Teufelsgrat

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JVon Josef Nadai

Mit 2 Bildern ( 100, 101Zürich ) Die Erinnerungen, die einen so wichtigen Platz in der Seele des Bergsteigers einnehmen, haben die Neigung, ausgestandene Strapazen zu mildern, überstandene Gefahren harmloser zu machen und bangen Augenblicken im Fels nachträglich einen heroischen Schimmer zu verleihen, der ihnen im Augenblick des Erlebens durchaus abging. Auf unseren Touren — auch den schönsten — sind wir von Hunger, Müdigkeit und der Wirkung der Erdanziehungskraft geplagte Menschen, während in unseren Erinnerungen starke, götterähnliche Wesen in beschwingtem Fluge steile Wände bezwingen, spielend über Grate turnen, scherzend und schmausend köstliche Gipfelstunden geniessen.

Nur selten ereignet sich das Gegenteil, zeigt uns die Erinnerung eine Tour schwerer, als wir sie an Ort und Stelle empfanden, erscheint uns ein Berg nach- Die Alpen - 1951 - tes Alpes18 träglich grösser und imposanter, als wir ihn erlebten. Das wird vor allem bei berühmten Fahrten eintreffen können, bei Namen von Gewicht und Klang. Was könnte unheimlicher wirken als die Verbindung eines Bergnamens mit dem des Teufels. « Teufelsgrat » — ein grosser Name, ein grosser Grat!

Was hatten wir nicht alles über ihn gehört und gelesen! Seine unermessliche Länge, sein schlechtes Gestein, ungezählte Türme, wilde Aufschwünge, vereiste Kamine — teuflisch! Und erst die Beschreibung im Führer!

Eines Abends im vergangenen Sommer, nach unserer Rückkehr vom Obergabelhorn, liest Ernst Schulthess mir und John Rockett in der überfüllten Rothornhütte aus dem Walliserführer die Routenbeschreibung vor: «... une vingtaine de grands et petits gendarmes... travail fatigant et très long... méchante tour... fissure pleine de glace et haute de 30 m... » Und das soll einer führen! Einen leisen Druck in der Magengegend versuche ich durch ermunternde Meditationen zu bekämpfen. « Der Rothorngrat, gestern, der ist doch trotz teilweiser Vereisung und heftigstem Wind ganz gut gegangen und das Obergabelhorn über die Wellenkuppe und zurück, heute, zwar etwas langsam, wegen des faulen Schnees, aber dennoch ganz leidlich! » Doch die Magie des grossen Namens ist mächtiger, und Zweifel nagen am Selbstvertrauen. Teufelsgrat — ein grosser Grat!

Einziger Lichtblick im Aufruhr des Gemütes ist augenblicklich das trübe Wetter. Jetzt prasselt gerade ein Schauer auf das Hüttendach nieder, und die Wolken ziehen tief über die Grate. Unfromme Hoffnungen auf eine vierzehntägige Schlechtwetterperiode erleichtern mir einigermassen den Übergang in einen unruhigen Schlaf.

Doch das Schicksal ist unerbittlich, und so verlassen wir drei Tage später nachts um 1 Uhr 30 die Täschhütte, um bei hellem Mondschein über einen gut ausgebauten Fussweg die Seitenmoräne des Weingartengletschers zu erreichen. Ernsts Ortskenntnis, von einem missglückten früheren Versuch herrührend, erleichtert uns die nächtliche Querung des Gletschers. In den Schutthalden über seinem westlichen Ufer machen wir vor Tagesgrauen einen kurzen Halt, um bessere Sicht für den Aufstieg zur Grathöhe abzuwarten. Sobald unsere Umgebung im fahlen Morgenlicht Umriss und Gestalt annimmt, machen wir uns, zunächst noch unangeseilt, auf den Weiterweg.

Die Bergflanke ist brüchig und sehr unübersichtlich. Hier haben sich, das wissen wir, schon viele Partien verstiegen und dabei wertvolle Zeit verloren. Doch Ernst weist uns mit Sicherheit den verzwickten Weg bis zu einem schuttgefüllten Kamin, der den einzigen Weiterweg aus einer plattigen Mulde bildet. Mit einer stummen Gebärde bedeutet er mir, von hier an vorauszugehen. Wir seilen uns an.

Der Kamin ist nicht schwer, aber ein « Geschirrladen » sondergleichen. Zudem sind unsere Glieder noch etwas ungelenk. Im steten Wechsel von Steilstufen und Schuttbändern arbeiten wir uns wortlos höher. Vereinzelt tritt etwas Wassereis auf, hemmt unser Fortkommen aber nicht wesentlich. Die graue, stumme Einöde hat im blassen Morgenlicht etwas Bedrückendes und lastet auf dem Gemüt. Wir gewinnen unentwegt an Höhe und erreichen nach einer problemlosen Kletterei um etwa 6 Uhr die Grathöhe am Fusse eines Gendarmen. Südlich unter uns befindet sich die Kienlücke und jenseits das Kienhorn.

Unser Blick wendet sich grataufwärts. Langdas ist der einzige hervorstehende Eindruck. Von Schwierigkeiten ist vorderhand nichts zu sehen. Unser bisheriges Vorrücken gestaltete sich rasch und mühelos, und es ist nicht einzusehen, weshalb das nicht auch weiter so bleiben sollte. Die Bergsteigersprache kennt einen sehr treffenden Ausdruck für die Mischung von seelischer und körperlicher Bereitschaft, die uns jetzt allem Weiteren mit grösster Zuversicht entgegensehen lässt. « Auftrieb » heisst das Wort. Auftrieb ist es, was wir heute alle drei verspüren.

Der erste Gratdrittel liegt, indem wir durchwegs gleichzeitig gehen, überraschend schnell hinter uns. Er bot keinerlei nennenswerte Schwierigkeiten.

Von Zeit zu Zeit machen wir anhand eines Zettels, auf dem wir in der Täschhütte aus einem entliehenen Führer ( unser eigener schlummert sanft in einem Koffer in Zermatt ) das Wichtigste über die Route notiert haben, « Inventar ». Daraus ersehen wir, dass wir schon etliches an Gendarmen und Aufschwüngen hinter uns haben und dass wir uns nun « derberen » Genüssen nähern. Ein grosser Aufschwung, der nicht direkt bewältigt werden kann, drängt uns auf ein Schuttband in der Südflanke. Der Wiederaufstieg zum Grat ist enorm brüchig und recht steil, aber im ganzen eher unschwer. Der Spickzettel verrät, dass dies eines der Prunkstücke des Grates war. Leise Enttäuschung bemächtigt sich unser. Zwar müssen wir zugeben, dass das Vorrücken trotz alledem, wegen der Brüchigkeit des Gesteins, kein Schleck ist. Aber vom Teufel — keine Spur. Oder doch » An einem kleinen Aufschwung befinde ich mich gerade in der Fallirne über meinen Gefährten, als mir ein beträchtlicher Felsbrocken, den ich als Griff zu benützen gedachte, im Bruchteile eines Augenblickes unter der Hand ausbricht und absaust, bevor ich auch nur einen Laut der Warnung hätte von mir geben können. Der Brocken zerschlägt sich glücklicherweise weiter unten, an einem kleinen Felsabsatz, aber seine Teile stürzen weiter ab. Das grösste Reststück trifft Ernst, der soeben seinen Kopf etwas eingezogen hat, an der Schulter, fällt weiter und landet in den Seilschlingen, die John in der Hand hält. Freundlich grinsend betrachtet er den Fang und sagt dann gönnerhaft: « Well, well, what a nice fish! » Mir ist nicht sonderlich ums Lachen zu Mute. Die Sache hätte auch bedeutend weniger harmlos enden können. Das war wohl die Visitenkarte des Hausherrn? Mir gefiel sie nicht, und ich nehme mir vor, von nun an noch vorsichtiger zu sein.

Um 9 Uhr, drei Stunden nach Betreten des Grates, liegt der Weg zum Gipfel bereits zur Hälfte hinter uns. Wir lassen uns zu einer kurzen Rast nieder und besprechen unsere Eindrücke. Unser rasches Vorgehen ist uns selbst fast unbegreiflich. Wir suchen nach Erklärungen und finden sie in unserer guten Form und in der Ausaperung des Grates. Wir wissen, dass andere Partien mit Schnee und Eis zu kämpfen hatten, während uns das bis jetzt erspart geblieben ist. Was die vielen im Führer versprochenen Gendarmen, die wir nirgends sahen, anbetrifft, so scheinen da Fragen der alpinen Terminologie mit im Spiele zu sein. Das meiste, was wir bis jetzt antrafen, waren keine « echten » Gendarmen. Eine Graterhebung, die diesen Namen verdient, muss in Richtung des Gratverlaufes beidseitig abfallen. Eine Erhebung, die in ein flaches Gratstück übergeht, ist nach unserer Auffassung ein Aufschwung. Aufschwünge sind das Charakteristikum des Teufelsgrates. Er besitzt auch echte Gendarmen, aber nur wenige.

Wir machen uns auf den Weiterweg, der noch allerhand verspricht, unter anderen die als schwerste beschriebene Stelle des Grates, einen grossen Aufschwung, der umgangen werden muss. Vorderhand verfolgen wir eine der genussreichsten Gratpartien. Die Felsschneide ist hier sehr schmal und nur wenig steigend. Mit einiger Vorsicht lässt sich ganz gut aufrecht darüber spazieren. Dies gibt uns Gelegenheit, auch unserer Umgebung wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Nach links ( W ) fällt die Gratflanke ziemlich steil und mit gleichmässiger Neigung zum Kiengletscher ab. Besonders imposant ist aber der Blick nach rechts, gegen den Weingartengletscher. Dort ist nichts als Luft und bodenlose Tiefe. 600-700 m hohe graue Wände, die stark an die Dolomiten erinnern, fallen nahezu senkrecht zum Gletscher ab.

Unser Blick sucht die Südwand des Berges, deren erste Begehung G. W. Young so unvergesslich geschildert hat. « Does not look very amusing », meint John lakonisch, und das entspricht auch etwa unserer Auffassung.

Das Wetter hat sich bis jetzt gut gehalten, scheint aber im Begriffe zu sein, ungünstigen Einflüssen zu erliegen. Im Westen erscheinen Wolkenbänke, und der Gipfel des Weisshorns ist bereits unsichtbar. All dies beobachten und erfassen wir mehr nebenbei, während unser Hauptaugenmerk darauf gerichtet ist, den Körper im Gleichgewicht über der schmalen, brüchigen Gratkante zu halten.

Eine steile Gratpartie, auf die wir nun zustreben, wird von mir lange Zeit in ihrer Gesamtheit als der verheissene Aufschwung angesehen, bis es sich aus nächster Nähe zeigt, dass nur die obersten 50 m dazu zu zählen sind. Das andere ist Vorbau, den wir rasch hinter uns haben. Der Aufschwung selbst ist tatsächlich sehr steil, scheint aber keineswegs unmöglich und wäre mit Hilfe einiger Haken sicherlich direkt zu ersteigen. Zu solchen Manövern fehlt die Zeit, und so umgehen wir ihn « vorschriftsmässig » auf Bändern in der Nordflanke. Die im Führer erwähnte Exposition empfinde ich an sich nicht als ausserordentlich. Sie dürfte sich allerdings bei Vereisung der Stelle sicher mehr bemerkbar machen. Jetzt aber sind die Bänder, von einigen Schneeflecken abgesehen, aper. Nach wenigen Seillängen zeigt sich rechterhand ein schmaler, schätzungsweise 25 m hoher Kamin, der uns zur Grathöhe zurückführen soll. Er ist etwas verschneit, kann aber durch weites Spreizen an den Rändern ohne grössere Schwierigkeiten überwunden werden. Die Kameraden folgen rasch nach, und in etwa 15 Minuten ist der « böse » Aufschwung unser.

Bald sind wir bei der letzten interessanten Stelle angelangt. Der nahezu horizontale Grat wird hier plötzlich von einer ca. 10 m tiefen, steilen Scharte unterbrochen. Ihre uns näherliegende Wand scheint gut gegliedert, und meine Seilgefährten erreichen ohne Schwierigkeiten den Schartengrund. Wie ich mich anschicke, ihnen zu folgen, mache ich die Entdeckung, dass diese Stelle von oben harmloser aussieht, als sie in Wirklichkeit ist. Der Abstieg erfolgt nämlich in der Ostflanke des Aufschwunges, am obersten Rande jenes Steilabsturzes zum Weingartengletscher. Während ich mich bemühe, die vorhandenen guten Tritte und Griffe zu finden, werfe ich ab und zu einen Blick in die nahezu tausend Meter unter mir blinkenden Spalten des Gletschers. Gerne fasse ich in der Scharte Fuss.

Ein letzter, leichter Aufschwung folgt, und alsbald taucht der Felsgrat unter die Firndecke der obersten Begrenzungszone des Kiengletschers. Der eigentliche Teufelsgrat liegt damit hinter uns. Auch unser abgeschriebener Wegweiser endet hier. Der Weiterweg zum Gipfel sollte unschwer zu finden sein. Mit angeschnallten Steigeisen ziehen wir mehr oder weniger der Nase nach los. Das Wetter hat sich stark verschlechtert. Die Wolken hängen bis zu unserer Höhe herab und verhüllen zeitweise den Gipfel des Täschhorns und des benachbarten Doms.

So einfach, wie wir uns das vorstellten, sollen wir aber den Gipfel nicht kriegen. Wir sind, etwas geistesabwesend, schon ziemlich weit in einem unangenehm steilen Schneehang drin, wo unsere Steigeisen in der dünnen Schneekruste kaum mehr greifen, als uns starke Zweifel über die Zweckmässigkeit unserer Route befallen. Zwar führen von hier aus alle Wege « nach Rom », aber dies verspricht einer der mühseligsten zu werden. So kehren wir um und gehen ein Stück weit in unseren Spuren zurück. Ernst übernimmt die Führung und lotst uns nach einem ausgiebigen Schneebad in einem « Wühlkamin » auf die Grathöhe. Hier tritt wieder der Fels zutage, und wir wechseln in der Führung. Nach wenigen Seillängen stehen wir mittags 1 Uhr, elfeinhalb Stunden nach Verlassen der Hütte, auf dem Gipfel des Täschhorns. Mit dem bisherigen Verlauf der Tour dürfen wir zufrieden sein — und sind es auch.

Wie zur Belohnung bessert sich das Wetter ein bisschen. Der Wind lässt nach, die Wolken lichten sich etwas und lassen sogar hin und wieder einen Sonnenstrahl durch. Wir gönnen uns eine ausgiebige Gipfelrast, essen und betrachten die Aussicht, soweit von einer solchen gesprochen werden kann. Den Weiterweg können wir von hier aus in grossen Zügen übersehen. Zunächst müssen wir über den Südwestgrat in Richtung auf das Mischabeljoch absteigen, um dann etwa in der Mitte zwischen Gipfel und Joch auf eine nach Süden abzweigende Sekundärrippe zu gelangen, welche den bequemsten Abstieg auf den Westarm des Weingartengletschers darstellt.

Um 2 Uhr treten wir den Abstieg an. Vom Gipfel aus bieten sich anfänglich zwei Wege. Meine Kameraden sind für einen mehr östlich verlaufenden Grat ( der wohl den eigentlichen Südwestgrat darstellt ), ich würde eine westlich davon gelegene, unmittelbar am Gipfel ansetzende Rippe vorziehen, weil ich das Gefühl habe, dass wir auf ihr rascher an Höhe verlieren. Unglücklicherweise gelingt es mir, meinen Willen durchzusetzen, doch schon nach wenigen Metern wird es offensichtlich, dass wir einen Schuh voll herausgezogen haben. Wir befinden uns in einem völlig zersetzten Gestein, welches an Brüchigkeit den Fels des Teufelsgrates weit übertrifft. Es fragt sich, ob man hier überhaupt noch von Fels sprechen kann. Das Zeug hat die Struktur und Konsistenz einer dreitägigen Cremeschnitte. Eine Schicht Neuschnee vertritt den Zuckerguss und sorgt für die nötige Gleitfähigkeit. Sicherung ist illusorisch. Wir gehen alle drei gleichzeitig, d.h. jeder sucht sich, so gut es geht, unter möglichster Vermeidung von Steinschlag, irgendwie in Richtung Mischabeljoch durchzuschlagen. Schliesslich landen wir auf einem flacheren Gratstück, wo eine Schneegräte ansetzt. Der Schnee ist faul und erfordert grosse Vorsicht. Wir brauchen etwa eine Stunde, bis wir an der Abzweigung der Sekundärrippe zum Weingartengletscher sind.

Hier zeigt sich eine deutliche Pfadspur, der wir unverzüglich folgen. Wir müssen etwas auf Tempo halten, da wir bisher für den Abstieg über Erwarten viel Zeit brauchten und das Wetter sich nun rapid verschlechtert. Die Rippe beginnt in Form einer grossen Schutthalde. Da hier eine Sicherung weder möglich noch nötig ist, legen wir das Seil ab und « arbeiten » jeder auf eigene Rechnung. Das Grätchen verengert sich gegen unten zu und wird kompakter. Zwischen den Felsplatten hat sich das fein verwitterte Gesteinsmehl mit dem Schmelzwasser zu einem rotbraunen, konsistenten Brei verbunden, in dem unsere Schuhsohlen sozusagen keinerlei Reibung mehr aufweisen. So müssen wir zeitweise zu unwürdig anmutenden « anatomischen » Bremsmethoden Zuflucht nehmen. John ist zwar der stolze Besitzer eines abgenutzten Gletscherbeschlages, doch ist er kein bisschen besser daran als wir mit unserem Profilgummi. Etwas abgekämpft erreichen wir eine Gratsenke, von der aus steile Schneehalden in die Firnmulde des Gletschers führen.

Bereits bei Betreten des Gletschers wird es offenbar, dass wir dem inzwischen heraufgezogenen Unwetter nicht entgehen können. Es beginnt sachte zu tröpfeln. In der Ferne ist Donner zu vernehmen. Mit zunehmender Lautstärke des Gewitters steigert sich auch unser Tempo. Ernst ist voraus und schlägt einen zu weit westlich gerichteten Kurs ein. Bis wir den Fehler wieder korrigieren können, sind wir schon mitten in einem Spaltenlabyrinth. Im Momente des Richtungswechsels setzt ein gewaltiges Giessen ein, welches unserer hastigen Flucht quer über den Gletscher eine sehr kühle Note verleiht. Vollends teuflisch ist der Übergang auf die Seitenmoräne. Der auf dem Eise aufliegende Moränenschutt hat unter der Wirkung des Regenwassers jeden Halt verloren. Jeder Schritt aufwärts ist von einem doppelt so weiten Zurückrutschen gefolgt. Dazu giesst es aus allen Löchern und blitzt und donnert.

Mich befällt dumpfe Wut über die Ungerechtigkeit des Schicksals. Dass uns nach so langen Mühsalen kein schönerer Abschluss der Tour vergönnt sein kannl Während ich mich verbissen und mühselig über die endlose Moräne aufwärtskämpfe, pudelnass und mit einer Brille, die ihrem eigentlichen Verwendungszwecke Hohn spricht, frage ich mich, ob wir wohl am Morgen nicht zu früh über den Teufelsgrat gelacht haben. Der Arm seines Herrn reicht offenbar weiter als nur über den Grat.

Unwillkürlich blicke ich zurück. Schmutziggraue Wolkenfetzen verhüllen den oberen Teil der wilden Gratflanken. Donnerschläge widerhallen in den Wänden, über die trübe Sturzbäche fluten und unablässig Steine fegen. Die stummen grauen Steilabstürze, über die wir uns am Morgen den Weg zur Höhe bahnten, sind zu unheimlichem Leben erwacht.

Die lange Tour und das Gewitter beginnen bei uns allen sichtbare Wirkungen zu zeigen. Unser Tempo ist dementsprechend. Momentan versuchen wir uns über enorme Schutthalden zu einem rasendurchsetzten Grat emporzuschaffen, wo der von der Hütte kommende Pfad beginnt. Wir finden ihn nach einigem Suchen und haben nun eine letzte Steigung von etwa 100 m zu überwinden. Es ist die achtzehnte Stunde, die wir heute unterwegs sind, und jeder Schritt aufwärts bedarf schon einiger Energie. Glücklicherweise hat das Gewitter inzwischen nachgelassen, die Wolken lichten sich, und wie wir die Grathöhe erreichen und den letzten Abstieg des heutigen Tages antreten, zeigt sich im Westen sogar etwas wie ein Schimmer der untergehenden Sonne. In eiligem Tempo streben wir der Hütte zu, die wir um 9 Uhr betreten. Neunzehn und eine halbe Stunde hat unsere Tour gedauert.

Anderntags steigen wir bei strahlendem Wetter zu Tal. Ernst und ich müssen nach Hause, unser amerikanischer Kamerad geht nach Zermatt zurück, um weitere Touren zu unternehmen. Auf der langen Heimreise haben wir reichlich Zeit, um noch einmal unsere Eindrücke vom Vortage zu sichten. Der lange, mühsame Abstieg und das Gewitter haben dem Eindruck spielender Leichtigkeit, der das Wahrzeichen des Aufstieges war, ein Gegengewicht gesetzt. Der Aufstieg stellt nur die eine Hälfte der Tour dar. Der Weg zurück gehört auch dazu, und der war nicht mehr so glanzvoll. Welcher Teil der Tour wird uns als gültiger Wertmesser in Erinnerung bleiben, unser Bild des Teufelsgrates bestimmen?

Die Zeit, die seither verstrichen ist, hat beide Bilder immer mehr zu einem Ganzen verschmolzen und in uns die Erinnerung an eine grosse, ja grossartige Fahrt zurückgelassen.

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