Steiles Eis für Anfänger

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Veronika Meyer, Uettligen

1 Dieser erste Steileis-Kletterkurs des SAC fand am 28./29. Januar 1984 statt. Leiter: Michael Boos, St. Gallen. Klassenlehrer ( Bergführer ): Pankraz Hauser, Mollis; Norbert Joos, Chur; Jürg von Känel, Reichenbach; Franz Zürcher, Einsiedeln.

Im Jetzloch -ein erster Blick auf mögliche < Übungsprojekte> Wohlig räkle ich mich im Bett. Ein sanftes Reissen in den Waden, ein leises Ziehen in Armen und Schultern und, als ganz neue Erfahrung, Muskelkater in den Fingern. Ich habe mich wohl zu sehr an dem festgehalten, was Halt zu bieten schien. Nun kenne ich einige, die sich jetzt, Montag morgens früh, gewiss ebenso wohlig räkeln und denselben Traum träumen: Ein Pickel dringt mit gezieltem Schlag vibrierend ins Eis, doch mit dem Hammer will dies nicht gelingen. Eis splittert ab, Müdigkeit in den Beinen, schiere Verzweiflung in den Armen... graues Eis, zu Bäuchen und Wülsten geformt... blaue, spröde Eiszapfen mit eingeschlossenen Luftblasen...

Man nehme: Steigeisen mit scharfen Frontzacken, zwei ebenso scharfe Eisgeräte, von Kennern liebevoll ( Instrumente ) genannt, einen wasserdichten Sturmanzug, Handschuhe und Heim, Klettergürtel und diverse Schlingen, Kondition und Kraft sowie die beim Bergsteigen unerlässliche richtige Mischung aus Vorsicht und Mut. Fürs erste stünde somit der Eiskletterer mit allem Nötigen versehen vor uns. Später wird er noch Eisschrauben, Karabiner und ein Seil benötigen. Doch vorerst ist er etwas ratlos: Wohl hat er schon Bilder von Menschen gesehen, die sich an gefrorenen Wasserfällen tummeln, aber wie macht man das genau? Da fällt sein Blick im auf die Ankündigung eines CC-Kurses für Wasserfallklettern \ und flugs meldet er sich an, trotz Angst vor dem eigenen Mut.

Das Klima hält sich in diesem Winter nicht an die Spielregeln. In Göschenen, dem Eis-kletter-Dorado der Schweiz, präsentieren sich die Felsplatten nackt. So müssen Kursleiter und Führer ausschwärmen, um irgendwo kletterbares Eis zu finden, das zudem nicht durch Lawinen gefährdet ist. Glücklicherweise wird einer von ihnen doch noch fündig. Am Freitag abend erfahren die Novizen, dass sie sich am nächsten Morgen in Schwanden bei Glarus einfinden sollen. Vermutlich haben danach alle von uns ihren Rucksack mit ebensoviel Nachdenklichkeit wie Neugierde gepackt.

Eine nächtliche Fahrt in einem mit Menschen, Rucksäcken und Pickeln vollgestopften Auto, Morgengrauen im Züribiet... Als Überraschung dürfen wir vier Berner die herzliche Gastfreundschaft von Familie H. ( Näheres sei hier nicht verraten, doch unser Dank verewigt ) mit zweitem Frühstück geniessen. Und da liegen auch schon die urtümlichen, riesenhaften Berge des Glarnerlandes vor uns. In Schwanden heisst es gleich weiterfahren ins Hinterland von Elm. Unsere noch unkritischen Augen entdecken denn auf der gegenüberliegenden Talseite auch prompt ein ( niedliches Wasserfällchen ), und ein mulmiges Gefühl lässt sich mit bestem Willen nicht mehr unterdrücken. Michael, der engagierte Kursleiter, begrüsst uns zu diesem vom CC erstmals und versuchsweise durchgeführten Steileis-Klet-terkurs. Sogleich beglückt er uns mit einem Referat, das auch dem verträumtesten Teilnehmer, welcher vielleicht noch nie die oben erwähnten Bilder studiert hat, klarmacht, was uns erwartet. Beispielsweise muss man, um an Wasserfällen klettern zu können, mit Reepschnüren geeigneter Länge die Instrumente mit dem Klettergürtel verbinden. Zur Entlastung der Arme und um Eisschrauben setzen zu können, ist es dadurch möglich und notwendig, sich mit dem ganzen Körpergewicht an die Werkzeuge zu hängen. Ebenso sind Handschlaufen unerlässlich, um während des Kletterns die haltende Hand entlasten zu können. Wie man sieht, benötigt der Steileiskletterer einerseits volles Vertrauen in seine Geräte, was andererseits bedingt, dass er ihre Haltekraft im Eis beziehungsweise die ganze komplexe ( Qualität ) des Eises beurteilen kann. Ob wir das alles in den vor uns liegenden anderthalb Tagen lernen werden?

Nach Ausrüstungskontrolle und Mittagessen geht 's endlich los. Das mulmige Gefühl ist brennendem Tatendrang gewichen. Von der letzten Parkmöglichkeit aus machen wir uns mit den Skiern auf ins Eiszapfenparadies. Wir folgen dem Jetzbach und gelangen so ins Tal, welches zum Panixerpass führt. In einer guten halben Stunde erreichen wir das Jetzloch, einen von Felsabstürzen umgebenen Talboden. An zahlreichen Stellen sind die Felsen von gefrorenen Wasserfällen überzogen. Die fünf Gruppen, jede aus einem Führer und drei oder vier Teilnehmern bestehend, verteilen sich auf die verschiedenen Übungsobjekte. Die blauen Eiszapfengebilde machen einen massiven Eindruck, sind aber leider etwas spröde. Wir lernen, die Stabilität eines Wasserfalls optisch einzuschätzen: logischerweise darf er nicht hängen, sondern muss mit seinem Fundament gut verbunden sein. Wir üben uns im Setzen von Eisschrauben ( Hohlschrauben oder Snargs ), wobei der optimale Winkel zur Eisfläche 100 Grad beträgt, und im Einrichten von Standplätzen. Das Gehen im steilen Eis, ohne Geräte zu verwenden, fördert die Fusstechnik und den Gleichgewichtssinn. Und schliesslich mit gezückten Instrumenten ins Vertikale vorgestossen! Doch die Sache will geübt sein: rohe Kraft und blindes Dreinschlagen bringen nicht viel, nur wohlgezielte und dosierte Hiebe erlauben ein sicheres und kraftsparendes Steigen. Man vergesse auch nicht, nur an gestreckten Armen zu hängen und die Handschlaufen so oft wie möglich auszunützen. Es ist ziemlich viel des Ungewohnten! Etwas kläglich kratzen wir am Eis, und wenn das Werkzeug schon mal hält, bringen wir es kaum mehr heraus. Müde wird man auch bei diesem Sport. Nebel legt sich ins Tal, und während der Abfahrt auf windgepresstem Schnee nagen Zweifel am alpinistischen Selbstbewusstsein.

Unser Programm enthält nicht nur sportliche, sondern auch kulinarische Höhepunkte. Weil der Kursort kurzfristig bestimmt werden musste, war es unmöglich gewesen, für eine so grosse Gruppe anderswo Unterkunft zu finden als im renommierten in Glarus. Statt des erwarteten phantasielosen Ein-heitsmenüs werden uns hier ausschliesslich leckere Glarner Spezialitäten aufgetischt. Die Vielfalt unseres Landes spiegelt sich eben auch in der lokalen Küche wieder, in diesem Fall in und im ( Glarner Landsgemeindemenü ). Nach dem Essen dürfen wir sogar das Thema des Referats wählen, das uns Michael halten will. Wir erfahren dann einige neue Erkenntnisse zur Ersten Hilfe im Gebirge, die wir wohl nicht mehr vergessen werden. Einige Dias, welche die Schönheiten des extremen Eises zeigen, beschliessen den Abend.

Beim Frühstück darf natürlich der Schabzieger nicht fehlen. Aber trotz allen Köstlichkeiten der Tafel will die Spannung nicht weichen. Heute wird es sich weisen, ob wir künftig neben dem Granit und Kalk, den Gletschern, Graten und Gipfeln auch noch den Wasserfällen magisch verfallen sein werden. Noch vor Tagesanbruch fahren wir bereits wieder in die Höhe. Im schattigen und zu dieser Jahreszeit abgeschiedenen Jetzloch angekommen, können wir auf der gegenüberliegenden Talseite Eisfallklettern im Jetzloch einige Bergsteiger beobachten, die im vollen Sonnenglanz an den Hängen des Kärpf aufsteigen. Während den zeitraubenden Vorbereitungen werden wir von einzelnen Windstössen mit Schnee bestäubt. Doch was ein rechter Eiskletterer werden will, schielt nicht nach der Sonne und kümmert sich nicht um den Wind. Endlich beissen die Instrumente wieder ins Eis, und weil die Führer einige Schrauben setzen, können wir uns gegenseitig an der Umlenkung sichern. So ist es uns möglich, gefahrlos die Grenzen des Könnens zu erkunden. Diese liegen zwar recht tief; erschwerend kommt dazu, dass die senkrechten Gebilde ziemlich brüchig sind und unter unseren oft mehr verzweifelten als meisterhaften Hieben zusehends an Substanz verlieren. Eisschollen sausen in die Tiefe, und es ist alles andere als ein Luxus, einen Heim zu tragen. Eigenartigerweise weckt die widerspenstige Materie eher unseren Ehrgeiz statt dass uns der Sport verleiden würde. Die Zweifel von gestern sind vergessen. Nur die aufkommende Müdigkeit kann unseren Tatendrang bremsen und zwingt zur Pause. Doch anstatt ausgiebig zu essen, begutachten und photographieren wir die Akrobatik der Kollegen. Es ist beruhigend zu sehen, dass auch sie mit der Tücke des Objekts kämpfen müssen: die Instrumente finden entweder keinen Halt oder lassen sich im Gegenteil kaum mehr entfernen, die Schraube stösst bereits nach wenigen Umdrehungen auf Fels oder baumelt hämisch in einem Hohlraum. Allen Widrigkeiten zum Trotz sind aber unsere Fortschritte unverkennbar. Jeder spürt nun beim Einschlagen des Pickels, ob er halten wird oder nicht. Der erste Fall löst ein beruhigendes Glücksgefühl aus, der zweite gesteigerte Aufmerksamkeit bei gleichzeitigem Vergessen, dass der andere Arm müde werden will.

Wer Lust hat, ergreift die Gelegenheit, eine ganze Seillänge zu führen. Es muss ja nicht gleich im Senkrechten sein. Am Ausstieg erfüllt uns die Gewissheit, nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit jeder Faser unseres Körpers sehr viel gelernt zu haben. Der grosse Aufwand von Leiter und Führern war nicht umsonst: unsere Sehnsucht ist geweckt, und wir werden unsere eigenen Ziele suchen.

Als ich einige Wochen später auf dem Gebiet der Gemeinde Bern tatsächlich einen ausgewachsenen Eisfall entdeckte, fielen mir beinahe die Augen aus dem Kopf. Die skeptische Prüfung am nächsten Sonntag ergab, dass er sich in einem hervorragenden Zustand befand, so dass er sogleich meine Pickelschläge und das Kratzen der Steigeisen über sich ergehen lassen musste. Und weil der Winter lang war, bot sich im März die Gelegenheit, einige Eisfälle im Berner Oberland kennenzulernen. Um einige kostbare Erfahrungen reicher, warte nicht nur ich ungeduldig auf den nächsten Winter. Danke - Michael, Pankraz, Jürg, Franz und Norbert!

Literatur ( u.a. ):

Jeff Lowe, The Ice Experience ), Contemporary Books Inc.

Chicago, ISBN 0-8092-7511-2 ( Standardwerk ). Erich Lackner, ( Alpinismus ) 1/1981, S. 10. Michael Hoffmann, 2/1984, S.26. Pit Schubert, ( Mountain ) 94, S.46 ( Eisschrauben-Test, Standplatz ).

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