Panorama Napf

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Gottfried Fankhauser, Fankhaus

« Von Langnau aus kam ich endlich an die Wurzel der Alpen, den ,Napf ', wie ein Dom der Natur auf diese Höhe gebaut wohl die höchste im Schweizerland auf welcher noch Viehherden weiden; auf demselben sieht man die Seen von Murten, Neuenburg, Biel, Zug, Seedorf ( Sempacher und Hallwyler See ) und eine Menge Städte und Dörfer weit über Helvetiens Grenzen. In den längsten Sommertagen ist es kaum zwo Stunden Nacht. Auf einmal vergass ich Alles auf diesem herrlichen Schauplatz.T.ief unten wie auf einer fremden Welt sah ich viele staunenerregende Szenen, nie empfand ich rührender den Gott der Natur und schien mir bereits unmöglich, dass je ein Geschöpf von hier wieder zu andern Erdbewoh-nern hinabsteige, und ein Schauer überfiel mich: ungefähr io Stunden von hier sah ich Alterthümer und Werke, gegen welche Alles was Rom und Griechenland Grosses aufweisen, nur Puppen-spiel und Kinderei ist, ich meine die Gletscher, deren Ansicht mich frieren machte. Im Thale sahen wir vom Gipfel herunter Rindvieh weiden, das uns wie Lämmer vorkam; Flüsse gleich einem schmalen, schlängelnden Fusssteig; schwarze, dichte Waldungen im Abgrund der Tiefe, welch ein Reichtum an Holz, Steinen und Kräutern. Unter den Pflanzen fand ich solche, die auch in unsern Wiesen und Gärten blühen, und andere, die ich in unserer Heimat nicht gesehen habe, Orchis, Entiana, Jrsis Carolina, Uva Ursi Valeriana rubra, Sedum, Veronika und mehrere, welche wegen ihrer Schönheit verdienten, am Busen des liebenswürdigsten Mädchens zu glänzen. » Dies schrieb 1782 der Zürcher Professor Leonhard Meister in seinen « Reisen durch einige Schweizer-Kantone ».

Wenn wir diese enthusiastische Hymne auf den Napf auch als reichlich überschwenglich und übertrieben empfinden - eines steht fest: Grossartig und unerhört vielfältig ist die Rund- und Fernsicht auf dem « Rigi des Emmentals ». Dies mag um so mehr erstaunen, als er doch nur wenig über 1400 Meter hoch ist; aber seine isolierte Lage vor den Vor- und Hochalpen verhelfen ihm zu diesem Ruhm. Freilich, um alles, auch die entferntesten Geländepunkte, zu sehen, dazu braucht es eine extrem klare Sicht, wie sie nur selten eintritt, etwa nach dem Durchzug einer Gewitterfront, und dann meist nur für eine ganz kurze Dauer, oder bei grosser Kälte im Winter. Wem das Glück zu einer solchen Sicht auf dem Napf beschieden ist, dem wird das faszinierende Spiel des Lichtes über der ausgebreiteten Landschaft unvergesslich bleiben.

Eines aber empfand man beim Geniessen dieser herrlichen Rundsicht immer als Mangel: das Fehlen eines umfassenden Panoramas, das einem beim Bestimmen der Gipfel, Kuppen, Rücken, Seen, Dörfer und Kirchen geholfen hätte. Es besteht zwar ein gedrucktes, handharfengefaltetes Panorama in reiner Konturendarstellung, aufgenommen und gezeichnet von Paul Christen vom SAC Burgdorf aus dem Jahr 1882. Der Geländeausschnitt erstreckt sich von der « Hohen Rhone über Sentis, Glärnisch, Titlis, Berner Alpen, Gantrisch bis zum Moléson ». Mit nur 150 benannten Geländepunkten ist dieses Panorama aber für den anspruchsvolleren Betrachter doch etwas zu dürftig, und zudem ist die Neuauflage von 1936 seit längerer Zeit vergriffen.

Seit letzten Herbst ist nun diese Orientierungs-lücke geschlossen: Auf dem Napf steht ein Panorama, das in drei Sektoren in gefälliger, ja geradezu künstlerischer Federstrichzeichnung die gesamte Rundsicht ( mit Ausnahme des Ausschnittes Chasseron—Chasseral ) samt dem Vorgelände festhält. Gerade wegen des stark kupierten Vorgeländes, der zahlreich sich überschneidenden Höhenzüge wie auch wegen der kleinen Winkel-differenzen weit entfernter Gipfel wählte man die kreisbogenförmige, winkeltreue Darstellungsart. Nur diese zentralperspektivische Projektion ermöglicht ein ziemlich genaues Visieren über die Zeichnung zum entsprechenden Geländepunkt.

I Auch die Grosse des Panoramas wurde den « besonderen Tücken des Objektes » angepasst: Bei einer Bildplattenbreite von 40 Zentimetern und einem inneren Durchmesser von 1,60 Metern ergibt sich eine mittlere abgewickelte Gesamtpan-oramalänge von etwa 6,30 Metern.

Der Südwestsektor ( panoramatisch in der Nähe der Orientierungstafel der Berner Wanderwege ) erstreckt sich vom Titlis, P. 3076, über die Berner Alpen, Stockhornkette, Freiburger Berge und Hügel, Waadtländer Jura bis zum Chasseron. Der Nordwestsektor ( Tisch beim Nordsignal ) zeigt die Sicht zum Jura und Schwarzwald vom Chasserai bis zum Irchel, P.677, und der Nordostsektor fängt neben der Napfschür beim Bötzberg bei St.Blasien ( D ) an, führt über Säntis, Churfirsten, Glärnisch, Pilatus, Uri Rotstock, Titlis zu den Wendestöcken ( Mähren 2970 m ).

Auf allen drei Sektoren sind total etwa 650 sichtbare Geländepunkte bezeichnet, meist mit Höhenangabe; dazu kommen 117 Richtungs- StcttiftVKV.

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Ausschnitt aus dem Faltpanorama Napf von Paul Christen, 1882. Massstab 1:1 und Entfernungsangaben zu nicht sichtbaren Städten in der Schweiz und dem Ausland, was ganz besonders für die Besichtigung durch Schulen eine sehr erwünschte und interessante Ergänzung bedeutet. Einige pikante Details aus der Fülle der uns gebotenen « Geographie » möge zeigen, dass Professor Leonhard Meister die Aussicht dieses Berges doch nicht ganz zu Unrecht so begeistert beschrieben hat: Wen etwa die Sehnsucht zu den lieben Walliser Bergen verzehrt, ohne dass er die Möglichkeit und Zeit hat hinzureisen, der steige bei föhniger Klarsicht auf den Napf. Hier kann er über der Sichel durch den Gemmieinschnitt neben dem Daubenhorn einen der drei Schwurfinger der Aiguilles Rouges von Arolla ( 3646 m ) erblicken. Vielleicht erweckt dieser Name auch ein gewisses Gelüste nach einem gewissen herrlichen roten Saft; dieses Gelüste wird sicher verstärkt, wenn er sich westwärts wendet und in der Richtung von Lissabon ( 1640 km ) Madame « La Dôle » erblickt. Sollte sie sich aber SefvuMietn« lUviteiavfìoMv.

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aus Launenhaftigkeit in Dunst verhüllen, so wende er sich im Hotel an Monsieur « Le Dôle », bis er selbst im Dunst verhüllt ist. Der dabei allenfalls eingehandelte echt elsässische « Grand Ballon » erscheint dann über Niederbipp und der Schwän-gimatt. Sollten ihn nun etwa « fürig Güeg » belästigen, so ist das sicher der Fernwirkung des « Champ de Feu » im Elsass ( 185 km ) zuzuschreiben, und er kann nichts Besseres tun, als sich einen « Blauen » ( Schwarzwald ) zu leisten, über den « Feldberg und Blumberg » zu flüchten, und wenn der Lindenberg keine Linderung bringt, so nehme er zwischen dem « Bös Fulen » und dem heiligen Pilatus einen « Piz Sar(i)don(a ). Im Urnerland sich des Gewächses des Rotstocks erinnernd, wird dann über den Wendestöcken sicher die gewünschte Wende eintreten.

Das prächtige Werk wurde in neunjähriger Freizeitarbeit von Willy Bachmann, einem Techniker in Bern, geschaffen. Welch unerhörter Arbeitsaufwand und wieviel Geduld hinter der gan- teims t. SrosseiVìf j&tdwui. %rûm fiouv Auszug aus dem Faltpanorama Napf von Paul Christen, 1882, Massstab 1:1 zen Anlage stecken, kann nur der ermessen, der das Werden mitverfolgen konnte und sich auch vergegenwärtigt, wie ungünstig meist die meteorologischen Verhältnisse im letzten Jahrzehnt gewesen sind. Wie oft wurde Herr Bachmann alarmiert, es sei wunderbare Sicht, und wenn er sich nach einer 50-Kilometer-Fahrt und einem dreiviertelstündigen Aufstieg mit schweren Apparaten ans Photographieren und Zeichnen machen wollte, waren die entferntesten Geländestreifen in Dunst gehüllt. Wie oft auch zeichnete er im Februar mit « gstabeligen » Fingern, wie oft versuchte er etwa mit Beisszange den abgerissenen Spe-zial-Infrarotfilm nachzuziehen. A propos Infra-rotfilm: bei so grossen Entfernungen dringt man auch mit diesem nicht durch denDunst hindurch. Es mag vielleicht der Werdegang des Panoramas interessieren; er sei deshalb kurz skizziert: Nachdem einmal die Standorte der drei Tische bestimmt, die Grosse, Einteilung, Form ( rund oder gerade ) und Darstellungsart ( Federstrich ). Sitltvh » ausgewählt waren, galt es die Plattengrössen in bezug auf Kopierbarkeit auszuwählen und für die Tische die Grosse festzulegen; Pläne mussten erstellt und die Ausführung in Auftrag gegeben werden. Nun begannen die Arbeiten im Gelände: Standorte vermessen, Fixpunkte eintragen und ein Grobnetz erstellen. Die photographischen Aufnahmen boten, wie schon erwähnt, einige Schwierigkeiten und geben zudem kein neutrales Landschaftsbild; je nach Witterung sind die Horizonte entweder zu betont oder zu verschwommen. Auch durfte nicht eine einseitige Abend- oder Morgenbeleuchtung festgehalten werden. Deshalb ist die Zeichnung besonders wichtig; aber oft konnten pro Stunde nur wenige Quadratzentimeter gezeichnet werden. Zu diesen Geländearbeiten begab sich Bachmann mehr als 5omal auf den Napf. Fortgesetzt wurde die Arbeit im Büro. Die gezeichneten Einzelblätter, mit Fixpunkten versehen, wurden auf Sammelzeichnungen übertragen und dabei mit einem speziellen Verfahren die unterschiedlichen Azimutgrös-sen ausgeglichen. Es galt auch eine gute Luftperspektive ( Tiefenwirkung ) zu erreichen, was am Schluss noch eine zusätzliche Abtönung erheischte. Diese Sammelzeichnungen mussten nun reduziert und in gebogene Form gebracht werden, d.h. es wurde das Original erstellt. Viel Zeit nahm die Eruierung der Geländepunkte nach den Karten i :25 000, 1:50000 und 1: t oo 000 der Landeskarte und der französischen und deutschen Karten in Anspruch. Die genauen Azimute mussten bestimmt und die exakt, gemessenen Höhenwinkel mit den Berechnungen unter Berücksichtigung von Erdkrümmung und Strahlenbrechung verglichen werden. ( Über die Auswirkung der Erdkrümmung stand seinerzeit in den « Alpen », Heft Nr.3/1957, ein sehr instruktiver Artikel. Danach fällt bei to Kilometer Entfernung ein Geländepunkt 8 Meter, bei 20 Kilometer = 34 Meter, bei 50 Kilometer = 200 Meter, bei i oo Kilometer = 800 Meter und bei 185 Kilometer ( Champ de Feu, Vogesen ) etwa 2680 Meter. Dies sind Annäherungswerte. ) Nachdem die Originalpause mit Namen und Höhen versehen war, erfolgte die Herstellung des Negativs auf verzugfreiem Spezialpapier. Die Fertigstellung in der Werkstatt umfasste noch folgende Arbeiten: Kopieren der Negative auf Aluminiumplatten nach dem Alphot-Verfahren, wobei die Federstrichzeichnung anodisch auf Aluminiumplatten oxydiert wird. Sie ist dann organisch mit dem Metall verbunden, absolut wetterbeständig, licht- und säurefest. Nach dem Zuschneiden und Einbau konnten die Tische transportiert werden, das letzte Stück von der Trimlen weg mit Einach-ser und Brügi. Vorher schon wurden die Fundamente nach Schablonen erstellt, und so konnten die Panoramen gleich montiert werden, der Südwestsektor im Herbst 1968, die zwei andern Sektoren letzten Herbst ( 1970 ). Allerdings werden die Tische über den Winter weggenommen, um mutwilligen Beschädigungen vorzubeugen.

So besitzt nun der Napf mit diesem Werk, zusammen mit der grossen, farbigen Orientierungstafel der Berner Wanderwege, auf der durch die ausstrahlenden Wanderrouten die Struktur des Napf berglandes so augenfällig wird, eine Orien-tierungsanlage, die wohl ihresgleichen sucht. Oder wo kann auf so geringer Höhe die gesamte Rundsicht mit etwa zwei Dritteln des schweizerischen Raumes auf einem Panorama bewundert werden? Auch in der zeichnerischen Ausführung darf das Werk mit den « grossen » Panoramen des letzten Jahrhunderts verglichen werden.

Bleibt nun noch die Frage zu beantworten: Wer kann das bezahlen? Die ganze Anlage ist ein Geschenk der Ersparniskasse Signau in Langnau anlässlich ihres 125 jährigen Bestehens ( 1840-1965 ). Der Verkehrsverein Trüb hat es zur Betreuung in Obhut genommen.

Es sei auch im Namen der vielen Besucher an dieser Stelle dem Verwaltungsrat und dem Verwalter für die hochwillkommene Stiftung herzlich gedankt.

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