Louis Agassiz, der Vater der Gletscherforschung auf der <Jungfrau>(1841)

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der Vater der Gletscherforschung auf der ( Jungfrau ) ( 1841 )

Hans Amann, St. Gallen

Louis Agassiz Die moderne Gletscherforschung darf ohne Zweifel den Sommer 1837 zu ihrer Geburtsstunde erklären, stellte hier doch Louis Jean Rodolphe Agassiz1 als Jahrespräsident der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft, anlässlich der Eröffnungsrede in Neuenburg, seine Theorie über die Entstehung der Gletscher auf. Sie erregte grösstes Erstaunen, ja Bewunderung, gleichzeitig aber auch starken Widerspruch, Entrüstung und Ablehnung. Bis zu diesem Tag war man der Meinung, dass Wasserläufe die erratischen Blöcke sowie das übrige Gesteins- ( bzw. Moränen-)material transportiert hätten. Agassiz aber vertrat eine neue Theorie, nach der einst eine riesige, von den Gebirgen und Polen ausgehende Vergletscherung unseres Planeten für die Existenz der Findlinge verantwortlich zu machen sei. Diese Gletschertheorie widersprach sämtlichen damals bestehenden Lehrmeinungen.

1 Geboren am 28. Mai 1807 im freiburgischen Môtier. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er als Arzt. Bald schon gab er die Praxis zugunsten seiner zoologischen, namentlich aber ichthyologischen Untersuchungen und Gletscherforschungen auf. 1837 trat er als Professor für Naturgeschichte vor sein Publikum.

Kein Mensch wollte glauben, dass die Eisströme der Alpen derart grosse Blöcke und poliertes Gestein über Kilometer hinweg transportiert haben sollten. Seine Überzeugung und Begeisterung füllten aber die Hör-säle. Bei öffentlichen Vorträgen fand er neue Anhänger, selbst ehrwürdige Herren wurden seine Schüler.

Während acht Jahren organisierte er jeden Sommer

Schon 10 Jahre vorher war der Solothurner Geistliche, Geologe und Alpenforscher, J. J. Hugi, der Ansicht gewesen, man müsse die Gletscher an Ort und Stelle prüfen und nicht nur am grünen Tisch Theorien aufstellen. Zum grossen Erstaunen seiner Zeitgenossen begab er sich im Jahre 1827 auf den Unteraargletscher und richtete sich am Fusse des eine sehr notdürftige Behausung ein - und das auf 3143 Metern.

Agassiz ahmte das Beispiel nach, obwohl er mit anderen Überlegungen Hugis nicht immer einig ging. Begleitet von Kollegen und Schülern, unternahm er 1840 seine praktischen Ver- i Hôtel des Neuchâtelois> suche auf dem gleichen Gletscher. Er hatte gehofft, noch die Unterkunft von Hugi benützen zu können, musste aber feststellen, dass sie sich nicht mehr auffinden liess. Der Gletscher hatte sich bewegt und dabei das armselige Gemäuer auseinandergerissen. So mussten Agassiz und seine Helfer sich notgedrungen selber einen Unterschlupf bauen. Im Schütze eines dachartig vorspringenden Glim-merschiefer-Blockes errichteten sie auf der Mittelmoräne eine bescheidene Behausung. Frisch und fröhlich, wie die ganze Expedition ans Werk ging, tauften sie ihr Obdach bereits am ersten Abend ( L' Hôtel des Neuchâtelois>. Auf Briefen, die sie an ihre Bekannten nach Hause und in alle Welt schrieben, setzten sie diese Bezeichnung oben rechts auf den Briefbogen. So kam es, dass verschiedentlich die Meinung aufkam, es handle sich hier um einen regelrechten Hotelbetrieb. Hin und wieder kam es deshalb vor, dass ein Gast, der das Gegenteil nicht glauben wollte, den ganzen Weg zum vergeblich unter die Füsse nahm. Aber auch Briefe aus dem Ausland trugen diese Adresse... und gelangten zu ihren Empfängern.

Im März 1841 befanden sich Agassiz und seine Begleiter schon wieder unterwegs zu ihrem . Edouard Desor, ein mit-telloser Flüchtling, der 1837 bei Agassiz Aufnahme gefunden hatte, leistete Sekretärdien-ste und erwies sich auch sonst als ausdauernder, wissenschaftlicher Helfer. Das

Vom

Am 28. August 1841 frühmorgens standen Louis Agassiz, Professor Forbes, Dr. Châtelier und Edouard Desor zusammen mit ihren Führern beim Märjelensee, in der Absicht, gleichentags die Jungfrau anzugehen. Einige Wochen vorher hatte hier ihr Freund Hans Conrad Escher von der Lindt sein Hauptquartier aufgeschlagen, um Beobachtungen am und auf dem Aletschgletscher anzustellen.

Als Erste hatten am 3. August 1811 allerdings die Brüder Johann Rudolf und Hieronymus Meyer aus Aarau, begleitet von zwei Walliser Gemsjägern und einem Träger, die Jungfrau erklommen. Bepackt mit Brennholz und Lebensmitteln, ausgerüstet mit einer zusammenlegbaren Leiter von 20 Fuss und mit viel Seilmaterial versehen, stiegen sie vom Langgletscher hinauf zur Lötschenlücke. Sie gedachten von Südosten her über die Kranzbergegg zum Rottalsattel und von da über den Südostgrat zum Jungfrau-Gipfel aufzusteigen. Die Schilderungen der Gebrüder Meyer nach der scheinbar geglückten Erstbesteigung erwiesen sich jedoch als derart unbestimmt und nichtssagend, dass viele daran zweifelten. Nicht zuletzt, um den Beweis zu liefern, , wiederholten sie am B. August 1812 die Besteigung, diesmal von Osten her. ( ( Reise auf die Eisgebirge des Kantons Bern und Ersteigung ihrer Gipfel im Sommer 1812>. ) Sie drangen, wie sie in ihrem Reisebericht erwähnten, über die

Rückseite ( Topographische Mitteilungen aus dem Alpengebirge ) ( Gottfried Studer, 1844 ), Seite 108: « Sie hatten sich zwar keine Leiter verschaffen können, wohl aber eine starke Stange. Diese bestund aus einer jungen Tanne von 24 Schuh Länge. Einige bohrten Löcher, andere spalteten zähes Lärchenholz zu Querhölzern, welche durch diese Löcher geschoben wurden. So ward in einer halben Stunde eine Art Leiter von 16 Sprossen improvisiert.> Als weitere Hilfsmittel wurden Bergstöcke mit Eisenspitzen, die oben mit Gemshörnchen verziert waren, mitgenommen. Aber auch ein Fernrohr, das Quecksilberbarometer und die Botanisierbüchse fehlten nicht.

Agassiz und seine drei Freunde planten, um 3 Uhr morgens aufzubrechen und über den Südostgrat auf den Gipfel der Jungfrau zu gelangen. Wie die Erstbesteiger wollten sie den Aufstieg nicht ohne Leiter unternehmen. Jakob Leuthold, einer ihrer 4 Führer, hatte im Jahre 1832 als Begleiter des schon erwähnten Alpenforschers Hugi aus Solothurn auf dem Hochfirn des Aletschgletschers eine Leiter zurückgelassen und war sicher, sie nach neunJahren wieder zu finden. Es stellte sich aber heraus, dass ein Alphirte aus Fiesch sie drei Jahre vorher mit ins Tal hinuntergenommen hatte.

Zwei Boten waren nun mitten in der Nacht ausgeschickt worden, die Leiter zurückzuholen.

Vom Ufer des Sees stiegen sie auf den Gletscher und bewunderten in der Runde Matterhorn, Dent Blanche, Strahlhorn und vor ihnen gegen Norden hin das gewaltige Dreigestirn von Jungfrau, Eiger und Mönch. Sie hatten sich sosehr beeilt, dass sie bereits um 9V2 Uhr am Fusse der ( steileren Gehänge ) ankamen. Doch noch auf dem Konkordiaplatz ( Desor nennt ihn ( Ruheplatz ) ) stritten sie sich, welches überhaupt der eigentliche Gipfel der Jungfrau sei. Ein Walliser Führer zeigte auf einen Gipfel zu ihrer Rechten, den er ( Fraueli Horn> nannte. Man glaubte aber dem bewährten Führer Jakob Leuthold, der bestimmt erklärte, die Spitze zu ihrer Linken sei die ( umworbene Jungfrau ).

So erhielt an jenem Tag der ( Trugberg ) von Agassiz den Namen, der ihm bis heute geblie- Ansicht vom Gipfel der Jungfrau gegen Osten ( gezeichnet von Gottlieb Studer, 14. August 1842 ) ben ist; denn er war sozusagen von allen für die Jungfrau erklärt worden, hätte also, wäre der ( Trug> nicht erkannt worden, unsere Bergsteiger arg zum Narren gehalten.

Sie liessen einen Teil ihres Lebensmittelvor-rates und 3 Träger zurück, vergassen aber nicht, ( einige Flaschen Wein und verschiedene Gerätschaften, Hacken, Seile, sowie die meteorologischen Instrumente ) mitzunehmen. Gegen 1 Uhr hofften sie, den Gipfel zu erreichen, gerieten aber wieder stark in Verzug, da ihnen der zum Teil weiche Schnee sehr zu schaffen machte. Die Sonne brannte unerbittlich. Sie trugen zum Schütze von Haut und Augen grüne Schleier und grüne ( Gläser ). Immer wieder setzten sie die 23 Fuss ( 7 Meter ) lange Leiter ein, um Schrunde zu überbrücken. Nur langsam kamen sie voran. Plötzlich hörten sie ein dumpfes Krachen, und zugleich senkte sich der Schnee, auf dem sie standen. Die Führer behaupteten, die frische Schneeschicht des Jahres habe sich auf die älteren Schichten niedergelassen, sie hätten dieses Phänomen schon mehrmals erlebt. Erst um 2 Uhr erreichten sie mühsam den Rottalkamm. ( Die im Rotthaie angehäuften Nebel erlaubten uns nur flüchtige Blicke in dies fürchterlich zerrissene Hochtal, in dessen Schlünde das Volk die unter dem Namen der Herren vom Rotthaie bekannten bösen Geister des Gebirges versetzt. ) Nun aber machte ihnen das Eis zu schaffen. Die Führer mussten tiefe Stufen schlagen, wobei sich der Untergrund als derart hart erwies,

In der Mitte die Fiescherhörner, rechts unten der Aletschgletscher ten. Einer nach dem andern wurde von Leuthold zur eigentlichen Spitze geführt. ( Agassiz stieg zuerst, auf seinen Arm gestützt hinauf und blieb etwa 5 Minuten. Als er zurückkam, erschien er mir sehr ergriffen, er flüsterte, noch nie sei er in solcher Stimmung gewesen. ) Und Desort schrieb noch 3 Jahre später:

Desort beschrieb die Aussicht vom Gipfel mit begeisternden Worten. ( Nicht die ungeheure Ausdehnung des Gesichtskreises ist es, welche den Aussichten der Hochkuppen ihren eigenthümlichen Reiz verleiht. Vor uns breitete sich die grüne Ebene aus und die niederen Ketten der Voralpen zu unseren Füssen erhöhten durch ihre scheinbare Einförmigkeit die gewaltigen Formen der hohen Gipfel, die ihre Häupter fast bis zu unserer Höhe reckten. Vor allen aber zogen Mönch und Eiger unsere Aufmerksamkeit auf sich. Wir hatten Mühe, in ihnen jene gewaltigen Nachbarn der Jungfrau zu erkennen, die von der Ebene aus dem Himmel näher scheinen, als der Erde. Diese und noch andere Hörner bilden die nächste Umgebung, den Hofstaat der königlichen Jungfrau. ) Nachdem sich alle an der herrlichen Aussicht sattgesehen und erfreut hatten, trank jeder ein Glas Wein, mit dem sie vorher auf ihre Gesundheit und auf die Schweiz angestossen hatten.

Jeder der 4 Wissenschafter fand nun Zeit, über sein Spezialgebiet Gedanken und Überlegungen anzustellen. Desor hielt wahrscheinlich Ausschau nach dem Gletscherfloh, Desoria glacialis, den er bei seinen Forschungen auf dem Unteraargletscher bestimmt und benannt hatte, diskutierte aber auch mit seinen Kollegen über die Erhebungstheorie. Professor Forbes ( beobachtete die Polarisation des Himmels ), während Dr. du Châtelier feststellte, dass das Therometer nur 3 Grad unter Null anzeigte und das Saussuresche Hygrometer auf 67 Grad stand. Agassiz hatte die ( Karte zur Reise auf die Eisgebirge des Kantons Bern ) der Gebrüder Meyer aus dem Jahre 1811 vor sich und beschäftigte sich mit dem ( Verhältniss der Kämme zu den sie umgebenden Schneefeldern ) und meinte: ( Die Brüder Meyer haben schon dieses Verhältnis er- wähnt, und man ist umsomehr erstaunt auf ihrer Karte das Gegenteil zu finden. ) ( Vgl. Karte S.37.

Dann rüsteten sie sich zum Abstieg, wollten aber vorher noch eine Erinnerung an ihre Anwesenheit auf dem Gipfel zurücklassen. Über eine Fahne verfügten sie nicht, und so wurde denn beschlossen, den tannenen Bergstock von Louis Agassiz tief ins Eis zu bohren und das rote Schnupftuch eines Führers als eine Art Wimpel daran zu befestigen. Nach 4 Uhr brachen sie auf. Bald stellten sie fest, dass ihnen der steile Abstieg viel Mühe bereitete. Forbes mass denn auch Neigungen bis zu 47 Grad. Stufe um Stufe stiegen sie ab und erreichten um 5 Uhr den Rottalsattel. Eine volle Stunde später trafen sie auf dem Konkordiaplatz mit den 3 Begleitern zusammen, die hier am Vormittag zurückgeblieben waren. Sie beglückwünschten die erfolgreichen Bergsteiger und Agassiz erhob nach einer kräftigen Stärkung sein Glas speziell zum Wohle von Jakob Leuthold, ( denn wir erkannten alle an, dass ohne ihn wir nicht auf dem Gipfel angelangt wären ).

Es folgte der Rückweg über den Gletscher. Das milde Mondlicht schien ihnen um so wohltuender, als die blendenden Sonnenstrahlen während des Tages ihre Augen heftig gereizt hatte. Am Märjelensee erwartete sie zum guten Abschluss dieses erfolgreichen Tages ein besonderes Schauspiel. ( Die schimmernden Eisblöcke boten bei dem hellen Mondschein einen bezaubernden Anblick dar, das abgestutzte Gletscherende schien wie eine Mauer von lichtem Kristall, und da der Mond eben hinter den Spitzen, welche den See umstarren, bergen wollte, so sahen wir in einer Viertelstunde die mannigfachsten Lichteffekte und die seltsamsten Gegensätze. ) Sie übernachteten in den Alphütten beim See - nach 18 Marschstunden fielen sie rasch in einen tiefen Schlaf.

( Was man dort gesehen und erfahren, wird ewig im Gedächtnis eingeprägt bleiben, und der Tag, an welchem man von der Spitze der Jungfrau aus den Blick über die Ebene der Schweiz schweifen lässt, wird gewiss zu den schönsten des Lebens gerechnet werden können. )

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