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Irrlichter einer Gletscherwanderung

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Irrlichter einer Gletscherwanderung

Mit 1 Bild ( 2 ) Von H. R. Conrad

( Zürich-Wipkingen ) Oberaarjoch Nach langandauerndem Schönwetter haben die Wechseltage vor dem grossen Herbstumschlag eingesetzt. Schwere Wolkenmassen hängen an den Gipfeln und wälzen sich in den Tälern. Doch auf dem Schneekessel des Studerfirns trotzt die Sonne und brennt heiss auf eine Dreierseilschaft, die, von der Gemslücke kommend, den Gletscher langsam quert und unterhalb des Oberaarjoches rastet. Die nächste Etappe führt wohl über den Pass oder in die Hütte? Nein, nach zwanzig Schritten liegen wieder alle drei! Und so geht 's weiter. Noch zwei Rasten brauchen sie, bevor die Hütte erreicht ist, als ob unsägliche Mühe hinter ihnen läge.

Klein und niedrig ist die Hütte, ein willkommenes Schlupfloch für einen schlechten Tag, aber Stunden langen Gletscherweges vom Tal entfernt. Krank liegt nun der Führer auf der Pritsche, und es graut uns vor der bangen Ungewissheit des Morgens. Vorläufig verdrängen die Hüttenarbeiten unsere Sorge — Wasser, Holz, Feuer und Suppe tun not und müssen her. Aber am späten Nachmittag verschleiert sich die Sicht. Leise tanzen die Flocken über den öden Pass und verdecken das ersehnte Grün im Osten. Kälte belagert Tür und Fenster, und unsere Untätigkeit lässt auch die Phantasie herein. Ein Schauer überläuft die Rücken, und wir flüchten uns vor unseren schwarzen Gedanken unter die Decken. Vor dem Einschlafen haben wir Zeit genug, den nächsten Morgen nach Willkür traumhaft zu gestalten.

Wenn am nächsten Tage nur wenig Neuschnee die faulen Felsen des Rothorns schmückte, wenn unser Führer mit neuen Kräften den Abstieg mit uns unternahm, so hatten wir doch von weitem einen Blick in jene grauen Berge geworfen, wo Nebel, Schnee und Sturm, Erschöpfung, Krankheit und Tod der Menschen harren.

Steigeisen Unter tiefschwingenden Regenwolken sticht ein brauner Fleck nur durch seinen sonderbaren Umriss aus den unzähligen braunen, grauen und schwarzen Flecken des aperen, moränenbedeckten Gletschers hervor. Wir nähern uns ihm, halbneugierig nur in unserer Müdigkeit. Ein Paar rostiger Steigeisen liegt im Eis gebettet — ringsum verzettelt die Gurten. An einem Eisen fehlen zwei Zacken. Das Modell ist altmodisch, seinesgleichen liegen schon in den Schaukästen der alpinen Museen. Wir bilden einen Kreis, und die Gedanken überflügeln das jahrzehntelange Fliessen des Eises, springen zurück zum Tage an dem — war 's Ungeschick, war 's...? Unsere stumme Frage prallt an der ungeheuren, starren Fläche ab. Das Eis schweigt, und wir wandern schweigend weiter, ein Schicksal ahnend nur.

Rhonegletscher Hotel Belvédère am Rhonegletscher. Ein strahlender Nachmittag im Hochsommer. Zahlreiche Cars alpins und Privatautos stehen an der prallen Sonne. Zwei- und dreifach rollen die Postkurse mit ihren gelben Wagen auf der Furkastrasse. Ein buntes Gewimmel von Führern, Chauffeurs, Bergsteigern, Ferien- und Tagesgästen macht sich über Strasse, Fusswege und Berghang breit. Schaulustige bestürmen die Eisgrotte. Die Räume des Hotels sind mit Menschen überfüllt.

Plötzlich verfinstert sich der Himmel, dichter Nebelqualm umhüllt die Gegend, ein unheimlicher Donnerschlag kracht, und, vom Sturmwind weggefegt, verschwinden Autos, Gäste und Führer, Pickel, Postkarten und Reiseandenken, in den Schrunden des Gletschers, im Hotel, in der Garage und wo sich nur Unterschlupf bietet.

Das Getöse hat sich gelegt; wieder strahlt die herrliche Nachmittagssonne, der graubraune Steinbau des Hotels steht immer noch im Strassen-bogen am blendenden Gletscherabbruch, und das weisse Band klettert immer noch kühn zur Furka hinauf. Aber — ein einziges kleines Militärauto schwingt um die Kurven hinauf, Soldaten putzen Schuhe, klopfen Decken und rasieren sich an einer Notleitung. Verödet sind die Gesellschaftsräume des Hotels. Zwei müde Velofahrer stossen langsam auf der Strasse und kehren dann in die Wirtschaft ein. Zweifelnd und widerwillig geht die Serviertochter ihnen entgegen. Man hat sowieso nicht genug Zeug, um am Abend die Soldaten zu befriedigen.

Draussen prangt die Landschaft in ihrer hehren Schönheit, und höhnisch lachend stürzen die Séracs in die Tiefe.

Ewigkeit und Wandel im Gletscher Der Gletscher ist der Träger seltsamer Kontraste, er birgt scheinbare Widersprüche in seinen Eismassen und auf seinen weiten, bald blendend weissen, bald schmutzig grauen, bald glatt gewellten, bald arg zerfetzten Flächen.

Schauen wir ihn einmal an! Starres Eiskorn lagert auf starrem Eiskorn, und die Geburt dieser Kristalle ist in einer unergründlichen, weissen Tiefe gebettet. Ist das Gefrieren nicht gleichbedeutend mit Erstarrung?

Bald belehren uns aber andere Erscheinungen eines Besseren. Wenn wir am Rande des Gletschers ausharren, bemerken wir allmählich seine Vergänglichkeit, die Spuren seines Zerfalls — rauschende Bäche in geheimnisvollen Schächten, das Krachen der fallenden Séracs, das unheimliche Stöhnen des gepeinigten, unerbittlich vorwärts geschobenen Eises. Hier ist das Eis alles, nur nicht starr oder gar ewig. Und doch, wenn es uns auch überall bei näherer Betrachtung seinen eigenen Zerfall als Schauspiel anbietet, so sehen wir vieles am Gletscher, das von naher und ferner Vergangenheit eine beredte Sprache führt. Mitten im Wandel des Dauernden erblicken wir wieder die Dauer des Wandelnden.

Nicht weit vom aperen Eise läuft quer über den Firn die schwache Spur der letzten Frühlingsskifahrt. Weiter liegt ein Erlenblatt, von einem Herbststurm hingewirbelt. Dieser steif den Spaltenrand schmückende Libellenleib, erinnert er nicht an den Aufwind eines Sommernachmittages am Weiderücken hinter der Alp? Nicht vom Winter allein spricht der Gletscher, sondern von allen Jahreszeiten. Und erst recht von Jahrzehnten, vielleicht von Jahrhunderten, wenn wir den Kreislauf des Wassers vom Gletschertor durch die Kontinente zum Ozean und zurück über Wolke und Schneeflocke zum Gletscher verstehen.

Der Gletscher, dieses wirre Knäuel des Nebeneinanders und des Nach-einanders in der Zeit, bewegt sich starr und schmilzend zu Tal, eine grosse Metamorphose, gebildet aus einer Unzahl Veränderungen jeder Grössenordnung. Aber eines nur ist daran wahrhaft bleibend, eben « das Werdende, das ewig wirkt und lebt ».

Die Führer Am Zugang zum Gletscher, die schönen Linien der Bergflanke hässlich unterbrechend, steht eine längst verlassene Wirtschaft. Der unschöne Bau hat zwei gegen den Berg gewandte Türen, da wo der Alpweg an ihm vorbeiläuft. Wenn man den verblichenen Inschriften Glauben schenken soll, führte einst die eine zur « Salle des Voyageurs », die andere zur « Salle des Guides ». Als verspäteter Nachzügler des versiegten Fremdenstromes, der sich in dieser Gegend kaum neben den Tagesmenschen — den Soldaten und Sennen — zu zeigen wagt, mache ich halt und stutze!

Von der Hitze ein wenig ermattet, raste ich und gebe mich dem Träumen hin. Die Luft schimmert mirageartig über den Steinen des WTeges. Leute kommen — Leute seltsamen Aussehens, ein bunter Schwärm, aristokratische Herren und Akademiker, meistens englischer Sprache, dann später gut-bürgerliche Familien, alte Damen auf Maultieren, schliesslich ein Durcheinander von Fremden aller Stände und aller Sprachen, ernste Deutsche, flinke Japaner, geführte Gruppen gaffender, immer hastender Amerikaner und ihrer mehr. Und als tragende Grundströmung des unsteten Zuges, gedrungene, sehnige Bauerngestalten, drei einheimische Führergenerationen.

Vor dem Haus trennt sich die Menge, nach links die Vielfalt der Kleidung, Sprache, Miene, nach rechts die Einheit der Tracht, des Körperbaus. Die Türen, offen jetzt, nehmen diese Kolonnen auf — « Salle des Voyageurs », « Salle des Guides »!

Ein kühler, verirrter Windhauch streicht über die Lichtung. Ein Stein poltert in der nahen Bachrunse, Schritte hallen am Wege und Pickel klirren. Ich fahre fröstelnd auf. Die Sonne ist hinter die Fichten verschwunden. Verödet steht die Ruine da. Drei Bergsteiger ziehen vorbei. Wer unterscheidet sie? Die modrigen Türen sind ja geschlossen. Ich schaue näher zu. An der Brust tragen alle drei eine Metallbrosche mit dem weissen Kreuz auf rotem Felde, doch die des letzten ist grosser, mit breitem Rand. Etwas im Blick und auch seine Hautfarbe sondern ihn von seinen Begleitern ab, trotzdem diese ebenfalls gebräunt sind. Er ist also der Führer! Ohne das Abzeichen, wer würde es im Vorbeigehen merken. « Salle des Voyageurs », « Salle des Guides »! Ach, das tönt aus einer anderen Welt!

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