Titlis

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Eine Osterfahrt. Von Hans Moldenhauer.

17. April 1930. Gründonnerstag. Rauhe Winde blasen über den Vierwaldstättersee. Der Dampfer schaukelt auf schwarzgrünen Wellen. Klatschender Regen. In halb geahnter Höhe, dort, wo der Nebel um Wälder und Felsen strudelt, schimmert neuer Schnee.

Eine Stunde später rattert der Zug mit knirschenden Rädern die steile Zahnradstrecke nach Engelberg hinan. Schlüsselblumen und Narzissen sind im Tal geblieben. Der junge Frühling ist im weissen Schweigen erstorben. Es schneit leise und sanft.

Engelberg. Der erste Blick sucht den Titlis. Ein heisser Traum von hochgewölbtem, blinkenden Firn will sehende Erfüllung. Aber da ist nur tiefer, nasser Schnee, eine Schar bleicher Häuser, der wolkenverhängte Himmel und das feine Singen der schwebenden Flocken.

Die gradlinige Drahtseilbahn zur Gerschnialp. Der himmelstrebende Vogelflug der Schwebebahn hoch über die jähen Steilhänge der Pfaffenwand. Staublawinen wirbeln in dichten Schleiern. Surrend schwebt die Kabine Hunderte von Metern hinauf. Dann öffnet sich die schmale Tür. Wir treten hinaus. Stehen im tiefen, lockeren Schnee. Schreiten staunend durch den engen Graben zwischen meterhohen Wällen. Das Trübseehotel nimmt uns auf.

Abend. Ich gehe vor die Tür. Es schneit und schneit. Alles ist weiss und still. Meine Tritte ersticken in der weichen Flut. Ich tauche die Hände in den kühlen Schnee und empfange aus Nacht und rieselndem Flockentanz den grossen Frieden der Berge.

Der junge Morgen erwacht zögernd aus Nebel und gewaltigem Neuschneefall. Mit trotzigem Gipfelwillen unternehmen wir einen verzweifelten Angriff auf den nahen Bitzistock. Der kraftvoll begonnene Ansturm endet kläglich schon nach wenigen hundert Metern. Ich versinke beim Spuren bis zum Leib im metertiefen, lockeren Pulverschnee. Am Hang gleiten die weichen Massen haltlos mit den schlanken Brettern ab. Die Lungen keuchen vor übermächtiger Anstrengung. Der Gipfel steckt in dichten Nebelschwaden. Es ist lächerlich, für ein Ungewisses Ziel zu kämpfen. Wir geben auf.

In der Spur wühlen wir uns zurück. Ein heller Ruf hinter mir, ich blicke hoch. Da!... eine blaue Lücke im Wolkenkranz, herein bricht volles Sonnenlicht, weissbestäubte Felsen glitzern, ein wächtenbehangener Gratfirst strahlt darüber. Schon stürzt wieder der Nebel über das lockende Bild... Nebel löscht die jäh aufspringende Hoffnung.

Den ganzen Tag donnern ringsum die Lawinen. Es poltert und kracht. Wie Wasserfälle stürzen die weissen Lasten von den Wänden. Nachmittags setzt neuer Schneefall ein. Erste Zweifel an der Möglichkeit einer Titlis- VII7 besteigung werden wach. Wir haben den Berg noch nicht einmal gesehen. Es schneit und schneit. Ein wenig traurig gehen wir früh zur Ruhe.

Am andern Morgen sehen wir den Titlis. Er hebt sich bleich und stolz aus Nacht und Tiefe. Die edle Wölbung der Gipfelkuppe entsteigt sprühend den Gletschern. Dunkle Felshörner stehen ernst und starr wie Wächter.

Ein sonniger Tag beginnt. Aber der Weg zum Berg ist verriegelt. Gesperrt durch allzu tiefen Schnee. Hundertfach bedroht durch Lawinen, deren weisse Schlangen mit dem ersten Licht aus den Wänden zischen.

Wir gehen zum Jochpass. Meine Felle zerreissen beim Anstieg. Auf glatt-gewachsten Skiern quäle ich der Höhe Meter um Meter ab. Die Sonne glüht. In den Wänden des Graustocks toben Steinschlag und Lawinensturz.

Erschöpft erreiche ich den Pass. Gerade senken sich neue Wolkenschwaden über die Berge. Einen Blick noch auf Titlis, den Erhabenen. Dann fahren wir in sumpfig schlechtem Schnee zum Trübsee ab. Wir landen im Auslauf der für das Oster-Skispringen erbauten Schanze. Sigmund Ruud, der blonde Norweger, setzt mit knallendem Schlag den ersten stolzen Sprung auf die Bahn.

Am Abend schneit es wieder. Es schneit mit nie gesehener Wucht. Die Tannen beugen sich tief unter der weissen Bürde. Aufkommender Sturm peitscht prasselnde Schneekörner wider die Scheiben. Ein dumpfes Schweigen umkrallt unser einsames Haus.

Den Titlis haben wir aufgegeben.

Ostermontag. Um 6 Uhr morgens Blick aus dem Fenster: Nebel, Schnee. Um 7 Uhr: Nebel, Wind. Wir frühstücken ohne Eile, ohne Pläne, ohne Hoffnung.

Da höre ich: Der Ski-Club Beifort ist vor einer Stunde zum Titlis aufgebrochen. Wir lächeln mit den andern: Aussichtslos. Zwecklos. Gefährlich obendrein.

Wir frühstücken weiter. Aber die innere Ruhe, der verzichtende Gleichmut sind vorbei zwanzig Mann sind zum Titlis aufgebrochen, zwanzig Mann eine gute Spur muss das sein...

Plötzlicher Entschluss. Jubelnde Erlösung nach gespanntem Überlegen: Wir wollen es versuchen!

Aufbruch 8 Uhr. In dichtem Nebel ertaste ich die tiefgefurchte Spur. Steil die ersten Hänge des Laubersgrates empor. Felsabstürze zur Rechten. Oft und oft prüfe ich den Schnee hier ist gestern eine mächtige Laue zum See abgefahren.

Das unruhige Hasten der ersten Schritte geht in den beschwingenden Rhythmus gleichmässigen Steigens über. Am Steilhang schleichen wir beklommen entlang. Lawinendonner füllt die Luft.

Nach einer halben Stunde nimmt die Neigung ab. Gleichzeitig lichten sich die Nebelschleier. Hundert Meter höher grüssen wir die liebe Sonne!

Was soll ich von dem Wunderbaren sagen, das uns dieser Morgen gab! Vom Seidenblau des Himmels, vom Gold der Sonne, vom funkelnden Schnee? Wer je dergleichen erlebte, braucht der schalen Worte nicht. Und wer der Berge tausend Wunder nie empfing, bleibt auch des grössten Dichters Liedern fremd.

Immer mehr entringen wir uns den nachflatternden Nebelfetzen. Zu unseren Füssen breitet sich ein wallendes Wolkenmeer. Die Gletscherwand des Reissend Nollen steigt märchenhaft strahlend in die blaue Luft. Wie zerfallene Burgen ragen düster die Wendenstöcke.

Rufen und Singen hoch über uns. Die Franzosen! Eine Steilrinne, schnee-brettgefährlich, hält sie auf. Wir nähern uns rasch. Der Neuschnee liegt pulvrig auf frosthartem Grund. Die sanft gleitenden Skier singen hell und fein ihr Wanderlied.

Stufe um Stufe. Wir steigen mühelos. So sollte das Leben sein so leicht, so schwebend, so schön!

Im engen Gletschertal zwischen Rotstöckli und Rotegg wird es steil. Wir rücken langsam vor. Kehre um Kehre versinkt. Ein eiskalter Wind braust von den Felsen her und wirbelt Staubschnee in die verwehte Spur.

Ein alleingehender Schweizer holt uns ein, geht mit uns weiter. Die Nachhut der Franzosen wird überholt. Ein breiter Lawinenzug spricht ernste Warnung. Zur Rechten schimmert eine Wand aus blankem Eis, zur Linken glänzen die blauen Türme und Spalten des Gletscherbruchs. Dazwischen eine schmale Gasse. Immer steiler die Spur. Immer kälter der Wind. Und immer strahlender die Sonne. Kurze Rast. Letzter Anstieg zum Joch beim Rotegg. Die Franzosen sind eingeholt.

Vor uns die blanke Firnkuppe des Gipfels. Nebel streichen vom Gletscher herauf. Schneeflocken tanzen im Sturm.

Ich übernehme Führung und Spurarbeit. Hoch über dem tiefverschneiten Gletscher queren wir hinaus zum Gipfelgrat. Der Schnee ist tief und zentnerschwer. Immer enger lege ich die Kehren. Der Trupp der Franzosen rückt auf, löst im Spuren ab. Wir erreichen den Grat unweit des Höhenpunktes 3082 m. Offene Spalten; geborstenes Eis. Riesenhafte Wächten. Schauervoller Absturz der Südwand.

Kampf am Gipfelgrat. Nebel, Sturm, Kälte. Prasselnde Eiskörner. Wir sind ohne Windschutz und Nahrung. Morgens beim Aufbruch war keine Hoffnung gewesen, bis in diese Höhe vorzudringen.

Der Schnee wird hart, Verblasen. Tappen wir auf der Wächte? Der Sturm nimmt zu. Einige Franzosen erlahmen, bleiben erschöpft zurück. Wir kämpfen weiter. Kämpfen um jeden Meter. Jeder gewonnene Meter ist ein Sieg.

Endlich der Vorgipfel. Kurze Abfahrt zum breiten Grat, der gegen die höchste Spitze hinüberleitet. Pfeifen und Heulen des Sturms setzt urplötzlich aus. Um so drückender stürzt das gewaltige Schweigen des Hochgebirgs über uns her.

Mit erstarrten Fingern lösen wir die Bindung, rennen die Bretter ein. Wir waten schwerfällig zum Gipfelhang. Wühlen bis zum Leib im Schnee. Packen entschlossen die letzten Meter an.

Eine kurze, steile Schneewand wölbt sich zum Gipfel auf. Im Schutz eines vorspringenden Felshöckers heisse ich den Gefährten warten. Ein Franzose ist mir voraus. Tritt keuchend die Spur. Ich folge dichtauf. Der Sturm wird wieder wach und singt sein brausendes Lied.

Plötzlich ein gellender Schrei von oben: « Attention!... Avalanche!... » Ich werfe den Kopf in den Nacken: Der Franzose hat ein Schneebrett losgetreten. In Breite des ganzen Gipfelhangs reisst es ab. Ich sehe die weissen Massen auf mich zufluten und werfe mich mit der Brust dem Anprall entgegen. Aber alle Menschenskraft ist hier ohne Macht. Ich werde weggetrieben, ohne mich wehren zu können. Werde nach unten gerissen. In mir ein grosses Staunen, eine eigenartig grimmige Spannung: Wie geht das aus

Mit meterdicken Schollen staut sich die Lawine auf dem flachen Grat. Gleitet nicht in die tiefen Gründe zur Rechten und zur Linken. Ich befreie mich selbst aus den kalten Armen des weissen Todes.

Merkwürdig, ich bin ganz ruhig. Kein aufwühlender Schreck, kein Nachhall von Todesangst. Nur die Beine zittern noch vom zermalmenden Druck des Schnees. Aber Herz, Augen und Mund lachen über das glücklich bestandene Abenteuer.

Für den Bergsteiger hat der Tod keine Schrecken. Er ist sein ständiger, finsterer Kamerad. Ohne Todesahnung kein Lebensbejahen. Ohne den kalten Schatten des dunklen Endes keine jubelnde Freude am warmen Glück der Stunde.

Inmitten der glatten Lawinenbahn steige ich zum Gipfel hinauf. Um 1 Uhr drücken wir uns am Signal die Hände. Geisterhaft strudeln weisse Wolken um die Gipfelwächte. Die Sonnenscheibe ist blass und fern.

Zwei Deutsche nur sind wir auf der höchsten Spitze; zwei Deutsche, ein Schweizer, vier Franzosen. Der grosse Trupp verzichtet auf das letzte Ziel. Die eisige Stille, die weltfremde Ferne des Gipfels vermag den vielen, allzuvielen nichts zu sagen. Wir wenigen aber gehören zusammen! Das Glück des Sieges verdoppelt sich im Glück der Gemeinschaft.

Ein wiegendes Taumeln von Mulde zu Mulde; ein hemmungsloses Gleiten über leuchtende Hänge: die Abfahrt. Am Rotegg liegen wir zu kurzer Rast in der heissen Sonne. Dann stossen wir in den eklen Nebel, der im Couloir aufwärts treibt.

Vorsichtiges Tasten von Hang zu Hang. Rufe. Schemenhafte Gestalten. Ein drohend sich aufreckender Felsturm. Nebel, Nebel.

Am Laubersgrat entrinnen wir den leidigen Wolken. Die Schlussfahrt über die Steilhänge zum Hotel hinab ist schwer. Um 4 streifen wir die Riemen der Bindung von den Füssen und tappen mit schweren Schritten ins Haus.

Aus unsren Augen strahlt der Firnenglanz.

Der Abend schüttet volle Sonne in die Berge. Ich stehe und schaue hinauf und zurück. Die feinen, blauen Adern unserer Spur leiten empor in den grossen, weissen Garten, der von den Blüten ewigen Schnees überquillt.

Sonne am letzten Tag. Hinauf zum Bitzistock, lächerlich leicht heute. Am Gipfel eine Stunde innerlicher Abschiedsfeier. Heisse Blicke zum Firndom des Titlis hinauf. Musik der Lawinen und des grossen Schweigens. Aufziehende Föhnwolken. Erhabene Andacht.

Fahrt in den Frühling hinunter. Durch zischenden Firn brausen wir dem Tal entgegen. Wald nimmt uns auf; eine schmale Schneise, die in die Matten der Unteren Trübsee-Alp ausläuft. Die glänzende Kuppe des Titlis, hochgewölbt über Wald, Felsen und Eis, ist fern wie einst im Traum.

Letzter Schwung bei erstem Wiesengrün. Tropfende Dächer. Sonne, heisse Sonne. Glockenläuten. Feiertag. Frohe Menschen. Blumen. Jugend. Leben.

Frühling 1 Frühling!

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