Korsika — ein Gebirge fällt ins Meer

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Peter Donatsch, Mastrils ( GR )

Erste Eindrücke Eine gezackte Linie hoher Berge erhebt sich mit einem Mal aus der weissen Dunstschicht über dem Mittelmeer. Wie losgelöst von aller Erdenschwere scheint das Festland auf diesem strahlenden Teppich zu schweben, undeutlich und irgendwie unwirklich. Erst nach und nach verdichten sich grüne und braune Farbtöne zu Wäldern und niedrigem Buschwerk, werden verschwommene weisse Punkte zu Dörfern und Häusern, kommt unter dem Dunst eine Barriere steiler Küstenfelsen hervor und taucht ins tiefblaue Wasser, das hier grundlos und unendlich zu sein scheint. Die Sonne lässt Myriaden von glitzernden und funkelnden Lichtpunkten in einer deutlichen Spur im Kielwasser der Fähre hin- und hertan-zen. Erst weit draussen an der Horizontlinie lösen sich die Lichtpunkte ins gleichförmig blaue Meer auf; dort, wo Meer und Ferne, Himmel und Erde zu verschmelzen scheinen. Kleine bunte Fischerboote setzen malerische Kontrapunkte aufs gleichförmige Blau. Jetzt erhält die undeutliche Küstenlinie allmählich Gestalt, unsere Fähre dringt in den Dunst der Insel ein, der sie alsbald wie eine schützende Decke umfängt - ihr Willkommensgruss! Und oben am Cap Corse bewachen aus riesigen rohbehauenen Steinquadern errichtete genue-sische Leuchttürme die weissgetünchten Dörfer, während in den Häfen der Mastenwald der Segelboote träge im Brackwasser dümpelt.

Korsika. . Klingende Werbespots, die dich an Urlaub, Romantik und Nichtstun denken lassen.

Im Hafen von Bastia begrüsst mediterrane Hektik den Ankömmling. Die Hauptstrasse der Stadt hat zwei Spuren, gefahren wird zu viert nebeneinander; Gehupe, Strassencafés und Gemüsekarren. Es riecht nach Öl, Seetang und Autoabgasen. Die Fähre entlässt eine Blechlawine mit Touristen, die sich nun, die Strassenkarte auf den Knien, ihren Weg ins Innere der Insel suchen.

Nur wenige Schritte dahinter liegt der alte Hafen. Hier hängen die Fischer noch ihre antik anmutenden Netze zum Trocknen an die Ra-hen, und einer streicht den Rumpf seines Bootes neu: azurblau oben, mit einem roten Streifen und weissem unteren Teil. Rot-weiss-blau - die Farben Frankreichs. Aber doch nicht Korsikas, oder? Das Boot heisst Bastienne, Heimathafen Bastia. Bastia liegt auf Korsika.

Im Asco-Tal Szenenwechsel. Eigentlich wollten wir ja bergsteigen, deshalb tuckern wir nun auch langsam in das nicht endenwollende Asco-Tal hinein.

meldet eine Tafel, die durchlöchert wie ein Sieb am Wegrand steht. Viele Korsen haben Mühe mit den rot-weiss-blauen Strassenschildern der Franzosen. Sie nennen ihre Insel auch nicht , wie die Festländer, sondern ( Corsica ), und ihr Wahrzeichen ist der Mohrenkopf mit dem flatternden Stirnband. Und die Ortstafel

Im öden Steiltal von Asco hat nur der Wildbach Platz. Die Strasse wurde dem Felsgelände abgetrotzt, hineingesprengt. Sie besteht erst seit wenigen Jahren, erfahren wir aus dem Reiseführer und fragen uns dabei, wie die 350 Einwohner des Dorfes Asco wohl bis anhin ihre Heimat erreicht haben. Die Strasse ist auch heute noch abenteuerlich, Gegenverkehr wird zur Fahrschulübung, Kreuzen ist unmöglich.

Sechzehn Kilometer nach der Abzweigung der Schnellstrasse Ile Rousse—Ponte Leccia weitet sich das Tal für einen Moment. Erden-fern, wie in einer anderen Welt, schliessen dunstig-blaue Bergketten den Horizont. Zak-kenreihen ohne Ende, bizarre Felsformationen, die alle Interpretationsmöglichkeiten der Phantasie offenlassen. Bergkette folgt auf Bergkette - eine wahre Symphonie aus Türmen, Nadeln, Gipfeln und Pässen. Jeder Grat ein Salbitschijen, jeder Quadratmeter grundsolides Urgestein. Und davor, auf den letzten erdigen Kuppen, einem umgekehrten Vorhang gleich, wächst eine dünne Reihe von Bäumen, weniger ein Bollwerk als vielmehr vollkommene Kulisse vor der heranbrandenden Wucht sommerlich-feuchter Kumuluswolken. Es ist heiss und riecht nach Regen.

Dort, wo sich die Talflanken markant zurücklegen, haben die Bewohner von Asco ihre Oase geschaffen. Die Häuser des Dorfes schmiegen sich eng aneinander wie eine Schafherde im Novembersturm. Auch dies hat sein Gutes: Das gibt im Winter warm und im Sommer kühl. Obwohl schon Mitte Oktober, flirrt und flimmert die Luft über dem staubigen Talkessel wie im Hochsommer, und die Häuser spenden sich gegenseitig Schatten. Da sitzt der alte Mann mit dem Beret, stützt den Kopf auf den Knauf seines Stockes und sinniert in den Tag hinein. Aus einem Haus dringt Stimmengewirr. Im einzigen Restaurant des Dorfes werden die Neuigkeiten ausgetauscht, die meist nicht mehr so neu sind, wenn sie hier hinten ankommen. Alles braucht seine Zeit, bis es nach Asco dringt. Und das ist schön. Am meisten Schatten spendet der Kirchturm. Inmitten des Dorfes erhebt er sich, mittlerweile fast mehr Bedrohung als Hort und Schutz, denn die mediterrane Sonne hat den Mörtel, der die grossen Steine des Kirchturmes zusammengehalten hat, gnadenlos ausgetrocknet und stückchenweise aus den Fugen fallen lassen. Wir stehen unter dieser schwindelnd hohen Mauer, und ein unbehagliches Gefühl beschleicht uns.

Etwas vor dem Dorfanfang beginnend bis kurz nach den letzten Häusern haben euphorische Strassenbauer den romantischen Weg auf sechs Meter verbreitert und einige Tonnen Teer in die Landschaft geknallt. nennt sich das und hat irritierenderweise sogar sein Gutes, denn der Kirchturm des Dorfes würde es wohl nicht ertragen, wenn sich die Autocars mit ihren Stossstangen an seinen Grundmauern entlangschrammen würden. Wo die endet, ist auch das Asco-Tal fertig und beginnt das Strancacione-Tal. Zuhinterst, auf dem Plateau Stagnu, liegt Haut-Asco, die Skistation Korsikas. Der Name ist wohl etwas hochgegriffen für den kleinen Schlepplift, das blechverkleidete Hotel und die paar drolligen Chalets, die umgekehrten Käsestücken gleich zwischen den letzten Bäumen stehen. Alles ist klein und passt irgendwie nicht so richtig in die Landschaft. Ob die Gegend wohl schneesicher ist?

In den Felsen von Calanche bei Porto Nur wenig abseits beginnt die Natur. Wir schleppen unsere schweren Rucksäcke eine halbe Wegstunde bergauf in den Kessel von Trimbolacciu. Die Landschaft atmet dolomitische Wildheit. Zwischen den Stämmen der letzten Laricio-Kiefern, einige Meter über dem Bach, stellen wir unser Zelt auf. Zum Greifen nah steht über uns im Süden die Punta Minuta mit ihrem , eine Tour, die ewiglanges Klettern verspricht. Wie von Künstlerhand geformt und mit Gefühl plaziert, ragt die Tour Penchée über den Talkessel, und zwischen diesen beiden Bergen spiegelt sich der Capu Larghia in einer Pfütze des Bergbaches. Und über allem thront der Monte Cinto.

Zwei Wochen werden wir hier campieren und klettern und dabei keinem Menschen begegnen; das Schauspiel von Sonnenauf- und -un-tergang, der Wechsel der Landschaften, je nachdem aufweichen der umliegenden Berge wir steigen, die kleinen und grossen Erlebnisse, das alles spielt sich jedesmal für uns alleine ab.

Monte Cinto Die Tage sind kurz geworden - es ist ja schon Mitte Oktober. Selbst ein früher Aufbruch würde nichts bringen, da der Weg zum Einstieg des Capu-Borba-Nordwestgrates knifflig zu finden ist. Seit wir den markierten Wanderweg zum Monte Cinto verlassen haben, hilft uns auch nur noch der eigene Weginstinkt weiter. Spuren sind keine sichtbar, hier oben ist es sogar den sonst berggewohnten korsischen Ziegen zu steil. Von der Macchia im Tal steigen exotische Gerüche bis zu uns hinauf - es duftet nach Curry, Thymian und anderen Köstlichkeiten aus dem . Tief unter uns trappeln die Schafe auf einem Steiglein hinan, im grellen Sonnenlicht leuchtende Punkte, aufgereiht wie Perlen an einer Schnur.

Trockenes Herbstgras knistert unter den Füssen, die Sonne blendet, und die Orientierung haben wir längst verloren. Aber noch geht es problemlos aufwärts, bis in einer kleinen Scharte das Gehgelände endet: rundum entweder sich aufsteilende Felsbastionen oder jäh abfallende Wandfluchten. Zum x-ten Mal den Führer hervorgekramt und nachgelesen:

Das Geklapper unseres Geschirrs und das leise Surren des Gaskochers sind die einzigen Geräusche. Über uns steht dunkel und mächtig die Westwand des Cinto, über dessen Gipfel die korsische Nacht hereinbricht, während sich der Tag hinter den Zacken der Minuta mit einem letzten rötlichen Farbton davonmacht. Ein schöner Tag. Und ein Plätzchen zum uneingeschränkten Träumen -wenn da nicht dieser Abfall wäre. Tonnenweise leere Konservendosen vom Thunfisch bis zum Fruchtsalat verunstalten die Gegend, ja es scheint, als ob sich die Touristen im Sommer einen Wettstreit liefern würden, wer mehr Abfälle wegzuwerfen vermag.

Die Nacht ist kalt und sternenklar, und die Stille wird nur selten durch das leise Klingeln eines Ziegenglöckleins durchbrochen. Die Sterne leuchten, und die Gedanken haben Zeit, sich zu entfalten. Gegen Mitternacht steigt der fahle Vollmond wie eine Offenbarung hinter den Felsen auf und leuchtet uns ins Gesicht. Unruhig wälze ich mich auf dem harten Lager hin und her - denke an die weichen Matratzen, die wir unten im Zelt gelassen haben.

Der Morgen beginnt, wie der Abend geendet hatte, mit einem zartrosa Schimmer am Nordgrat der Punta Minuta. Drüben am Capu Borba rennen die Ziegen mit scheppernden Glöckchen am Hals hinauf zu den ersten wärmenden Sonnenstrahlen, und wir schälen uns aus dem taunassen Schlafsack. Der erste Kaffee durchströmt wohlig den Körper, dringt hinab bis in die Zehenspitzen.

Durch ein chaotisches, wildes Geröll-Laby-rinth arbeiten wir uns zum Einstieg des Cinto-Westgrates hoch, zwei Ameisen auf dem Weg zum Berg. Die Felswand wirkt düster und bedrohlich; nasskalter, mit hellgrünen Flechten überwachsener Fels will keine rechte Kletter- Bizzare Felsformationen im Asco-Tal freude aufkommen lassen. Das Gestein sieht unbegangen und brüchig aus; die Routenwahl ist unklar, wie immer. Mehrere horizontale Bänder durchziehen zwar die Wand, doch ist uns die Verbindung dazwischen ein Rätsel. Die ersten Schritte am frühen Morgen sind meistens die unangenehmsten. Die Glieder sind noch steif vom harten Lager, und das unkontrollierte Hin und Her, Auf und Ab bei der Wegsuche zwischen den Felsblöcken fördert das Gleichgewichtsgefühl auch nicht besonders. Eine rutschige, abschüssige Platte gleich zu Beginn hebt die Stimmung - wenn das so weitergeht... Doch obwohl wir auch heute überzeugt sind, nicht auf der im Führer beschriebenen Route zu klettern, zeigt sich die Wand zugänglich. Immer, wenn der Weiterweg unmöglich scheint, bringt ein Quergang um das nächste Eck die Lösung. Bald fühlen wir uns wie Pioniere. Haken stecken keine, Zinnen und Gipfel um den Capu Larghia Photo. Peter Dona und auch sonstige Spuren von Vorgängern sind nicht sichtbar.

Die Strahlen der schon tiefer stehenden Sonne begrüssen uns im obersten Abschnitt des Grates. Wir treten hinaus aus der schattigen Kühle ans Tageslicht, und sofort wird es heiss. Weit, weit unter uns windet sich die Strasse Corte-Porto über den Col de Vergio. Die berüchtigten Schuttfelder, die dem Monte Cinto den Beinamen ( Monte Schindo> verschafft haben, ziehen sich bis fast zur Strasse hinunter. Die Kletterei über die letzten Gratzacken ist leicht. Immer wieder hängt das Seil weit durch, wenn eine Kluft zwischen zwei Türmen überschritten werden muss. Dabei fällt jeweils der Blick zwischen den Beinen hindurch ungehindert in die Tiefe - dorthin, wo die Wand ihren Anfang nimmt. Mit jedem Schritt, den wir höher steigen, weitet sich das Panorama. Ganz nah die Paglia Orba, der schönste Berg der Insel, dahinter ein wogender Macchiateppich und zuletzt der glitzernde weisse Streifen der Brandung und - das Meer. Erde und Wasser scheinen stufenlos ineinander überzugehen.

Vom Gipfel des Monte Cinto ist das Meer auf beiden Seiten Korsikas zu sehen! Hier oben begreifen wir staunend das Phänomen ( Insel> als einen Flecken Landes inmitten von Wasser. Tief unten im Norden leuchten schwach die Zitadellen von Calvi, der einstigen Legionärsstadt. In den nahen Tälern liegt Dunst. Gegen Süden reiht sich Bergkette an Bergkette, Tal an Tal. Dort ist die Insel noch nicht zu Ende. Wir stehen auf dem höchsten Berg Korsikas, 2707 Meter hoch. 1700 Meter tiefer das Plateau Stagnu, unser Ausgangspunkt. Die Chalets der Skistation wirken noch spielzeughafter, und vom Skilift ist nur die Schneise zu erkennen. Zwei Autos bewegen sich langsam auf der Strasse bergan, es sind seit langem die ersten menschlichen Lebenszeichen, die wir sehen. Auch drüben am Col de Vergio fahren die Autos. Morgen werden wir ebenfalls dort sein, werden zum Monte Cinto hinaufblicken, und unser Korsika-Auf-enthalt wird zu Ende sein.

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