Les Ecandies

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Von Richard Ebneier

Mit 3 Bildern ( 67—69 ) ( Appenzell ) Vor der Schalterhalle des Bahnhofs Lausanne drängt sich eine bunte Menge.

Dort steht eine Gruppe braunverbrannter Skifahrer mit Pickel und Seil und hier eine Handvoll bleicher Städter und da in der Ecke, als ob sie sich schämten, ein paar Kletterer mit Hosen aus Manchester oder Walliser Loden. Ja — es ist wieder Frühling.

Ich trete zu meinen Kameraden, die wie ich diese Woche die Skis in einer Ecke des Estrichs für den « Sommerschlaf » versorgten, aber dafür mit einem vielsagenden Lächeln das Seil aus dem Kasten gekramt haben.

Noch kennen wir das Ziel nicht. Aber als einer « Les Ecandies » vorschlägt und ein anderer dazu meint: « 11 n' y a pas de honte dans un échec honorable; la honte, c' est d' avoir peur d' essayer », sind wir uns einig.

Ratternd stürmt der Schnellzug an den verträumten Dörfern des Genfer Sees entlang. An den feinsten Ritzen der Rebbergmauern kleben rote und blaue Blumenpolster. Selbst einzelne Magnolienblüten lugen von den noch blätterlosen Bäumen herunter. In blendendem Weiss recken die Dents du Midi in den tiefblauen Himmel hinein, während über dem See die Sonne, als ob sie sich freute, mit einzelnen Nebelfetzen ihr munteres Spiel treibt.

Ein kleines Rüttelbähnchen bringt uns von Martigny der schäumenden Dranse folgend nach Les Valettes. Hier rufen wir einigen Kameraden, welche die letzte Skitour auf den Mont Vélan machen wollen, noch ein freudiges « bonne chance » zu und steigen dann frohgemut zwischen Aprikosenhainen und Erdbeerfeldern hinauf gegen Champex. Vor den schwarzbraun verbrannten Walliser Tätschhäuschen hocken ein paar alte Leutchen und erzählen sich wohl die Neuigkeiten. Im schwachen Schimmer der mondlosen Nacht tappen wir uns am Lac de Champex vorbei in einer halben Stunde zur Alp Arpette empor. Ein verführerischer Duft empfängt uns, als wir in die niedrige Stube des heimeligen Wirtshäuschens treten — Raclette. Wer könnte da widerstehen?

Noch spielen die grauen Schleier der Dämmerung um die Felszacken, die das wilde Val d' Arpette abschliessen, als wir in den kalten Morgen hinaustreten. Die Kapuzen tief über die Ohren gezogen und die Hände zuunterst in den Hosensäcken vergraben ziehen wir durch die von Rauhreif überzuckerten Wiesen der Höhe, der Sonne zu. Als die ersten Strahlen der Morgensonne die Pointe d' Orny ( 3277 m ) küssen, mühen wir uns schon über die riesigen Lawinenkegel an deren Fuss hinauf zum Col des Ecandies. Wild sieht es hier aus Links stürzen die 700 Meter hohen Eiscouloirs von der noch mit dem Winterpanzer bekleideten Nordwand der Pointe d' Orny herab. Rechts schiessen in verzweifelter Glätte die mehr als 20 Zacken der Ecandies in den blauen Himmel hinein und zwingen einem beinahe Furcht auf.

Beim « Dreieckfelsen », eine Viertelstunde unter dem Col des Ecandies, trennen wir uns. Flavien Jeanneret und ich schlagen unsere Schuhspitzen in den harten Firnschnee, der zum Col hinaufführt, während unsere Kameraden rechts in einer Rinne zum Col d' Arpette hinaufsteigen, um den Grat von dieser, leichtern Seite zu überklettern.

Oben hocken wir uns auf einen von der Sonne beschienenen Felsen und schauen hinunter zum riesigen Gletscherabbruch des Glacier du Trient, der 500 Meter, einem erstarrten Wasserfall gleich, zum Plan des Cercles hinunterfällt — ein wildes Durcheinander von Séracs und Spalten. Dann verweilt der Blick lange beim Glacier des Grands, wo wir noch vor vierzehn Tagen unsere Christianias gezogen haben. Hinten grüssen die Aiguille du Tour, Aiguille du Chardonnet und Aiguille d' Argentière. Es ist ein Glitzern und Funkeln, als hätte ein guter Gott alles mit Millionen von Edelsteinen überstreut.

Aber schon reicht mir Flavien ein Seilende, und bald fühle ich den rauhen Granit in meinen Händen. Noch streiken etwas die winterstarren Muskeln. Mit dem Kletterhammer schlage ich hier und da ein Stück Eis, das mir den Weiterweg versperren will, aus den Ritzen. Bald stehen wir schnaufend auf dem ersten Zacken. Aber die Kletterfreude hat uns wieder gepackt und lässt uns nicht lange verweilen. Ein noch mit Eis bekleidetes Kamin führt uns in die kalte Nordseite hinunter. Ein schmales Felsenloch durchkletternd gewinnen wir wieder die lichtumspielte Höhe. Ein schmales Grätchen, das wir im « Reitersitz » überwinden, führt uns zum « Rasoir », zum Rasiermesser. Vorsichtig schiebe ich mich auf der messerscharfen Kante auf die Schulter meines Kameraden und schmiege mich an den Fels. Behutsam streckt sich Flavien, bis ich oben den Griff erwische. Ächzend ziehe ich mich hinauf, die Gratschneide mit den Beinen krampfhaft umfassend. Senkrechte, plattengepanzerte Wände schiessen hier zum Glacier du Trient hinunter. Dutzende von neuen Wegen warten hier ihrer Erschliesser.

Nach kurzer Rast machen wir uns auf den Weiterweg über die meist noch namenlosen Zacken. Ein mutiger Sprung bringt uns über die 2 Meter breite Scharte. Bald stehen wir am « grand Rappel », dem grössten Hindernis, das sich bei der Überschreitung « à l' envers » entgegenstellt. Eine 40 Meter hohe Wand versperrt den Weiterweg. Etwas zaghaft mache ich mich an die Arbeit. Ob es gelingt? Aber Flavien hat eines seiner geliebten Sprichwörter auf Lager: « Le seul moyen de trouver comment il convient de faire une chose, c' est de la faire. » Mit Zuggriff schwinge ich mich einige Meter links in die Wand hinauf. Dann strecke ich mich vorsichtig und erhasche das 3 Meter lange Seilstück, das hier eingezwängt ist, um den Aufstieg zu ermöglichen. Ob es noch hält nach dem langen Winter? Aber ich darf nicht lange überlegen. Schnell klinke ich den Karabiner in den Haken ein und ziehe mich dann am Seilstück hinauf zum Holzscheitchen, das hier eingeklemmt ist und den einzigen Halt am glatten Felsen bildet. Die linke Hand sucht nervös um die Ecke den erlösenden Griff. Dann schwinge ich mich in die Wand hinaus und folge der schmalen Leiste, die einige Meter nach links führt. Über eine kleingriffige Platte erreiche ich die Abseilschlingen. Etwas zitternd atme ich auf, als ich die Schlingen erfasse. Bald steht auch Flavien pustend neben mir. Ein freudiges Jauchzen klingt zu unsern Kame- Die Alpen - 1944 - Les Alpes18 LES ECANDIES raden hinüber, die eben am « Tabernacle » sich abseilen. Mit dem beglückenden Gefühl, das Schwerste geschafft zu haben, klettern wir zu den « Dômes ». Eine lustige Abseilstelle von 30 Metern bringt uns an den Fuss der « grande Cheminée », und bald drücken wir unsern Kameraden, die uns von der « grande Brèche » aus zuschauten, die Hand.

Noch gilt es aber, die Zackenreihe der « Côté nord de la Brèche » zu überwinden und etwa zehn Abseilstellen zu erklettern. Wir machen uns daher bald wieder an die Arbeit. Inzwischen sind einige Nebelfetzen vom Val d' Arpette heraufgestiegen. Sie prallen gegen die scharfen Klippen und lassen die wilde Welt noch gespensterhafter erscheinen. Nach jedem Gipfel tauchen wir hinunter in den brodelnden Nebel, der sich an den Scharten festklammert, und klettern dann wieder hinauf zu den lichtumfluteten Türmen. « La Flamme », die Fiamma der Ecandies, macht uns noch schwitzen! Aber Flavien kennt ihre schwachen Stellen. Die feinsten Ritzen ausnützend, zwängt er sich von einem Grill' zum andern und hockt bald auf der stolzen Spitze und lässt die Beine über die glatte Wand hinunterpendeln.

Nach sechsstündiger, interessanter Kletterei über diesen Grat aus bestem Granit rollen wir auf dem Col d' Arpette das Seil zusammen. Nochmals blicken wir hinüber zu den wilden Türmen der Ecandies, die sich jetzt wie Sägezähne über dem wogenden Nebelmeer erheben.

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