Roggal-Spitze-Nordkante

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VON CHRISTEL KENEL, ZUG

Miti Bild(93 ) Wir waren im Aufstieg zur Roggal-Spitze über Schnee und hellgraues Kalkgeröll und sahen immer wieder hinauf zur Nordkante. Schmal wie ein helles, in der Sonne leuchtendes Band schwang sie sich aus den schattigen Wänden empor in den blassblauen Himmel.

Ich war müde, sehr müde sogar. Waren wir nicht am Freitag gegen Mitternacht in strömendem Regen zur Bollenwies aufgestiegen, als ein Blitz jenseits des Sämtisersees krachend in eine Tanne fuhr, dass sie lodernd und funkensprühend in der Nacht verglimmte? Und hatten wir nicht am Samstag den Altmann über seinen Westgrat bestiegen und waren spät nachts noch aufgestiegen zur Ravensburger Hütte?

Wieder sehe ich hinauf zur Roggal-Spitze, prüfend, ob ihre Kante tatsächlich so ausgesetzt sei. Und der obere Teil, ist der wirklich so steil? In der Hütte habe ich eine der anwesenden Damen gefragt, wohin sie gingen. « An die Nordkante der Roggal-Spitze », ist die Antwort gewesen, und die Antwort war so, dass sich daraus keine Schlüsse haben ziehen lassen.

Einstieg. Andere Partien sind vor uns eingestiegen und mühen sich in dem Riss, der hinaufführt zur ersten Gratkanzel. Scheint ziemlich schwierig zu sein, dieser Riss. Dankbar sehe ich Hanno zu, der an dem kurzen, steilen Schneehang auf Hansuelis Firngleitern Schwünge übt und sich dabei oft mehrmals überschlägt. Und der Riss? Er war gar nicht schwierig, etwas feucht, aber nicht schwierig.

Schön ist 's, auf der Gratkanzel zu sitzen und hinunterzuschauen ins helle Kar, sich von der Sonne wärmen zu lassen und hinter sich den Fels zu spüren, der nun schon « Roggalkante » ist.

Nach einer Stelle, die ich « mathematisch » nennen möchte, weil man sich genau überlegen muss, wie die Füsse zu stellen sind, wie Zug und Druck der Hände zu verteilen sind, folgt ein kurzer Überhang, und dieser Überhang macht Bertel zu schaffen. Er keucht und pustet, erstaunt vor allem darüber, dass ihm solches widerfährt.

Ein grosser Absatz gliedert die Kante in einen oberen und einen unteren Teil. Wir rasten, schauen in die Ferne, schlürfen Orangensaft. Befriedigt entdecke ich einen « alpinen Nebenausgang »: Ein Band führt durch die ganze Westwand zum Westgrat, und dieser scheint leichter zu sein als die Nordkante. Ich habe ein gutes Auge für solche « Nebenausgänge », aber ich hüte mich, sie vor Bertel und Hansueli zu erwähnen.

An den oberen Teil der Roggalkante kann man herantreten wie an eine schmale, steile Mauer, die es zu erklimmen gilt. Hansueli erklettert sie schnell und leicht, und seine Augen glitzern, wie er mich erstaunt sieht darüber, dass mir Griffe und Tritte fehlen, wo er sie nicht vermisst hat. Die nächste Seillänge sehe ich mir gar nicht erst richtig an - scheint ohnehin schwierig zu sein. Bertel ist an der Reihe und übernimmt die Führung. Ich schaue hinunter über die fast senkrechte Wand in das steile, schattige Couloir, das die ganze Nordseite der Roggal-Spitze durchfurcht, hinüber zum Pfeiler, an dem zwei Kletterer sich wie Zwerge bewegen. Aber schon ertönt Berteis Triumphgeschrei...

Mir bieten sich zwei Möglichkeiten: entweder über die Kante oder dann rechts davon durch einen schmalen Riss in der steilen Plattenflucht der Westseite.Von zwei Varianten wähle ich immer die leichtere, um dann zu merken, dass andere dasselbe tun, denn der Riss ist speckig, sehr speckig sogar. Solange ich mich fortbewege, ist das nicht so schlimm, aber oben beim Haken, wo das Seil im Kara- biner umzuhängen ist, da spüre ich, dass ich rutsche. Nicht, dass jemand dieses Rutschen hätte wahrnehmen können, aber für mich ist es doch sehr spürbar, zu spürbar. Wenn ich doch nur das Seil rausbrächte aus dem Karabiner - und jetzt, mit der linken Hand wieder hochziehen am Haken -Seil einklinken - und schon wieder dieses Gefühl des Rutschens... Weit oben an der Kante steigt ein blaues Räuchlein gegen den blauen Himmel. Das ist der Rauch aus Jürgs Tabakpfeife, und jedesmal, wenn Jürg auflacht, weil er mich da unten mit dem Riss kämpfen sieht, steigt der Rauch noch etwas höher, blauer als der blaue Himmel.

Das waren Berteis und Hansuelis « Traumseillängen ».

Unterhalb des Gipfels befindet sich ein Kamin mit einem Überhang, der einen zwingt, nach rechts auszuweichen, und dieses Kamin, wenngleich aus Kalk, besitzt Eigenschaften, wie ein Kamin aus rauhem Granit sie hat. Die Auseinandersetzung muss handgreiflich erfolgen. Hansueli verfuhr mit dem Kamin viel zu fein...

Und meine « Traumseillänge »?

Mancher wird sich denken: eine Frau erlebt ihre Höhen an rauchenden Hüttenherden. Aber haben wir nicht letzten Sonntag die von mir gekochte Suppe mit Tee verdünnt? Bertel - schon seit langem mit mir verheiratet - pflegt solche Dinge schweigend zu ertragen; Hansueli und Hanno setzten der Suppe noch Wein zu und waren daher schnell getröstet; aber wegen Gebi, der zum erstenmal mit uns kam und älter ist als wir alle, war mir die Sache doch recht peinlich.

Nun der Gipfel, Höhepunkt für alle! Der Gipfelmarsch erklingt auf Berteis « Schnuuregiige », während Hansueli und ich Walzer um den Steinmann tanzen. An den Abstieg denkt niemand - und der Abstieg war nicht schön. Tiefer Neuschnee lag auf den steilen, grasdurchsetzten Runsen und Rippen; ganz besonders hatte mich Hansuelis Bemerkung beeindruckt, dass der Bach dort unten nicht in einer Wiese auslaufe, sondern sich in einem Wasserfall über eine Wandstufe ergiesse...

Doch schliesslich standen wir alle unten, und wie wenn das verbindende Seil jedem schon längst einen unerträglichen Zwang auferlegt hätte, stob jeder in einer anderen Richtung davon. Hansueli glitt unter lautem Gejohle auf seinen Firngleitern in die Tiefe, Bertel stapfte eilends empor, um einen uns beim Klettern entglittenen Karabiner zu suchen, Hanno und Beni gingen auf die Suche nach zwei Gemsköpfen mit Krickeln dran, die wir beim Aufstieg im Schnee gesehen hatten. Ich war plötzlich allein mit der Roggal-Spitze, sah noch einmal zu ihr empor und stapfte dann mühsam im knietiefen Schnee durch die weiten Hänge, hinüber zu unserem Depot. Langsam stieg Nebel empor. Ich setzte mich auf den Rucksack und sah hinüber zur Roggal-Spitze. Hell, fern und fremd stand ihr Gipfel über dem auf- und niedersteigenden Nebel. Zur äusseren Einsamkeit gesellte sich das Bewusstsein der inneren. Hatte nicht jeder von uns diesen Tag anders erlebt und anders empfunden?

Doch dann ertönten Stimmen aus dem Nebel. Bertel nahte, murrend, dass er den Karabiner nicht gefunden habe, Hansueli, schimpfend, weil die Abfahrt mit den Firngleitern den Anstieg zum Depot nur verlängert, statt verkürzt hatte; schliesslich tauchten Hanno und Beni auf, triumphierend, mit den beiden Gemsköpfen. Diese waren grässlich anzusehen. Die Lawine, in die die Tiere geraten waren, hatte ihnen die Köpfe abgezerrt. Hunderte von Maden krochen an den haarigen, mit Blut verschmierten Schädeln umher, und die gebrochenen, mit Schnee halb gefüllten Augen blickten vorwurfsvoll. Aber eben, Krickeln waren dran... In einem dicken Plastiksack wurden die Köpfe verstaut; dann zogen wir vereint, erst bei Sonnenschein und dann in immer dichterem Nebel, nach Zug bei Lech. Und hier könnte meine Schilderung ihr Ende finden, wenn nun nicht noch die Geschichte von den Gemsköpfen zu erzählen wäre.

Es wurde eine vergnügte Fahrt durch strömenden Regen und dichten Nebel hinunter ins Klostertal. Die « Schnuuregiige » erklang - und übermütiges Gelächter. Als Hanno in Klösterle den stau- nenden Kameraden, die von der Hütte direkt hierher abgestiegen waren, die beiden Köpfe zeigte, da gesellten sich auch zwei neugierige Engländerinnen dazu: « Have you shot them? » ( Haben Sie die geschossenDa aber Hannos Kenntnis der englischen Sprache nur das eine kleine Wort « Yes » umfasst, so wurde er an demselben Tage, an dem er die Roggalkante erstiegen hatte, auch noch zum vielbewunderten Erleger von zwei Gemsköpfen mit Krickeln dran. Als wir über die Grenze fuhren, blieben wir andern alle unbehelligt, Hanno aber musste seinen Kofferraum öffnen, und aus der Menge der Rucksäcke zog der Zöllner Hannos Sack, öffnete ihn und griff hinein in den Plastiksack, hinein zu den Köpfen und den Krickeln, zu den Maden und den toten Augen. Was aber kümmerten uns Grenzen und was erbleichende Zöllner? Hatten wir nicht die Roggal-Spitze über ihre Nordkante erstiegen? Waren wir nicht die « Ritter von Roggal »?

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