Herbstfahrt

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Von A. Gabi

( Reinach, Sektion Yverdon ).

Stockdicker Nebel über den Berner Oberländer Seen, sich lichtende Schwaden an der Grimselstrasse und tiefblauer Föhnhimmel sind der Auftakt zu dieser Bergfahrt an einem stillen Oktobersonntag. Beinahe als einziger Fahrgast entsteige ich vor dem Hotel Handeck dem Postauto und wende meine Schritte der Gelmerhütte zu. Die Standseilbahn zum Stausee hinauf hat ihren Betrieb schon längst eingestellt, und so folge ich vorerst der verlassenen Grimselstrasse bis nach Kunzentännlen hinauf.

Keinem Menschen begegne ich auf meinem Marsch zur Hinterstockalp, wo ich links abbiege und durch gelbrot flammende Heidelbeerstauden zum Stausee hinaufsteige. In den Bergwäldern hat der Spätherbst mit seinen Farben in Gelb, Braun und Rot eine Symphonie gedichtet; darüber erglänzen im Neuschnee die Gipfel des Unteraargebiets. Bei der Staumauer öffnet sich unvermittelt der Blick über den graugrünen Gelmersee hinauf zu den Diechterhörnern und Tierbergen, an denen von Süden her eilige Föhnwolken vorbeisegeln. Dem Seeufer entlang zieht sich der Weg zur Gelmerhütte hinauf. Wo die Felsen zuweilen senkrecht in die Fluten hinabreichen, hat die Menschenhand künstliche Gehsteige geschaffen. Nur das Rauschen einiger Gletscherbäche unterbricht die Stille. Da liegt der See, der künstlich geschaffen wurde, der aber die Natur verschönert und in keiner Weise stört.

Der gut markierte Pfad bringt mich in den späteren Nachmittagsstunden zur Gelmerhütte hinauf. Keine Menschenseele ist hier oben, denn es ist ja schon Oktober und die « Saison » vorbei. So ergreife ich allein Besitz von dieser prächtigen Hütte.

Vor dem Einnachten steige ich noch zur Moräne des Diechtergletschers hinauf. Feierlich recken sich drüben im Abendlicht die mit Neuschnee überzuckerten Riesen des östlichen Berner Oberlandes. Hinter den Zacken und Türmen der Gelmerhörner durchläuft der Abendhimmel alle Skalen von Rot. Dann senkt sich die Nacht über die Täler, nur drüben erglüht immer noch im letzten Schimmer des Abendrotes das stolze Finsteraarhorn.

In der Hütte ist es nicht dunkel, denn der aufgehende Vollmond beleuchtet die umliegenden Bergeshäupter mit seinem silbernen Licht. Mitten in der Nacht erwache ich und trete in die milde Herbstnacht hinaus. Gleissendes Mondlicht liegt über Berg und Tal, und selbst die fernen Zermatter Berge sind deutlich zu erkennen. Wie flüssiges Blei glänzt, 500 Meter tiefer, der Gelmersee, ein Bild, das mir noch lange in der Erinnerung haften wird.

Beizeiten rasselt frühmorgens der Wecker. Als ich bei Tagesanbruch die Hütte verlasse, ist der Vollmond gerade im Begriff, zu verglimmen und der werdenden Tageshelle zu weichen. Dem nördlichen Arm des Diechtergletschers zusteigend, wende ich mich öfters um. Denn drüben im Westen verfärben sich gerade Finsteraar- und Schreckhorn im ersten Morgenrot und leuchten dann stolz hinaus in unsere friedliche Heimat.

Über hartgefrorene Firnterrassen gewinne ich unschwierig das Firnplateau « In den Wächten ». Wie hat sich der Blick inzwischen geweitet: Gipfel an Gipfel reiht sich im Westen, und weit im Südwesten funkelt die Ostwand des Monte Rosa im Glanz der Morgensonne.

Ein mit hartem Firnschnee gefülltes Couloir überwinde ich mit meinen Steigeisen leicht, und bald stehe ich in der Lücke zwischen Grossem Strahlhorn und Gwächtenhorn. Über den blockigen Gipfelgrat erreiche ich den Steinmann des Grossen Strahlhorns, wo ich mich in den Gipfelblöcken zur verdienten Rast niederlasse. Hemdärmelig sitze ich hier auf 3200 Meter Höhe, nur ein Blick auf meine feldgrauen Hosen verrät mir, dass rings um unsere Grenzen der Krieg tobt und ich mein Bergglück eigentlich nur zwei aufgesparten Urlaubstagen verdanke. Tiefe Stille ringsum, nichts, was den Zauber dieser Gipfelstunde beeinträchtigen könnte. In vollen Zügen geniesse ich die herrliche Aussicht. Von keinem Wölklein getrübt überspannt ein tiefblauer Herbsthimmel die unzähligen Gipfel ringsherum.

Nur ungern scheide ich von dieser Pracht. Ein letzter Blick in den gewaltigen Firnkessel des Triftgebietes, dann steige und rutsche ich das Couloir hinunter und stehe nach wenigen Minuten wieder auf dem Firnplateau. Rasch geht es dann mit stiebenden Schritten die Hänge des Diechtergletschers hinunter, und gegen Mittag bin ich wieder bei der einsamen Gelmerhütte zurück. Prächtig warm scheint die Sonne zu den Fenstern herein und macht das Scheiden von dieser Stätte schwer.

HERBSTFAHRT.

Beim Hinuntersteigen zum See begegne ich zwei einheimischen Burschen, die Streue sammeln. Nach fast 30 Stunden höre ich wieder Menschenlaute! Wieder schreite ich dem im Sonnenlicht glänzenden Stausee entlang, angesichts der Gipfel und Gräte des Gauligebietes. Föhnwolken hängen sich an die Bergflanken, ziehen weiter und lösen sich in nichts auf.

Diesmal wähle ich den Abstieg über die Staumauer und folge dem spärlich markierten und stellenweise nicht leicht zu findenden « Katzenweg » in die Tiefe. Fast senkrecht grüsst zu meinen Füssen das Handeckhotel herauf. Steil geht es über teilweise morsche Leitern hinunter. Ab und zu sind sichernde Drahtseile längs der Felsen angebracht. Noch zur rechten Zeit erreiche ich das beim Hotel zur Abfahrt bereitstehende Postauto, das seine letzte Fahrt des Jahres macht. Öfters hält der Wagen bei den Baubaracken; ab und zu ertönen Sprengschüsse, und dumpf verhallt deren Donnern im engen Bergtal. An den Haltestellen entfernt der Postwagenlenker den ungültig gewordenen Sommerfahrplan. Vorbei die goldenen Sommertage, der harte Bergwinter naht!

Weiter geht die Bahnfahrt an dem im milden Herbstsonnenschein verträumt daliegenden Brienzer See vorbei. Am Thuner See sinkt schon der Abend nieder, und als der Zug in Thun einfährt, ist aus dem glanzvollen Oktobertag ein ganz gewöhnlicher, trüber und nebliger Abend geworden.

Es braucht nicht immer gera de ein Viertausender zu sein, um dem Freund unserer Heimatberge tiefe und nachhaltige Eindrücke und Erinnerungen zu vermitteln. Auch ein bescheidener, abseits des Touristenstromes liegender Gipfel vermag zuweilen im Spätherbst mehr zu bieten als manch bekannter Modeberg. Möge diese Schilderung den Leser an einen solchen lohnenswerten Gipfel erinnern.

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