III. Fluchthorn

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Zum ersten Male im Jahre 1873 erwachte in mir und einigen meiner P'reunde der Gedanke einer Besteigung des Fluchthorns, welches damals unseresIn der Folge sind die Höhenangaben des schweizerischen topographischen Atlasses durch die Beifügung „ S. T. A. " und jene der neuen österreichischen Mappirung durch die Beifügung „ N. Ö. M. " gekennzeichnet.

11 Wissens seit " Weilenmanns erster Ersteigung nicht wieder von Touristen betreten worden war. Liegt doch der Berg in gar einsamem und entlegenem Gebiet, weit ab von der Heerstrasse, welche touristische Gewohnheit durch die Silvrettagruppe gezogen hat und welche nur deren westliche Theile berührt.

Ein eigenthümlicher Unstern waltete über unserem Vorhaben. Unwetter und Missgeschicke aller Art vereitelten stets unsere wiederholten, bald vereinzelt, bald gemeinsam unternommenen Angriffe. Einmal wurde bei solcher Gelegenheit von zweien meiner Freunde das Pseudo-Fluchthorn Weilenmann's ( 3186 m S. T. A.; auf der österreichischen Generalstabskarte « Krone » genannt und mit 3174 m beziffert ) erstiegen. Sie fielen demselben Irrthum zum Opfer, in dem auch Weilenmann zuerst befangen war.

Anderen Tages wiederholte der Letzte, welcher von unserer zu Vieren ausgezogenen Gesellschaft übrig blieb, den Angriff auf das ächte Fluchthorn. Nebel und Regen zwangen ihn auf halber Höhe zur Umkehr. So war für uns der dritte Sommer unserer Nachstellungen nach dem uns feindlichen Gesellen gekommen.

Finster und abschreckend hatte das kühne Horn mich angemuthet, als ich es vom Piz Buin aus zum ersten Male in solcher Nähe musterte. Zwar wusste ich, dass etwa acht Tage nach meinem ersten gescheiterten Versuch im Sommer 1873 Weilenmanns vielgenannter Freund Specht aus Wien mit einer Gesellschaft das Ziel erreicht und auch Herr Frühmesser Battlogg aus Gaschurn den Gipfel wiederholt bestiegen habe, aber nichtsdestoweniger beschlich mich in der Ermattung jenes heissen Julitages etwas wie Genugthuung darüber, dass der beabsichtigte Angriff mit meinen damaligen Gefährten durch die Schneeblindheit unseres Führers Kleboth vereitelt wurde. Beinahe hätte ich innerlich feierliche Absage von jedem weitern Anschlag auf das furchtbare Zackengebilde gethan und dem Fluchthorn für immer Urfehde geschworen. Und doch! und doch! Kaum wieder im Thal, erwachte wieder die alte Begierde, das feindselige Horn doch zu ersteigen, den Erfolg ihm endlich abzutrotzen.

Dieselbe Stimmung beseelte auch meine Freunde draussen im Reich, und so sah mich denn der Abend des 9. September 1876 mit einem derselben wieder im freundlichen Gasthaus zum Rössle in Galthür, dem obersten Dorfe im Paznaun, während ein anderer zur selben Zeit aus dem Unterengadin herüberkommen sollte.

Auf dem Zeinisjoch hatten wir ziemlich viel Neuschnee angetroffen und der spärliche Morgensonnenschein war bald einem beharrlichen Regen- und Schneegestöber gewichen. Wir waren überzeugt, dass es unserem Freunde nicht gelingen werde, bei solchen Verhältnissen den Uebergang über den Futschöl-oder Vermuntpass zu erzwingen und dass unser Anschlag auch diessmal wieder erfolglos verlaufe. Doch siehe! Kaum zehn Minuten waren wir unter dem Dach des Rössle, da öffnet sich die Thüre der Wirthsstube und herein tritt, triefend von Wasser und sehr ermüdet vom mehrstündigem Schneewaten auf dem Gletscher, der sehnlich Erwartete mit dem bekannten Klosterser Führer Christian Jann.

Herr Frühmesser Franz Jos. Battlogg in Gaschurn, der kühne und eifrige Besteiger der Berge seines Ee-viers und bereitwillige Eathgeber für die dasselbe betretenden Fremden, hatte uns, wie bei unseren früheren Versuchen, auch diessmal wieder seine Führung und Begleitung in der liebenswürdigsten Weise zugesagt, obwohl er erst einen Monat zuvor bei herrlichem Wetter auf dem Fluchthorn verweilt hatte. Bei diesem Anlasse hatte er einen wesentlich kürzeren und besseren Anstieg aus dem Jamthal, als der bisherige, ausgekundschaftet, den er uns zu führen versprach.

Der'kommende Tag war ein Sonntag. Da geistliche Amtsverrichtungen den Herrn Frühmesser in Gaschurn Vormittags festhielten, durften wir ihn vor Abend in Galthür nicht erwarten.

Unser sonntägliches « Stillleben in Galthür » war wirklich angenehmer als jenes, welches uns Weilenmann so humoristisch schildert. Zwar hielt uns die Unbeständigkeit des Wetters, welches zwischen Sonnenschein und Schneegestöber in jähen Sprüngen abwechselte, in steten Sorgen und Zweifeln, ob der ersehnte geistliche Führer das Wetter für hinreichend gut halten und zum Stelldichein erscheinen werde, oder ob auch dieser, vermuthlich letzte Versuch, endlich das Fluchthorn zu erreichen, erfolglos bleiben werde; aber der erträglich schöne Morgen gestattete uns doch einen Spaziergang auf den obersten Absatz unter der Spitze des Gorfen und im Uebrigen befanden wir uns in guter, reinlicher und freundlicher Pflege.

Als es aber acht Uhr Abends vorüber war und die Nacht einbrach, ohne dass Battlogg erschien, da ver- zichteten wir schweren Herzens auf ihn und auf unser Vorhaben. Glücklicherweise zu früh! denn nach neun Uhr noch erschien der Ersehnte mit einem schlanken vierzehnjährigen Knaben seines Dorfes als Begleiter.

Sein Beruf hatte ihn länger als erwartet aufgehalten. Jubel und Freude war nun gross im Rössle zu Galthür und in Eile wurde das Nöthige für den kommenden Tag besorgt.

Was von unserem Gepäck überflüssig war, sollte durch einen vom Wirth zu bestellenden Träger auf die Höhe des Futschölpasses gebracht und daselbst unter Beisteckung eines Stabes als Signal einen Büchsenschuss links vom Sattel deponirt werden, damit wir es Abends mitnehmen konnten.

Wir nahmen nur das für die Besteigung p]rforder-liche an warmen Kleidern, Karten und Proviant mit.

Als wir nach wenigen Stunden mehr oder minder erquicklicher Nachtruhe um 3 Uhr Morgens am 11. September uns zum Aufbruch rüsteten, strahlte der Himmel im reinsten Sternenglanz.

Ueber die frischbeschneiten Berghänge und das stille Dorf auf grünem Wiesenplan goss der Mond sein volles, mildes Licht, das sich im rauschenden Jambach tausendfältig glitzernd brach und einen schönen Contrast zu dem röthlichen Lampenlicht bildete, welches durch die Fensterscheiben des frühgestörten Wirthshauses schimmerte.

Um 4 Uhr 15 Min. setzten wir uns in Bewegung. Wiese und Weg waren hart gefroren. Rasch kamen wir vom Fleck. Schon nach 2Stunden hatten wir die innerste Hütte im Jamthal, auf der Ziegler'schen Karte des Ujiterengadins « Sclmapfentaie » genannt, erreicht * ).

* ) Auf der neuen österreichischen Generalstabskarte, Blatt „ Ulursprung ", ist die Hütte am rechten Ufer des Baches nr.d weiter aussen im Thal „ Schnapfenthaje " genannt, die innerste Hütte aber ebenso wie auf Blatt XV des S. T. A. unbenannt gebliehen. Bei diesem Anlass kann ich nicht umhin, auf die mannigfachen Verschiedenheiten in der Nomenclatur der österreichischen und schweizerischen Generalstabskarte hinzuweisen. Nicht nur trägt ein und dasselbe Objekt oft zwei ganz verschiedene Namen, sondern häufig ist auch ein und derselbe Name auf ganz verschiedene Oertlichkeiten bezogen und gerade das führt leicht zu Verwirrungen und Missgriffen. Beispiele zu zitiren, würde hier zu weit führen. Jede aufmerksame Vergleichung der Karten ergibt deren in Fülle. Es ist leider auf beiden Seiten mitunter etwas einseitig und willkürlich vorgegangen worden. Es sollte nicht allzuschwer halten, in den Grenz-kämmen sich über gleichartige Benennungen zu verständigen. Da, wo diess nicht möglich ist, weil bei den verschiedenen Bevölkerungen verschiedene Namen für dasselbe Objekt sich bereits eingebürgert haben, könnten beide Namen auf der Karte vermerkt werden. Im Uebrigen erscheint es aber natür-. lieh, dass mit der Landesgrenze auch die autonome Namengebung ihre Grenze finde und jeder Nachbar die auf des Andern Gebiet eingeführten Namen auch seinerseits voll und ganz adoptire.

Was die Zeichnung des Fluchthorns und des Hintergrundes des Jamthals überhaupt betrifft, so ist dieselbe am wenigsten korrekt auf der Ziegler'schen Karte des Unterengadin ( 1: 50,000 ), besser auf Blatt XV des S. T. A. und am getreuesten auf Blatt Ulursprung der österreichischen Generalstabskarte, so wenig ansprechend auch die ganze Manier dieser letztern besonders für nicht an sie Gewöhnte ist. Neben manchen Fehlern und Irrthümern findet man gerade in diesem Kartenwerke oft eine solche Genauigkeit Die Hütte ist durch die Unbill des Winters zerstört worden. Wohl uns, dass wir sie nicht, wie in Erwägung gezogen, zum Nachtquartier gewählt hatten. Im Hinblick auf den werthvollen Vorsprung, welchen eine Hütte an dieser Stelle dem Besucher des hinteren Jamthales einräumen würde, ist es sehr zu bedauern, dass dieselbe nicht wieder aufgebaut wurde.

Gleich hinter der Hütte hinauf zieht sich der Pfad über die Bergecke, um welche das Jamthal seine starke Biegung nach Osten macht, während in nächster Nähe der imposante Gletscherzirkus des Jamthaler Ferners das Thal nach Süden zu abschliesst. Eine Reihe schön geformter Spitzen entragt dem Firn. Unbenannt und " unbegangen, und doch Alle mehr als 3000 m hoch, harren sie noch des pfadsuchenden Clubisten.

Nachdem er die Bergecke überstiegen, lenkt der Weg nach dem Futschölpass in einen hochgelegenen Trümmerkessel, in welchem der Bach fast eben dahin fliesst. Einzelne mehr als hausgrosse Gneissblöcke liegen zerstreut umher. Zur Rechten vor dem Beschauer erheben sich die wilden Wände des August-berges, zwischen schwarzen Klippen blauschimmernde Hanggletscher herabsendend. In fast gerader Richtung erscheint die tiefe Depression des Futschölpasses /2767 m S. T. AA \2764 - N. Ö. M.j'Zür dei> Hmtel'grund des in den Details der Terraingestaltung, dass selbst dieDufour'sche Karte davon übertroffen wird.

Ich wiederhole aber, dass bei Benützung der Karten in jenem Grenzrevier grosse Vorsicht bezüglich der Nomenclatur zu empfehlen ist.

Thales sanft hinansteigt. Stolz und gewaltig ragt zur Linken des Passes die Krone |~r^r«\.VI, das m N. Ö. M..

Pseudo-Fluchthorn Weilenmann's empor. Ein sonderbarer, fledermausartiger Kopf krönt die ebenmässige Pyramide, neben deren massiger und geschlossener Gestalt der nahe zersägte Grat links davon, dessen Gipfel unter sich fast gleicher Höhe zu sein scheinen, an Bedeutung allerdings zurücktritt. Und doch ist dieser in eine längere Kette aufgelöste Grat, der über einem mehr als tausend Fuss hohen Moränenwall, umgürtet von einem schmalem Gletschersaume, thront, und zwar sehr interessant, aber durchaus nicht abschreckend aussieht, Niemand geringeres als der Beherrscher des Gebiets und Mitregent des Linard in der Silvrettagruppe — das Fluchthorn. Wahrlich, wer Form und Lage des Fluchthorns nicht genau kennt, ist sehr der Gefahr ausgesetzt, den König mit der « Krone » zu verwechseln.

Wir waren gut berathen und unser Weg entrollte sich unter der Erläuterung unseres geistlichen Führers klar und natürlich vor, unseren Augen.

Erst war der hohe Moränenwall zu ersteigen und da ein direkter Angriff bei der steilen Böschung und dem haltlosen Material sehr ermüdend und zeitraubend sein muss, wird der gut gangbare, theilweise noch mit Easen bewachsene Berghang zu unserer Linken erstiegen, von welchem aus wir ebenen Weges auf die Moräne gelangen. Von dort gilt es, den nördlichen der beiden vom Fluchthorn nach Westen sich hinab- ziehenden Gletscher* ) zu übersteigen, um den. eigentlichen Fuss des südlichsten und höchsten Thurmes des Fluehthornes zu gewinnen, welch'letzterer alsdann wohl oder übel zu erklettern ist.

Ist man erst über den Berg selbst einig, so ist die Richtung des Anstiegs nicht zu verfehlen und es bleibt unverständlich, wesshalb nicht schon die erste Besteigung aus dem Jamthal auf diesem Wege bewerkstelligt wurde, wenn man sich nicht vergegenwärtigt, dass Pöll, welcher zuerst Herrn Battlogg hinaufgeleitete, begreiflicherweise den ihm vertrauten Weg allen Experimenten vorzog und dass der letztere seinerseits ein Gleiches that, um so mehr, als die Besteiger nicht immer mit dem erforderlichen Gletscherzeug ausgerüstet waren und auch aus diesem Grunde den Gletscher lieber umgingen.

So ging man denn bisher stets bis nahe an den Futschölpass und dann an der Krone vorüber, durch eine Lücke des Felssporns, welcher die beiden Gletscher am Westhang des Fluchthorns trennt, auf den oberen Gletscher, wo beide Wege sich vereinigen.

Wir verliessen nunmehr den Passweg und betraten um 8 Uhr 30 Min. den Moränenwall, zwei Stunden nachdem wir die Schnapfenthaje im Thalhintergrunde passirt hatten. Jetzt nach 4'/jstündigem Marsch that uns eine Rast von 20 Minuten an dem Rinnsal des Gletscherabflusses sehr wohl.

Den nördlichen der beiden Gletscher, welchen wir nunmehr beschritten, fanden wir reichlich mit Neuschnee bedeckt und ziemlich spaltenfrei, so dass wir das zeitraubende Seil bei Seite lassen konnten.

Je näher man der Steilwand des Fluchthorns kömmt, desto steiler wird auch der Hang des Gletschers, so dass man zur Erreichung der obersten Firnterrasse sich gerne eines Felsspornes bedient, welcher von dem die Gletscher trennenden Hauptgrat nach Westen abzweigt.Nach Verlauf von 2 Stunden 40 Min. nach Betreten des Gletschers war auch dieser Terrainabschnitt überwunden. Der tiefe und weiche Neuschnee hatte denselben unverhältnissmässig zeitraubend und anstrengend gemacht. Einmal nur waren bei Umgehung einer grossen Spalte ein Dutzend Stufen in 's blanke Eis und das Seil als Handstütze nöthig geworden. Die Steigeisen, die wir bei uns hatten, hätten uns an dieser Stelle gute Dienste leisten können, aber einmal am Eishang klebend, konnten wir sie nicht mehr anziehen und zuvor und nachher brauchten wir sie nicht. Wenn der Glet- scher schneefrei ist, dürften Steigeisen fast unentbehrlich sein, wenn man nicht endlose Zeit mit Stufenhauen vertrödeln will.

Wir befanden uns nun dicht unter dem südlichsten, höchsten Gipfel, welcher sich nur noch etwa 170 Meter über den schmalen und kurzen Schneesattel erhob, auf dem wir standen.* ) Es war 11 Uhr 30 Min. Der Himmel, am Frühmorgen noch im Sternenglanz prangend, hatte sich zusehends hewölkt. Zwar hatten wir noch in hedeutender Höhe unser Auge weit über das Gipfelmeer im Süden und Westen schweifen lassen können, allein wir gönnten uns keine Zeit dazu. Unser ganzes Streben war auf die Erreichung des Ziels und den Genuas der Rundschau von oben gerichtet. Nun hatten dichte Nehel selbst die nächstliegenden Berge verhüllt und auch unser Gipfel steckte in einer Nebelkappe. Ein eisiger Wind wirbelte weisse Flocken uns um 's Haupt. Es verstrich eine Viertelstunde, bis wir uns durch einen Schluck Wein und etwas Nahrung gestärkt uud auch unser übriges Gepäck bis auf den Plaid, die dicken Fäustlinge und die ohrenwärmende Zipfelhaube abgelegt hatten.

Um 11 Uhr 45 Min. brachen wir zum eigentlichen Angriff auf das letzte und festeste Bollwerk des Un-holds auf. Rechts vom Sattel führte unser Weg erst über ein ziemlich schmales Gesimse und einen kleinen Felssatz hinauf, welcher unter gegenseitigem Beistand bald erklommen war.

Ihm schliesst sich ein kurzes, nicht .eben sympathisches Couloir an; aber oberhalb desselben wird der Pfad besser. Ueber mit Neuschnee bedeckte Geröllhalden ziehen wir uns wieder mehr nach links. Aus dem Nebel, welcher den tief unter uns liegenden Gletscher verhüllt, erschallen menschliche Rufe. Sie müssen von dem Träger herrühren, welcher uns nachsteigt. " Was der hier will, ist uns freilich nicht klar.

Immer dichter umwirbelt uns der Schnee, die letzte Hoffnung auf einen freien Blick vom Gipfel ist erloschen. Aber wenn man drei Jahre lang einem Berge nachgeht, dann kehrt man so nahe dem Ziele nicht um. Das mag eigensinnig sein, aber es ist menschlich.

Unser geistlicher Anführer überlässt die Führung der Tête dem unermüdlichen Jann und birgt sich vor dem Unwetter hinter einem grossen Felsblock. Nicht seinetwegen; aber der Knabe, den er mitgebracht, macht uns längst Sorge. Frost, Erschöpfung und wohl auch Angst liaben ihn leichenblass gemacht. Trotz der starken Anstrengung klappert er beständig mit den Zähnen. Da ist es allerdings klüger, dass* er unter dem Schütze des erfahrnen Mannes zurückbleibe. Wir dringen unterdessen langsam voran, stets mit Händen und Fussen Halt in dem tiefen, weichen Schnee suchend.

Unser Hauch überzieht bei dem schneidigen Wind längst unsere Barte mit einer eisigen Kruste. Der überall an den Kleidern anfrierende Schnee gibt uns das Aussehen von Eisbären. Hätten wir unsere dicken Fäustlinge nicht, es wäre übel um uns bestellt. Endlich haben wir jenes Felsenriff in der Mitte eines längern steilen Couloirs erreicht, von welchem auch Weilenmann sprichtund schöpfen eben etwas Athem, da tönt aus der Tiefe die Stimme des Frühmessers, es sei schon spät, so langsam, wie wir jetzt vorwärts kämen, brauchten wir noch zwei Stunden bis zum Gipfel. Wir sollten umkehren, da wir riskiren, mit dem Abstieg in die Nacht zu kommen.

Einen Augenblick wurden wir schwankend, aber weit konnten wir vom Ziele nicht mehr entfernt sein, das zeigte die ganze Configuration unserer Umgebung.

Nach so vielen erfolglosen Versuchen abermals mit langer Nase abzuziehen, das wäre doch zu bitter gewesen.

Jann und einer der Gefährten beharrten fest auf dem Entschluss, noch weiter emporzusteigen; zudem war es erst 1 Uhr, ein Stück weit konnte man immer noch vordringen, bis endlich die Distanz, die uns noch vom Gipfel trennte, zu übersehen war. Also vorwärts!

Bis über die Hüften steht Jaun im Schnee und schafft mit seinem Beil einen Durchhieb durch eine dicke Schneegewächte, welche den Weg sperrt. Mühsam klimmen wir den steilen Hang, an welchem der Schnee unter jedem unserer Tritte abrutscht, hinan, zwängen uns durch die Schneewächte und siehe dajenseits auf einem kleinen Zacken steht Jann's untersetzte Gestalt, mit ausgespreizten Beinen, mitten im Nebel und Schneegewirbel schier gespenstig anzuschauen. Er hat den Gipfel erreicht und in wenigen Minuten sind wir hei ihm und verkünden den unten Harrenden durch ein lautes « Hurrah » den frohen Augenblick. Es war 1 Uhr 15 Min. Vom Sattel am Fusse des Horns haben wir l1,^ Stunde und von Galthür exakt 9 Stunden gebraucht.

Langen Bleibens ist hier in dem Unwetter nicht. Das Fluchthorn ist mir eben so unhold als der Piz Linard. Nicht drei Schritte weit ist zu sehen. Ich bescheide mich aber in der Erinnerung an die herrliche Rundschau vom Schwarzkopf und vom Piz Buin und freue mich des errungenen Sieges. Die Flasche ist bald aus dem Steinmann hervorgeholt und nimmt unsere Karten auf. Diejenigen unserer Vorgänger zu mustern, fehlt uns die Musse. Es sind deren etwa zehn. Jene des Herrn Specht befindet sich zweimal darunter. Der Gipfel des Fluchthorns bildet ein kleines klippiges Plateau, in dessen Mitte auf erhabenem Block der Steinmann steht.

Nach nur viertelstündigem Verweilen beginnen wir den Rückmarsch. Nie habe ich die Wahrheit des alten Bergspruchs „ Hinauf hilft bloss ein Heiliger, Hinunter helfen sie Alle !"

so sehr erprobt, wie an diesem Tage. Halb tretend, halb rutschend geht es durch den Schnee hinab. In wenigen Minuten sind die Zurückgebliebenen erreicht und eine halbe Stunde nach Verlassen des Gipfels sind wir wieder auf dem Sattel.

Jetzt wissen wir, was der Träger, dessen Johlen wir gehört, hier gethan hat. Entweder aus einfacher Dummheit oder aus besonderer Klugheit, weil er im Nebel des Futschölpasses nicht sicher war, war er unseren Spuren gefolgt und hatte unser ganzes Gepäck hier deponirt. Mit sauersüssen Mienen nahm Jeder seine Last auf, um sie bis auf den Futschölpass, drei Stunden länger als programmgemäss, zu tragen. Eine Rekognoszirung nach einem direkten Abstieg vom Sattel auf den tief unten liegenden südlicheren Gletscher liess ein derartiges Unternehmen bei dem herrschenden Unwetter als unräthlich erkennen. Bei hellem Wetter dürfte es keine grossen Schwierigkeiten darbieten. So folgten wir wieder unseren alten Fussstapfen bis in die Nähe einer Lücke in dem die beiden Gletscher trennenden Grate. Um 2 Uhr 45 Min. nahmen wir auf dem Gletscher Abschied von unserem liebenswürdigen geistlichen Führer und Begleiter und seinem jugendlichen Gefährten, nicht ohne Ersterem unseren wärmsten Dank für die Aufopferung auszusprechen, mit welcher er uns nach so langen Mühen endlich zum Ziele geführt hatte.

Noch auf dem Gletscher, am Vormittag, hatten wir die Hoffnungslosigkeit des Wetters erkannt. Ein Wort aus dem Munde Battloggs hätte genügt, uns zur Umkehr zu bestimmen und der Zahl der missglückten Versuche einen neuen, wahrscheinlich letzten anzureihen. Dass e r, für den der Berg unter diesen Umständen ja keinen Reiz hatte, uns zu Liebe dieses Wort nicht sprach, sondern Stunde um Stunde im Kampf gegen Wind und Wetter mit uns aushielt, bis zu einem Punkt, wo wir nicht mehr irren konnten, dafür hatten wir auch allen Grund, ihm dankbar zu sein.

Während er mit dem Knaben den Weg vom Morgen zurückverfolgte, durchschritten wir die obenerwähnte Lücke und sahen nun tief unter uns den südlicheren Gletscher liegen.

Stolz ragte jenseits desselben die Krone empor. Wir stiegen auf die Endmoräne hinab und verfolgten sie bis zum jenseitigen Gletscherufer, welches durch « inen Ausläufer der Krone gebildet wird und aus einem feinen, bröckeligen Schiefer besteht. Dasselbe übersteigend betraten wir bald die Endmoräne des kleinen Gletschers zwischen Krone und Futschölpass, von welcher aus wir wieder auf den Passweg einlenkten. Um 4 Uhr 45 Min. überschritten wir das theilweise vergletscherte Passjoch und um 5 Uhr 35 Min. langten wir auf der Sohle des Val Urschai an. Unaufhaltsam marschirten wir thalauswärts. Bald nachdem wir die Alp Urschai hinter uns hatten, befiel uns die Nacht. Um 8 Uhr 30 Min. passirten wir Fettan und der Dunkelheit wegen der breiten vielgewundenen Fahrstrasse folgend erreichten wir um 9 Uhr 55 Min. das wackere Hôtel Piz Chiampatsch in Schuls nach acht-zehnstündigem scharfem Marsch, während dessen wir zusammengerechnet fünf Viertelstunden Rast genossen hatten.

Die nächste Mittagspost trennte uns. Meine Freunde wanderten dem Etschthale zu, ich kehrte über den tief verschneiten Flüelapass nach Hause zurück.

Mein nächster Weg wäre über Galthür und Zeinisjoch gewesen. Der Wunsch, einmal die langentbehrte Gesellschaft zweier auswärtiger Freunde möglichst lang zu geniessen und andererseits auch die Gegend jenseits des Futschölpasses kennen zu lernen, bestimmte mich jedoch, mit nach Unterengadin hinauszugehen.

In der Folge hatte ich Ursache, mir zu diesem Entschluss zu gratuliren, denn, wie mir Herr Battlogg später schrieb, wurde er in der Nähe der äussersten Hütte im Jamthal von einem Manne eingeholt, der ihn bat, ihm zu einer Sterbenden zu folgen. Ein junges Mädchen war soeben aus einem Bergmaar gestürzt. Bereitwillig eilte der wackere Seelsorger zurück und fand die Verunglückte übel zugerichtet. Jedoch gewann er bald die Hoffnung, dass sie nicht lebensgefährlich verletzt sei. Das Aechzen und Stöhnen der Unglücklichen und der Anblick von Blut und Wunden im Zusammenfluss mit der Ermattung des Tages überwältigten aber den braven Mann, so dass er ohnmächtig zusammenbrach und sich erst nach einer Weile wieder erholte. Wenn das dem bergesfesten Manne geschah, was wäre aus mir geworden?

Was nun die Schwierigkeiten betrifft, welche das Fluchthorn dem Besteiger entgegenstellt, so ist nicht zu übersehen, dass sowohl Weilenmann als wir besonders ungünstige Wetter- und Schneeverhältnisse antrafen.

Hat uns auch der tiefe Neuschnee den wesentlichen Dienst geleistet, dass er die losen Geröllhalden mit einer Schutzdecke überzog, welche das Abfallen und Losetreten von Steinen und damit die einzige Gefahr verhütete, welche dem Besucher des Fluchthorns besonders in zahlreicher Gesellschaft droht, so war er im Ganzen doch hinderlich und lästig.

12 Bei guten Verhältnissen dürfte das Fluchthorn nicht sehr viel schwieriger sein als der Piz Linard.

Es ist eine Eigenthümlichkeit der Silvrettagruppe, dass ihre beiden höchsten Erhebungen, Linard ( 3416 m ) und Fluchthorn ( 3396 m ), am Südwestrand und Nordostrand aus dem eigentlichen Gletscherrevier herausgerückt sind. An Grossartigkeit und Reiz der Formen nimmt das Fluchthorn es mit jedem Rivalen auf. Die Rundschau soll schöner als jene des Linard sein. Neidische Nebel gönnten mir weder die eine noch die andere, so dass ich selbst nicht urtheilen kann.

Bergfreunden, welche sich nicht damit begnügen, ein paar Alienveitstouren zu machen, sondern denen etwas daran liegt, ihre Excursionsgebiete wenigstens in den charakteristischen Hauptmomenten gründlich kennen zu lernen, sollten beim Besuch der Silvrettagruppe nicht versäumen, auch das Fluchthorn zu besteigen. An Führern ist nunmehr kein Mangel. Von Vorarlbergern hat Herr Battlogg in der verdienst-lichsten Weise die Führer Rudolf Kleboth in Gaschurn, Bitschnau in Schruns und Norbert Gapp in Bludenz mit dem Berge bekannt gemacht. Von Schweizer Seite ist Christian Jann in Klosters'der Erste gewesen, welcher den Borg erstieg. Es ist auffällig, dass allem Anschein nach kein Schweizer Clubist seit Weilenmann das Fluchthorn vor uns bestiegen. Gehört der Berg doch zur Hälfte zur Schweiz, deren Grenze seinem Hauptgrat entlang läuft!

Eine grosse Befriedigung überkam mich, nunmehr nach drei Sommern und nach Besteigung des Piz Linard, Schwarzkopf, Piz Buin, Valüllaspitze und Fluchthorn meine Wanderungen in der Silvrettagruppe abschliessen und mich einem der vielen mir noch fremden Alpengebiete zuwenden zu können. Und doch! immer und immer wieder steigen die nebelverhüllten Häupter des Linard und Fluchthorns und die namenlose Gipfelreihe über dem Jamthalerferner im Geiste vor mir auf und winken und locken zu neuer Ausfahrt. Ob ich der Lockung widersteheIch glaube es selbst nicht.

Feedback