Sonntagmorgen auf dem Breithorn

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Mit 1 Bild ( 107Von Hans Schmid

( Uster ) Es ist ein eigenartiges Tun, das Bergsteigen. Verschiedenartige Gründe mögen je weilen die Menschen bewegen, die Berge aufzusuchen. Sei es das Bedürfnis etwas zu erleben, etwas Grosses zu leisten —, die Freude an der Leistung oder aber der stille, eher bedächtige Aufstieg in diese grosse Welt. Freud und Leid werden hinaufgetragen. Glück und Schmerz dem tiefen Schweigen des Berges anvertraut —, der stetige Drang innerster Erregung.

Knarrend springt die Hüttentüre des Rifugio Theodulo auf. Zwei junge Bergsteiger treten in die klare Sternennacht hinaus. Die Uhren zeigen 01.30. Die Nacht ist dunkel. Zwischen den unzähligen Sternen steht die Mondsichel. Ein fahler Silberstreifen liegt auf den weiten Firnfeldern des Breithorns, sonst dringt aber kein Licht in die grosse Bergwelt. Alles schläft 1 In diesem Schlafe legen die Berge ihre Wucht und ihre mächtige Grosse willig ab; nur milde, schwarze und weisse Linien und Flächen wechseln in der dunklen Bergnacht. Das Wilde, die merkwürdige Eigenart der Berge, verflattert, fliesst in sich zusammen und offenbart sich wieder in ruhiger Gleichheit. Nirgends finden sich Grenzen zwischen Himmel und Erde, überall geht es weiter. In diesem unbegrenzten Weitergehen liegt eines der grossen Geheim- nisse einer solchen Bergnacht. Vielleicht ahnen diese beiden Menschen etwas davon? Die Lampe zündet auf den verschneiten, gefrorenen Gletscherweg. Ein kalter Wind fegt über die breiten Schneefelder und möchte die Ruhe der beiden Bergsteigerherzen stören. Doch nichts bringt sie von ihrem Ziele ab. Wortlos steigen sie höher. Spalten werden gequert, und schon klettern sie den steilen Firnhang der höchsten Kuppe des Berges hinauf. 03.45 Uhr, die glücklichen Kameraden reichen sich die Hände zum Gipfelgruss. Im Osten liegt ein heller Lichtstreifen am Horizont und wirkt wie ein gütiges Leuchten in die finsteren Räume der noch herrschenden Nacht.

Sonntag ist es. Nicht irgendein Sonntag, nein, 1. August ist esDer bissige Wind und die eisige Kälte der Bergnacht auf diesem hohen Gipfelpunkte lässt die beiden nicht allzulange in ihrer stillen Andacht verharren. Frierend trampeln sie umher, turnen, schlagen die Schuhe zusammen und schauen immer und immer wieder nach Osten. Dort wird es langsam, langsam heller, bald gelb, dann rötlich und kurz darauf rot. Schwarze Schatten lösen sich vom Horizont, und eine unregelmässige Zickzacklinie steckt dem tiefen Schwarz die gewollte Grenze. Allmählich verblassen die vielen Sterne, die dünne Mondsichel verliert den gespensterhaften Silberschein. Zögernd erwacht der neue Tag. Schüchtern bewegen sich die goldenen Lichtflächen des Ostens weiter. Es scheint, als ob sich Licht an Licht, Farbe an Farbe reihe und drängen würde zu wandern, zu wandern den grossen Weg, der dunklen Welt Helle zu bringen. Nach Norden, nach Süden fliessen die vielen, vielen Lichter, laufen weiter nach Westen, wo sich der unermessliche Licht- und Farbenkreis schliesst. Unfassbar die reiche Farbenfülle in diesem Lichtwege: die grosse Wucht im Osten, die feierliche Zartheit im Westen. Immer feuriger wird die östliche Himmelsfläche. Der fahle Dunst über der Bergwelt löst langsam seinen Bann. Berge erwachen, Formen entstehen, ergänzen sich zu zahlreichen Berggruppen. Und plötzlich ist es Tag! Unzählige Gipfel, Spitzen, Türme und Gräte schiessen aus einer breiten Fläche zum jungen Morgenhimmel auf. Fels- und Eismassen tun sich zusammen, heben sich und streben aufwärts, nur Höhe und Licht ist ihr Sehnen. Erfüllt sich diese letzte und ewige Sehnsucht nicht gerade an diesen Bergen? Das Matterhorn in könig-lichster Grosse, das Weisshorn in einziger Bauart, das grandiose Massiv des Monte Rosa mit den breiten Gletscherstürzen und die vielen andern in der Runde, erzählen sie nicht von höchster Höhe?

Noch sind keine andern Partien zum Gipfel unterwegs, auf dem die frühen Bergsteiger nun schon mehr als eine Stunde auf die Sonne warten. Doch jetzt wird die feurige Himmelshälfte lebendig. Rasch entstehen neue Farben, glühende, übergrelle. Dunkelrote Strahlen wie feine Fäden brechen aus dem riesigen Feuermeer. Die lange zurückgehaltene Lichtfülle des Ostens löst sich schnell auf und will sich über die ganze Erdoberfläche ausgiessen. Die aufstehende Sonne zwängt sich zwischen hohen Gipfelzinnen durch. Schon ist die glühende Scheibe vollkommen Unermessliche Strahlenbündel stürmen vorwärts, werden von den hohen Spitzen aufgehalten. Doch das stört ihr kühnes Vorwärtsstürmen nicht. Unheimlich schnell gleiten sie über Gipfel und Gräte, immer weiter, unaufhaltsam weiter, bis sie sich an der Peripherie des weiten Erdenkörpers verlieren. Überall erglühen neue Berghäupter. Freundlich lächeln sie die beiden Menschen an, und gar manche Erinnerung leuchtet in rosiger Farbe vor ihren Augen auf. Die Schatten in den Niederungen erzittern, und viele Täler lichten sich. Wie gebannt schauen die zwei Kameraden diesem Wandel zu. Sie denken nicht mehr an die kalten Füsse und Finger, nein, der erwachende Tag will ihr ganzes Schauen und Denken.

Jetzt steht die Sonne schon hoch am tiefblauen Himmel, und bis ins hinterste Ecklein strahlt sie ihre göttliche Wärme. Längst sind die beiden auf dem Abstieg, ihre Herzen sind voll. Voll von Licht und viel, viel Sonnenschein. Eine lange gehegte Sehnsucht erfüllte sich an zwei Menschen. Es war vielleicht das Erleben, wie es Nietzsche im Wanderer sagte: « Man erlebt endlich nur noch sich selber.»Mächtig über dem Talschluss, hinter andern Bergen versteckt, wuchtet das Breithorn zum gewitterschweren Abendhimmel empor. Kein Stern glänzt auf sein weisses Haupt hernieder. Ringsherum liegt pechschwarze Nacht. Nebel geisten an grauschwarzen Felswänden vorbei und decken alles zu. Nur die Wasser singen noch im Schlafe von der reichen Fülle des eingenickten Tages.

Die zwei Bergkameraden geben sich die Hände zum Abschied. Keiner kennt vom andern mehr als Adresse und Beruf, und doch will es scheinen, als wüssten sie mehr voneinander. Die merkwürdige Begegnung in Zermatt, der Weg zur Hütte, der stille Aufstieg zum Gipfel, die gemeinsame Gipfelfreude und die frohe Heimkehr öffneten ihre Herzen. Ungesagtes wurde offenbar!

So schliesst sich der Kreis um einen grossen Tag, vielleicht sogar um zwei Menschen. Nicht die alpine Tat liegt darin, nein, vielmehr die Stille, welche sich in die Herzen schlich im beglückenden Erlebnis. Und noch zittert die Erregung weiter.

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