Saas Almagell, ein Ort der Schönheit und Ruhe

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Jean Piérard, Brüssel

Als ich das erste Mal durch das Dorf ging, hatte es weder Namen noch Gesicht, und tiefhängende Wolken verhüllten es. Ich glaube, das war im Monat August vor siebzehn Jahren.

Es bedeutete mir nichts, und es hinterliess mir nur einen sonderbaren Traum, in dem .zwischen einigen undeutlichen, im Nebel versunkenen Chalets böse Geister hervorsprangen.

Ich traf keinen Menschen an. Es war weder Tag noch Nacht. In dem diffusen Licht war meine Wanderung ganz unwirklich, und auf dem schmalen Weg, der zur Almageller Alp führt, sah ich überhaupt nichts. Wolken und eine graue Linie zu meinen Füssen zogen sich bis zu einem unsichtbaren Himmel empor und liessen hie und da Bäume frei, die nur aus Stämmen zu bestehen schienen. Das war alles, was ich von einem Orte sah, der im Verlauf der Zeit richtig zu dem meinen geworden ist und den ich nie mehr so eigenartig fremd angetroffen habe.

Das Hotel Almageller Alp, das ich in einem grossen Felsen zu erkennen glaubte, war damals das Ziel meiner Tour. Ich verlebte jenen Tag in einem unbestimmten Gefühl wesenloser Vereinigung von Materie und Geist, Leben und Menschen.

Aber das ist nicht wirklich Saas Almagell. Seither habe ich es in all den Jahren besser kennengelernt als mein eigenes Land.

Jedesmal, wenn ich wiederkomme und das Dorf bei der Abbiegung von der nach Saas Grund führenden Strasse durch das Fenster des Postautos auftauchen sehe, erweckt es in mir das wirkliche, ungeduldig erwartete, ins Glück führende Leben.

Das Wiedersehen mit den zum grossen Teil rog-genbrotbraunen Chalets, dem grauen Fluss, der alten Kirche ist für mich immer ein Fest, eine Befreiung von der Last meines eigenen Daseins. Die- Photos Max Wcibel, Zürich und Pfalthausen sem Ort, der mich von Urzeiten her zur Freiheit des Lebens zurückführt, verdanke ich bei jeder neuen Begegnung die tiefe Freude des Sich-selbst-Erkennens.

Natürlich hat sich das Dorf verändert; aber Gott sei Dank ist es sich selbst geblieben und wird es hoffentlich immer bleiben. Ich kenne es seit dem Jahre 1956 und habe seine Entwicklung Schritt um Schritt verfolgt.

Wenn auch meine erste Begegnung mit ihm in Nebel gehüllt war, so stellte es mir die Sonne am nächsten Tag wie neu geboren vor. Der Sonnen*-aufgang in einem so schönen kleinen Dorfe mit den blauen, zum Himmel aufsteigenden Räuchlein ist der erregendste Anblick für jemanden wie mich, der sein ganzes Leben in der Stadt verbringen muss.

Meine Frau und ich hatten das erste Stockwerk eines Chalets in Saas Fee gemietet, und sehr früh waren wir auf dem durch Unter den Bodmen führenden Terrassenweg losgezogen. Auf der einen Seite sahen wir die bewaldeten Hänge des Plattjen, auf der anderen zwischen weiter entfernten Bäumen Saas Grund, eine Etage darunter ganz in der Ferne das Rhonetal und das imposante, wie Sommerfrüchte leuchtende Bietschhorn.

Dann existierte nur noch der vom Morgentau ein wenig feuchte Weg unter dem Astwerk durch. Bald hatten wir links in einer Kurve die Stein-und Blechdächer eines alten Dorfes vor uns. Ein entferntes Rauschen, das allmählich anschwoll -das war die Viège, die als einziges Lebenszeichen ihre grünen Fluten durch die Kieselsteine wälzte. Über eine Brücke gelangten wir auf den kleinen Dorfplatz. Da war noch ein Wegweiser: Almageller Alp. Als wir hinaufschauten, sahen wir aus den Lärchen einige Dohlen auffliegen. Ein lustiger Weg schlängelte sich bis zu dem glatten, nackten Stein, den der Schnee im Winter kaum zudecken kann. Wie oft haben wir seither diesen Weg beobachtet, wie oft haben wir ihn eingeschlagen, ohne seiner je müde zu werden!

Da waren wir am Abend zuvor durchgekommen, als wir im Spiel der Wolken die Steilheit des Ortes kaum erkennen konnten. Und da wanderten wir später oft gegen den Zwischenbergenpass ins Tal hinein, wo sich Mitte September auf der Alpweide die wolligen, von blauen und roten Markierungen gefleckten Schafrücken mit den Felsen vermischen.

Nachdem wir im einzigen Laden des Ortes, der heute in ein Shopping-Center umgewandelt worden ist, ein paar Früchte gekauft hatten, schnallten wir den Rucksack zu und setzten unseren Marsch fort.

Üppige Vegetation löste die symmetrischen Lärchen ab und tauchte beide Seiten des Weges in saftiges Grün. Einige Hotels mit roten Geranien auf den Fenstersimsen zeichneten sich vom Himmelsgewölbe ab. Ein idyllischer Ort! Ich bin nicht ganz sicher, ob wir nicht schon damals ahnten, dass wir wieder herkommen würden.

Zer Meiggern! Ein paar vereinzelte Chalets und eine Kapelle unter dem Blätterdach! Wir folgten dem Flusslauf, dem Rauschen des Wassers, immer an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Die Sonne liess das Gefieder einiger Vögel aufblitzen, die wir im Vorbeigehen aufscheuchten. Wir näherten uns Mattmark, und der Fluss nahm jenes matte, aufgeschwemmte Aussehen an, das einen an den Tod mahnt, eine grössere Ausweitung, in die sich andere Gewässer aus der Höhe ergiessen.

Dieser natürlichen Unordnung haben Menschenhand und Maschine ein Ende gesetzt, indem sie zur Energiegewinnung die Wasserkraft fassten: im Wehr von Mattmark, dessen i 15 Meter hohe Mauer jetzt das Wasser oberhalb des Tales staut. Was für tragische und erregende Erinnerungen sind doch mit Mattmark verbunden! Und was für Geschichten ruft uns Josef Guntern ins Gedächtnis zurück, Geschichten, die mit der Landschaft auf geheimnisvolle Weise verknüpft sind!

Als wir aus den Bäumen herauskamen, sahen wir da und dort kleine Bächlein. Wir waren in einer ausgedehnten Ebene von Schlamm, Lehm und Sand. Nicht weit von uns erhob sich aus dem grauen, fast weissen Grund dieses Beckensein ungeheurer erratischer Block, der Blaue Stein. Niemand weiss bis jetzt, woher er stammt; wahrscheinlich wurde er auf dem Rücken des Gletschers vom Strahlhorn hergetragen. Jetzt ist er im Mattmarksee versunken, zusammen mit dem früher von den Jägern des Ofentales besuchten Hotel gleichen Namens.

Wir stiegen dann den Weg zur Distelalp hinauf. Eine alte Photo aus jenen Tagen macht mir das Bild wieder deutlich, das mit der Zeit doch etwas verblasst ist. Einige Speicher inmitten von Brennesseln und Gestrüpp versetzten uns in die gute alte Zeit, und wir dachten an die fleissigen und getreuen Hände, die diese « Schober » gebaut hatten.

Lange blieben wir da. Gegen den Monte Moro wurde es ganz still und klar. Beim Steigen auf den Platten, welche den Weg zur Biondahütte kennzeichnen, hatten wir immer wieder zurückgeschaut auf das glänzende Viègetal und die Bergkämme über dem unermüdlich fliessenden Wasser, aus dem der grosse, opalfarbene See entstehen sollte, der zweite Himmel auf Erden, der Gefangene der Berge.

Seit jenem Tag, an den wir gegen Saas Almagell hinunterstiegen, kennen wir die Macht, welche dieses Tal immer wieder auf unsere Herzen ausübt. Seither wohnen wir jedes Jahr während einiger Winter- und Sommerwochen in einem dieser Chalets, einem ganz kleinen mit verwaschenen roten Fensterläden, mit Furggstalden und der Almageller Alp als Nachbarn über uns. Ganz nahe blicken ein paar friedliche Behausungen mit Blumenfenstern wohlgefällig auf uns, auf der anderen Seite das Mittagshorn, im Hintergrund Mattmark mit seiner langen, geraden grauen Staumauer. Alles um uns her wirkt so dauerhaft, dass wir von einer Jahreszeit zur andern dasselbe Gefühl von Beständigkeit erleben. Und weit weg von der Welt der leeren Worte finden wir jedesmal unser kleines Bergdorf wieder, das in Ruhe zu uns spricht und ein Licht in uns entzündet, wie ein Kirchenfenster.

Ja, die Kirche von Almagell! Der Stundenschlag von ihrem Glockenturm ist mir vertrauter als der Strassenlärm der Stadt, in der ich wohne. Ich sehe die Walliser und Walliserinnen zur Messe gehen, in stets gleich ruhigem Schritt durch die Wiesenwege, wo es im Sommer so gut nach Gras duftet. Und den feinen Geruch der Holzfeuer atme ich tief in mich ein.

So haben wir in uns die Kälte und Fremdheit des Stadtlebens, der Betonblöcke und der Lärm-plage bezwungen, um Körper und Seele in der Reinheit dieses Dorfes neu zu beleben, des Dorfes, das uns jeden Morgen mit der gleichen Inbrunst willkommen heisst.

Wenn die Sonne hinter Furggstalden aufgeht und die vom Licht besiegte Dunkelheit schwindet, erscheint alles in grenzenloser Klarheit. Dann werde ich nicht müde zu beobachten, wie sich das Dorf gemächlich belebt, sich Zeit nimmt, die Zeit, die wir uns zum Leben nicht mehr gönnen.

Im September liefert uns Furggstalden die Gold- und Rottöne einer Vegetation, die zwischen seinen Bäumen aufleuchtet, und die kleine Heilige in ihrer Nische in dem riesigen Felsblock mischt das Blau ihres Kleides damit.

Oft begaben wir uns auf den Höhenwegen zur Furggalp mit ihrer anfangs Herbst schon verlassenen Schäferhütte. Dann spürten wir ein paarmal voller Freude den kalten Hauch des scharlachfar-benen Antrona-Passes durch das lange, einsame Tal wehen. Von da oben erblickt man mitten in dem Felsengewirr den blauen Gingino-See, der das ganze Himmelslicht einfängt.

Hier, wie am Monte Moro, führten einst die Walliser Handelswege durch, die das grosse Römische Reich verbanden. Hat man doch zwischen den Steinen des Antrona-Passes Münzen mit dem Bildnis der Kaiserin Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, gefunden. Dr. Konrad Imseng berichtet es in seinem Buch über das Saaser Tal.

Das Wallis, dessen Warenverkehr sich schon ehemals über seine Grenzen hinaus abwickelte, ist im Grunde sich selbst geblieben.

Alles hier preist das Leben von gestern, Nicht so, dass es das Morgen zerstört, Man ahnt, stark, in ursprünglicher Kraft, Himmel und Wind, Hand und Brot.

Das sagt Rainer Maria Rilke so treffend in seinen Walliser Gedichten.

Himmel und Wind, Hand und Brot! Sind das im Grunde nicht die einzigen wirklich starken Elemente, welche der Zeit standhalten und mit dem Berg zusammen die Urkraft darstellen, die kleine Dörfer wie Saas Almagell vor der zerstörenden Einmischung des Fortschrittes bewahren!

Natürlich soll man nicht zurückkrebsen, aber es ist dringend notwendig, die Ursprünglichkeit der Höhenorte zu schützen und die Landschaft und, was von Hand dort geschaffen worden ist, zu erhalten. Mechanisierung und Modernismus - was für hässliche Wortehaben keinen Platz in der reinen, an den Himmel grenzenden Bergwelt.

Vom Dach meines Chalets betrachte ich ganz versunken die Mischabelgruppe mit Täschhorn, Dom und Lenzspitze. Ich kann diese grossartigen Wände nicht genug bewundern.

In der Nacht, wenn alle Stimmen schweigen, vernehme ich zwischen Wachen und Träumen nur noch das Tosen des Wassers, des Wildbaches, der von der Almageller Alp herunterstürzt. Und ich geniesse die Ruhe, diese Wiedergeburt der Welt, die auf der Alp nie aufhört.

Ich kenne Saas Almagell, seinen Stationenweg und den zur Britanniahütte führenden Pfad, wo Murmeltiere zwischen den Steinen kauern und den einst schwer beladene Maulesel benützten. Es gibt immer noch ein paar, die Getränke und Lebensmittel zum Hotel Almageller Alp bringen, und die Bewegung ihres Rückgrates und ihrer Hufe gehört zum Lokalkolorit.

Ich kenne diesen Ort, seit man ihn mit dem Postauto erreichen kann. Ich kenne seinen Winter und seinen Sommer, wenn Grillen in den heissen Felsen herumhüpfen. Ich kenne den Wildbach, der den Felsen aushöhlt und sich in die Erde gräbt, das schäumende weisse Wasser, wenn es kämpft, das tiefgrüne über dem Strudel. Ich kenne das klare Wasser der Viège, wenn es aus den Gletscherspalten quillt, zuerst nicht breiter als ein Bach, dann angeschwollen und wild unter der alten Brücke hindurch und ins Rhonetal hinunterfliesst.

Und wie gut erinnere ich mich an den Weg von Saas Fee, den wir im Winter miteinander gegangen sind! Er lebt in mir, eine weisse Linie im Sonnenglast. Ich folge ihm gern durch den alten Wald oberhalb des Dorfes. Ich liebe den Winter hier, den Rauchgeruch in den Balken der alten Chalets, die Eisblumen an den Fenstern, die Fuss-und Skispuren im Schnee.

Auch den Sommer liebe ich, wenn das Heu eingebracht wird, wenn mein Chalet mit weitgeöff-neter Türe in der Nachmittagssonne steht und die Nachbarskatze, die nur noch ein Ohr hat, ganz warm auf meinen Knien schläft.

Aus dem alten Land der Ligurer und Kelten ist auf dem Weg von Saas Grund nach Saas Fee ein riesiger Stein zurückgeblieben, den man den Druiden zuschreibt und der nicht weit von der fünften Kapelle entfernt ist. So verbinden sich die Erinnerungen an alte Zeiten eng mit dem Glauben, der die Berge trägt und die Gläubigen in ihrem Zwiespalt zwischen Traum und Wirklichkeit stärkt.

Am Sonntag begrüsst mich meine Nachbarin Maria in ihrem schwarzen Moirekleid und dem gelb und roten Tuch um die Schultern von ihrem Balkon aus. Mit den ersten Sonnenstrahlen ist sie aufgestanden, stille Freude liegt auf ihrem runzligen Gesicht. Alles ist sauber, wie frisch gewaschen, am Sonntag in Saas Almagell.

Ein glückliches Land, wo man werktags arbeitet und sich am Tage des Herrn im Gebet und in der Familie erholt.

Am Mittag steht die Sonne genau über dem Dorf. Um die alten Speicher herum spielen blühende Kinder, blonde, wohlgekämmte Mädchen und Buben mit zerzausten Haaren.

Saas Almagell, ich habe dich im Nebel kennengelernt, aber jetzt beschenkst du mich mit strahlendem Sonnenschein, und überall begleitest du mich in Gedanken, denn du verkörperst das Leben, wie ich es liebe: einfach und ländlich. Der Weg, der zu dir führt, ist der schönste auf Erden.

Du hast die alte Ruhe zwischen deinen Chalets und den an die Felsen geklebten Bäumen bewahrt, und der Alpenwind weht mir die frohe Botschaft deines Glückes zu, das jetzt zu dem meinigen geworden ist.

Es ist zwar ein rauhes Land für seine Bewohner, aber du hast ihnen die urtümliche Lebensweisheit beigebracht, die aus der Erde strömt, die in keinem gelehrten Buche steht und die man nicht lernen kann.

Es sind die Berge, an denen wir wachsen. Sie knüpfen und lösen das Gewebe unseres Lebens, und vor ihnen müssen wir uns in Demut beugen.

Saas Almagell ist nur ein kleines Dorf unter vielen anderen. Aber es gehört mir, es gehört uns. Wir brauchen nur den Fuss auf seinen Boden zu setzen, und schon erwachen wir zu neuem Leben. Aus dem Französischen übertragen von E. Busenhart

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