Skituren im Rosegtal

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Mit 8 Bildern.Von Christian Rubi.

Wer in Skifahrerkreisen verkehrt, vernimmt häufig die Klage, der Skilauf stehe im Begriffe der Entartung. Die mächtige Breitenentwicklung dieses nordischen Sportes rief der Bergbahn, die Bergbahn der Piste, und diese blieb nicht ohne grossen Einfluss auf Ausrüstung und Technik. Die Fahrt auf der hergerichteten Skibahn ist ein Spiel auf glatt gescheuertem Schnee, ein leidenschaftliches Spiel mit der Geschwindigkeit, ein Kampf um sichtbare Auszeichnungen und Orden. Es ist ein getreues Abbild der Gegenwart, wo der Mensch bald zu nichts mehr Zeit findet als einst zum Sterben. Hundertmal trifft den Pistenfahrer ein hartes, verächtliches, oft vernichtendes Urteil. Er gilt als Skifahrer zweiter Ordnung, der nichts kann, der hoffnungslos dasteht, sobald er den modern markierten Skiweg verlässt. Das stimmt nun nicht ganz. Im grossen Könner der Piste haben wir den internationalen Ski-wettkämpfer, der seine Technik zu einer erstaunlichen Höhe entwickelt hat, der ein Rüstzeug besitzt, das auch im « Turenschnee » nicht so bald versagt. Freilich, wer auf der glatten Bahn seiner Sache nicht voll und ganz gewachsen ist, wird im tiefen Schnee bittere Enttäuschungen erleben. Der Pistensport hat auch seine Reize und bildet eine gute Vorschulung für den Turenskilauf; dieser ist erzieherisch wertvoller und bietet nachhaltigere Genüsse. Erfreulicherweise besteht gegenwärtig eine starke Bewegung, die sich wirksam einsetzt für die Abkehr von der geschliffenen Fahrbahn und besonders dem vielseitigen Skilauf im Hochgebirge das Wort redet, für den auch die folgenden Zeilen eine Lanze brechen möchten.

Der British Alpine Skiclub, eine kleine, aber begeisterte Gesellschaft unentwegter Bergfreunde, hatte mich letzten Winter zur Leitung eines vierzehntägigen Turenskikurses ins Rosegtal verpflichtet. Wir versammelten uns am 18. März im schönen Pontresina und stiegen zum Hotel Roseggletscher auf, das als Standquartier auserkoren war. Der nächste Tag brachte uns zur Tschiervahütte. Die Felle blieben zu Hause. Der Weg führte zunächst in knapp einstündigem Lauf über den « See » — so nannten wir die ausgedehnte Ebene südlich des Hotels — an den Rand des Roseggletschers, über dessen Zunge der Tschierva in südöstlicher Richtung erreicht wurde. Wer nicht « steigen » konnte, schnallte die Ski von den Füssen und bestrich sie neuerdings mit geeignetem Wachs. Schliesslich ging es ganz gut. Wir gewöhnten uns so an den Gebrauch von Steigwachs, dass wir manche Tur mühelos ohne Felle bewältigen konnten. Wir verwendeten fast ausschliesslich A 24 und Metallo-Sohm, die je nach Temperatur und Schneebeschaffenheit gemischt wurden. Zur Wiederherstellung der Gleitfähigkeit diente ein Graphitpräparat. Wir hatten auf der Abfahrt immer schnelle Ski. Felle sind besonders auf flachen Strecken unangenehm und verunmöglichen ein natürliches, gelöstes Gehen. Klebfelle lassen sich bei tiefen Temperaturen nicht immer leicht befestigen und fallen bei langem Spuren in hartem Schnee häufig ab, was zu Die Alpen — 1939 — Les Alpes.36 unangenehmen Situationen führen kann. Durch Reissnägel am Fellende kann die Zuverlässigkeit der Befestigung erhöht werden. Will man für das Hochgebirge gewappnet und in allen Wassern gewaschen sein, so ist es gut, sich gründlich an den Umgang mit verschiedenen Steigmitteln zu gewöhnen.

Wir erreichten die Tschiervahütle mühelos auf einem schönen Gletscherspaziergang und rasteten vor dem wuchtigen Berghaus in der warmen Mittagssonne. Auf dem Rückweg übten wir uns im Seilfahren. Wir waren auf den vielen Türen der folgenden Tage häufig gezwungen, vom Seil Gebrauch zu machen, hätten aber nie den geringsten Anlass gehabt, uns über Zeitverluste zu beklagen.

Der 20. März war ein strenger Tag. Wir stiegen bei trübem, unfreundlichem Wetter über Roseg- und Sellagletscher hinauf zum Sellapass 3304 m. Vielen von uns fehlte ein richtiges Training, und so gab es Gelegenheit, die Freuden und mehr noch die Leiden eines langen Aufstieges voll auszukosten. Der Vadret da Sella befand sich in schlechtem Zustand: die dünnen Schneebrücken rieselten unter dem Gewicht des Körpers in dunkle Tiefen, drohende Spalten nötigten uns zu einem ungewollten Linkskurs auf vereiste Rücken und Schrundbänder, wo auch die beste Stahlkante den glatten Boden umsonst nach sicheren Standorten abtastete. Die aufregende und mühsame Arbeit wollte nicht enden. Über dem Pass lag dichter Nebel, und ein beissender, kalter Wind fegte über den Firn. Nach fünfstündigem Marsch wähnten wir uns am Ziel und versuchten, uns an Speise und Trank zu stärken. Während des ganzen Aufstieges waren die Seile im Rucksack geblieben. Ich hatte trotz grösster Vorsicht wohl eine kleine Unvorsichtigkeit begangen. Jetzt wurde angeseilt und unerbittliche Fahrdisziplin als unumgängliche Parole ausgegeben. Zur Rückfahrt wählten wir die linke Gletscherseite und fanden hier bedeutend besseren Schnee. Schlechte Sicht und Spalten aber forderten ein äusserst wachsames Auge. Immer wieder ertönte der Ruf nach hinten: Seil lang! Seil anspannen! Spurfahren!

Es ist sehr wichtig, dass die führende Partie aus gewandten Leuten besteht. Der Vorangehende muss die Gewissheit haben, dass sein Gefährte mit dem Seil einwandfrei umzugehen weiss, dass er ihn keine Sekunde aus den Augen verliert und nötigenfalls auch imstande ist, ihn mit starkem Arm zu halten und zu sichern. Das Wegsuchen in Nebel, Schneetreiben und Sturm verlangt äusserste Konzentration und Anspannung der Sinne. Jede Ablenkung oder unnötige Beanspruchung des Führenden ist zu vermeiden, damit dieser sich restlos seiner Aufgabe widmen kann.

Wir tasteten uns behutsam hangab, bis der Nebel zurückwich. Mancher machte flüchtige Bekanntschaft mit einer zugewehten Spalte und erhielt den schlagenden Beweis, dass schwach verschneite Firne und Gletscher nicht mit sich spassen lassen. Das Seil wurde erst unmittelbar über dem Roseggletscher abgelegt, wo eine dicke und zuverlässige Schneedecke festgestellt werden konnte.Von hier ging 's in langem, sanftem Schuss talauswärts zum ebenen Talboden, und über diesen erreichten wir alle wohlbehalten das schützende Dach. Der Sellatag war eine weise Mahnung zur Vorsicht für alle weiteren Fahrten.

Der folgende Morgen brach an mit schlechtem Wetter. Ein kalter Sturmwind, der ringsum durch die Arven und Lärchen pfiff, nötigte uns zu theoretischen Erörterungen. Wir erprobten die Vorzüge und Möglichkeiten des Doppelseils, einigten uns auf die unbedingt nötigen Knoten, sprachen über die Begehung des Gletschers, die Routenwahl, Spaltenbildung, zeichneten Schneebrücken und diskutierten, bis der Mittagstisch gedeckt war. Nachmittags wurden trotz des drohenden Himmels die Ski an die Füsse geschnallt, und wir stiegen hinter dem Gasthaus steil aufwärts bis zur Waldgrenze am Osthang des Munt Arias. Der Weg wurde so gewählt, dass die Ski stellenweise getragen und unter gegenseitiger Hilfeleistung exponierte Felspartien erklettert werden mussten. Immer noch zerzauste der Wind das Astwerk der trotzigen Wettertannen, und es war kalt wie an einem Januarmorgen.

Am Ziele wurde unter einer Riesenarve der Schnee weggescharrt, wir trugen Baumflechten, Reisig und dürres Holz zusammen, zündeten mit einem einzigen Streichholz ein Feuer an, das bald fröhlich loderte und eine angenehme Wärme ausstrahlte. Auf der Windseite bildeten zwanzig Paar Ski eine schützende Wand. Über uns dehnte sich eine tief verschneite Bodenwelle mit einer Bruchharschdecke.

Hier gruben wir Biwakhöhlen. Zunächst wurde in der Fallirne des Hanges ein zwei Fuss breites und viermal so langes Rechteck gezeichnet, der Hartschnee mit den Skienden durchstochen und entfernt. Hierauf begann die Grabarbeit. Pickel, Ersatzspitze, die zusammengenommenen Stöcke mit den Schneetellern, Hand und Fuss dienten als Werkzeug. Die Baustelle durfte von oben oder von der Seite nicht betreten werden. Der Schnee innerhalb des Rechteckes wurde weggescharrt, talwärts entfernt, das Loch vertieft und unter dem Hartschnee ausgeweitet, so dass der Raum bequem für drei sitzende oder liegende Personen Platz bot. Sechs Ski, die auf den quer-gelegten Stöcken ruhten und behutsam darauf geschichtete Schneetafeln verschlossen die Höhle nach oben hin, und der auf der Talseite befindliche schmale Eingang konnte mit Schneeblöcken vermauert oder mit einer Windjacke verhängt werden. Der ganze Bau stand in einer halben Stunde bezugsbereit. Die Bewohner sassen auf Seilen und Fellen, die Füsse in den geräumigen Rucksäcken versorgt, assen, tranken, rauchten und waren guter Dinge. Sie hätten nie geglaubt, dass es in einem Schneehaus so warm sein könnte. Im Nu entstand eine ganze Höhlensiedlung, das unsichtbare Winterdorf im Roseg. Abends fuhren wir angeseilt den Wald hinunter. Die Spur führte über zahlreiche Hindernisse und endete am Rande der Talsohle, in unmittelbarer Nähe des Hotels, auf einem haushohen, überhängenden Fels. Hier wurde die ganze Gesellschaft, die Ski an den Füssen, mit Sack und Pack hinabgeseilt. So endete ein froher Kurstag.

Am Nachmittag des 22. März besuchten wir die Fuorcla Surlej 2756 m zwischen Rosegtal und Oberengadin. Ich erinnere mich noch an den heissen Aufstieg, die interessante Spurarbeit und die Begehung eines etwas verdächtigen Hanges, an dessen Rand wir möglichst weit emporstiegen, um die unumgängliche Querung in grossen Abständen fahrend ausführen zu können, wodurch Erschütterung und Belastung des Schnees fast gänzlich vermieden und die Zeit einer allfälligen Gefährdung wesentlich verkürzt wurde. Die Fuorcla Surlej bescherte uns wenig Freude. Der Himmel war grau und trübe. Ein garstiger Wind zwang uns nach kurzer Rast zum Rückzug.

Am nächsten Tage brachen wir um halb 9 Uhr auf zur Besteigung des Chapütschin. Den Roseggletscher bei der Coazhütte verlassend, folgten wir einer bereits getretenen steilen Spur hinan zum Fuss des Piz dal Lej Alv. Das Wetter verhiess nichts Gutes. Schon schien es in den Höhen zu schneien, und uns umgab zeitweise ein undurchsichtiger Nebel. Bei einem grossen Moränenblock wurde gerastet und ein kaltes Mittagsmahl verzehrt. Eine Fortsetzung des Weges musste angesichts der bedenklichen Witterung als sinnlos betrachtet werden. Zur Erwärmung der steifen Glieder wurde beschlossen, doch noch ein Stück weiter zu gehen. Wir näherten uns dem Südgrat des Piz dal Lej Alo 3208 m und hatten zur Linken ein mächtiges Felsbollwerk, das nach dem .Vadret dal Chapütschin abstürzt. « Um die Kursarbeit interessanter zu gestalten, könnten wir eigentlich über diesen abfahren, wenn sich ein Durchgang finden liesse », dachte ich etwas unwillig, weil das Tagesziel endgültig vom Programm gestrichen werden musste. Der Durchgang liess sich finden. Ich war etwas voraus und stand weit oben auf dem Felsbollwerk in einer Mulde, einer Art Bergstrasse, die hinüberzuleiten schien auf den begehrten Gletscher. Vor mir schoss ein massig steiles Couloir in die Tiefe, das zur Rechten durch ein Felsgrätchen begrenzt war. Von dort sollte sich die vermeintliche Bergstrasse trotz des Nebels überblicken lassen. Ich wagte den Übergang. Der Schnee war so hart, dass ich Mühe hatte, ihn zu durchschlagen. Überall guckten mächtige Blöcke hervor. Diese mussten die weisse Decke unter allen Umständen vor dem Abrutschen bewahren. Es war ja ein ausgesprochener Südhang.

Die Sonne des Vortages hatte den Schnee aufgeweicht, nachts war er wieder gefroren, und heute hinderte der Nebel das Auftauen. Ich hatte das Couloir gequert und stand eben auf dem Felsgrätchen. Dieses war unter mir kaum verschneit und endete wenig tiefer in einem sechs bis sieben Meter hohen Absturz. Die Sicht hatte sich wieder verschlechtert, und so schien mir das Weitergehen doch unangebracht. Ich stampfte nochmals energisch auf die an meinem Standort nur wenige Zoll dicke Schneeschicht. Da — ein dumpfes Geräusch, und über mir, hinter mir, vor mir brach 's los, stellenweise nieterdick. Vorn auf dem Grätchen, eine gute Skilänge von mir entfernt, stach ein fusshoher Felszahn heraus. Ich warf mich nieder, schoss pfeilschnell auf diesen zu, presste den gestreckten Körper tief in Schnee und Gestein und verstellte mit den Füssen unter Aufbietung aller Kräfte an dem vorspringenden Block. Die linke Hand hatte über dem Kopf einen guten Griff erwischt. Da kam 's! Herrgott, der Druck«Wenn ich stürze, muss ich gegen die Felsen fallen, damit die Lawine mich überholt », dachte ich. Der Druck liess nach. Die ganze Masse war durch die Felsrippe zerteilt worden oder über mich hinweggegangen. Unten waren die Schneeblöcke weich und hatten nicht Griff fassen können. So blieb ich verschont. Ich war leicht zugedeckt, getraute mich aber nicht aufzustehen, bis die Furcht vor einer allfälligen zweiten Lawine sich gelegt hatte. Über der Abbruchstelle drohte eine Wächte.

Als ich aus meinem Versteck hervorkroch und mich behutsam aufrichtete, fehlten eine Skispitze und ein Stock. Meine Gefährten hatten sich eine Seillänge hinter mir besammelt und — wer nicht zu spät auf dem Schauplatz eingetroffen war — dem Niedergang des mächtigen Schneeschildes zugeschaut. Dieser war unten in der Firnmulde des Vadret dal Chapütschin als ansehnliche Lawine zum Stillstand gekommen; mein Skistock lag am linken Rand der gestauten Schneemassen. Ich kehrte mit geschulterten Ski zurück zum Ausgangspunkt der kurzen Erkundigungsfahrt und sagte mir, dass ich aus der eigenen Lawinentheorie des Vorabends vielleicht doch nicht die richtigen Schlüsse gezogen habe. Ein guter Freund schraubte eine Ersatzspitze auf den invaliden Ski, ein anderer reichte seine geheimnisvolle Flasche, dann wurde der Aufstieg fortgesetzt bis zum kurzen Gipfelgrat des Piz dal Lej Alv, wo wir eine gute Weile dem Sturm trotzten, bis wir uns endgültig geschlagen geben und den Rückzug antreten mussten.

Wir folgten der Anmarschroute.Voraus fuhr eine angeseilte Zweierpartie. Die anderen hatten Weisung, nicht von der Spur abzuweichen! Ein Führer bildete den Schluss. Die Sicht war so schlecht, dass man an der Spitze kaum erkennen konnte, wo Nebel und Schnee ineinander übergingen. Man wusste nie recht, ging es sanft oder steil hinab, über einen Abgrund hinaus oder gar bergauf. Mitten im Fahren glaubte man plötzlich stillzustehen und sah den Firn auf sich zukommen. Das: war ganz merkwürdig, dieses Gefühl! Wir hatten uns so gefreut auf die herrliche Abfahrt nach dem Roseggletscher, trösteten uns aber, dass es ganz wertvoll sei, die Berge gelegentlich auch bei schlechtem Wetter zu erleben.

Am zweiten Kurssonntag erreichten wir den Piz Corvatsch 3456 m über Fuorcla Surlej und Piz Mortel in fünf Stunden. Auf dem Piz Mortel herrschte eine grimmige Kälte, während die Temperatur auf dem Corvatsch in fast gleicher Höhe und kaum halbstündiger Entfernung merkwürdigerweise nicht zu den geringsten Klagen Anlass gab und zu längerem Aufenthalt einlud. Auf dem Rückweg erlebten wir dank ausgezeichneter Verhältnisse eine Abfahrt, die keiner von uns vergessen wird. Dieser stiebende Schnee, die endlosen Hänge hinunter nach Margun Sur, der Blick in die Tiefe und hinüber nach Piz Bernina und Roseg, war das ein Genuss!

Der nächste Ausflug bedachte uns wiederum mit einem interessanten Erlebnis. Zwischen Roseg- und Tschiervagletscher am Fusse des Piz Roseg erheben sich die Aguagliouls, die auf der Ostseite die mächtige Tschierva-moräne umsäumt. Wir betraten diese auf ca. 2400 m und folgten ihrem Kamme. Zu unserer Linken lag der stark verschrundete Gletscher und rechts, in der Richtung unserer Spur, ein enges Tälchen mit steilen Hängen, eine ausgesprochene Lawinenfalle. Dort, wo die Moräne westlich abbiegt und bedeutend steiler wird, weitet sich das Tälchen nach oben hin wie die Öffnung eines Trichters und weist den kürzesten und bequemsten Weg zu unserem Ziel. Der Aufstieg über den Moränenwall war mühsam, lang und lästig. Da trat der Versucher an mich. Sollte ich hinüberqueren in den weiten TrichterIch befahl einen Marschhalt und entfernte mich behutsam vom Moränenkamm, waagrecht in den Hang hineinspurend. Da und dort guckten Felsblöcke hervor. Ich prüfte den Schnee, stampfte eine Spur, grub Löcher und untersuchte jede einzelne Schicht. Ich stand schon einige Meter unter dem Geröllgrat. Mein Entschluss war gefasst: entweder rutscht die Flanke ab oder wir gehen den Moränenweg. Ich stampfte nochmals — Wupder Schnee senkt sich und der ganze Hang wird lebendig. Ich sacke durch auf den Grund, stelle die Ski flach und die obersten Blöcke gleiten über diese hinweg. Auf einer Breite von über hundert Metern rutscht alles ab. Unten im engen Graben häuft sich der Schnee zu einem Wall, der genügt hätte, uns alle zuzudecken. Wie ich mich umkehre, meint ein englischer Hauptmann trocken: « Das war nicht halb so interessant wie die Lawine drüben am Chapütschin. » Der niedergegangene Schneerutsch hatte mit den wissenschaftlich definierten einschlägigen Naturerscheinungen der modernen Lawinenschrift-steller wenig gemein. Es war kein Schneebrett und kein Schneeschild im hergebrachten Sinn. Für die Lawinenbildung bestanden im Winter 1938/39 Ausnahmeverhältnisse. Der Monat November war gekennzeichnet durch starke Schneefälle; auf diese folgte eine Regenperiode, die den Schnee bis in alle Berge hinauf durchnässte. Die nächste Schneeschicht fiel bei kalter Temperatur auf eine beinhart gefrorene Unterlage und fand keinen zuverlässigen Halt. Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass vom Dezember bis in den Frühling hinein ganze Hänge bei der geringsten Störung auf dem Novemberschnee abgleiten konnten.

Wir hatten unsern Weg nach dem kleinen Intermezzo fortgesetzt, in herrlichem Pulverschnee auserwählter Schattenhänge tapfer bergan gespurt und assen auf sonniger Höhe zu Mittag. Hier erlebten wir ein prachtvolles Schauspiel. Drüben am Piz Tschierva ging eine grosse Lawine nieder, die eine mächtige Staubwolke aufwirbelte, welche lange Zeit die Hütte und ihre Nachbarschaft verdeckte, um sich schliesslich auf den Gletscher niederzusetzen.

Nach dem Besuch des höchsten Punktes der Aguagliouls wählten wir für die Rückfahrt doch den Umweg über die gewaltige Tschiervamoräne, die wir an ihrem Ursprung am Fusse eines Steilhanges betraten. Ein Büchsenschuss tiefer lief unsere Aufstiegsspur nach links. Ich fuhr wiederholt in raschem Tempo einige Meter hinab in die jäh abfallende Flanke und versuchte durch wuchtig gerissene Schwünge weitere Schneerutsche auszulösen. Dies gelang glänzend. Über ein halbes Dutzend ansehnliche Lawinen, die bald am Rande der Christianiaspur, bald wesentlich tiefer losbrachen, glitten auf dem kompakten Novemberschnee den langen Hang hinunter. Die Abbruchstelle hatte eine Dicke von rund zwei Fuss und liess alle Schneeschichten des Winters deutlich erkennen. Das mutwillige, mit Vorsicht betriebene und darum harmlose Spiel mit dem Schnee belehrte uns besser über die Lawinengefahr als stundenlange Erörterungen und Diskussionen im geheizten Theorie-lokal. Bald standen wir wieder auf dem Tschiervagletscher. Ein wunderbarer Schuss trug uns durch stiebenden Pulverschnee hinab zum « See ». Im letzten Gleiten wurde der Diagonalzug der Skibindungen ausgehängt, und weit ausholende Flachlaufschritte brachten uns in kurzer Zeit nach Hause.

Das schöne Wetter wollte benützt sein. Der Abmarsch des folgenden Tages war auf 7 Uhr angesetzt. Er galt den Sellaspitzen, die im Verein mit dem nahen Piz Glüschaint dem unvergleichlichen Hochgebirgsskiland des Rosegtales als Dreigestirn zur Zierde gereichen. Den Glüschaint hatte ich auf einer Irrfahrt einige Jahre früher schon einmal betreten. Wir nächtigten im Fextal und hatten es eigentlich auf den Chapütschin abgesehen, landeten aber — da ich Christian Kluckers Tal doch einmal ganz durchwandern mussteam Nordfuss des Piz Tremoggia, der uns m der Morgendämmerung die geographischen Kenntnisse mit seiner weissen Kapuze wohl etwas verwirrt hatte. Wir eilten weiter auf die Fuorcla Fex Scerscen, erkletterten ein wahr-haftiges Oberländer Couloir und sassen auf der Fuorcla Glüschaint. Der Piz Glüschaint 3600 m wurde von Westen angegangen und auf derselben Route wieder verlassen, da die Säcke unten im Sattel geblieben waren. Dann das Tal hinaus. Über unsern Köpfen entlud sich ein furchtbares stundenlanges Gewitter, eine regelrechte Sintflut, die in Sturzbächen auf den Gletscher niederprasselte. Das war meine erste Bekanntschaft mit dem schönen Sella-gebiet.

Diesmal wanderten wir an einem schönen Märzmorgen den Roseggletscher hinauf, zweigten ab nach dem Sellapassweg, verliessen diesen in ansehnlicher Höhe und erreichten durch steile, verschrundete Firnbrüche den Fuss unseres Berges. Hier musste gerastet und gegessen werden, damit der Körper dem letzten, mühsamen Ansturm standhielt. Die Neuschneedecke war in dieser Höhe zu einer beträchtlichen Dicke angewachsen und verlangte eine anstrengende Spurarbeit. Ich hatte wieder sechs Stunden Weges mit Steigwachs zurückgelegt, griff aber jetzt doch zu den Klebfellen, da weiter oben wechselnder Windschnee zu erwarten war.

Unser Pfad wand sich langsam höher und höher. Wir erreichten den Sattel, liessen die Ski zurück, und ein schöner, stellenweise vereister Grat führte zum Gipfel. Nach achtstündigem Aufstieg standen wir alle zwanzig auf der westlichen Sellaspitze 3587 m. Ich jauchzte vor Freude, dass niemand zurückgeblieben war. Es ist doch ein anderes Erlebnis um all die Berge, deren Weg man selbst ersorgt und mit eigener Kraft mühsam erstritten hat.

Die Abfahrt bot uns allen ein gutes Stück erstklassigen Hochgebirgs-skilauf. Zuerst durch zähen, unbändigen Schnee, dann über heikle Brücken und schmale Schrundbänder, steile Hänge hinab, durch ein Labyrinth von Spalten. Wir fuhren ohne Hast und schalteten häufig Ruhepausen ein. Unten am Sellagletscher wurde das Seil abgelegt. Dann folgte die leichte Heimfahrt. Diese bedeutete Entspannung. Wir hatten Gelegenheit, die Besteigung nochmals zu überblicken und an uns vorbeiziehen zu lassen. Wir schauten den langen Weg zurück. Die Abendsonne warf die letzten Strahlen auf Sella und Glüschaint.

Am kommenden Tag wurde ausgeruht. Wir bummelten hinauf zur Tschiervahütte. Hinter dieser lag die Lawine, die wir auf der Aguagliouls- fahrt bewundert hatten. Ich traf Vorbereitungen für eine kleine Rettungsübung. In einem Hüttenschrank standen zusammengebogene Sondierstangen. Diese wurden sorgfältig gestreckt. Wir wollten ein Stück Lawine nach allen Regeln der Kunst absuchen, grenzten eine bestimmte Fläche ab, erliessen Arbeitsvorschriften, verteilten Werkzeuge: Sondierstangen, Stöcke, Ski, Pickel, alles, was wir hatten. Da kam die grosse, überaus lehrreiche Enttäuschung. Die vor genau zwei Tagen niedergegangene Lawine war hart gefroren und setzte sich gegen jeden eindringenden Fremdkörper mit aller Entschiedenheit zur Wehr. Man hatte die grösste Mühe, einen Pickel einzurammen. Ski und Stöcke versagten glattweg. Die eisernen, leicht angerosteten Sondierstäbe liessen sich mit übermässiger Kraft einbohren, aber dann mussten drei Mann eingespannt werden, um sie wieder herauszuziehen. Wir besessen eine zusammenlegbare, vernickelte, moderne Sondierstange, ein aalglattes Instrument, das einzige brauchbare Werkzeug, das in den Lawinenleib eindrang wie in einen riesigen Butterballen der Vorkriegszeit.

Der « Verunglückte » wurde gefunden. Das Ausgraben mit einigen Gletscherpickeln und zwei Schaufeln kostete manchen Schweisstropfen. Die dienenden Geister waren eingeteilt in Schichten, die in fleissigem Wechsel fieberhaft arbeiteten, und doch dauerte es geraume Zeit, bis ein anderthalb Meter tiefes Loch ausgehoben war. Mitten in dieser Tätigkeit ertönte der gellende Schrei: Avalanche... avalanche 1... Wie auf einen Schlag ergriff die ganze Gesellschaft die Flucht, alles liegen lassend. Die einen rannten über die harte Lawine hinab an den Rand der Moräne und von dort den steilen Hang hinauf, bis sie atemlos zusammenbrachen. Die andern hasteten in aller Angst hinaus in den weichen Schnee, sanken tief ein, über-kugelten, blieben hilflos liegen, als ob sie durch eine höhere Macht gebannt, gefesselt wären. Die Lawine kam natürlich nicht. Der Scherz endete in einem schallenden Gelächter — und einer nützlichen Lehre.

An der warmen Nachmittagssonne wanden wir uns durch den Gletscherbruch unter der Tschiervahütte, stiegen in schneegefüllte Spalten hinab, kletterten auf der entgegengesetzten Seite wieder hinauf, verschwanden in Schrunden und Mulden, um ganz unerwartet irgendwo wieder aufzutauchen. Wir schlugen Eishaken, um uns an glatten Eisflanken hinunterzuseilen, es war ein spannendes Suchen nach einem Ausweg. Frühzeitig meldeten wir uns im Hotel zurück und erlebten nochmals einen jener schönen Abende, die ausgefüllt waren mit Vorträgen, Musik und Gesang, mit Spielen und gemütlichen Plaudereien. Wir alle, die britischen Gäste, die Führer, die Wirtsleute bildeten eine geschlossene, grosse Familie, in der während der vierzehn Tage kein Widerwort zu hören war.

Am 31. März begrüsste uns die strahlende Morgensonne zur letzten gemeinsamen Fahrt. Unser Ziel, die schöne weisse Muongia 3419 m, lag weit hinten im Tal zwischen Glüschaint und Chapütschin. Wir schritten nochmals rüstig über den « See », ergötzten uns am anmutigen Spiel gewandter Gemsen, eilten an der Coazhütte vorbei und glitten über den glitzernden Kristallschnee der endlosen Ebene am Fusse unseres Berges. Wir steuerten in schnurgerader Spur auf diesen zu. Zwischen Gletscherboden und Gipfel türmten sich gewaltige Firnbrüche, durch die ein Weg gefunden werden musste. Ich spähte lange nach der Muongia, studierte all die zerrissenen Abstürze, Wirrnisse von Schrunden, Terrassen und Firnbänder, dann die steile Gipfelflanke, ich rechnete und rechnete, bis der Durchgang zum Ziel klar vor meinen Augen stand. Den britischen Turenteilnehmern war dieselbe Aufgabe gestellt. Die Lösungen gingen stark auseinander. Freilich führen viele Wege nach Rom, unzählige aber daran vorbei, und hier gab es wohl nur einen, der mit Zuversicht betreten werden konnte. Die Pfadfinderarbeit in den Bergen erfordert einen gut geschulten, scharfen Blick.

Der erste Anstieg brachte uns in die Nähe der Chapütschinflühe. Hier wurden wir in ausgeglichener Steigung weit nach links gewiesen zu einer breiten Steilrinne, wo wir uns zur ersten Firnstufe emporarbeiteten. Ein langer, horizontaler Rechtsgang führte an haushohen Türmen vorbei und durch riesenhafte Schrunde aus dem ärgsten Spaltengewirr auf eine unregelmässige Terrasse, die sich hinaufzieht an den Ausgang des von der Fuorcla dal Chapütschin herunterkommenden Firntales. Wir spurten in diesem in vielen Windungen aufwärts, bis sich eine Gelegenheit zeigte, nach links in die Nordflanke der Muongia einzubringen. Der erste, etwas unheimliche Steilhang wurde hoch oben am Rande wahllos verlaufender Spalten unter nackten Eisbuckeln gequert. Dann nahm das Gefälle ab. Wir liessen uns zur ersten langen Rast nieder. Ich hatte durch ein leicht übersetztes Tempo die Kolonne absichtlich auseinandergerissen, aber es dauerte gar nicht lange, bis auch die Nachhut wieder zur Hauptmacht stiess.

Über windgepeitschten Neuschnee wurde das ebene Gipfelfeld erreicht. Der ganze Aufstieg hatte sechs Stunden beansprucht. Wir schauten hinab in die Täler, ins Fex, ins Roseg, nach Pontresina hinaus und nach all den verschneiten Bergen ringsum, mit denen wir in den beiden Wochen vertraut geworden.

Ein kalter Wind liess uns keine Ruhe und trieb uns böswillig zum Rückzug. Wir fuhren behutsam den Hartschnee hinab zur Fuorcla Glüschaint und dann auf ratternden Ski nach links um die Muongia herum in die Aufstiegsspur am grossen Steilhang. Die spannende Abfahrt war keineswegs leicht und erheischte viel Vorsicht, bis wir tief unten auf dem Gletscher eintrafen. Bald warfen die Berge ihre ersten Schatten auf unsere Spuren. Wir näherten uns dem Hotel, um hier zum letztenmal zu nächtigen.

Am Tage darauf führte Peter Godii aus Sils den Kurs über die Fuorcla Surlej nach Silvaplana, und ich kehrte heim ins Berner Oberland nach meinem lieben Wengen. So gingen zwei schöne Wochen zu Ende.

Die Alpen — 1939 — Les Alpes.37

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