Mont Blanc - Brenvaflanke

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

BIWAK AM MONT BLANC VON ERICH VANIS, WIEN

Mit 1 Bild ( 16 ) Weit überragt der Gipfel des Mont Blanc seine königlichen Trabanten. Wild gezackt senken sich die Grate des höchsten Berges der Alpen bis hinab in die Täler Italiens und Frankreichs. Zwischen diesen Graten liegen mächtige Steilflanken eingebettet. Die gewaltigste davon ist die 1300 m hohe Ostwand. Man nennt sie die Brenvaflanke. Über diese ungeheure Flucht von Eiswänden, Couloirs und Felspfeilern führen heute vier verschiedene Anstiegsrouten. Die Ersteigungsgeschichte der Brenvaflanke wird von den Engländern beherrscht. Die erste Route davon begingen sie bereits im Jahre 1865, für die damalige Zeit eine geradezu unvorstellbare Leistung: Die Führerpartie Moore mit Matthews, den Brüdern Walker und Bergführer Anderegg war es, die seinerzeit im rechten, nördlichen Wandteil über eine kombinierte Fels-Eis-Route vom Col de la Brenva anstieg. Dieser Weg ist heute noch unter dem Namen « Moore-Sporn » der beliebteste. Alle anderen Wege sind wesentlich schwieriger und gefährlicher. Sie steigern sich in der Ausgesetztheit von rechts nach links, also von Nord nach Süd: Nummer zwei ist die 1927 eröffnete Route « Sentinelle Rouge », die rechts des grossen Couloirs direkt zum Gipfel des Mont Blanc emporführt. Nummer drei ist die « Route Major », 1928 eröffnet. Sie führt über die linke Begrenzungsrippe des obengenannten Couloirs und wendet sich dann in Gipfelnähe weiter nach links zum Mont Blanc de Courmayeur. Nummer vier ist die « Poire-Route », 1933 erstmals begangen. Sie führt direkt zum Gipfel des Mont Blanc de Courmayeur.

Die drei letztgenannten Routen: « Sentinelle Rouge », « Major » und « Poire », wurden von dem Engländer T. Graham Brown erstmals durchstiegen. Die « Sentinelle Rouge » und die « Major » mit S. Smythe und die « Poire » mit Alexander Graven und Alfred Aufdenblatten.

Der « Moore-Sporn » oder « Eperon Brenva », wie ihn die Franzosen nennen, hat unten auch einen reinen Eisanstieg, das Güssfeld-Couloir, welches aber stark den Eislawinen ausgesetzt ist. Oben gibt es eine direkte Ausstiegsvariante, über die Seraks, gerade hinauf zur « Mur de la Côte ». Sie ist zwar wesentlich schwieriger als die übliche Querung nach rechts zum Col de la Brenva, jedoch manchmal, wenn grosse Klüfte dort den Weg sperren, der einzige Ausweg.

Ein letzter Klimmzug, eine letzte Ruckstemme an zwei, oberhalb eines Schrundes eingerammten Eisbeilen, dann haben wir das Steilgelände der Brenvaflanke verlassen. Über die sanft geneigte Firnkuppe stapfen wir zur Mur de la Côte. Während wir halb nach links schwenken, in Richtung Mont Blanc-Gipfel, öffne ich mit klammen Fingern die Schnalle des Steinschlaghelmes. Mit einem Seufzer der Erleichterung kann ich endlich den Helm abnehmen. Doch während ich mit den Fingern durch das schweissverklebte Haar fahre, entdecke ich, dass dieses knisternd hochsteigt und senkrecht stehen bleibt. Nun wird mir erst gewahr, dass sich die Nebelschwaden, die uns schon während der letzten Stunde begleiteten, zu einem ordentlichen Gewitter zusammengebraut haben. Eine Wolkenbank, von Schwefelgelb bis zum dunkelsten Grau schattiert, brandet zu unseren Füssen drohend näher. Und plötzlich künden von dort, wo unter uns die Türme des Diabeigrats sein müssen, Blitze und Donnerrollen an, dass es diesmal ernst wird. Von diesem Gewitter werden wir nicht nur gestreift wie einige Tage zuvor an der Aiguille du Chardonnet.

Während sich das Unwetter mit den ersten sturmgepeitschten Graupelschauern zu entwickeln beginnt, ist die Reaktion in unserer Vierergruppe eine verschiedenartige. Ernst Henninger und ich verlassen rasch wieder den Gratrücken, um einige Meter gegen den Abbruch hinabzusteigen. Wir werfen alles Eisenzeug, wie Eisbeile, Steigeisen, Haken, Karabiner sowie die Seile ab und scharren uns 50 m daneben eine Biwakmulde in den Firn. Unsere französischen Gefährten Jacques und Bernard aber suchen ihr Heil in der Flucht. Sie stürmen trotz der akuten Blitzgefahr über den sanft gerundeten Rücken in Richtung Mont Blanc - Cabane de Vallot - davon. Wir fürchten mehr das Gewitter, sie das Biwak.

Flach kauern wir uns im Biwaksack in die gestampfte Firnmulde und zählen die Sekunden zwischen Blitz und Einschlag. Einundzwanzig - zweiundzwanzig - drei... schon lässt der Donner die Luft erzittern. Wieder Blitze, einundzwanzig - zwei... und wieder das Brüllen der Elemente. Dazu trommelt der Hagelschlag mit einer Intensität auf den Zeltsack und unsere Köpfe, dass wir erneut die Steinschlaghelme aufsetzen. Kaum hebe ich dazu die Hand, verspüre ich schmerzhaft elektrische Schläge in den Fingern. Wie verängstigtes Wild ducken wir uns ganz flach in die Mulde. Wir sind im Zentrum des Gewitters. Man kann sich das Zählen ersparen, es gibt keine Intervalle zwischen Blitz und Einschlag mehr. Wie wird es Jacques und Bernard ergehen? Wir hatten sie erst gestern abend in der Biwakschachtel am Col de la Fourche kennengelernt. Böse Gedanken wollen aufkommen dass wir sie vielleicht morgen irgendwo tot am Grat finden...

Gestern in der Biwakschachtel! Wie weit liegt das zurück! Was haben wir seither alles erlebt! Um 1.30 Uhr nachts waren wir aufgebrochen. Zuerst das Abseilen gleich vom Hüttengeländer weg. Das Seil hatte sich unten in einer Felsritze verklemmt, und ich hätte mich beinah stranguliert. Dann einige Seillängen guter Firn, bis uns die Randspalte zum Brenvagletscher stoppte. Debatte bei den Franzosen, ob sie hinunterspringen sollten. Endlich stiegen sie doch ein. Stockwerk hinab. Dann war Ernst an der Reihe. Kurzes Zögern, und der Schimmer seiner Stirnlampe leuchtete von tief, tief unten herauf. Während ich die letzten Meter zur Absprungstelle hinabstapfte, redete ich mir gut zu und beschimpfte mich gleichzeitig, feige zu sein. Dann aber, als ich entlang des Lichtstrahles der Stirnlampe erstmals die volle Höhe des Abbruchs sah, sprang ich sofort. Nicht, weil ich so mutig war, sondern weil ich sonst vielleicht überhaupt nicht mehr gesprungen wäre. « Dieser nächtliche Spaltensprung von gut fünf Metern ins Brenvabecken ist etwas derart Ekliges, dass er einem die ganze Mont Blanc-Ostflanke verleiden kann », sagte mir einer, der drei Wege durch die Brenvaflanke kennt und nur deshalb zögert, auch den vierten zu gehen. Vielleicht ist diese Kluft nicht immer so hoch und unangenehm, aber zumeist...

Eine Stunde ist im Führer für den Weg von der Biwakschachtel zum Col Moore angegeben. Wir benötigten deren drei! Fauler Schneematsch liess uns trotz der nächtlichen Stunde einen tiefen Graben über den Brenvagletscher spuren, ehe wir zum Einstieg gelangten. Dort, am Beginn der Felsen, stieg uns warmer, modriger Geruch entgegen. Erst da, wo wir vom Sporn weg über Rinnen und Rippen nach links in die Gipfelfallinie zur Route Sentenelle-Rouge queren sollten, wurde uns bewusst, welch miserable Verhältnisse uns dieser Tag beschert hatte. Der Föhn hatte uns derart gebremst, dass es bereits hier hell wurde, während wir jenseits der Querung, 400 m höher, an der « roten Schildwache » hätten sein sollen. Um den Tag nicht unnütz verstreichen zu lassen, entschlossen wir uns, hinter den beiden Franzosen über den alten, klassischen Moore-Sporn anzusteigen. Welche Ironie: wir dachten an eine Verlegenheitslösung und sollten zu einer unserer erlebnis-reichsten Bergfahrten kommen.

Der untere Felsteil war zwar brüchig, aber unschwierig, der nachfolgende Firngrat morsch und heikel zu begehen. Dort, wo er auf ca. 4000 m in eine Art Flanke übergeht, teilten sich die Wege. Die Franzosen hielten sich mehr rechts über Felstürme, wir links durch die Schneeflanke. Trotz des auch hier tief aufgeweichten Firns kamen wir etwas rascher vorwärts und gelangten um 10.30 Uhr bei 4300 m zu den Seraks, knapp unterhalb des Ausstiegs. Laut der Routenbeschreibung quert man hier nach rechts zum Col de la Brenva. Doch zuvor wollten wir eine Kleinigkeit essen. Während wir noch in den Rucksäcken kramten, tauchten auch die beiden Franzosen auf und liessen sich neben uns zum Rasten nieder. Von nun an gingen wir gemeinsam.

Da wir am Vortag nur nach den Ausstiegsmöglichkeiten der Sentenelle Rouge Ausschau gehalten hatten, war es uns nun angenehm, hier der Wegsuche entbunden zu sein. Wir verliessen uns nun ganz auf unsere neuen Gefährten, die nach einer kurzen Schnaufpause zielbewusst nach rechts durch eine Felsrinne abstiegen. Tatsächlich entdeckten jetzt auch wir in den Eisbrüchen rechts von uns eine alte Fussspur. Wo sie aussteigt, war nicht ganz klar ersichtlich, doch es werde schon einen Durchschlupf geben, dachten wir zumindest noch am frühen Mittag, als wir über eine absteigende Rampe die heikle Traversierung in das Gletscherbecken antraten. Es begann im vereisten Fels und setzte sich in 60° geneigtem Eis fort zu einer gemütlichen, ebenen Terrasse unterhalb eines Schrundes. Nur drei Seillängen mass diese Querung; doch darüber hingen etwa hundert Meter hohe, senkrechte Seraks. Man getraute sich kaum laut zu sprechen, um diese, oft lose übereinander geschachtelten Blöcke nicht zum Einsturz zu bringen. Wir warteten am Beginn der absteigenden Traverse in seitlichem Respektabstand. Jacques machte seine Sache recht gut und kam flott voran. Doch Bernard war nicht gerade ein Meister seines Faches und murkste unnötig lange herum. Erst als die beiden auf der Terrasse waren, stürmten wir am kurz genommenen Seil gleichzeitig nach. Hier war Tempo gleichbedeutend mit Sicherheit.

Auf der Terrasse wanderten wir den alten Stapfspuren entlang weiter nach rechts, bis... ja, bis wir bei einem gigantischen Eisabbruch anstanden. Hier hinüber zu kommen, war nicht einmal eines Versuches wert. Vielleicht etwas weiter unten? Auch die Spuren führten dorthin. Doch auch dort war der Abbruch gut 60 m tief. « Rappel », fantasierte Bernard, wie schon zuvor in der Querung. Abseilen schien sein Allheilmittel in allen Lebenslagen zu sein. Aber hier hätte auch ein Abseilen kaum Sinn gehabt. Resigniert stiegen wir wieder den alten Stapfen nach hinauf auf die Terrasse. Wenn wir von dort aus den darüber ansetzenden Schrund überwinden könnten? An einer Stelle vielleicht, doch auch sie war gut sechs bis sieben Meter hoch und hing drei Meter über, dann allerdings erwartete einen nur mehr Gehgelände. Jacques stürzte sich, mit all seinen und unseren Haken bewaffnet, auf das Hindernis. Drei Meter kam er hoch, dann sprang das Dach vor. Die von unten geschlagenen Haken fanden in dem zwar harten Firn aber zuwenig Halt, um der Belastung der Trittschlingen standzuhalten. Umständlich, sich in Doppelseil und Schlingen verhaspelnd, kam Jacques zurück, und wir holten rasch die in 40 cm Abstand geschlagenen Stifte heraus, nahmen alles Eisenzeug an uns und stürmten die heikle, eisschlagbedrohte Querung zurück. Um 16 Uhr waren wir wieder dort, wo wir um 11.30 Uhr unter den Ausstiegsseraks gerastet hatten. Gut fünf Stunden waren verloren.

Ohne anzuhalten und ohne lange Wegsuche stiegen wir diesmal an unserem Rastplatz vorbei, gerade hinauf. Nach fünfzig Metern standen wir auch hier vor einer Eisbarriere. Sie war nicht nur sechs bis sieben Meter hoch, sondern gut eine Seillänge, aber sie hing nicht über, sondern war nur nahezu senkrecht. Ein weiterer Vorteil aber war, dass sie aus kompaktem Eis bestand, in welches man Eishaken und Schrauben eintreiben konnte. Wir mussten jedoch, obwohl wir das Material beider Seilschaften zusammengetan hatten, mit den Stiften äusserst sparsam umgehen. Nur höchstens alle zwei Meter durften wir einen Haken anbringen, und doch benötigten wir volle zwei Stunden für diese Seillänge. Anschliessend warfen wir ein Seil zu den beiden Franzosen hinab, und mit Seilzug waren auch sie bald oben.

Während der nun am Schluss gehende Jacques noch die letzten Haken herauspickelte, suchte ich bereits nach dem Weiterweg. Dabei machte ich zuerst einmal die Entdeckung, dass wir unseren senkrechten Serakanstieg hätten vermeiden können, wenn wir weiter unten nach links gequert wären. Von dort kam eine recht gut aussehende Steilrinne, die Originalroute, herauf. Doch, nun war dies ja egal! Was uns mehr interessierte, war, dass uns oberhalb noch ein Steilabbruch erwartete, dem jetzt unser ganzes Interesse gehörte. Halb links schien dieser in einer Einbuchtung seine schwächste Stelle zu haben. Schon kam auch Ernst nach, und wir steuerten auf diese Serakschlucht zu, als wir im hereinbrechenden Nebel ein zwei Meter breites, ausgesetztes Eisband entdeckten, das nach rechts hinausführte. Ob das ein Fluchtweg aus der Serakzone wäre? Vielleicht war das die im Führer beschriebene RechtsquerungTatsächlich: nach fünzig Metern folgte auf das Band eine Schneemulde. Ein letzter Schrund -, und wir waren am flachen Hang der Mur de la Côte, und im Gewitter...

Über eine Stunde liegen wir nun schon flach im Zeltsack in die Mulde gedrückt, um dem Blitz so wenig Anziehungspunkte wie möglich zu geben. Das Zentrum des Gewitters zieht jetzt zwar etwas ab, doch der Sturm peitscht den Hagelschlag unvermindert gegen die uns schützende Hülle, und zudem wird es langsam dämmrig. Unser Plan, nur das Unwetter hier abzuwarten und dann auch über den Gipfel zur Cabane de Vallot zu wandern, entschwindet allmählich.

Endlich, gegen 20.30 Uhr, entschliessen wir uns, die Nacht hier auf 4500 m im Freilager zu verbringen. Wir tauschen die nassen Schuhe gegen trockene Daunenpatschen, schlüpfen in die Daunenjacken und halblangen Fusssäcke, so dass wir auf einmal unsere Lage sogar recht annehmbar finden, hier im Toben der Elemente. Im Schimmer der Stirnlampe essen wir eine Konserve. Dann entdecke ich in der Tiefe des Rucksacks ein kleines Fläschchen Steinhäger. Einige Gedankenblitze: es ist ja der 18. Juli 1964! « Ernst, alles Gute zum 22. Geburtstag - und Prosit! » Vor zwei Jahren haben wir in der Aletschhorn-Nordwand, Ernsts erster Eiswand, gefeiert; diesmal hätte es am höchsten Berg der Alpen sein sollen. Nun, der Gipfel selbst wird erst morgen folgen; doch unser Platz ist nicht weniger romantisch. Obwohl lange Reden fehlen, drückt die innere Harmonie mehr aus, als es viele Worte sagen könnten. Ich fühle mich hier oben mit einemmal geborgen und glücklich, trotz des Wetters, denn es ist meine, es ist unsere Welt!

Um 12 Uhr erwache ich einmal aus dem Schlummer. Noch immer zucken Blitze, rollt der Donner und knattert der Perlon-Zeltsack im Sturm. Dann schlafe ich weiter bis fünf Uhr früh. Ein fahl- grauer Morgen dämmert müde herauf; doch es schneit nicht mehr. Eine halbe Stunde später brechen wir auf und stapfen durch 40 cm Graupelschnee zum Gipfel. Um 7.15 Uhr stehen wir oben auf 4810 m. Die Sonne bricht zaghaft durch, doch der übliche Handschlag ist nur mehr eine Gewohn-heitsgeste. Den Gipfel haben wir bereits gestern abend im Biwak traumhaft erreicht.

In der Cabane de Vallot trafen wir unsere französischen Gefährten wieder. Sie waren von der Sturmnacht, die sie auf dem Gipfelgrat hatten verbringen müssen, stark hergenommen Zusammen freuten wir uns ob des Gelingens.

Feedback