfern. Aber der Dödi soll bleiben » ( 24. Mai 1804 ). Am 9. August teilt Escher seinem Freund den genauen Plan der Tour « über den Dödi nach Disentis » mit. Im Brief vom 13. August äussert Steinmüller Bedenken: « Bei dem gegenwärtigen neblichten und regnerischen Wetter mag der Marsch über die Sandalp nach Disentis sehr gefährlich sein. » Escher antwortet drei Tage später: « Der Dödi macht dir bange mit der Geschichte der Engländer !» - im August 1786 war ein Engländer beim Übergang über den Sandfirn in eine Gletscherspalte gefallen - « Ich erkläre dir, dass mir meine Knochen meiner 5 Kinder wegen unschätzbar sind, und dass ich lieber io Tag umlaufen, als an einer wirklich gefährlichen Stelle durchgehen will; und da ich die Heiligkeit dieser Selbsterhaltungspflicht in unsrer beiden Lage so sehr anerkenne, so werde ich dich gewiss zu keinem gefährlichen Schritt überreden. Auf den Fall hin, dass wir über den Dödi giengen, so sorge doch für einen guten, etwann 20 bis 24 Ellen langen Strick, an den wir uns dann alle 3 anbinden, wenn wir über Schnee und Eis gehen, wodurch in Verbindung mit den Alpstöcken, die man quer hinüber bindet, die Gefahr bei den schwierigsten Umständen selbst beinahe ganz vernichtet wird. » Und wieder kam die Reise über den Sandpass nicht zustande. Am 2 I. August trafen sich die beiden bei Steinmüllers Eltern in Glarus, um am nächsten Tage aufzubrechen. « Allein die sehr zweifelhafte Witterung benahm uns den Mut dazu, und wir beschäftigten uns daher mit der Untersuchung von Russen, Franzosen und österreichischen Soldatenschädlen den ganzen Morgen durch. » Zwei Wochen später entschuldigte sich Steinmüller, dass er seinen Freund « nach Glarus lockte und doch nachher wieder zur Rückkehr bewegte. Aber wer durfte einige so schöne Tage ahnden, wie sie nachher wirklich erfolgten? ». Escher erwiderte: « über die fehlgeschlagene Glarner-Partei brauchst du nicht abzu-bitten. Du hattest wenig, ich viel Hoffnung zu bessrem Wetter; einer von uns musste unrecht haben. Diesmal traf 's dich, einandermal mich und du bist genug gestraft für deinen Unglauben an die bessere Witterung der Hundstag Ende, weil du darüber den schönen Gotthard aufopfer-test. Ich erfuhr bei meiner Heimreise aus Glarus, dass man im Gaster und Rapperschwyl das Glarnerland ,unser Herr Gotts Schüttstein'nennt, und also musst du ein andermal nicht durch das Klönthal, sondern von Schanis her das gute Wetter in Glarus erwarten ».

Nur noch einmal ist im Briefwechsel der guten Freunde von der Tödi-Wanderung die Rede. Am 17. Januar 1806 berichtet Escher: « Diess Jahr hoffe ich besonders Bündten mit v. Salis zu durchstreifen, wo du dich auch etwann einmal einfinden solltest. Könnten wir allenfalls den Dödi mitnehmen? Oder zitterst du noch vor seinem Gletscher, da du doch recht fest am Heuseil angebun-denwerdensollst ».

Schliesslich kam die langersehnte Tour im nächsten Jahr zustande, allerdings ohne Steinmüller und ohne Heuseil! Merkwürdig ist, dass weder vorher noch nachher in den Briefen der eifrigen Korrespondenten davon die Rede ist. Hat Escher seinem lieben Freund den Zwischenfall auf dem Sandfirn verschwiegen?

7. bis g. august 1807 Ausgangsort des « Betriebsausfluges » des Teams, das in der Linthebene die Korrektion der Flüsse vorbereitete, war das « Haltli » in Mollis, die prächtige Besitzung von Ratsherr Konrad Schindler, Eschers engstem Mitarbeiter. Waren Tulla, Schindler, Ratsherr Stehlin von Basel, der Präsident der Schatzungskommission, und die Zürcher Feldmesser Dietzinger ( Wädenswil ) und Frey ( Knonau ) mit von der Partie? Wir wissen es nicht, Escher erwähnt ja nur Obrecht.

Am ersten Nachmittag reiste die muntere Gesellschaft « nicht zu Fuss durch die gewöhnliche Landstrasse » nach Linthal. Am nächsten Tag marschierte man ins Tierfehd, über die Pantenbrücke, nach Vorder- und Hintersand. Von hier stiegen die Männer direkt zum Bifertengletscher auf, überquerten seine damals bedeutend längere Zunge, bewältigten die Ölplanggen und das Bifertenalpeli und erreichten über das Bifertengrätli am Abend die Sennhütten von Obersand. Von hier aus startete man anderntags, am g. August 1807, zu der eingangs geschilderten Tour auf den Sandpass ( 2781 m ).

DIE WISSENSCHAFTLICHE AUSBEUTE Escher wanderte nie ohne Hammer, Barometer und Zeichenmappe. Eine Wiedergabe seiner eingehenden Beobachtungen im Tödi-Gebiet würde an dieser Stelle zu weit führen. Darum sollen zum Schluss nur wenige Zeilen seiner sorgfältigen Aufzeichnungen die grundlegende Bedeutung der geologischen Forschungen des Tödi-Pio-niers Hans Konrad Escher von der Linth umreissen.

Escher beschreibt als erster « die feinkörnigen Kalksteinarten, die an ihrer Oberfläche ocker-braun, auch wohl bis ins Ziegelrote übergehend angelaufen sind und die aus jener eisenschüssigen Zwischenformation herrühren, welche sich im ganzen Hintergrund des Linththals von der Ostseite der Clarideralpen durch den Nordabhang des Doediberges bis in den Westabhang des Kistenberges hinüberzieht » ( Rötidolomit ). Escher stellt als erster die am Bifertengrätli anstehenden karbonen Anthrazitschiefer fest. Und er beurteilt als erster das Gestein des hercynischen Sockels als « deutlich nicht sehr dickflasriger Gneus, der vorwiegend aus gräulichweissem Quarz und silberweissem kleinschuppigem Glimmer besteht ». Um eine Übersicht von der nordwestlichen Seite des Tödi zu erhalten, bestieg er den Abhang der Beggenen. Wie vorher von Nordosten her mit dem Bifertengletscher, so zeichnete er hier den imponierenden Berg mit dem Sandfirn. « Die Schichtung an der Doedifelsenmasse ist auf diesem Standpunkte nicht auffallend, hingegen zeigt sich westlich derselben ein kleiner isoliert aus dem Gletscher herausragender Felsenkopf ( Chli Tödi, 3076 m ), welcher südöstliche Schichteneinsenkung zu haben scheint. » Auf dem Wege zum Sandfirn entdeckte er am Tage seiner wunderbaren Bewahrung Nummuliten in einem « tonschieferblätterhaltigen rauchgrauen Kalkstein am Fusse der Clarider Alpen », wozu er bemerkt, dass « diese Erscheinung, sowie überhaupt dass so nahe am Urgebirge eine dem Alpenkalkstein ähnliche Formation so ausgedehnt ansteht, sehr merkwürdig ist und zum Vergleich mit andern Profilen diene ».

Wir verehren Hans Konrad Escher als Schöpfer des Linth Werkes. Wir gedenken seiner als dem « edelsten Vorbild für den schweizerischen Alpenclubisten », wie Oswald Heer seinen Festvortrag an der 8.Jahresversammlung 1871 in Zürich schloss. Heute darf auch das wissenschaftliche Werk Hans Konrad Eschers von der Linth neu gewürdigt werden.

Im Text nicht erwähnte Quellen:

( J. Hösli, Linthkorrektion. Schweiz. Schulwandbilder-werk. Kommentar zu Bild 139. Zürich 1968.

( 2 ) Offizielles Notizenblatt, die Linthunternehmung betreffend ( von K. Escher ). I. Band, Zürich 1807-1809. Auf S.66 erwähnt Escher die Tätigkeit von Ingenieur Obrecht. Dessen Vorname ( C. Obrecht ) findet sich nur auf dem am Schluss des Bandes beigelegten Plan des trigonometrischen Netzes der Linthebene.

Diespärlichen Personalien der Gebrüder Obrecht verdanken wir dem Badischen Generallandesarchiv in Karlsruhe.

( 3 ) H. Stüssi, Aus der Geschichte des Geschlechtes Thut. Neu-jahrsbote für das Glarner Hinterland 1967, S. 7-25.

( 4 ) Joh. Dierauer, Briefwechsel zwischen J.R. Steinmüller und K. Escher von der Linth ( 1796-1821 ). Mitt. z. Vaterland. Geschichte. Histor. Verein St. Gallen 1889.

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