Lötschthaler Breithorn

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1. Lötschthaler Breithorn 3795 m = 11,683 Par .F.

Samstag den 28. August verliessen wir um 3 Uhr 40 Minuten das Hôtel. Noch war es dunkle Nacht. Wir überschritten die Lonza gleich vor dem Hause und wanderten östlich den untersten Gehängen der Berge entlang bis dahin, wo im Atlas das Wort Eisten steht. Von hier aus wurde nach Süden abgeschwenkt und das steilere Gefälle erstiegen. Um halb 6 Uhr erreichten wir die Waldgrenze. Eine innere Ahnung sagte mir, wir könnten nicht auf richtiger Fährte sein; hatte ich doch schon zu Hause berechnet, dass der Erhebungswinkel des Breithorn-gipfels über dem Thalgrund weit spitzer sei, als z.B. derjenige des Dammastocks über dem Geschenenthal, mithin ein Angriff von dieser Seite auf unübersteigliche Hindernisse stossen dürfe. Indessen ein widriges Geschick hatte uns für heute grosse Beschwerden zugedacht. Auch im Walde war die östliche Richtung beibehalten worden, und wir steuerten jetzt der Ecke zu, die der vom Standbachgletscher herabsteigende Felsenzug bei seinem Yersinken in die Grashänge bildet. Eine an dieser Stelle aufgenommene Skizze der obern Gebirgstheile sollte uns vor

6* allfälligen Verwechslungen hüten, die beim steiler werdendem Aufstieg durch die Verkürzung des Sehwinkels entstehen konnten.

Ein weiteres rasches Vorrücken brachte uns in kurzer Zeit über die Vegetationsgrenze und in die wüste, trümmervolle Schlucht hinauf, die von dem vereinigten Abfluss der vom Standbachgletscher und seinem nächsten östlichen Nachbar herrührenden Bche durchströmt wird. Nach Rubi sollte dies der Weg zum Heile sein. Das Schutt- und Felsmassiv, das die beiden Bäche trennt, nimmt je höher, je mehr die Gestalt eines Daehfirsts an und zuletzt wird die eigenthümlich feste, messerscharfe Schuttbank so steil und schmal, dass wir uns theilweise nur mit Hülfe eingehauener Tritte darauf im Gleichgewicht erhalten konnten.

Ungläubig blickte ich zu der gerade über uns aufragenden Spitze des Elwerück hinauf und zeigte meinen Führern durch Hinweis auf die steile Firnkante rechts oben, die wir beim Aufsteigen nach dem Baltschiederjoch bezwungen, und auf die Felsen des Rothen Galm, wie sehr das Resultat der heutigen Wanderung auf das Gleiche hinaus zulaufen drohe, wie dasjenige der vorgestrigen. Es bedurfte kaum des letzten Aufstiegs bis zu einer Einsenkung unsrer Kammschneide, die im Niveau der vorgeschobensten Front des Standbachgletschers liegt, um uns von der Wahrheit meiner Vermuthungen zu überzeugen. So hoch im Ansehen der Rubi bisher bei meinen Führern gestanden, so tief sank er jetzt. In den grössten Verwünschungen machten sie ihrem Zorne Luft; aber was half 's? Geschehen war geschehen; es möglichst wieder gut zu machen, war einziges Gebot und Ausweg.

Ich kommandirte sofort nach dem Beichgrat. Die vier prächtigsten Morgenstunden ( denn es war bereits 1 Uhr vorüber ) waren dahin. Ganz wieder in 's Thal hinab- zusteigen, wäre ein Umweg gewesen.

Wir zogen uns daher ostwärts an dem Gebirge hin, um über dem Ende des Lötschengletschers die Beichflühen zu erreichen. Welch'saurer Gang in dieser pfadlosen steinigen Wildniss, an den rauhen Abhängen, in immer steigendem Sonnenbrand! Gegen den Lauingletscher hin wurde das Breithorn, das sich hier als kolossale eisdurchsetzte Felswand darstellt, nochmals auf 's Genaueste untersucht. Vergebens! Von der ganzen Vorderseite ist an ein Hinaufkommen nicht zu denken.

Felszug auf Felszug, Schlucht auf Schlucht, Moräne auf Moräne trat uns jetzt in den Weg. Nirgends liess sich ein direkter Pfad verfolgen; bald sieht man sich zu weit hinausgedrängt, bald wieder in die Einbuchtungen hineingezogen, deren innerste Winkel man in weitem Umkreis umgehen muss. Namentlich machten uns die alten und neuen Moränen viel zu schaffen. Ihre Steigung war oft sehr steil; beständig musste, ohne dass Eis unter unsern Füssen war, die Axt zu Hülfe genommen werden. Endlich nach einer dreistündigen wahrhaften Steinmetzarbeit an den hemmenden Trümmermassen näherten wir uns dem Beichgrat. Der Distelgletscher, von dem ich noch manches Ungemach befürchtet hatte, war so weit zurückgetreten, dass wir einfach nur die Blöcke seiner Frontmoräne zu passiren hatten. Um IOV4 Uhr befanden wir uns am Fusse der Beichfiühen.

Eine Musterung der vielen hier zusammenstossenden Eismassen belehrte uns über die enormen Rückschritte

Gletscher in den letzten Jahren. Die Höhenentfernung des hellen, breiten Trümmersaums, der ihre frühere Ausdehnung bezeichnet, über der Oberfläche der Gletscher zeigt bei allen die grosse Abschmelzung einer durchschnittlich 200 Fuss dicken Eiskruste. Besonders beim Lötschengletscher selbst, der so flach auslaufend im Thale endet, musste eine solche Abnahme an Dicke ein sehr beträchtliches Zurückweichen aus der Thalsohle ergeben.

Zwischen ihm und dem Distelgletscher, mit dem er zur Zeit der topographischen Aufnahme noch zusammenhing, befindet sich jetzt ein Abstand von einer guten halben Stunde, und die Steinwüste, die sich im Hintergrund des Thales aufgehäuft hat, besitzt etwa die doppelte Lange.

Der Gipfel des Breithorns, uns jetzt noch um fast 6000'überragend, nahm sich von unserm Standpunkt, bei der vorgerückten Zeit, so unerreichbar aus, dass " wir wirklich eine Zeit lang daran verzweifelten, ihn heute noch gewinnen zu können, und uns in allem Ernste dem Schienhorn zuwandten. Bald aber erkannten wir die noch grössere Entfernung dieses Berges. Es war 11 Uhr, und die Zeit der letzten Entscheidung hatte geschlagen. Etwas musste gethan werden. Also in Gottes Namen doch aufs Breithorn los! Und sollten wir auf der Spitze übernachten müssen, heute wird es unser, oder nie! Sein riesenhafter, in der Mitte etwas ausgebauchter Felsenbau gegen das Lötschthal hin, da wo er in himmelstürmenden " Wänden aus dem Distelgletscher emporwächst, die gewaltigen Firnlager auf der Höhe, die so steil abgebrochen die obersten Gesimse überragen, der spitze Gipfel verleihen dem Breithorn einen Ausdruck wahrhafter Majestät.

Der Beichgrat bei 3120 bietet einen ausserordentlich leichten Uebergang nach Bellalp. Es ist der einzige Punkt der Lötschthaler Gebirgskette, der von Touristen häufiger begangen wird^ Der Aufstieg dorthin war eine wahre Erholung gegen die bisher begangenen Felspfade, und durch rasches Fortkommen holten wir den gehabten Zeitverlust wenigstens einigermassen wieder nach. Der Felsrücken, der die Beichflühen in scharfem Winkel gegen den Distelgletscher abgrenzt, bezeichnet genau den einzuschlagenden Weg.

Bei jenem Winkel angelangt, befanden wir uns ungefähr in gleicher Höhe mit einem sehr charakteristischen Felsthürme auf der Spitze des Distelbergs und erblickten nun über das Plateau des Breithorn-firns hinweg neben der längst bekannten Felsspitze auch den malerischen Schneedom des zweiten Gipfels. Welcher der beiden Punkte der höhere sei, liess sich hier noch nicht entscheiden.,

Die Formation der zwei hohen Felsriesen, die bei 3585 über uns aufragen, liess uns die Nothwendigkeit eines leider noch sehr tiefen Abstiegs jenseits des Joches vermuthen. Unsre Eile steigerte sich daher zum Aeusser-sten. Nahe dem Joche wird eine kurze Firnhalde passirt, dann noch eine Reihe von Felsköpfen — und wir stehen auf der Höhe.

Ich hatte lange nicht auf die Uhr gesehen; jetzt erschrak ich wahrhaft, als ich es that: es war bereits 2 Uhr Nachmittags. Ueberdies stellte die unerwartete Grosse und Ausdehnung der neu sich erschliessenden Grletscherwelt die Festigkeit unserer Yorsätze auf eine harte Probe. Yor uns fallen die Schneelager weit nach dem Becken des Beichfirns, und es bleibt keine Wahl: wir müssen über ihre ganze Länge hinab. In wildem Jagen ging es hinunter. Gen Süden fliesst der obere Gletscher dem Oberaletsch zu. Schienhorn und Nesthorn, sich an Grösse nichts nachgebend, wetteiferten mit einander um die Gunst des Beschauers. Nächstes Ziel war der gewal-toge Gletscherbruch zwischen Nesthorn und Breithorn. Ein Sérac in wüsterm Zustand als der, in dem sich dieses dermalen befand, mag, so lange Berge erstiegen worden, 8elten bezwungen worden sein. Weder mir noch meinen war trotz langjähriger Praxis je ein ähnliches vorgekommen.

Gelangten wir trotzdem in verhältnissmässig kurzer Zeit hindurch, so schreibe man diese Raschheit nicht der Beschaffenheit des Eises zu, sondern vielmehr der fieberhaften Aufregung, die sich Aller bemächtigte und uns eine Spannkraft und Gewandtheit verlieh, die uns mit einem uns selbst wunderbaren Erfolge das Schwerste überwinden liess.

Jetzt sind es nur noch 10 Minuten bis 3 Uhr, und wir stehen erst am Fusse des Gletscherbruchs. Yon hier aus aber bis auf die Spitze haben wir noch an die 3000'zu steigen, und das einer Tageszeit, wo man in der Regel schon viele Stunden des Rückwegs vollendet haben pflegt. Von der wahren Gestaltung unsers Séracs gibt die Karte keinen Begriff. Auch die drei Felsen vermisse ich, von denen der zerrissene Gletscher in seiner Mitte durchbrochen ist. Anfänglich ist der Aufstieg leidlich; wie steile Partieen aber kommen werden, das beweisen die überragenden weissgrünen Eismassen, die am tiefen Blau des Himmels von links her auf uns herabdrohen. Stoff zur Bewunderung gab der Eiswirrwar auf 's Mannig-faltigste; das Fabelhafteste aber sind die riesenhaften Eisthürme, die durch den Bruch und das Zerspalten der Massen über dem nördlichsten der drei genannten Felsen zu unsrer Rechten entstehen. Wir schreiben ihnen mit gutem Gewissen eine absolute Höhe von mindestens 300'zu. Hie und da manœuvriren wir direkt unter der Schusslinie ihrer stets zum Sturze bereiten Glieder; und ob es todtenstill ist, ob es kracht und Eistheile gegen uns herab-springen, durch die gespannte Aufmerksamkeit, mit der unablässig das Auge an ihnen hängt, prägen sie sich uns für immer unverwischbar in 's Gedächtniss ein.

Immer riesiger wurden die Schrunde und immer schmaler die verbindenden Brücken, über die wir im Rücken unabsehbarer blauer Abgründe gegen immer zweifelhaftere Eisbauten hinaufgelangen.

Keine Minute sicher, ob der Boden, dem wir weniger als halbes Vertrauen schenken und der von dem glühenden Strahl der Sonne nun schon so lange beschienen ist, sei es über, sei es unter uns plötzlich zusammenbrechen werde, müssen die spitzesten Gräte überritten, die steilsten Wände auf Stufen erklettert werden. Oft geht es tief in die Schrunde hinab, oft kriecht man weite Strecken auf dem Leibe hin; überhaupt sind die Stellungen zum Eise der Art, dass misre Kleider in Kurzem durchnässt sind, als wären sie geradezu durch 's Wasser gezogen. Aber was immer auch kommt — Eile, Eile! lautet jetzt die Parole, und Vorsicht mit Schnelligkeit gepaart ist im Stande, fast das Unmögliche möglich zu machen. Ein hausgrosser Eisblock, den mitten im rasendsten Sturz die eigene Schwere in ein tiefes Firnkissen festgerammt hatte, überragte mit triefenden Wänden etwa in der Mitte des Séracs den obern Rand desjenigen Abgrunds, an dem allein ein Durchpass möglich war. Doch wie hier Yorüberkommen auf kaum handbreitem Eande am unabsehbaren Abgrund? Wir krochen leise und mit gehaltenem Athem unter dem gefährlichen Blocke weg, und doch — wo jeder Laut verderblich ist, mussten wir uns an seiner Vorderseite anklammern, ja über den Schlund gebogen sogar die Aexte in ihn einschlagen. Wenn der stürzte — man mag es kaum denken! Aber dem Himmel sei Dank, er hieltoch einige Schritte, und wir sind hinüber. Die zweite Hälfte des Séracs war der ersten würdig und ebenbürtig. Schon um 3 TJhr 45 Minuten, also nach kaum IV2 Kunden, langten wir oben auf dem flachen Plateau des " reithornfirns an, das in sanfter Steigung unmittelbar bis aü den Fuss der beiden Gipfel hinaufzieht. Gegen Süd- west bildet sein oberer Eand die Bekrönung der Nest-Breithornwand, die viele tausend Fuss hoch die Schlucht des östlichen Jägifirns begrenzt.

Mitten auf dieser Linie erhebt sich noch ein selbständiger Gipfel, den seine Grosse sehr wohl zur Führung eines eigenen Namens berechtigen würde. Gerade vor uns in der Entfernung von einer halben Stunde stehen die beiden Breithorngipfel. Sie überragen steil aufsteigend das Plateau um etwa 400 '. Ihre Verhältnisse mit scharfem Auge prüfend, erkennen wir jetzt den Nordgipfel als den höheren. Er läuft in eine Steinspitze aus und zeigt auch in seinen übrigen Theilen häufigere Unterbrechungen von Felsen. Der Südgipfel ist der reinste Schneedom und das Ebenmass seiner Kuppelform wird nirgends durch eine vorspringende Ecke unterbrochen.

Aber bereits verlängern sich die Schatten der Berge — sollen wir 's noch wagen? Sollen wir vor- oder rückwärts? Dieser Zweifel drängte sich abermals mit solcher Macht auf, dass er bei mir auch wirklich zum Ausdruck kam. Glücklicher Weise trafen meine Worte auf einen fast höhnischen Widerspruch meines Andreas, der es für Schimpf und Schande erklärte, jetzt so nahe dem Ziel plötzlich umzukehren. Ein wahrer Fanatismus war über, meine Leute gekommen, und rastlos, unaufhaltsam stürmten wir hinan. Unter dem pulverig gefrorenen Schnee, den wir im Schatten des Südgipfels antrafen, befand sich eine Eisfläche, deren Spiegelglätte das rasche Fortkommen äusserst erschwerte. Ein Blick nach unserm Ziele zeigte, dass dieselbe sich bis auf die beiden Gipfel hinaufzog, und dass ihr Begehen weiter oben eine stundenlange Hackarbeit erfordert hätte. Das Hacken aber musste der immer knapper zugemessenen Zeit halber möglichst vermieden werden, und desshalb entschlossen wir uns kurz,

den letzten Angriff vom Rücken, d.h. von der Westseite her auszuführen, hoffend, von dort aus einen weniger mühsamen Aufstieg zu finden. Wir verliessen daher die Richtung der Nordspitze und wandten uns der Südecke des Schneedoms zu, dessen Wände sich jetzt, aus der Nähe betrachtet, als durchscheinendes Eis herausstellten und den ganzen Gipfel wie eine Kuppel von grünschimmerndem Glas erscheinen liessen.

Indem wir denselben rechts liegen liessen, zogen wir um 4 Uhr am Bergschrund vorüber und langten bald am Ende des Breithornfirns über dem Abgrund des östlichen Jägifirns an. Furchtbar zwar gähnte der offene Rachen dieses Abgrunds, jetzt bereits von kaltem Schatten erfüllt, zu uns herauf; aber dennoch sehen wir unsre Hoffnungen nicht getäuscht; denn unmittelbar über den senkrechten Gehängen findet sich ein unregelmässiges Guffer- und Schneeband vor, das zwar die vollste Schwindellosigkeit verlangt, dennoch uns endlich zum Ziele zu führen verspricht. Es war ein Gang, der Ernst und Kaltblütigkeit erforderte. Das Einzige, was mir in diesem Augenblick ein Lächeln hätte abnöthigen können, war der Gedanke an die Naivität der Karte, die den zurückgelegten Gletscher unsere Aufstiegs und den in alle Ewigkeit davon geschiedenen östlichen Jägifirn mit einem und demselben Namen als Breithorngletscher bezeichnet. Einen kurzen Moment konnte sich das Auge von dem Niederblick in die gewaltigen Abgründe erholen, als wir am Fuss der Einsattelung, die die beiden Gipfel trennt, einige grössere Schneeflecke zu passiren hatten. Sobald wir der Felsen der Nordspitze ansichtig wurden, schwenkten wir nach Osten ab, und wieder über Granitplatten, Schneeflecke und steile Eisfelder eiûpordringend, die noch hie und da die Wucht unsrer in Anspruch nahmen, erreichten wir endlich um halb 5 Uhr Nachmittags nach dreizehnstündigem, fast von keiner East unterbrochenem Marsche den langerstrebten Gipfel.

Also auch Du, hohes Breithorn, wärest endlich aus dem Best der jungfräulichen Berge ausgeschiedenAber tapfer hat es sich gewehrt; in dreitägigem, hartnäckigem Kampf hat es kein Mittel der Gletscherwelt unversucht gelassen, den Muth seiner ersten Ersteiger zu brechen und sie in die Flucht zu schlagen.

Wir durften uns nur wenige Minuten der Ruhe gönnen; denn der Rückweg musste sofort wieder angetreten werden. Ich bedauerte, bei dem Zurücklassen des Gepäcks auf dem Firnplateau Papier und Bleistift vergessen zu haben; meine Nachfolger mögen daher keine Urkunde meiner Ersteigung auf dem Gipfel, suchen. Nur einige übereinander gehäufte Steine zeugen wohl noch lange von unsrer Anwesenheit. Auch die Aussicht konnte nur eines ganz kurzen Blickes gewürdigt werden. Ueber die Lötschenlücke sahen wir wieder in den Riesenkessel des Aletsch hinein. Diesmal waren alle seine Hauptspitzen sammt denen der Aar-, Viescher- und Grindelwaldgletscher in übersichtlicher Ordnung an einander gereiht. Natürlich nahm durch seine Nähe das Aletschhorn den ersten Rang ein. Gen Westen ragte neben dem Bietschhorn der Montblanc auf. Tessin und Wallis überbieten sich an Zahl der Mnter einander aufsteigenden Bergketten. Ganz ungehemmt ist der Ausblick nach Norden. Die hohe Kette vom Gspaltenhorn bis zum grossen Rinderhorn liegt uns zu Fussen, und zwischen Wolken hindurch bemerken wir noch die nördlichen Vorberge. Was mich am meisten interessirte, war der Abgrund des östlichen Jägifirns. Leider lagen einige Nebel über der vordem Gletscherfläche, wo die grosse Quermauer sich vorfinden sollte. Durch ihre Lücken jedoch erkannte man auch dort die Eismasse als ununterbrochenen Strom, und ihre sichtbaren Theile deuteten auf eine so grosse Unterbrechung nicht hin.

Tief, unendlich tief liegt das Lötschthal unter uns; die Strecke bis nach Ried erscheint mir eine halbe Ewigkeit, und diese haben wir heute noch zu durchmessen; also keine Zeit mehr versäumt, sondern zurück!

Die Eile, mit der wir den Rückmarsch bewerkstelligten, übertraf die des Aufstiegs natürlich noch bei Weitem. Schon nach einer Viertelstunde war die grosse Schwindelprobe über dem Abgrund des Jägifirns zum zweiten Mal bestanden, und nach einer weitern Viertelstunde befanden wir uns bereits über dem Sérac gegen den Beichfirn. Meine schon erlangte Uebung befähigte mich glücklicher Weise, jeder Nachhülfe seitens der Führer entbehren zu können. Die Vorsicht hätte es zwar erfordert, dass immer nur Einer sich bewegt, die Andern gehalten hätten; aber der Abend brach mit Macht herein und befreite uns wohl oder übel von der hemmenden Schranke dieser weisen Bergmannsregel. Bei jedem Schritte die Aexte einhauend, über die schmälsten Brücken und Gräte traversirend, längs der tiefsten Schrunde auf abschüssigem Rand dahin eilend, jagten wir unaufhaltsam hinab. Es war eine herrliche Lust, so zu spielen mit der Gefahr und dabei der eigenen Festigkeit und Kraft zur Durchführung so sicher und gewiss zu sein. Dass wir rasch vorwärts kamen, sahen wir an dem Verschwinden der fernem Berge, sahen es an der Höhe der Eisthürme, die uns riesenhaft überwuchsen, sahen es an den Felsspitzen des Beichgrats, die endlich wieder hoch auf uns herabschauten; aber dass wir den ganzen gewaltigen Eisbruch, dessen Höhe wir mit 2000'gewiss nicht überschätzen, in nur 35 Minuten bezwingen würden, das war doch Keinem von uns auch nur entfernt in den Sinn gekommen. Ein herrlicher Anblick, durch den uns die Natur für unsre Mühe belohnen zu wollen schien, war die Purpurröthe der sinkenden Sonne am schneeigen Schienhorn und an den Felsmauern südlich gegen den Oberaletsch.

Jetzt begann wieder die Steigung und setzte unsre Kräfte auf eine letzte harte Probe. Athemlos langten wir ein Viertel nach 6 Uhr, als der Tag dem Thale bereits entschwunden war, auf dem Beichgrat an. Gerastet musste werden, das stand fest; aber der Gedanke an die grosse Höhe von mehr als 9000 ', auf der wir uns immer noch befanden schränkte diese Rast auf das Minimum von nur 5 Minuten ein. Die obersten Felsköpfe hatten wir bald hinter uns. Von der Firnhalde aus wandten wir uns nicht mehr dem Felsrücken zu, über den wir hinaufgestiegen waren, sondern rutschten über die östliche, schmale Firnmulde des Distelgletschers hinab. Die Gratspitzen zur Seite flogen wie die Telegraphenstangen am Bahndamm an uns vorüber, und bereits 25 Minuten vor 7 Uhr waren wir in der Nähe des untern Endes der Felsen angelangt. Diese erforderten noch einige Behutsamkeit. Als wir an den Grashalden ankamen, sahen wir, durch das Geläute der Glocken aufmerksam gemacht, tief unter uns in der Dämmerung die Kuhheerde der Beichflühen. Ein Jodler meines Andreas wurde laut von den Sennen erwiedert, denen wir schon beim Heraufsteigen begegnet waren.

Es war noch ein wahrhaft kniebrechendes Jagen hinab

über die steilen Grashalden, bis wir endlich um 7 lU Uhr bei den Leuten unten ankamen. Sie hatten sich unsertwegen noch länger aufgehalten, weil sie voraussahen, dass wir mit eingebrochener Nacht uns nicht wohl auf dem pfadlosen Wirrwar der Moräne zurecht finden würden. Die kleine Gesellschaft bestand aus zwei Männern,

einem Burschen und zwei Mädchen. Der eine der beiden Männer war der älteste der Brüder Siegen, der drei renommirten Führer des Lötschthals. Allmorgendlieh kommen sie zu den Kühen herauf, die während der Nacht allein auf den Beichflühen bleiben; jeden Abend kehren sie nach Gletscherstaffel zurück. Sie waren gerade noch mit dem Melken beschäftigt und überliessen uns von der kostlichen Milch, so viel wir nur wollten.

Vor dem Weitermarsche wurde mein Auge noch mit einer eigenthümlich schönen Scene erfreut. Ich hätte jeden Maler zu mir gewünscht, als die Sennen und die beiden Mädchen nach vollendetem Tagewerk zum Gebete niederknieten und auf freier Alp hoch über den Gletschern ihre Abendandacht verrichteten. Die Sonne war bereits gesunken, „ auch an des höchsten Gebirgs beeisten zackigen Gipfeln " war ihr letztes Gold im Verschwinden, und abendlich seliger Friede breitete sich über Thal und Höhen. Kein Laut unterbrach die feierliche Stille als das Glockengeläute der Kühe, deren Gegenwart dem ganzen Bild einen Charakter patriarchalischer Urwüchsigkeit verlieh. Mchts fehlte am künstlerischen, nichts am poetischen Effekte; es war ein Anblick so harmonisch vollendet, wie er uns nur in bevorzugten Augenblicken vergönnt ist. Der Hinabstieg, erst über steile Trümmerhalden, dann über die weiten wüsten Moränen wurde wieder mit grösser Schnelligkeit durchgeführt. Die Sennen, die uns hatten herunter kommen sehen, schienen ordentlich mit uns wetteifern und uns in nichts nachstehen zu wollen. Erst die völlige Dunkelheit mässigte ihre Schritte. Noch musste mancher Gletscher passirt, noch manche steinige Schlucht umgangen werden, bis wir endlich auf dem ebenen Plan der Wiesen angelangt waren. Rechts von ferne " fauste die Lonza; durch die dunkeln Tannen strich ein kühler Abendwind;

von Gletscherstaffel, der uralten Sen-nenkolonie, deren Lichter freundlich durch die Dunkelheit blitzten, schollen Begrüssungsrufe unsern längst erwarteten Begleitern entgegen.

Um halb 9 Uhr erreichten wir die Hütten. Nun aber war es stockfinstre Nacht, und uns Dreien der Weg nach Bied noch unbekannt. Man lieh uns daher bereitwillig eine Laterne; einen Theil des Gepäckes Messen wir sammt den Seilen für unsre Wiederkunft hier zurück. Nach danken-dem Abschied von den freundlichen Leuten traten wir, mit der Leuchte versehen, den Rückweg an. Die Müdigkeit und Anstrengung in den beiden letzten Marsch stunden dieses mühevollen Tages deckte die Nacht mit gütigem Schleiermein Schweigen decke sie vor den Augen des Lesers. Es war 11 Uhr Nachts, als wir nach fast 21stün-diger Abwesenheit endlich wieder in Ried ankamen. Herr Lehner hatte uns zu so später Stunde längst nicht mehr erwartet.

Der folgende Sonntag ( der 29. August ) musste nothgedrungen als Rasttag behandelt werden. Wir hatten die Absicht, uns am Abend nach Gletscherstaffel zu begeben, um am Montag, über die Lötschenlücke wandernd, noch 3 Tage dem Aletschgletscher und seinen wenigen bisher unberührt gebliebenen Punkten zu widmen. Als wir jedoch um 5 Uhr am Nachmittag abmarschiren wollten, brach ein Gewitter los, das bis in die Nacht hinein anhielt und uns wohl oder übel an das schützende Obdach des Hôtels bannte. Doch sollte ich diese Stunden des Wartens durchaus nicht als verloren beklagen dürfen. Ich lernte nämlich die besten Führer des Lötschthals, die beiden jüngeren Brüder Siegen, kennen und erfuhr in einer zweistündigen Unterhaltung vieles Interessante von ihnen,

was meine bisherigen Kenntnisse ergänzte und erweiterte; namentlich war es mir wichtig zu hören, in welcher Weise die von uns begangenen Gegenden bisher besucht oder auch nicht besucht worden waren.

Dabei stellte es sich heraus, dass die Siegens mit der Kette des Petersgrats und seiner Höhen bekannt waren wie in ihrem eigenen Hause; die Südkette aber war selbst für sie fast durchweg terra incognita und ausser bei der Ersteigung des Bietschhorns und der Begehung des Beichgrats waren auch sie nirgends sonst in dieselbe eingedrungen. Der weise Rathgeber Rubi vollends pflegt seine Gemsjagden nie über die Waldgrenze auszudehnen, und die Ingenieure, deren Wanderungen den Siegens genau bekannt waren, hatten diese Linie kaum überschritten. Somit war das ganze grosse Gebiet hinter dem Breithorn vom Baltschiederjoch bis zum Beichgrat bisher wirklich noch von keines Menschen Fuss betreten worden. Die Mangelhaftigkeit der Karte fand dadurch ihre vollste Erklärung. Es war daher endlich an der Zeit, dass vom S.A.C.aus den frühern Yermessern das Konzept korrigirt wurde; denn das jetzt in der Karte niedergelegte Resultat kann allerdings nur als Konzept betrachtet werden, welches grosser Korrekturen bedarf, um der Vollendung des übrigen Atlas'ebenbürtig zu werden.

Der Einzige, der von dem Dasein des gesonderten östlichen Jägifirns etwas wusste, war der ältere Bruder Siegen. Doch sind es schon 20 Jahre her, dass er auf der Jagd vom Baltschiederthal aus in jenen Kessel gelangte, und als er sah, wie wenig in der Sackgasse dieses „ schauderhaften Lochs " zu erwarten sei, war er beim Jägihorn wieder um- gekehrt. Auch er erinnerte sich dunkel, den Gletscher als ununterbrochenen Strom gesehen zu haben und musste die Existenz der hohen Felsmauer zwischen Jägihorn und

Schweizer Alpenclub.7

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