Menschen am Piz Morteratsch

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Menschen am Piz Morteratsch

Jürg Nef, Zürich

Letzter Julitag in der Bovalhütte. Der grosse Aufenthaltsraum wirkt heute fast ausgestorben - was nicht verwunderlich ist: Draussen hängen die Wolken tief, ein kalter Sommersturm lässt den Wind um die Hausecke pfeifen, in den Regen mischt sich schon Schnee, kaum sieht man auf den Gletscher hinunter. Wer sagt denn da, SAC-Hütten seien zur Hochsaison immer überfüllt? Und welcher Bergfreund will behaupten, Schlechtwettertage bedeuteten verlorene Zeit? Wer so spricht oder denkt, wäre sehr zu bedauern, hiesse es doch, dass er seine alpinen Ferien an der Zahl erfolgreich durchgeführter Touren misst und den Terminstress - heute hier, morgen dort -mit dem Rucksack in die Höhe trägt. Wie schrecklich - und wie genussvoll dagegen unsere Hüttenwärme, in die der frisch gefeuerte Ofen uns einhüllt, die Geborgenheit und die Zeit der Musse. Ich liebe diese Atmosphäre. Cornelia und ich spielen nun schon seit Stunden Patience, blättern in der Hüttenliteratur oder, noch behaglicher, tun einfach nichts. Neben uns sitzt Walter, ein Coiffeurmeister aus dem nördlichen Nachbarland, etwa Mitte Dreissig, somit nur wenige Jahre älter als wir. Er wirkt sympathisch, und so kommen wir ins Gespräch. Sein Ziel für morgen ist auch das unsrige: Piz Morteratsch. Der Anstieg über die Nordflanke in Fels und Firn kann für geübte Bergsteiger nicht schwierig sein, bietet aber landschaftliche Reize: am Gipfel winkt, ich mag nicht übertreiben, eines der eindrücklichsten Panoramen der Alpen, eine gleissende Wunderwelt aus Firn und Eis.

Der Wetterbericht scheint verheissungsvoll. So erstaunt uns nicht, dass die Hütte gegen Abend Besuch erhält: vor Nässe und Kälte prustende Gestalten, die die Wärme unseres Raumes magisch anzieht. Unter ihnen entledigen sich auch zwei alpin vollständig ausgerüstete ältere Deutsche ihrer feuchten Kleider; einer hinkt, wie ich beim flüchtigen Hinschauen gewahre. Ich muss ein vorschnelles Urteil unterdrücken, denn wer sieht diesen beiden über 60jährigen, etwas verschrobenen.

Morteratschgletscher mit Bellavista, Piz Bernina und Piz Morteratsch irgendwie zerbrechlich und doch zäh wirkenden Männern an, was in ihnen steckt?

Nach dem Nachtessen suchen und finden wir frühe Bettruhe. Schon glitzern vereinzelte Sterne durch das offene Schlafzimmerfenster. Der kühle Nachtwind ist beste Entspannungs-medizin, und für einmal fehlen selbst die obligaten Schnarcher.

Der Morgen verheisst strahlendes Wetter. Noch überzieht eine leicht violett-bläulich getönte, makel- und wolkenlose Schwärze das Firmament. Cornelia und ich stapfen durch das Blockgewirr hinter der Hütte hangwärts. Der Morgenkaffee hat Zeit beansprucht, wir scheinen die Letzten zu sein. Ohne ausgiebiges Frühstück ist Cornelia nichts wert, und ich muss ja doch gelegentlich einsehen, dass mein brotloser Sturm und Drang in der Morgenfrühe wenig fruchtet. Wie meist fällt mir Bovalhütte vor dem Zusammenfluss von Pers- und Morteratschgletscher, mit Piz Cambrena und Piz Palü die Führung zu. Nicht eingespurtes Ge-schlechterverhalten will es so, sondern meine etwas grössere Erfahrung. Die Rollen lassen sich demnach auch vertauschen. Vor uns tanzt der Schein einer Taschenlampe: die beiden Deutschen. Natürlich bewegen sie sich langsamer, und wir lassen sie grüssend hinter uns. In der nun folgenden grasbewachsenen Steilflanke führt ein Weglein bergwärts, ein richtiger Stolperpfad, der uns müden, schläfrigen Geistern aber immerhin die Richtung weist.

Sie gleichen sich stets, diese ersten Strecken nach der Hütte: man sucht seinen Rhythmus, kämpft mit Dunkelheit, vorstehenden Wurzeln, Rucksack und Gleichgewicht und mag kaum glauben, dass man dies längere Zeit aushalten werde. Trotzdem gewinnen wir in einförmigem Trott unmerklich an Höhe, und der erste Stundenhalt, bei uns eine Tradition, dient dem Kleiderwechsel. Denn selbst in morgendlicher Kühle treibt solches Aufwärtsstreben den Schweiss aus allen Poren.

Walter, offenbar später gestartet, überholt uns bei unserer kurzen Rast mit einem freund- lichen Scherz; als Einzelgänger kommt er natürlich rascher voran. Doch weiter oben, beim Übergang in eine schneebedeckte Mulde, einem Flachstück vor der Felswand unter der Fuorcla Boval, sehen wir ihn warten. Bald holen wir ihn ein, halten kurz inne; der einsetzende prächtige Sonnenaufgang und die Vorfreude auf einen schönen Tag beschäftigen unsere Sinne. Unser Blick schweift über die weithin sich erstreckende Schneelandschaft; der gestrige Schlechtwettereinbruch hat über alles eine weisse Decke gelegt, ein prächtiges Bild, zum Klettern aber gewiss nicht ideal. Wir treffen nun auf Spuren, die - etwas später -im Bereich der erwähnten Felswand nach links gegen ein Firncouloir führen, das nicht nur näher beim Gipfel endet, sondern auch scheinbar leichter zu begehen ist. Aha, unsere Vorgänger haben offensichtlich den Routenführer nicht konsultiert, sondern sind direkt in die Falle gelaufen. Dieser warnt nämlich vor der ( Abkürzung ) und empfiehlt den nur aus der Ferne schwierig scheinenden Aufstieg zur Fuorcla über die Felsen. Keine Frage, dass wir uns an den Führer halten, dessen Informationen es sich vor Beginn jeder Tour zu merken lohnt. Manchmal leiten eben auch der ( gesündeste ) Menschenverstand und das untrüglichste Gefühl in die Irre. Warum deshalb nicht von der Erfahrung anderer profitieren?

Der steile Wandvorbau hat es heute allerdings in sich. Geröll pflegt ja schon definitionsgemäss rutschig zu sein, aber der darüberliegende frische Schnee macht die Sache mühsam und heikel. Wie stellten wir uns wohl an ohne Pickel? Mit ihrer Hilfe tasten, haken, krallen wir uns vorsichtig, fast behutsam hinauf, und Cornelia beansprucht an schwierigen Stellen, wo die Unterlage bei der kleinsten Berührung nachgibt und Haltegriffe fehlen, Seilunterstützung. Eines dieser Manöver befördert ihren linken Handschuh in die Tiefe - ärgerlich: ihre Finger werden vom Griff in den kalten Schnee klamm und beginnen zu schmerzen. Endlich stehen wir bei der Wand. Die Route ist mit roten Punkten und Pfeilen vorzüglich markiert, der Aufstieg leichte Kletterei. Über ein fussbreites Bändchen queren wir schliesslich nach links, und kurz darauf weitet sich der Blick unerwartet auf ein fla- ches Firnfeld, das sich hinter den plötzlich auftauchenden Felsbänken der Fuorcla Boval ausbreitet. Walter, der vorausgeklettert ist, empfängt uns hier mit Tee, überreicht Cornelia spontan seine Wollhandschuhe und willigt auf unser Angebot, im Schlussanstieg über den Firn eine Dreierseilschaft zu bilden, gerne ein.

Nach der obligaten Rast binden wir uns ans Seil, und Walter übernimmt die Führung. Gleich jenseits unter der Fuorcla gilt es den gutmütigen Bergschrund zu überwinden, und zwar einmal abwärts und das zweitemal, nach kurzer Traverse über den Vadrettin da Tschierva, wieder aufwärts. Das bereitet heute keinerlei Mühe, und schon stehen wir wieder auf dem Gratrücken, der das Morteratschbek-ken vom Rosegtal trennt, vor uns die massige Gipfelhaube des Piz Morteratsch, auf welcher - aus Distanz Raupen gleich - mehrere Seilschaften bergwärts streben.

Von unten hört man Zurufe. Es sind die beiden Deutschen, die eben die letzten Meter der von uns gemiedenen ( Abkürzung ) hinter sich bringen und uns nähertretend mit schwerem Atem begrüssen. ( Das war eine üble Schinderei, ein gefährlicher Eiertanz ), lässt sich der eine vernehmen, ( eine schmierige Rutschbahn, die uns gehörig zu schaffen machte. ) Auf meinen Hinweis bezüglich ihrer falschen Routenwahl gestehen die beiden Fehlgeleite-ten ein, dass die Spuren im Schnee sie verführt haben. Jetzt, wo ich diese bejahrten Hochgebirgssportler etwas näher mustere, vermag ich auch ihre Leistung zu würdigen, die mich tief beeindruckt: der eine leidet, wie sein Hinken bereits am Vortag erahnen liess, an einer schweren Beinarthrose, der andere musste sich wegen einer Kriegsverletzung den rechten Arm amputieren lassen. Als Team jedoch sind sie so stark, dass sie dieser Behinderung, dem Gelände und dem Gewicht ihrer Jahre zum Trotz unseren Vorsprung aufgeholt haben. Die Invalidität überspielen sie mit einer Art schrulligem Galgenhumor, und ihre Lebensfreude wirkt ansteckend.

Brauchen wir mehr als eine solche Begegnung und einen schönen Tag in unberührter Natur? Mittlerweile steht die Sonne hoch am Horizont, keine einzige Wolke schwebt vor dem tiefen Blau des Himmels. Unsere Seilschaft nimmt das firnige Steilstück des Schlusshangs in Angriff. Stufe um Stufe mit dem Pickel sichernd steigen wir vorsichtig hoch, bis die Flanke sich legt. Die Überschreitung des Gipfelgrates bedeutet reines Vergnü- Piz Morteratsch. Blick gegen Piz Kesch Auf dem Weg zum Gipfel des Piz Morteratsch gen, und nach einer kleinen Graterhebung weitet sich der Berg zum mächtigen, schneebedeckten Gipfelplateau, das der Sage und dem Namen nach ( Morteratsch = grosse Hochalp ) einst blühende Weiden bedeckten. Dahinter schichten sich Felsentrümmer zum höchsten Punkt, wo wir uns in einer heiter gestimmten Rundevon Gipfelgeniessern niederlassen. Das Panorama wirkt auf uns wahrhaft überwältigend. Hat Flaig mit dem Bild vom übertrieben? Die eisüber-strömte Flanke des Piz Palü, die Firnschneide des Biancogrates, die unübersehbare Kette'S » von Bergspitzen in allen Richtungen, auch das Gletscher- und Spaltengewirr scheinbar ganz nahe: diese unbeschreiblichen Eindrücke prägen sich meiner Erinnerung bleibend ein.

Für Leibesgenüsse, photographische Freuden und wohliges Dösen ist Musse genug. Während Augenblicken verwüstet allerdings Helikoptergeheul die Gipfelruhe ( wir winken trotzdem eifrig nach oben ), und schon tun unsere beiden Deutschen die letzten Schritte, die auch sie den höchsten Punkt erreichen lassen. Wären Preise zu verleihen, gebührte ihnen die Ehre. Die Anstrengung hat an ihren Kräften gezehrt, aber unsere Glückwünsche nehmen sie mit sichtlicher Genugtuung entgegen.

Die Nachmittagssonne zieht gemächlich gegen Westen, und nach langer Rast tritt unsere Dreierseilschaft wieder den Rückzug vom Gipfel an. Die Gratüberschreitung gelingt problemlos, von lockeren Steigeisen abgesehen. Bald stehen wir vor dem steilen Firnhang, der zur Fuorcla hinunterleitet. Hier treffen wir auf unser früher gestartetes deutsches , das an dieser etwas heiklen Stelle lange erprobtes Zusammenwirken demonstriert: der Einarmige sichert seinen hinkenden Freund von oben mit dem Seil, während letzterer mit dem Gesicht zum Hang, also rückwärts, unendlich behut- Piz Bernina mit Biancograt.

Rechts:

Piz Scerscen vom Piz Morteratsch aus sam Schritt für Schritt hinuntersteigt. Ein auf merkwürdige Weise eindrückliches Bild, das mir noch heute deutlich vor Augen steht. Verleiht uns Jüngeren die Dankbarkeit über eine intakte Gesundheit besondere Energie? Walter und ich lassen Cornelia vorangehen, und sie gleitet, uns sozusagen mitziehend, in einem solchen Tempo durch den schweren Schnee die abschüssige Flanke hinunter, dass Gedanken an Gefahr nicht aufkommen und Zweifel verstummen. Auf der Fuorcla dann das grosse Umrüsten; Seile, Steigeisen und Jacken sind zu verstauen, und ich zeige den nachkommenden den Weg durch die nun vollständig ausgeaperte Wand, die gegen die Bovalhütte hinabführt und die sie am Morgen gemieden haben. Tee macht die Runde, und keiner verheimlicht seine Freude über das gemeinsame Erlebnis. Dann steigen wir Jungen ab, und noch im schuttigen Wandunterbau winken wir auf Zurufe von oben in die gangbare Richtung. Bald schon zeichnet sich die Silhouette der Bovalhütte ab, deren Angebot an Bequemlichkeit und Erfrischung wir Minuten später gerne beanspruchen. Nicht lange darauf treffen auch die anderen noch verbliebenen ( Morte-ratsch-Alpinisten ) ein. Die beiden Deutschen verweilen nur für Augenblicke, dann rüsten sie Blick vom Gipfel des Piz Morteratsch auf Piz Roseg sich ohne Zeichen der Müdigkeit zum Marsch ins Tal. Unser Abschied ist kurz und herzlich.

Ich werde diese Menschen nie mehr sehen, auch nicht Walter, mit dem Cornelia und ich abends nach der 1 .August-Feier noch gemütlich zusammensitzen und der uns am nächsten Morgen einige freundliche Abschiedszei-len hinterlässt. Ist das traurig? Ich glaube nicht. Ein unvergesslicher 1.August-Tag hat uns kaum patriotische Gefühle vermittelt, sondern vor allem deutlich gemacht, wie wenig sinnvoll es ist, Menschen in Kategorien einzuteilen und damit trennend zu wirken; sei es nach geographischen, altersmässigen, sprachlichen, ethnischen oder andern Kriterien. Wir haben Walter später Photos und briefliche Grüsse geschickt, er hat seine Antwort mit einem Geschenk an Cornelia -Woll-handschuhe, gleichsam zur Vermeidung von weiterem Missgeschick-verbunden. Doch wichtiger bleiben die seelischen Spuren, die solche Begegnungen hinterlassen, denn sie sind unauslöschlich.

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