Nevado Choquetacarpo

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VON HANS THOENEN

Als ganz besonderen Leckerbissen hatten wir uns die Besteigung des Nevado Choquetacarpo oder Nice Peak, wie ihn die Erstbesteiger des Pumasillo nannten, aufgespart. Während unseres Aufenthaltes im Pacchatal waren unsere Blicke immer und immer wieder bewundernd zu diesem formschönen, kühnen Gipfel geglitten, dessen Eltern Matterhorn und Siniolchu heissen könnten. Unzählige Male, zu allen Tageszeiten und bei den verschiedensten Stimmungen photographierten wir den imposanten Riesen, den König des Pacchatals. Zu gerne hüllte er sich schon zur Mittagszeit in die aus dem nicht zu fernen Amazonasbecken aufstossenden Wolken. Während die Südwand mit ihren steil abfallenden Riffelgraten und Gwächten abweisend, je nach Stimmung sogar drohend auf uns niederblickte, hatte der Berg bei der Besteigung des Nevado Kaico seine schwache Seite in der Nordostflanke preisgegeben. Bei forschem Vorgehen sollte es möglich sein, den Gipfel in einem Tag vom Basislager aus zu besteigen.

Ein sternenklarer Himmel, nur von spärlichen Cirrhen durchsetzt, wölbte sich am Morgen des 10. Juni über dem Pacchatal, als wir uns aus der wohligen Wärme unserer Schlafsäcke hinaus-schälten und über reifbedecktes Punagras zum Frühstück ins Messezelt stolperten. Beim Morgengrauen hüpften und balancierten wir bereits durch dunkelrotes, erzhaltiges Blockgeröll, zahlreiche Moränenkämme querend, dem Kaicogletscher zu. Hier erleichterte uns eine alte Spur, von der Besteigung des Nevado Kaico her, den Weg durch das Spaltengewirr zu finden. Nach anderthalb Stunden, als uns die ersten Strahlen der Morgensonne erreichten, traversierten wir nach links in den Gletscherabbruch. Zuerst über aperen Gletscher, dann, je nach Sonnenexposition, durch Pulver-oder Firnschnee arbeiteten wir uns in steilen Serpentinen über Rampen, Terrassen und Schneebrücken durch die Seraks empor. Da ich wegen meines Steigeisendefektes am Pumasillo unfreiwillige Ruhetage hinter mir hatte, überliessen mir meine Kameraden zur physischen und moralischen Kompensation die Führung und die damit verbundene Spurarbeit. Wir kamen recht gut vorwärts. Immer wieder fand sich zwischen gähnenden Spalten und Eistürmen ein Durchschlupf. Nach zweieinhalb Stunden lag der Abbruch mit 700 Höhenmetern hinter uns. Unter dem eigentlichen Gipfelaufbau machten wir bei sengender Sonne in einer Gletschermulde eine kurze Rast und nahmen dann das steile, pyramidenförmige Firnfeld in Angriff, das zum exponierten, stark verwächteten Nordostgrat hinaufführt. Unter der intensiven Sonnenbestrahlung hatte sich guter Firn gebildet. Eine Freude war es, wie sich die Frontzacken der « Everest »-Eisen einkrallten und ein rasches Vorankommen ermöglichten. Wohl keiner von uns wusste das so zu schätzen wie ich, nachdem ich mich mehrere Tage mit zurechtgebastelten Trägersteigeisen abgeplagt hatte, da ein Teil meines Gepäckes von der Panta-Gruppe her noch nicht eingetroffen war. Mit kindlichem Vergnügen genoss ich das Steigen in den wundervoll fest sitzenden Eisen. Am liebsten hätte ich einen Salto geschlagen, aber das geziemt sich in solchen Firnflanken schlecht, es sei denn, es geschehe unfreiwillig.

Während Ernst Reiss, Seth Abderhalden und ich nach der Firn- und Eisflanke dem verwächteten Nordostgrat, bald links, bald rechts haltend, folgten, erreichten Erich Haitiner und Franz Anderrüthi weiter rechts über Felsaufschwünge in anregender Kletterei direkt den Gipfel. Mit Erreichen des Grates eröffnete sich ein imposanter Tiefblick ins Pacchatal und auf unser winzig kleines Basislager, wo unsere treuen Helfer Eugenio und Victorino Angeles auf uns warteten. Über Eis- und Firn-aufschwünge erreichten wir kurz nach Mittag den Gipfel. Entgegen seiner üblichen Gewohnheit hüllte er sich nicht in Wolken, sondern gewährte gnädig eine wundervolle Rundsicht auf die umliegenden Gipfel. Einmal, als grosse Ausnahme, drängte die Zeit zum Abstieg nicht. Wohlig ausgestreckt lagen wir dösend in der Sonne, genossen wie an einem schönen Sonntag zu Hause ungetrübtes Gipfelglück, wenn nach schönem Aufstieg der Rückweg keine besonderen Probleme mehr aufwirft. Rasch stiegen wir nach ausgiebiger Gipfelrast durch die von der steilstehenden Tropensonne aufgeweichten Firnfelder ab und erreichten bei hereinbrechender Dämmerung das Basislager. Der Nice Peak hatte gehalten, was er versprochen hatte: Eine wirkliche Genusstour ohne zu grosse Schwierigkeiten auf einen formschönen Gipfel mit prachtvoller Aussicht.

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