In den Bergen ist es am schönsten

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In den Bergen ist es am schönsten

André Pasche, Gland

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53 Ein Zug von Norden, ein anderer von Süden her bringen am Sonntag, den 6. Mai, die 17 Teilnehmer unserer Clubwoche'auf die Bahnsteige von Kandersteg. Händeschütteln, Begrüssung; 868 Jahre sind hier versammelt, nicht eingerechnet die zwei jungen Führer, die - das vereinfacht die Sache - beide Peter heissen. Allerdings verspüre ich einen kleinen Stich im Herzen bei der Feststellung, dass ich hier der einzige Romand bin.

Bevor ich nun auf den eigentlichen Verlauf dieser erlebnisintensiven Tourenwoche eingehe, möchte ich zuerst unseren täglichen Begleiter vorstellen: ihn, der einen einfachen Felssporn in einen bedrohlichen Schiffsbug verwandelt; ihn, dem es gelingt, uns auf einen Irrweg zu führen, auf dem wir unser Ziel nie erreichen werden; ihn, der Mulden in Buckel verwandelt und der den Verstand so durchein-anderbringt, dass uns plötzlich jeglicher Orientierungssinn im Stich lässt. Zeit- Bewegung — Hinauf und Hinunter- Einsamkeit -Stille... Dies alles verliert durch ihn Sinn und Gehalt. Es ist der Nebel, jene undurchsichtige, alles verhüllende Masse, deren Vorhandensein uns beunruhigt, deren Verschwinden aber die Landschaft in neuem Glanz erstrahlen lässt und ihr den Anschein gibt, als sei sie eben erst entstanden.

Erste Etappe Schwarenbach ( 2061 m ). Der tadellose Empfang setzt der Träumerei des Tages ein Ende. Wir sind vom Sunnbühl her gekommen, haben unterwegs zwei heisere Schneehühner aufgestört und Bergbäche mit Hilfe von Baumstämmen überquert. Zum Frühlingsskifahren gehören auch der Glaube an das eigene Können und das Vergnügen, eine kleine Brücke nicht zu beachten, um einen offenbar unnötigen Umweg von einigen zehn Metern zu vermeiden. Jetzt gilt es, mit den verschiedenen Dialekten - Bern, Uri, Oberwallis, Tessin, Bünden und Zürich - vertraut zu werden und sich eine bemerkenswerte Anzahl von Vornamen und Spitznamen einzuprägen. Solche erste Kontakte sind im- mer ein wenig unbehaglich: jeder beobachtet auf seine Weise die Gefährten dieser Woche, mustert verstohlen das Material, taxiert die Fähigkeiten, bildet sich seine Vorurteile ( die er in der Folge häufig aufgeben muss ), kriecht aber schliesslich unter seine Bettdecke, um sich auf die kommenden Ereignisse vorzubereiten.

Zum Teufel mit der Sitte, bei Nacht und Nebel, noch völlig schlaftrunken, aufzubrechen! Doch hier ist davon glücklicherweise nicht die Rede; es kommt genau so, wie ich es mir im Geheimen erhofft habe: ein zeitiger, aber nicht zu früher Aufbruch. Keine Stirnlampen notwendig wie anlässlich der Massenaufbrü-che zu grossen alpinen Routen, kein Paris-Da-kar im Schnee, kein unangemessener Ehrgeiz.

Ein einziger gemeinsamer Wunsch: eine Woche in der freien Natur leben, sie von Anfang bis zum Ende geniessen, vergessen, sich freuen, Zusammensein.

Am ersten Ziel, der Alten Gemmi, angelangt, erklingt alsbald aus unserer Mitte der leise Ton einer kleinen Mundharmonika, eine Weise, die, man spürt es, direkt aus dem Herzen des spielenden Kameraden kommt. Ja, und hier findet sich wohl auch eines der Merkmale, die die Eidgenossen von anderen unterscheiden: Nicht darum geht es, Pluspunkte für Angehörige irgend einer Richtung oder Gruppe zu sammeln, sondern um die Erfahrung, dass die Stimmung des Augenblicks durch eine Melodie verkörpert und für alle gleichermassen fühlbar gemacht wird. Ein ähnlicher Unterschied liegt in dem Brauch, grundsätzlich miteinander anzustossen, wenn man sich zutrinken will. Es genügt eben nicht, sich nur offen in die Augen zu blicken!

Blick von der Lämmerenhütte auf Schwarzhorn und Rothorn Solchen Gedanken nachsinnend erreichen wir auf 2800 Metern den steil ansteigenden Hang des Schwarzgletschers, wo unsere Führer die vernünftige Entscheidung treffen, umzukehren. Tatsächlich nehmen die tieferen Schneeschichten mehr und mehr den Charakter übereinandergelagerter Pakete an, die sich mühelos mit dem Knauf des als Sonde verwendeten Skistockes durchstossen lassen. Währenddessen erzählt mir mein Kamerad vergnügt, dass er seit 65 Jahren Ski läuft und 55 selbst nur zehn Zentimeter tiefen Frühjahrsschnee ausnutzt, um seine Wedelkünste zu verbessern. Bei diesen Worten durchströmt mich eine starke Hoffnung, so wie er und meine anderen Freunde ebenfalls, noch lange Zeit unsere herrlichen Berge erleben zu dürfen...

Die beiden Auerhähne, die wir in Arenwald, beim Aufziehen der Felle, beobachten konnten, sind inzwischen davongeflogen. Offensichtlich haben sie den Schreck über unser unvermutetes Auftauchen am frühen Morgen überwunden. Im Berghotel endet der Abend mit einer Diaschau; die gelungene Überraschung soll Erinnerungen an Senioren-Club-wochen der letzten Jahre wachrufen. Hat man einmal daran teilgenommen, so bleibt der starke Wunsch zurück, das nächstemal wieder dabei sein zu können - schon jetzt fühle ich mich in unserer Gruppe bestens aufgehoben.

Am Morgen, nach dem Aufstieg zum Rindersattel ( 2909 m ), werden mehrere unserer guttrainierten Teilnehmer beim Anblick des nahen Gipfels offensichtlich ungeduldig. Heute hat das Thermometer einen der Jahreszeit entsprechenden Stand erreicht. Nachdem wir unsere Skis vorzeitig deponieren mussten, werden nun die von unserem Bergführer Peter Stucky mit dem Pickel präparierten Spuren in dem eisigen, zum Gipfel emporführenden Hang gewissenhaft benutzt. Doch die Regeln der Vorsicht veranlassen uns schliesslich, auf das Rinderhorn zu verzichten, was uns aber nicht abhält, den Blick auf die benachbarten Gipfel Balmhorn und Alteis zu geniessen. Eine Lawine hat das Couloir verwüstet, es mit gewaltigen Schneemassen gefüllt, deren grobblockige Haufen ineinandergeschachtelten Eisenbahnwagen gleichen. Doch bleibt uns am Rand immer noch genügend Raum, um die Abfahrt würdig zu geniessen, bis wir, wenn auch ungern, ins Nebelmeer eintauchen. Dann, nach unserer Ankunft in der Herberge, werden feste Freundschaften begründet: durch Berichte jedes einzelnen über seinen Beruf ( Brauermeister, Kaufmann, Arzt... ), sein Leben, seine Pläne, durch das Anhören der unvermeidlichen Bergabenteuer, durch das allgemeine Bemühen, sich in mehreren Sprachen zu verständigen. Charakterzüge nehmen Gestalt an, die wahren Persönlichkeitsmerk- male treten allmählich hervor, gewinnen ihr richtiges Mass. Und plötzlich herrscht das schöne Gefühl, dass wir uns gut kennen, dass wir gern zusammen sind, dass dies schon immer so war und noch lange so bleiben wird. Barrieren, Gräben, : solche gibt es sicher als Dissertationsthemen für verärgerte Politologen, vielleicht auch als Schlagzeilen für Journalisten, denen es an Stoff fehlt; doch eines ist gewiss - sie bilden kein Thema im Gebirge. Ich komme deshalb zum Schluss, dass man das Bundeshaus sogleich auf den Konkordiaplatz verlegen sollte!

Wir müssen nun feststellen, dass der Höhenmesser nicht aufhört, langsam, aber unaufhaltsam zu steigen, ein Zeichen für eine ungewöhnlich schwache Druckverteilung -das macht jede sichere, mittelfristige Wettervorhersage unmöglich. Die Querung zur Lämmerenhütte sollte jedoch keine Schwierigkeiten bereiten. Wir verabschieden uns von unseren Wirten in Schwarenbach, die man vorbehaltlos allen Freunden empfehlen kann - sie werden sich dort sofort wohlfühlen -, um uns auf den Weg zum tief gefrorenen Daubensee zu machen. Das Langlaufgelände der Gemmi ist menschenleer; nur ein Fuchs flüchtet Hals über Kopf in den Schutz der Felsblöcke. Durch das leichte Grau des Himmels dringt jenes zarte, rötlich-orange Licht, das den Anbruch eines strahlenden Tages ahnen lässt. Die ersehnte Sonne vertreibt sogleich alle Geheimnisse, alles wird sauber, klar, warm. Die Kette der Walliser Berge flammt auf, und vom Gipfel des Daubenhorns ( 2941 m ) aus fällt der Blick auf den beinahe erschreckend tief unter uns gelegenen Talkessel von Leukerbad. Dann, einige Zeit später, nimmt die zehnek-kige Lämmerenhütte uns glückliche Besucher auf. Ein paar Gemsen, ein Steinbock - ein alter Einzelgänger - äsen am felsigen Hang, wo zwischen dem Schnee da und dort etwas trockenes Gras zum Vorschein kommt.

Früh am nächsten Morgen unterwegs, scheuchen wir durch unser unvermutetes Auftauchen einen armen Hasen aus seinem Schlupfwinkel auf. Ein rasch dahinhuschendes weisses Pelzknäuel - dann ist er auf der Suche nach einem neuen, sicheren Versteck verschwunden. An diesem Freitag begleiten uns Tausende glitzernder Flocken auf unserem Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern Weg zum Wildstrubel ( 3243 m ). Alle Spuren sind verschwunden. Unter einem Himmel, wo Wolken und Sonne im Wettstreit liegen, tragen sich die Teilnehmer in das Gipfelbuch ein - so die Erinnerung an ihren kurzen Besuch hier oben festhaltend. Und wieder folgt eine Abfahrt, die uns Skiläufern und Alpinisten beinahe Flügel zu verleihen scheint: gleiten, schweben, mit dem Hang leben... wie gemessen wir diese zauberhafte Meisterschaft! Nahe der Hütte beweist unser Bergführer Peter Kimmig seine pädagogischen Fähigkeiten anlässlich einer Suchübung mit dem Barryvox, während zwei zu Köchen ernannte Kameraden mit unvergleichlichem Geschick ein ausgezeichnetes Mahl zubereiten.

Schon ist der letzte Abend gekommen. Freude und Bedauern mischen sich auf eine ganz eigenartige Weise, was gleichzeitig in uns Gefühle weckt, die durch unsere Lage noch betont werden. Allein in dieser, von einer dicken Neuschneedecke eingehüllten Hütte, ziehen wir eine erste Bilanz und bereiten unsere künftigen Begegnungen vor ( Photoaus-tausch, Organisation der Clubwoche 1985; wenn Du einmal ins Welschland kommst, bist Du herzlich willkommen... ). Die Hoffnung, am nächsten Tag möge nicht alles endgültig vorbei sein, erfüllt uns in der stillen Nacht.

Nachdem wir die Lämmerenhütte - selbstverständlich tadellos sauber und in guter Ordnung, das ist Ehrensache-verlassen haben, erklimmen wir vergnügt den Roten Totz ( 2840 m ). Wir fahren in einem Pulverschnee, wie man ihn sonst nur im Januar antrifft, wieder dem milchig-weissen Nichts entgegen. Dank dieses kleinen Instrumentes, dem man unbedingt vertrauen muss und das sich durch die verschiedenen aus der jeweiligen Situation heraus geäusserten Ratschläge weder ablenken noch beeinflussen lässt, finden wir den für kurze Zeit verlorenen Weg wieder. Kompass, Schutzengel der Verirrten, dir sei Dank! Dann durch das Üschenetal in tiefem, aber noch fahrbarem Schnee hinaus, und über frisch verschneite Weiden setzen wir unsere Abfahrt soweit als möglich in Richtung Kandersteg fort. Es regnet.

Eine herrliche und von prächtiger Kameradschaft geprägte Ferienwoche im Gebirge ist zu Ende. Die erste Neuigkeit bei der Rückkehr in die Zivilisation: sieben Länder boykottieren die nächsten Olympischen Spiele. Das - übliche - Leben geht weiter...

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