Skitour auf dem <Damen-Montblanc>

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Ruedi Horber, Niederscherli

Faszination eines Berges Diese schwierige Frage beantworten hiesse, das Problem der Quadratur des Kreises zu lösen. Der Gründe gibt es viele, rationale und emotionale, offene und versteckte, erklärbare und zufällige.Vielleicht die Form des Berges oder der Klang des Namens? Wohl kaum, denn der Gipfel des Buet ist alles andere als eindrucksvoll: keine kühne Nadel, sondern eine flache, ganz gewöhnliche Kuppe. Und auch das eher banale Wort vermag kaum poetische Assoziationen zu wecken. Oder eine besonders interessante Aufstiegsroute und eine rassige Abfahrt? Schon eher, denn der Weg wird in der Literatur1 als sehr abwechslungsreich beschrieben: ein Aufstieg, der zunächst in einem engen, bewaldeten Tal verläuft, dann über weite und mässig steile Hänge zum Gipfel führt. Schliesslich die Abfahrt, lohnend und wenig schwierig. Trotzdem stellt die Tour gewisse Anforderungen an die Kondition: respektable 1800 Höhenmeter und über zehn Kilometer Horizontaldistanz sind vom Weiler Le Buet bis zum gleichnamigen Gipfel zu bewältigen. Sind dies nicht bereits hinreichende Argumente für eine Buet-Bestei-gung, auch ohne weitere Erklärungsversuche?

Mitnichten! Die tieferen Gründe, weshalb dieser Berg seit geraumer Zeit eine besondere Faszination auf mich auszuüben vermag, sind anderer Natur. Wer sich mit der Geschichte des Alpinismus und namentlich jener des Montblanc-Gebiets befasst, stösst immer wieder auf den Namen des Buet. So erfolgte die Erstbesteigung dieses höchsten französischen Gipfels zwischen dem Montblanc und dem Genfer See bereits im Jahre 1770, und zwar durch die Brüder Jean André und Guillaume Am Freitagnachmittag, dem 9. März 1990, ist es endlich soweit: Heinz und ich verlassen das Bernbiet Richtung Chamonix mit dem Ziel Buet. An und für sich eine Skitour wie jede andere, doch für mich kommt der geplanten Besteigung des Buet eine ganz besondere Bedeutung zu. Schon seit Jahren wollte ich diesem rund 3100 Meter hohen, aber unvergletscherten Berg nahe der schweizerisch-franzö-sischen Grenze meine Aufwartung machen, aber bisher ist immer wieder etwas dazwischengekommen: entweder zuviel oder zuwenig Schnee, schlechtes Wetter, Lawinengefahr, terminliche Probleme. Aber warum denn ausgerechnet eine Skitour auf den Buet?

Auf dem langen Weg zum Gipfel des Buet Antoine de Luc. Und 1778 folgte kein Geringerer als Horace Benedict de Saussure, der eine Gruppe von Genfer Wissenschaftlern auf den Buet begleitete. Der Zweitbesteiger des Montblanc widmet seiner Besteigung des Buet übrigens in seinem vierbändigen ( Klassiker ) der alpinen Literatur, Voyages dans les Alpes, ein längeres Kapitel. Und kaum ein Pionier des Montblanc, der zum Studium der Aufstiegsroute und als dem Buet nicht seine Aufwartung gemacht hätte oder zumindest von ihm spricht; dies gilt beispielsweise auch für Henriette d' Angeville, als ( Fiancée du Mont Blano in die alpine Literatur eingegan- gen, die 1838 als zweite Frau das Dach der Alpen bezwang und in ihrem sehr subtil verfassten Tagebuch2 mehrmals den Buet erwähnt.

:'Vgl .z.B. A. Baud, Les Alpes du Nord à Skis, Denoël, Paris 1983, S. 138/139 ( auch SAC-Clubführer: Metzker, Philippe: Ski Aipin-Alpes valaisannes, Volume III, 1989 [Red.] ) 2 Henriette d' Angeville, Mon excursion au Mont Blanc, Arthaud Paris 1987 ( Vgl. auch: Amann, Hans: Die Montblanc-Braut, in: die ALPEN, QH 1/89, S 19ff. [Red.] ) Wen vermag es da noch zu verwundern, dass der Buet einer der ersten Berge war, der im Jahre 1903 vom Skipionier Dr. Payot im Winter bestiegen wurde?

Der Buet, oftmals etwas despektierlich als ( Damen-Montblano bezeichnet, verdankt seinen relativen Bekanntheitsgrad und seine Anziehungskraft nicht nur seiner bemerkenswerten Besteigungsgeschichte, sondern ebensosehr seiner einmaligen Aussicht. Bereits ein Blick auf die Landkarte lässt das eindrückliche Panorama erahnen: im Vordergrund, sozusagen als Vorhang, die dunklen Konturen der bis zu 3000 Meter hohen Aiguilles Rouges und dahinter die ganze Kette des Montblanc-Mas-sivs, von der Aiguille du Tour über die Grandes Jorasses und die weisse Kuppe des Montblanc bis hin zur Aiguille de Bionnassay. Und die werden durch einen Blick in die einschlägige alpine Literatur durchaus bestätigt. So findet beispielsweise de Saussure das Panorama vom Buet noch eindrucksvoller als vom Ätna:

Im Aufstieg zum Buet -Blick gegen das Trient- Aus dem Tagebuch der Besteigung Am späten Freitagnachmittag des 9. März 1990 erreichen wir den französischen Weiler Le Buet und beziehen im gleichnamigen einfachen, aber sympathischen Hotel unser Nachtquartier. Und die erste ( positive ) Überraschung ist perfekt: Während der Schnee in tieferen Lagen sonst überall Mangelware ist, liegt hier die weisse Pracht in Hülle und Fülle. Nach einem guten, typisch französischen Nachtessen legen wir uns schon bald zur Ruhe, denn morgen steht uns ein langer Tag bevor. Angesichts der guten Wetterprognosen hätten wir nicht erwartet, dass wir die einzigen Hotelgäste sind, die morgen den Buet besteigen wollen. Der sei eben trotz seines Übernamens eine anstrengende Tour, wird uns von der Chefin kurz und bündig bedeutet.

Am andern Morgen klingelt um 5 Uhr der Wecker. Wie schön, nach tiefem Schlaf in einem Hotelbett und nicht in einer überfüllten Clubhütte zu erwachen. Wir nehmen uns genügend Zeit, um das bereitgestellte Morgenessen einzunehmen. Es herrscht Totenstille im Hotel, als wir kurz vor 6 Uhr in die dunkle Nacht hinaustreten. Welch eine - diesmal negative - Überraschung: Kein einziger Stern zeigt sich am Firmament, dafür hängen von den nahen Gipfeln dunkle Wolken herab. Schweigend nehmen wir die ersten Hänge hinter dem Hotel in Angriff, um gleich ins enge Tal, den Eau de Bérard entlang, einzudringen. Nur langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit, aber die Szenerie ist eindrucksvoll: wilde Felsblöcke noch und noch, düsterer Tannenwald, dazwischen das Geplätscher des Bergbachs. Wir folgen einer guten Spur, und während wir höher steigen und den Wald hinter uns zurücklassen, weicht die Nacht langsam dem Tag. Nun öffnet sich das Tal, und in massiger Steigung streben wir der Pierre à Bérard zu, einem markanten Felsblock auf gegen 2000 Metern Höhe.Von der Hütte, die sich hier befindet und im Sommer sogar bewartet wird, ist allerdings nichts zu sehen, der Schnee hat sie vollständig zuge- 3 Horace Benedict de Saussure, Premières ascensions au Mont Blanc, Librairie François Maspero, Paris 1979, S. 71 deckt. Nach zwei Stunden Marschzeit schalten wir eine wohlverdiente Rast ein. Da die harte Unterlage mit gegen 20 cm pappigem, schlecht verbundenem Neuschnee bedeckt ist, steht uns ein eher mühsamer Aufstieg bevor, zumal wohl in Richtung des Col de Bérard, nicht aber zum Buet Spuren auszumachen sind.

So nehmen wir mit gemischten Gefühlen die endlos scheinenden Hänge zum gegen 1200 Meter höher gelegenen Gipfel in Angriff. Wir sind alles andere als unglücklich, dass ein Einzelgänger in atemberaubendem Tempo die Spurarbeit übernimmt und regelmässige, aber etwas gar steile Kehren in die Flanke legt. Trotzdem rutschen wir auf der Neuschneeschicht ständig ab, und die Erkenntnis, dass es den folgenden Skitouristen auch nicht besser geht, ist nur ein schwacher Trost. Jeder kämpft sich in seinem eigenen Rhythmus die Hänge hinauf und hängt seinen Gedanken nach. Als wir den Col de Salenton auf gut 2500 Metern Höhe erreichen, bessert sich das Wetter zusehends und gibt erste Blicke in die umliegende Bergwelt frei. Kurz unterhalb des Gipfels bricht sogar die Sonne durch, und vor den Augen des Betrachters erhebt sich das Montblanc-Massiv in seiner ganzen Grösse hinter den Aiguilles Rouges. Die Nähe des Gipfels und die Grossartigkeit der ganzen Szenerie setzen zusätzliche Kräfte frei, so dass wir kurz nach 11 Uhr die flache Kuppe des Buet nach rund fünfstündigem Aufstieg in guter Verfassung erreichen.

Ein lang ersehntes Tourenziel ist damit Wirklichkeit geworden. Auch die kalten Windstösse vermögen den Gipfelfreuden keinen Abbruch zu tun. Was hat wohl Horace Benedict de Saussure empfunden, als er den Buet vor mehr als 200 Jahren betreten hat? In der Zwischenzeit haben sich die meisten Wolken aufgelöst, so dass wir die überwältigende Aussicht in vollen Zügen geniessen können. Es hiesse Wasser in die Rhone tragen, wollte man auch nur einen Teil der Berge aufzählen, die sich vom Buet her ausmachen lassen. Ganz im Süden glauben wir sogar einzelne Gipfel des Dauphiné-Massivs zu entdecken. Auf besonderes skifahrerisches Interesse stösst bei uns auch der Col du Belvédère in den gegenüberliegenden Aiguilles Rouges, der mit seinem über 40 Grad steilen engen Einstieg für die Liebhaber kühner Abfahrten ein Begriff ist und in direkter Linie zur Pierre à Bérard hinabführt.

Bald heisst es jedoch, wieder Abschied zu nehmen. Der bissig-kalte Wind erleichtert uns den Aufbruch. Nun erwartet uns mit gegen 1800 Höhenmetern Abfahrt sozusagen das Dessert des Tages. Der Schnee ist weit besser als anfänglich befürchtet. Zuerst dominiert zwar der Windharsch, und wir stehen noch etwas ungelenk auf den Skiern. Bald haben wir jedoch unsern Rhythmus gefunden, und im schönsten Frühlingssulz können wir in den endlosen, mässig steilen und offenen Hängen unsere Schwünge ziehen, immer den Montblanc und die Aiguilles Rouges vor Augen. Das sind unvergessliche alpinistische Höhepunkte, Augenblicke höchsten Genusses. Noch immer befinden sich Skitouristen im Aufstieg, darunter sogar ein junger Typ zu Fuss mit dem Snowboard auf dem Rucksack. Am gegenüberliegenden Hang beobachten wir eine grössere Gruppe von Tourenfahrern, die vom Col de Bérard herkommend dem Talgrund zusteuert und in der steilen Nordflanke in Form von regelmässigen Schwüngen ihre Visitenkarte hinterlässt. Damit hätten wir uns für nächstes Jahr bereits ein neues Tourenziel ausgewählt: die klassische, viel ausgeführte Überschreitung der Aiguilles Rouges von Chamonix über den Col des Aiguilles Crochues und den Col de Bérard bis zum Weiler Le Buet.

Viel zu rasch erreichen wir wieder die Pierre à Bérard im Talgrund. Während wir ohne Eile den letzten, flacheren Teil der Abfahrt in Angriff nehmen, kommen uns Scharen junger Leute mit schweren Rucksäcken entgegen. Nach ihrem Ziel zu früher Nachmittagsstunde befragt, geben sie uns alle die gleiche Antwort: Biwak zuhinterst im Talkessel, am Fusse des Buet. Für uns aber geht die Tour langsam zu Ende, und bald erreichen wir ziemlich müde, aber um ein schönes Erlebnis bereichert, wieder unser gastliches Hotel in Le Buet. Eine eindrückliche Tour findet damit ihren Abschluss, und bei einem kühlen Bier stellen wir übereinstimmend fest, dass der

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