Pumasillo

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In kurzer Zeit sind wir beim Skidepot und zum letztenmal gehen wir den Weg durch den Gletscher zurück. Vorsichtig fahren wir über die trügerischen Brücken ab, und in holperiger Schussfahrt über den im unteren Teil aperen Gletscher erreichen wir aufatmend die Moräne.

Pumasillo, der peruanische Berglöwe ( 6070 m )

VON ERICH HALTINER Der lange Anmarsch von Mollepata bis ins Basislager ist ein ausgezeichnetes Training, so dass wir den Tag kaum erwarten können, an dem wir den höchsten Gipfel dieser grossartigen Gegend anpacken werden. Einige herrliche Fünfeinhalbtausender haben wir bereits bestiegen. Das Wetter ist nicht besonders freundlich; aber trotzdem jeden Mittag von der Amazonas-Ebene Gewitterwolken aufsteigen, die uns immer Neuschnee bringen, können wir doch einige Erfahrungen sammeln. Die Umgebung kennen wir schon recht gut und fühlen uns wie zu Hause.

Der 4. Juni beginnt mit einem schönen Morgen, und Seth Abderhalden, Franz Anderrüthi und Hans Thoenen ziehen zur Besteigung des 5210 m hohen Nevado Paccha aus. Ernst Reiss und ich steigen auf die Moräne Richtung Pumasillo auf, um die vereinbarte Funkverbindung aufzunehmen. Wir haben mit dem Pantalager, das 30 km weit entfernt ist, recht guten Empfang, und über die gelungenen Besteigungen und die gute Gesundheit aller Kameraden herrscht Freude. Ich könnte jauchzen, denn Ruedi Schatz hat mir soeben die Radiomeldung von meiner Frau durchgegeben, dass es ihr und dem 10 Monate alten Sohn gut geht. Das freut mich unheimlich! Die Plauderei am Telephon dauert bis elf Uhr. Den angebrochenen Tag wollen wir aber noch für eine Erkundigung unseres grossen Berges nutzen.

Wir steigen am ersten Lager, das die Engländer benutzten, vorbei in Richtung des braunen Pfeilers auf. Am Rande des Gletschers kommen wir in eine steile Rinne, die über uns von einem absturzbereiten Klemmblock abgeschlossen wird. Da es kein Ausweichen gibt, hoffen wir, dass sich dieser noch einige Tage oben halte! Im herrlichen warmen Fels steigen wir rasch bis 5100 m, und vor uns sieht es ein Stück weit sehr ermutigend aus: ein nicht allzu steiler, mit riesigen Spalten durchzogener Gletscher, aber ohne besondere Schwierigkeiten. Vor lauter Freude ob des schönen Wetters steigen wir mit der Begeisterung kleiner Buben höher. Jeder Meter bringt etwas Neues: ein rassiges Firngrätchen, ein toller Sprung über ein unheimliches Loch, eine Traverse an haushohen Eistürmen vorbei, und immer näher rückt das grosse Fragezeichen. Unter riesigen Eisbaikonen, an denen meterhohe Eiszapfen hangen, machen wir in einer kleinen Mulde eine kurze Rast. Hier beginnt der 150 m lange « Blumenkohlgrat ». Wir taufen ihn so, weil auf allen Seiten die Wächten weit hinaushangen und das Ganze wie ein riesiger Blumenkohl aussieht.

Es ist schon drei Uhr, aber die Neugier treibt uns noch eine Seillänge weiter. Was wir da zu sehen bekommen ist nicht mehr zum Lachen! Der richtige Kampf mit dem peruanischen « Berglöwen » beginnt erst da oben! Nicht umsonst hatten die Engländer vierzehn Tage für diesen Berg benötigt. Während des Abstieges finden wir, hoch oben am braunen Pfeiler, einen einmaligen Platz für unser Hochlager und deponieren hier einiges Material.

Am 6. Juni steigen Seth, Franz und Hans zu einem neuen Vorstoss auf. Es ist vielleicht etwas übertrieben, aber in Ernsts und meinem Kopf spukt der Plan, morgen in einem Tag durchzukommen! Die Funkerei will heute kein Ende nehmen, und um 11 Uhr stehen wir immer noch im Basislager. Die grossen Rucksäcke versprechen keinen grossen Auftrieb, und so erreichen wir mit unsern beiden famosen Trägern, Eugenio und Victorino, erst um 14 Uhr die vorgesehene Felsenkanzel. Mit den Säcken auf den Rücken wird zuerst photographiert und, statt das Mittagessen einzunehmen, wälzen wir Steine und schaufeln Erde. So entsteht eine Plattform für das 8 m lange Jamet-Zelt. Mit den letzten Sonnenstrahlen kommen unsere Kameraden von oben und melden, dass sie drei Seillängen weitergekommen seien, und dass der Weiterweg sehr fragwürdig aussehe. Während sie ins Basislager absteigen, hat Ernst noch am Zelt zu schaffen. Ich habe wie gewohnt noch lange in der Küche zu tun. Ein milder Abend senkt sich über die Bergriesen, und mit müden Rücken verkriechen wir uns ins Stoff haus. Da wir nur zu zweit hier oben sind, hat jeder sein eigenes Abteil. Es ist die erste Nacht auf über 5000 m, und in gespannter Erwartung auf den morgigen Tag finde ich den Schlaf erst spät.

Der 7. Juni bringt wieder einen wunderschönen klaren Morgen. Wie mit der Schere geschnitten zeichnen sich alle Grate und Zacken ab. Am nördlichen Himmel sehen wir den « Grossen Wagen » auf den Kopf gestellt, in der andern Richtung das Kreuz des Südens. In einem so engen « Zimmer » haben wir allerhand Mühe, bis wir startbereit sind. Und natürlich ist die Düse des Kochers noch verstopft und die Nadel zum Reinigen in diesem Durcheinander nicht zu finden. Nach einigen kräftigen Ausdrücken und lauwarmem Kaffee verlassen wir kurz vor 6 Uhr, beim ersten Morgengrauen, das Felsennest.

Die Steigeisen greifen gut im harten Firn, und bald turnen wir an einem fixen Seil 20 m höher. Die vorgetriebene Spur auf der Schattenseite, wo sonst hüfttiefer Pulverschnee liegt, hat sich gut verfestigt, und schon nach eineinhalb Stunden sind wir bei der Rückzugstelle von Franz. Er schlug hier einen Tunnel durch eine Wächte. Wie ich den Kopf durchstrecke, um den Weitergang zu mustern, sind meine innere Freude und der « geheime Plan » bald zerschlagen. Die Sicherung durch die Höhle ist allerdings ideal, und die senkrechte Rampe muss zuerst aus der Nähe betrachtet werden. Grießschnee rieselt in die Ärmel und in den Kragen, und so werde ich erst richtig wach. Wie ich mich mit dem Eisen im spröden Eis festhalte, guckt Ernst vor Ungeduld wie eine Maus durch das Loch. Er erfasst schnell meine Situation und verschwindet ebenso schnell wieder. An einem Eishaken quere ich sieben Meter weit auf eine Eisnase, vier Meter hinauf, ein Schneewulst wird durchschlagen, und ich stehe auf dem höchstens 50 cm breiten Grat. In kniender Stellung, auf den Pickel gestützt, wird Ernst nachgenommen. Gerne überlasse ich ihm das nächste, ebenfalls alle Vorsicht erheischende Stück. Hier kommen wir mit der Route der Engländer zusammen. Tief im Eis ein- geschmolzen entdecken wir ein altes Rückzugsseil. Schade, dass es so im Eis steckt, würde es uns doch die nächste Seillänge erleichtern. Während ich mit gefühlslosenHändenmeinen Freund sichere, versucht er vergebens, Eishaken und Holzkeile zu schlagen. Aber auf irgendeine Art kommt er höher, und nach einer Stunde erreicht er die Schulter. Für mich ist es höchste Zeit, dass ich nachkommen kann, denn meine Hände sind bereits gefühllos. Ohne Mühe kann ich die eingeschlagenen Eisen lösen. Auf der Schulter empfängt uns die wärmende Sonne. Einen Meter tief stehen wir im lockeren Pulverschnee, glücklich, dass das schwere Tor zum Pumasillo geöffnet ist.

Wir stapfen aufwärts, dem unsichtbaren Gipfel zu. Der Schnee ist tief, und wir wühlen uns mehr hinauf, als dass wir gehen können. Wortlos wird im Spuren abgewechselt, und jeder kämpft sich mit klopfendem Herzen und schweren Beinen höher.

Es ist schon 13 Uhr. Eine 50 m hohe Eisbarriere versperrt uns den Weg. Wir essen etwas. Dann spurt Ernst auf der Schattenseite weiter. Die langen Skistöcke leisten uns gute Dienste, denn ohne sie würden wir noch tiefer einsinken. Nochmals lösen wir uns ab. Ich krieche über einen Bergschrund und stampfe weiter zwischen zwei haushohen Eispyramiden durch. Wenn das der Weiterweg ist, dann erreichen wir den Gipfel nicht, d.h. wir können den Gipfel erreichen, aber ein Biwak bleibt uns nicht erspart, denn um 18 Uhr ist es dunkel. Was das bedeutet in nassen Kleidern auf 6000 m wissen wir nur zu gut.

Wir suchen nach einem andern Durchschlupf. Ernst ersteigt eine Eisrampe, die wie die Klaue eines Löwen aussieht. Meine Arbeit besteht darin, an einer zweifelhaften Pickelsicherung einen möglichen Sturz aufzufangen. Die Stunden eilen. Es ist bald 3 Uhr. Ich kann nachkommen und -gespreizt, manchmal Hände und Füsse fast auf gleicher Höhe, schufte ich mich aufwärts, dem erlösenden Grat zu. Über trügerische, absturzbereite Wächten schleichen wir dem Vorgipfel zu. Eine neue Enttäuschung. Der Hauptgipfel ist durch eine tiefe Scharte getrennt. Müssen wir den nur um 20 m höheren Hauptgipfel besteigen? Eine unerhört kühne Fels- und Eispyramide, wie ich sie in den Alpen noch nirgends gesehen habe. Nur einer kann es probieren, sonst kommen wir in die Nacht. Biwak hin oder her, ich versuche es! So nahe an einem Sechstausender kehren wir nicht um! Ich steige in die Scharte ab, und während ich über der mehr als tausend Meter hohen Westwand klebe, höre ich einige Male den Verschluss der Retina von Ernst. Ich mühe mich in einer brüchigen, senkrechten Rinne weiter bis unter einen Schneewulst. Darüber hinaus zu kommen ist aussichtlos. Es bleibt nichts anderes übrig, als den Schneewulst zu durchbohren, um die andere Seite in Augenschein zu nehmen. Nach einigen kräftigen Flüchen kann ich mich durchzwängen. Sehr steil und verflucht exponiert ist die schmale Spitze, einer verschneiten Kirchturmspitze ähnlich. Mit vorsichtiger Bewegung stemme ich mich auf den Knien höher. Der Pumasillo ist erreicht!

Der Abstieg von diesem einsamen Bergriesen erfordert sehr rasches Handeln und volle Konzentration. Wieder bei Ernst angekommen, umarmen wir uns vor Freude. Wir müssen alle Kräfte mobilisieren, um des Pumas Klauen zu entrinnern.

Gestern hatten wir in mühsamer Arbeit das Hochlager aufgestellt, heute, nach zehnstündiger Spurenarbeit ist der Gipfel erreicht. Und jetzt sollen wir in drei Stunden, in gefrorenen Kleidern den Abstieg zum Felsenlager bewältigen. Da muss rasch gehandelt werden, sonst ist die Nacht mächtiger als zwei müde, kleine Menschlein! Die steilen und senkrechten Rampen nehmen wir im Abseilen, teils an den eingerammten Skistöcken oder am zurückgelassenen Pickel. Beim gefürchteten « Blumenkohlgrat » angekommen ist die Sonne untergegangen, und die plötzlich eintretende Nacht verdeckt unsern verzweifelten Rückzug. Noch einige Steilstufen, und wir stolpern über den Gletscher und gegen 19.30 Uhr dem Felsenlager zu.

Damit hatte die Gruppe Pumasillo innert drei Wochen acht Gipfel bestiegen, darunter auch den Pumasillo selbst. Im Tal von Paccha verbleibt als einziges Problem der Mitre. Auch der Sacsarayoc wäre noch ein lockendes Ziel; ein Besteigungsversuch würde jedoch eine Verschiebung des Basislagers an einen Ort bedingen, der für Maultiere fast ausgeschlossen erreichbar ist; sie würde deshalb einen Zeitaufwand von mehreren Tagen bedingen. Um das Gletscherbecken im Nordosten des Pumasillo steht noch eine Anzahl kühner, unberührter Zacken, die man wohl am besten vom Vilcabambatal her erreichen kann.

Eine neue Dislokation des Basislagers, sei es an den Sacsarayoc oder gar in die Berggruppe im Nordosten, hätte gesamthaft wohl 4 bis 7 Tage beansprucht und sich also nur gelohnt, wenn man im folgenden auch mindestens 14 Tage lang von dort aus hätte Besteigungen machen können. Eine solche Lösung barg aber verschiedene unerfreuliche Konsequenzen: vor allem wäre damit die ganze Gruppe Pumasillo für den Rest der Expedition festgenagelt gewesen. Es wäre aber sehr zu bedauern gewesen, wenn man die Zusammensetzung der Gruppen nicht hätte ändern können, denn wir waren schliesslich eine Mannschaft und eine Expedition. Dann hätten die Lebensmittel zwar noch einige Zeit länger gereicht, aber man hätte doch einen neuen, komplizierten Nachschub von Cuzco her organisieren müssen, da wir von Anfang an mit einer zweiten Phase ab Cuzco gerechnet und deshalb nur für rund sechs Wochen Lebensmittel mitgeführt hatten.

Als daher die Gruppe Panta alle interessanten Gipfel bestiegen hatte, verständigte ich mich per Funk mit der Pumasillo-Gruppe. Wir beschlossen, nach Cuzco zurückzugehen und von dort aus zu neuen Zielen aufzubrechen.

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