Skifahrt in der Silvretta

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Mit 4 Bildern.Von Ernst Otto Marti.

Aufstieg.

Es war abends 7 Uhr geworden, als wir in Partennen den Wagen verliessen. Ursprünglich hatten wir beabsichtigt, hier die erste Nacht zu verbringen. Aber noch glänzte über dem Talabschluss die scheidende Sonne an den goldblinkenden Schneegipfel der Vallüla. Wir brachten es nicht übers Herz, hier zu bleiben. Durch sulzigen Frühlingsschnee schritten wir rasch nach dem Steinwerk hinter dem Dorfe und stellten uns dort auf unsere Brettlein. Kein Mensch hatte uns geraten, den Aufstieg auf den kommenden Morgen zu verschieben. Freund Erwin Wyss spurte voraus. Zu reden gab es nicht viel. Wenn wir das Madlenerhaus im Gross Fermunt noch zeitig erreichen wollten, galt es, fleissig zu sein.

Dicht am schmelzwasservollen Lauf der 111 entlang führte der Weg. Bald überquerten wir die ersten Lawinenbahnen. Schnee, Schmutz, Erde und klägliche Trümmer von Bäumen und Sträuchern lagen in wildem Durcheinander. Unversehens brach die Nacht ein. Der Himmel blühte unruhig in seltsam klaren Sternen auf. Mondschein sollte es um 9 Uhr geben. Dunkel rückten die Berge zusammen. Lau und drohend warb der Fallwind um unsere Gestalten.

« Lawinengefahr, » meinte Erwin, « es ist vielleicht besser, wenn wir Abstand halten. » « Lawinen? » versetzte ich ungläubig. Aber wie als Antwort auf meinen törichten Einwurf meinte ich jetzt ein fernes Donnern zu hören. Der Schnee war schwer, manchmal schüttelte sich ein verschneiter Baum und warf seine letzte Last klatschend auf den Boden. Bedenklicher wurde mir zumute. Bedenklicher musterte ich den steilen Zavernaspitz zur Linken. Die Hänge begannen in einem geheimnisvollen Lichte zu gleissen. Aber nur zu deutlich erkannte ich die bösen Bahnen der Lawinen. Und die Ahnung sagte mir, dass noch nicht alle Gefahr vorüber sein konnte, zu viel Schnee lag jetzt im Spätwinter noch überall in den Bergen.

Erwin spurte tüchtig voraus. Oft geriet ich neben seine Schienen. Die warme Luft machte mich müde und erregte mich doch merkwürdig. Ungeduldig spähte ich nach dem Talausschnitt. Wollte die berüchtigte « Hölle » unter dem Stausee noch immer nicht kommen? Ich erkannte jetzt bereits klar, dass wir einen grossen Fehler begangen hatten. Es war unverantwortlich, bei dieser Witterung auf einem uns ganz und gar unbekannten Wege den Aufstieg zu machen. Hinter uns schien sich das Tal mit Lawinendonner zu erfüllen. Um keinen Preis wäre ich umgekehrt. Nach meiner Berechnung musste nun endlich der See kommen. Im Wächterhaus würde sich schon ein Obdach finden für uns zwei. Immer kräftiger wurden die Stösse des Windes. Der schwergepackte Rucksack begann mörderisch zu drücken.. Dabei nahm die Steigung noch immer zu. Eine Steilstufe konnten wir nur in mühsamen Spitzkehren nehmen. Schon hier traute ich ganz und gar nicht Die Alpen — 1938 — Les Alpes..4 mehr. Erwin schritt voraus. Er musste als erfahrener Skifahrer um unsere Lage wissen. Nachgeben ist nun nicht seine Art. Immer und immer wieder spornte er mich zum äussersten an. Endlich ging es leichter. Der See musste in nächster Nähe sein. Aber vergeblich blickten wir nach ihm aus. Umsonst suchten wir den Schimmer eines Lichtes zu erspähen. Nur die Sterne funkelten über uns, und der Wind blies bald kalt, bald warm durch unsere Kleider. Wir riefen. Und warteten auf Antwort. Nur das Schweigen war um uns. Und doch war es in einem gewissen Sinne gewaltig und schön, wie uns die stille Nacht umbannte. Wir suchten uns zu orientieren. Aber auch diese Versuche schlugen fehl. Da stiessen wir auf Balken und Holzstücke, es waren die Trümmer des kleinen Sommerwirtshauses beim See, das kürzlich eine Lawine zerstört hatte. Gleich entdeckten wir auch den ersten Mast der Seilschwebebahn, mit der man seinerzeit das Baumaterial von der grossen Fermuntalp zum Stauwerk befördert hatte. Aber das Wächterhaus sahen wir nicht. Eine Viertelstunde berieten wir niedergedrückt, was wir jetzt tun sollten. Umkehren? Das war unmöglich. Die Lawinen redeten eine zu dräuende Sprache. Wie das Grollen eines Gewitters war es anzuhören, furchtbar, schrecklich.

« Vorwärts, » schlug ich vor, « dieser Leitung nach bis zum Madlenerhaus, vom Crisperspitz ist jetzt aller Lawinenschnee gefallen, Südhang, oben werden die Hänge harmloser. » Und Erwin pflichtete bei. Nun ergriff ich die Führung. Es war kälter geworden. Der Himmel zog sich langsam zu, ein Glück, dass es nicht gleich zu schneien begann. Lange hatten wir vor uns ein ungemein helles Licht, es konnte nur von der Saarbrückerhütte kommen. Gruss von Menschen an Menschen, die hier recht missmutig und mit schwerem Gewissen einen Weg durch die Nacht suchten. Der Mond kam nicht. Es begann leicht zu schneien. Die Sterne verhüllten sich. Der Wind pfiff. Aber wir konnten ihm dankbar sein. Er behütete uns vielleicht vor Schwererem. Einen langen Augenblick dachte ich an Frau und Kinder. Aufs Geratewohl spurte ich von Stange zu Stange. Aber das war nicht mehr die Seilschwebebahn, das konnte nur die Telephonleitung zum Madlenerhaus sein. Nach Aussagen der Talbewohner aber war sie bereits seit einigen Wochen zerstört. Und sie wurde uns doch zum Helfer. Gläubig folgten wir ihren Stangen. Das Reden hatten wir wieder ganz aufgegeben. Der Wind blies uns waagrecht ins Gesicht, Schneeflocken und Eisnadeln. Aber wir konnten nicht nachgeben. Einmal stand ich aufatmend still und warf mit der Taschenlampe einen Blick auf meine Uhr.

« Wie spät? » « Etwas nach 11 Uhr. » « 11 Uhr? » Erwin brummte vor sich hin. Es war besser, wenn keiner seine Gedanken laut werden Hess. Gingen wir richtig? Führte diese Stangenreihe zu einem sicheren Ziel? Liefen wir am Ende gar falsch? Diese und hundert andere Fragen brachen unter der Wucht dieser bangen Stunden hervor. Heimlich wünschte ich mich und die Ski und den Winter und die Berge und den Freund ans Ende der Welt. « Blaue Silvretta », so hatte es uns vorgegaukelt, so hatten wir es gelesen. Und jetzt? Hundemüde schleppten wir uns dahin. Manchmal kam ich von der entsetzlich langen Stangenreihe ab, Erwin rief mich zurück. Der Schnee war hier oben steinhart gefroren. Er mochte auch bereits wieder verweht sein. Unendlich lange dünkte mich der Weg.

Wir gehen sicher irr, dachte ich beklommen.

« Rasch! » mahnte eine Stimme hinter mir.

Aber den dunkelsten Gedanken verschwieg ich: wenn wir das Madlenerhaus nicht finden konnten, wenn es im Dunkel lag, zugeweht auf allen Seiten, was dann?

Es war verrückt, was wir taten. Mit tausend Freuden waren wir daheim losgezogen. Verliebt in die Arbeit wie nie, hatten wir « Helden » unsere Latten noch einmal auf Hochglanz lackiert, und jetzt, waren nicht wir die Lackierten?

Längst war das weisse, grelle Licht in der Höhe des Cromertals verschwunden. Aber das Madienerhaus kam nicht. Gewiss, es war nur eine Täuschung, wir hatten den Masstab für unsere Leistung verloren, Wunsch und Tatsachen deckten sich nicht mehr, wie so oft im Leben. Und doch, nur die Ruhe konnte es bringen.

Wie törichte Buben liefen wir hier durch die Nacht, erlebten eine innere Hölle der Beklemmung und der peinigenden Selbstvorwürfe, die nagenden Zweifel unserer kleinen Bergerfahrung, die törichten Versprechungen unseres schlechten Gewissens: wenn wir heil und ganz droben ankommen, zahle ich, was es kostetAls ob sich das Schicksal mit solchen Versprechungen zufriedenstellen liesse! Es war demütigend für uns beide.

« Dort, dort », sagte ich auf einmal schnell nacheinander.

Ein heller Schein lag im Schnee. Wir stürzten näher. Es war ein hell-beleuchtetes Fenster, aber das Madienerhaus 1986 m lag tief in den Mauern des Schnees, viele Stufen führten hinunter zu der verwehten Türe. Wenn das Licht nicht gebrannt hätte, was dann?

Wir lachten und riefen. Lange blieb alles still. Dann tauchte ein Mädchen-kopf auf, eine Hand schob endlich einen Riegel zurück, der Kopf erschien ganz: « Hat jemand gerufen? » « Ja! » riefen wir wie aus einem Munde.

Das Fenster schloss sich. Es ging eine Ewigkeit, bis wir endlich eintreten konnten. Der alte Lorenz tat uns auf, in Hemd und Hose lud er uns in sein Haus.

« Wo kommt 's her? » fragte er erschrocken.

« Von Partennen. » Er schüttelte den Kopf: « Lawinen, net? » « Ja! » Aber nun waren wir « daheim ». Nun hatte alle Not ein Ende.

Gedankenvoll sassen wir beim Wein. Essen mochten wir gar nicht. Es kam keine rechte Freude in uns auf.

Blaue Silvretta.

Als wir am nächsten Morgen, es war der 25. April 1937, nach einem tiefen Schlafe erwachten und vor die nächtliche Behausung traten, durchbrach die Sonne eben das graue Schneegewölk. Geisterhaft schwebten Sturmfahnen um die beiden Lobspitzen gegenüber und das Hohe Rad. Alles strahlte in blendendem Weiss, es herrschte eine Stimmung zwischen den schweigenden Bergen gemischt aus Sonntagsgedanken, Nebelwallen, Sonnengrüssen und freudiger Erwartung kommender Dinge, wie ich sie noch nicht oft erlebt hatte. Die Augen konnten sich nur unter dem Schütze der Schneebrillen an das stetsfort wechselnde Licht gewöhnen. Nach einem herzlichen Abschied von der heimwehkranken Magd und dem alten Lorenz, der mit guten Ratschlägen für unseren Weg nicht kargte, spurten wir durch den schuhtiefen Neuschnee hinüber ins Ochsental, die Bielerhöhe links lassend. Es war heller geworden, die Sonne stach trotz der frühen Stunde brennendheiss auf uns nieder, es konnte noch allerlei absetzen, bis wir unser heutiges Tagesziel, die Wiesbadenerhütte 2480 m, erreicht hatten.

Der Ausblick nahm zu, obwohl es hier zwischen den hohen Bergen noch nicht eigentlich viel zu sehen gab. Es machte heiss, der Föhn hatte nach kurzem nächtlichen Zwischenspiel von neuem die Oberhand gewonnen. Aber es wehte kein Luftzug. Ich kam mir wie in einem Dampfbade vor und entledigte mich gerne des Oberkleides. Die letzten Nebelfetzen zerflatterten in der Höhe. Ein tiefblauer Himmel wölbte sich über dem wundervollen Bild der Berge. An Lawinen dachten wir nicht. Wir hörten oder sahen an diesem Morgen nur eine, die hinter uns, als wir ins eigentliche Ochsental einbogen, vom Bielerspitz gegen das Gross Fermunt abrutschte. Zwischen dem Hohen Rad und dem Kleinen Schattenspitz lief eine Spur, offenbar hatte bereits jemand den Talweg hinter sich gelegt, vielleicht war es der Knecht aus der Wiesbadenerhütte, der über die Bielerhöhe ins Klein Fermunt und nach Galtür abgefahren war. Schweigend folgte ich Freund Erwin. Er war heute weitaus besser dran als ich. Die brütende Hitze in dem engen Talkessel gab mir zu schaffen. Oft war mir der Kamerad um viele hundert Schritte voraus. Im stillen dachte ich, dass ich heute nur bis zur Wiesbadenerhütte gelangen werde, um mich zu erholen. Lorenz hatte freilich gemeint, wir würden gegen Mittag die Hütte erreichen und am Nachmittage noch genug eit haben, den Dreiländerspitz zu besteigen. Ich konnte es nicht glauben.

Hier herrschte noch vollkommen Winter. Die ganze Landschaft, die gegen 1000 Meter ansteigenden Hänge zu beiden Seiten unseres Weges verrieten kaum die Spur der vergangenen und noch immer waltenden Allmacht des Föhnes. Nur an ganz exponierten Stellen hatten Wind und Lawinen einzelne Stellen freigelegt, aber die kleinen schwarzen Flecken waren Schönheitsfehler in diesem gewaltigen weissen Gemälde voller blauen Schatten. Und wo steckte die Wiesbadenerhütte? Ich konnte sie von hier aus nicht sehen. Im Innern des Tales tauchten jetzt immer schönere Berge und Gipfel auf: Silvrettahorn, Signalhorn und, alle überragend, die machtvollen Gestalten des Klein und Gross Buin.

Blaue Silvretta! Ein lang gehegter Wunsch durfte Erfüllung feiern. Der Schnee wurde zwar schlechter und schwerer. Leider durften wir trotz der vorgerückten Jahreszeit nicht auf führige Sulz rechnen. Aber auch so war uns die Gunst des Himmels hold. Scharf hoben sich die glänzenden Berge vor seinem marineblauen Dunkel ab, südliche Tiefe und Sattheit der Farbe, ein seltsam schöner Zweisang mit dem reinen Weiss des Neuschnees. Und wir allein, zwei Menschen nur, in der Freude gemeinsam verbunden, wortlos, weil so etwas niemals zum Sprechen bringt, das muss man selber erlebt haben, Friede und Andacht des Bergfrühlings, den wir trotz aller Winterherrlichkeit aus dem goldenen Grusse der Sonne zu spüren wähnten.

Bei einem herausgeaperten Felsblock machten wir die erste Rast. Ich kletterte hinauf und gab mich wunschlos dem Glück des Tages hin, blickte nach Himmel, Bergen und weiter, Lande der Ferne, wie sie so rein nur aus diesen Stunden selbstlosen Genügens an den Wundern ringsum heraufzusteigen und zu verharren vermögen. Nichts störte den Zauber des Morgens. Unendliche Stille, oh, wie oft schwärmten wir davon, aber hier gab es das, das, was uns so oft fehlt. In solchen Augenblicken schwört man den Bergen ewige Treue, ewige Liebe.Vieles fällt ab unter dem ergreifenden Banne der Höhen, neue Kräfte und Ziele erwachen aus ihrem Anschauen, männliches Wollen und endliches Vollbringen sind oft dort oben heimlich zu Faden geschlagen worden und haben drunten in den Tälern der Erde durchaus ihre Bewährung und Beglaubigung erfahren. Darum lasset uns immer zu den Bergen gehen, im Sommer und im Winter, wenn wir die letzten und tiefsten und besten Kräfte unseres eigenen Lebens aufbieten wollen zum Generalappell unseres Lebens! Und lasset uns die Freude und Freundschaft zwischen Kameraden mitnehmen in die Mannesschmiede eines oft harten Daseins!

Unter solchen Gedanken und Empfindungen gewannen wir andauernd an Höhe. Und endlich war auch das letzte steile Wegstück zurückgelegt, standen wir vor der Hütte. Noch ein langer Blick in die leuchtende Herrlichkeit des gewaltigen Talabschlusses und hinüber zu den beiden Fermunt-fernern, hinauf zu den jähen Abstürzen der Silvrettahornkette und der beiden Buine. Hier waren wir nicht allein. Aber alle, die mit uns diese lichtvolle Mittagsstunde da oben erlebten, waren schweigend in das Bild versenkt. Blaugrün grüsste der wilde Absturz des westlichen Fermuntgletschers, eine deutliche Wegspur zog dort hinüber und zwischen häusergrossen Eisblöcken hinauf zur Fuorcla dal Cunfin. Über allen Bergen aber thronte machtvoll der 3316 m hohe Gross Buin, ein Märchen aus Stein und Schnee. Ich würde es keinem geglaubt haben, der mir seine Besteigung schon auf den nächsten Tag vorausgesagt hätte. Die andern Partien waren zudem grösstenteils von Führern begleitet, Engländer, Franzosen, einige Deutsche, wenige Einheimische und wir zwei Schweizer.

Mit der nachmittäglichen Eroberung des Dreiländerspitz war es nichts.

Am andern Morgen erwachten wir vor allen andern so früh, dass wir uns ohne Mahl rasch zu einer Fahrt nach dem Dreiländerspitz entschlossen. Auf den neuen Ziegenfellen strebten wir raschen Schrittes über den glatten Rücken des Gletschers hinauf zur Ochsenscharte. Die Sonne stand eben recht am Himmel. Zwar wogte einmal eine halbe Stunde Nebel auf und schloss uns ein. Unter diesen Umständen unterblieb die völlige Besteigung des Dreiländerspitz, an der Stelle, wo sich Vorarlberg, Tirol und Schweiz berühren. Wir hatten es kaum zu bereuen, denn schon im Nachmittag standen wir drüben am mächtigen Holzkreuz auf dem runden Gipfel des Gross Buin. Erwin iSKIFAHRT IN DER SILVRETTA.

begann die Abfahrt zuerst. Er wollte heute eine schöne, fehlerlose Schlangenlinie in den Neuschnee legen, bestehend aus lauter sauberen « Christi » und « Teli ». Wie gut ihm das gelang, bewies ihm das glänzende Lob aller, die ihm auf diesem Wege begegneten. Selbst die nebelbrauenden Bergspitzen lösten sich neidlos aus ihrer Umhüllung und bewunderten die vollendeten Künste meines Freundes, während ich einmal so recht nach Herzenslust eine Schussfahrt zur Tiefe wagte.

In brütender Hitze nahmen wir Abschied vom Wiesbadenerhaus, um über Westfermuntgletscher und Fuorcla dal Cunfin1 ) den Silvrettapass und den Silvrettagletscher und damit Schweizerboden zu betreten. Im frühen Abend hofften wir dann, die Silvrettahütte zu erreichen. Aber es ward anders. Wie wir bereits die Fuorcla erreicht hatten, kamen zwei junge Männer vom Gross Buin herüber gefahren. Sie nach den Bedingungen und Verhältnissen der Besteigung zu fragen, war eines. Sie mochten uns zwar nicht sicheres Gelingen zutrauen. Pickel, Steigeisen besassen wir keine, meine Schuhe waren nicht einmal recht genagelt, ein Seil trugen wir auch nicht mit. Aber ich hatte irgendwo von der Besteigung des Berges harmlose Dinge gelesen und verwechselte Winter und Sommer.

Die Fahrt unter dem Klein Buin durch zur Einsattelung zwischen beiden Bergen war etwas mühsam, der Schnee lag hier im Windschatten tief und weich. Über eine steile Halde gelangten wir rasch zu aperen Felsen, stiessen die Bretter in den Schnee und wollten nun den Aufstieg wagen. Er ward nicht so leicht, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Auf jeden Fall sind gut genagelte Schuhe das Mindeste, was jedem winterlichen Buinbesteiger anzuraten ist. Dazu waren die Stufen unserer Vorgänger in bedenklichem Zustande, da sie diese beim Abstieg aus leicht erklärlichen Gründen selber wieder grösstenteils zerstört hatten. Am Mittag war der Schnee teilweise geschmolzen, jetzt gefror er bereits wieder und machte das Steigen zu keiner Wonne. Im sogenannten Kamin, der im Sommer leicht zu begehen ist, war ich drauf und dran, das nicht ganz sichere Beginnen aufzugeben, als auch Erwin gar keine grosse Lust zeigte. Immerhin wagten wir es dann doch. Das letzte Stück, ein massig steiler, schneebedeckter Rücken, war ein Kinderspiel. Und dann standen wir oben.

Der Himmel hatte sich im Westen bedeckt, der Wind pfiff ordentlich um den Gipfel. Aber noch war der Tiefblick eine volle Sache für sich. Von den ötztaler Alpen schweifte er lückenlos bis zum gewaltigen Schneehaupt des Tödi, ja, sogar ferne Spitzen im Wallis und Berner Oberland meinten wir noch schwach zu erkennen, obwohl sich dort bereits viel dunkles Gewölk versammelt hatte, das wieder einmal einen Wetterumbruch prophezeihte. Herrlich leuchtete der Bernina, und hier oben war es, wo wir beschlossen, bald unseren Fuss dorthin zu lenken. Tief unter uns lag das einsame Val Tuoi in bläulicher Dämmerung, wie denn auch die Täler schier verschwunden waren und nicht aufkommen mochten gegen die grossen Eindrücke der Winterberge in der ganzen Runde.

4 Uhr nachmittags zeigte die Uhr, als wir den Niederstieg begannen. Es war ein heikles Stück. Keine Minute zu früh erreichten wir unsere auf der Der T. A. schreibt Fuorcla del Confili.

Fuorcla zurückgelassenen Rucksäcke. Ein bitterkalter Wind trieb uns von der Stelle, obwohl jetzt der Hunger begehrlich knurrte. Ohne uns stark um die Landschaft zu kümmern, eilten wir hinüber zum Silvrettapass 3013 m. Der Schnee war bereits steinhart geworden. Es fror mich durch Mark und Bein. Etwas Warmes war mein sehnlicher Wunsch. Aber es galt keine Zeit zu verlieren. Ohne Eckhorn, Silvretta und Rotfluh eines guten Blickes zu würdigen, schössen wir über den Gletscher hinab zur Roten Furgge1 ). Es war ein wildes Rennen, denn jeden Augenblick rechneten wir auf Nebel. In solchen Lagen ist kein Zögern am Platze. Der Himmel war grau und düster geworden, eine schwache Sonne schien zwischen den Wolkenbänken im Westen auf das einsame Gletscherland. Wir atmeten auf, als wir endlich die Wegweiser zur Silvrettahütte entdeckten. Die Fahrt war kein reiner Genuss mehr. Überall liefen Spuren, jetzt waren sie klirrendhart gefroren, die Spitzen unserer Latten klapperten wie Gespensterknochen, zudem waren wir müde, am meisten jedoch setzten uns Wind und Kälte zu.

Drunten in der heimeligen Stube, in einem Schweizer Berghaus und unter den schönen Augen der prächtigen Frau des Hüttenwartes frischten sich die erschöpften Lebensgeister noch einmal auf. Vortrefflich schmeckte der tiefrote Veltliner, herrlich mundete die gewaltige Schüssel voll Spaghetti. Im trauen Schimmer des Abendlichtes sassen wir am Tisch. Drüben auf Parsenn wusste ich liebe Kameraden, noch einmal blühte der Himmel auf und versöhnte uns mit dem Gruss der Sonne. Dann kroch rabenschwarze Nacht aus dem tiefen Sardascatal herauf. Ehe wir zur Ruhe gingen, sprach ich noch mit meiner Frau durchs Telephon. « Alles gesund und munter », sagte sie.

Einmal erwachte ich und trat ans Fenster, nach dem Wetter zu blicken. Weder Mond noch Sterne schienen. Dunkler als das nachtschlafende Land hingen die Wolken darüber. Sollte uns morgen die Heimfahrt noch einen Höhepunkt der Überraschungen bringen?

Ausklang.

Unwirtlich kalt und windig erwachte der folgende Tag. Trotzdem beschlossen wir, nach der Roten Furgge 2692 m zu gehen und drüben den Übergang nach dem Litznersattel und zur Saarbrückerhütte zu wagen, um von dort durch das Cromertal nach dem Stausee im Fermunt und auf bekanntem Wege nach Partennen abzusteigen.

Der Hüttenwart hatte bereits den Niederstieg nach Klosters begonnen, als wir mit den guten Wünschen seiner schönen Frau über den steinhart gefrorenen Silvrettagletscher zwischen Rotfluh und Tälihorn der Furgge zustrebten. Das letzte steile Wegstück legten wir mit geschulterten Ski zurück. Drüben empfing uns der jaulende Wind, der aus dem tiefen Klostertal dichte Nebelschwaden zur Höhe trieb. Dabei war jede vortägliche Spur verweht. Wilder Schnee wirbelte in der Luft und schloss jeden Strich, den gestern andere geritzt hatten. Alle Unebenheiten waren verschwunden. Ein Ungewisses Morgenlicht lag über der Gegend, die wieder einmal jede genaue Schätzung SKIFAHRT IN DER SILVRETTA.

der Wegverhältnisse verunmöglichte. Sollten wir darum lieber eine Querung der Steilhänge unter dem östlichen Abfall der Schwarzwandspitzen und des Sonntagsspitz aufgeben und auf geradem Wege ins Klostertal und nach dem Madienerhaus abfahren? Dieser Weg versprach grösste Sicherheit und kleinste Gefahr. Aber man hatte uns angeraten, den direkten Übergang nach der Saarbrückerhütte unbedenklich zu wagen, wenn der Weg mit Stöcken und Richtungspfeilen ausgesteckt sei. Und das war er, nicht zu unserm Vorteil.

Was nun begann, war ein ununterbrochener Weg zwischen Leben und Tod. Die Hänge waren so hart gefroren und die früheren Wegspuren so genau verwischt, dass ich nicht einmal die feinsten Einkerbungen der scharfen Stahlkanten meines Freundes vor mir erkennen konnte. Es war ein andauerndes Kanten auf der glasharten, steilen und weiter unten unbedingt in die Senkrechte übergehenden Steilflanke dieses Bergzuges. Das Gefährliche kam uns rasch genug ins Bewusstsein. Aber es gab kein Zurück mehr, als wir einmal auf dem Wege waren. Wehe, wenn einer ins Gleiten kam!

Ich war doppelt schlecht daran. Kanten hatte ich keine, dafür bös hergenommene Brettlein, die Bilgeriharscheisen nützten mir nichts, immer dort, wo ich Halt finden sollte, hingen sie buchstäblich in der Luft. Wir bissen auf die Zähne und fügten uns ins Unabänderliche. Gewiss, das ist beileibe keine Generalanleitung für ähnliche und noch schlimmere Fälle, unser Beginnen glich verteufelt nahe einer unerhörten Herausforderung an den Berg und an die objektiven Gefahren der heutigen Gelände- und Schneeverhältnisse. In führigem Schnee mochte die ganze Sache ausser einem gesunden Nervenkitzel nichts Schlimmes absetzen, aber jetzt handelte es sich wirklich um eine unsinnige Torheit, der ich heute mehr denn je jede Berechtigung abspreche. Schliesslich geht man nicht in die Berge, um Gefahren auf diese Weise herauszufordern. Mein Freund, der Bergführer Hugo G., dem ich später dieses Erlebnis erzählt habe, bekam einen wilden Zorn auf mich: « Natürlich ein Narrenglück, nichts mehr, was ihr da gemacht habt, eigenes Verdienst ist es nicht, dass ihr so glimpflich davongekommen seidl » Wir setzten vorsichtig Ski neben Ski, um geringe Stücke kamen wir vorwärts, über kleine und dabei doch kitzlige Bergrippen, einmal etwas besser, einmal etwas schlechter, einige Male sehr schlecht und mit heftig klopfendem Herzen. Zu allem Unglück fiel ich dreimal aus der Bindung, aber wie im schwarzen Unglück immer ein bisschen Glück dabei ist, so auch hier, es war jedesmal der bergseitige Ski, der mir einen Possen spielte. Ich hätte ihn einfach besser anbinden sollen oder gar mit einer starken Schnur um meine Fesseln befestigen können, ich tat es nicht. Man glaubt gar nicht, wie apathisch mich dieser zweistündige Höllenritt machte. Alles war mir gleich, Angst und Grauen spürte ich nicht, und doch gähnte der Steilhang zu meiner Rechten, in der Tiefe des Klostertales wogten und wallten die Nebel, bleiches Sonnenlicht drang zwischen den Wolken über Schneeglocke, Schattenspitz und Eck-hörnern heraus. Beinahe lautlos rieselte der Schnee aus der Höhe der Tiefe zu, ohne Aufhören. Es gab nicht viel zu besinnen, nachdem wir uns mit diesem Weg eingelassen hatten. Was ein Sturz an dieser Stelle bedeutet hätte, darüber wusste ich Bescheid. Erwin Wyss vor mir redete kein Wort. Einmal wartete er auf mich an einer Stelle, wo wir gerade noch knapp nebeneinander Platz finden konnten und durch eine überhängende Felswand einigermassen vor dem wilden Schneefall geschützt waren. Hier ass ich ein paar Stücklein Würfelzucker und verschlang die letzte Banane.

« Wie geht es, Ernst? » meinte er mit einem sauersüssen Lachen.

Ich schwieg.

Es wurde immer ärger. Wollte die Erlösung noch immer nicht kommen? Gegen den Schluss hatte der Hang bereits eine Neigung von mindestens 45 Grad. Auf jeden Fall war es bei der allzu hart gefrorenen Unterlage ein wahnwitziges Unterfangen, hier eine Querung zu ertrotzen. Dass es schliesslich glückte, wer weiss, ob es nicht darum gelungen ist, weil im Untergrunde unseres Daseins doch noch das Leben und die Liebe zu ihm und zu seinen unvergesslichen Freuden uns zur Herausgabe der allerletzten Kräfte gezwungen hat. Es war eine unerhörte psychische Belastung, ich war noch nie in einer solchen Lage gewesen und zugleich so hilflos vor der Allmacht der Berge wie jetzt. Und doch galt es zu kämpfen. Es hing ja auch von uns ab, ob es gelingen sollte oder nicht. Noch heute ist mir dieses Erlebnis so deutlich vor den Augen, als ob es sich erst gestern zugetragen hätte.Vorsätze haben wir freilich dort oben gefasst, nicht eben grosse und männliche, das wird man uns zubilligen.

Endlich schien das Martyrium zu enden, immer näher rückte der Verhup-spitz, der nach Norden das steile Glöttertälchen abschliesst. Der Sonne ausgesetzt zeigten sich dort grosse apere Stellen und Felswände, an denen überhaupt keine Schneeflocke haften bleiben kann. Wie sehnte ich mich dort hinüber in den Fels, und unbedenklich wäre ich dort drüben auch eine Senkrechte angegangen, wenn dies zu tauschen gewesen wäre mit unserem Hang.

« Jetzt! » rief Erwin. Wirklich, der letzte Stock, gleich bog der Hang um, zwei Stunden tiefster Konzentration waren vorbei. Aber auch das nun folgende kurze Stück war nicht so harmlos, wie ich mir dachte. Der massenhaft angehäufte leichte Wildschnee versprach neue Gefahr. Lawinen, Schneebretter konnten uns zur Tiefe nehmen.

« Nicht nachfolgen! » befahl Erwin. Und als ich ihm in fünfzig Meter Abstand dennoch zu folgen versuchte, wurde er rechtschaffen zornig und fluchte zurück: « Himmelherrgott kannst du nicht Vernunft annehmen? » Es geschah aber nichts. Wir hatten Glück. Auch diesmal.

Der Aufstieg nach dem Litznersattel 2776 m war noch ein hartes Stück Arbeit, die ausgestandene Not machte sich bemerkbar und hatte die Glieder erschlafft. Und doch war dies ein Kinderstück, verglichen mit der vorausgegangenen Leistung. Ein kurzer Imbiss auf dem Einschnitt zwischen Gross Litzner und Glötterspitz, dann sausten wir hinunter. Die Saarbrückerhütte liessen wir weg, es war nun einfach genug. Nur heim, nur heim, drängte es uns.

Im Cromertal bekamen wir endlich zum ersten Male in diesen vier Tagen gediegenen Sulzschnee. Das war nun der vielen Dinge guter Schluss. Der Himmel klärte sich auf. Dunkel vor den gleissenden Bergen standen die schwarzen Wälder. Ahnungen des Frühlings rauschten durch ihre trunkenen Wipfel, als wir in rascher Fahrt am offenen Fermuntsee vorbei, den wir am Die Alpen — 1938 — Les Alpes.5

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