Schweizerisches Archiv für Volkskunde

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Dr. J. Hunziker: Das Schweizerhaus. 1. Abschnitt: Das Wallis. Aarau 1900.

Alfred Tobler: Hans Konrad Frick, ein appenzellischer Volksdichter. Wolfhalden 1900J

Dr. Hermann Walser: Dörfer und Einzelhöfe zwischen Jura und Alpen im Kanton Bern. Neujahrsblatt dec Lit-terarischen Gesellschaft. Bern 1900.

Das Schweizerische Archiv für Volkskunde, das im übrigen sich sehr gut entwickelt und seinen rasch gewonnenen Rang behauptet, enthält diesmal weniger als sonst Beiträge aus den Alpen. Daran ist vielleicht dieses Jahrbuch mit schuld, indem es eine dem Archiv zugedachte große Arbeit von Dr. Stebler für seine Beilagen erworben hat. Aber ich denke, mein verdienter Kollege, Prof. Eduard Hoffmann-Krayer, wird sich gleichwohl nicht über „ unlautern Wettbewerb " beschweren, da für den Freund der Volkskunde jede Publikation über schweizerische Verhältnisse willkommen sein muß. Aus dem diesjährigen Archiv notieren wir: Volksglauben in Vais, von Ph. Rüttimann; Besondere Anlässe des Älpler- und Hirtenlebens ( Alpfahrt, Alpentladung, Älplerfeste, Beginn des Wildheuet, Laubgang ) in der schönen Arbeit von Dr. E. Büß: Die religiösen und weltlichen Festgebräuche im Kanton Glarus; Chansons valaisannes in Chandolin, gesammelt von Mme Ceresole-de Loës, mit den Melodien; Marques de familles de Lessoc ( Gruyère ) von A. Millioud.

Von dem verdienstvollen und groß angelegten Werke des Professor Hunziker in Aarau über das Schweizerhaus, nach seinen landschaftlichen Formen und seiner geschichtlichen Entwicklung dargestellt, ist zuerst der Abschnitt über das Wallis erschienen. Er stellt sich dar als ein stattliches Heft von 240 Seiten mit vielen und meist wohlgelungenen Illustrationen. Der Plan der Arbeit ist der, daß der Verfasser zuerst an Hand eines Reiseberichtes, der allerdings zuweilen etwas gezwungen aussieht, von Westen nach Osten das Rhonethal hinauf- und in dessen Seiten-verästungen hinandringend, die Haustypen und Siedelungsarten aufzählt und vorläufig bespricht, um dann im theoretischen Teile, der in zwei gleichmäßig eingeteilte Abschnitte Unterwallis und Oberwallis zerfallt, die Häuser und ihre Dependenzen nach ihrer Gesamtkonstruktion und nach ihren Einzelteilen wissenschaftlich zu analysieren. Die Besprechung geht auf das Historische, Technische und die Nomenklatur ( linguistisch ) ein, und es ergeben sich aus dieser Kombination interessante Schlüsse, die in einem besondern Abschnitt: Vergleichung der Hausformen des romanischen und deutschen Wallis, zusammengestellt werden. Wie reich an Ausbeute das Wallis auch in dieser Beziehung ist, geht am besten aus dem Umstand hervor, daß jeder Kenner seiner Thäler, wie der Referent, manches in Hunzikers Buch vermissen wird, was nach seinem Gefühl verdient hätte, erwähnt oder abgebildet zu werden. Natürlich hindert uns das nicht, das hier Gebotene mit bestem Dank entgegenzunehmen als eine wissenschaftlich zuverlässige Grundlage, auf welcher in Monographien über einzelne Thäler und Dörfer des Wallis weiter gebaut werden mag. Von andern leider, denn Herr Prof. Hunziker, der ja noch die ganze übrige Schweiz zu bearbeiten vorhatte, ist, während diese Zeilen gedruckt werden, seinem Lebenswerk durch den Tod entrissen worden.

Der von Herrn Alfred Tobler wieder auferweckte Volksdichter Hans Conrad Frick ist ein etwas „ räßer Appenzeller " und für einen Poeten vielleicht zu lehrhaft, aber es ist kernige Volksart und gesundes Blut in seinen Knittelreimen, und seine Gesinnung ist ehrenhaft, mag er nun von „ G'sang ond Harmony oder Z'fredeheit ", von der „ Liebi ", der „ Ooglych-heit off- de Welt " reden oder in schärferer Tonart die neuen Moden in Handel und Gewerbe oder in der Kleidung angreifen, daß die Weibsbilder ihre Unterröcke beim Küfer machen lassen, u. Ä., oder gar, in Niclaus Manuels Tendenzmanier, den Konflikt zwischen dem Papst und Garibaldi schildern. Die Lektüre hat uns etwas an den, freilich feineren, Stocken-älpler gemahnt, über den Pfarrer Hörner in diesem Jahrbuch, Band XXVII, berichtet hat. Der Dialekt giebt Fricks Gedanken eine originelle Färbung, die seinem bernischen Rivalen abgeht. Die Publikation Toblers, der eine Lebensskizze beifügt und das etwas „ strube " Manuskript überhaupt für den Druck erst zurecht machen mußte, verdient unsern Dank.

Uneingeschränktes Lob möchte ich der ebenfalls der Volkskunde angehörenden Arbeit von Dr. Walser zuerkennen. Es werden allerdings nur Ansiedlungen zwischen Jura und Alpen erörtert, die letztern nicht betreten, höchstens im Guggisberg ihre Vorstufen gestreift, aber die wissenschaftliche Behandlung ist so zuverlässig, die Methode des Verfassers so sicher und bewußt angewendet, die Gründe, warum am einen Orte geschlossene Dörfer, am andern einzelne Höfe, am dritten ein Gemisch von beiden nebeneinander vorkommt, sind so einleuchtend, daß wir uns vorzügliche Resultate versprechen, wenn der Verfasser einmal, wie wir hoffen, daran gehen wird, die Siedelungsverhältnisse in den Alpen, vielleicht zuerst des Kantons Bern, zu analysieren und zu erklären. Einstweilen aber mögen alle, die es angehen mag, dieses Neujahrsblatt studieren, um zu lernen, wie man solche Aufgaben anpacken muß. Die Lektüre wird sie nicht verdrießen, denn die Darstellung ist ungemein fließend und fesselnd, und die „ litterarische " Gesellschaft durfte dieser geographischen Arbeit, ohne sich etwas zu vergeben, zu Gevatter stehen.

Sedaktion.

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