Tschingelspitz-Nordwand

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Hannes Stähli, Wilderswil

Eine Erstbegehung im August 1982 Wieder einmal sind Martin und ich dabei, die Bergausrüstung zu wägen: Gegenstand für Gegenstand wird zur Hand genommen, begutachtet und dann entweder auf den anwachsenden Haufen geworfen oder wieder beiseite gelegt. Dieses kurze Zeremoniell wird jedesmal durchgespielt, wenn ein grösseres Unternehmen bevorsteht, wo Biwakzeug, Fels- und Eisausrüstung sowie Esswaren samt Kocher mitzunehmen sind. Allerdings dürfen wir hier, bei einer Wand, über die so gut wie nichts bekannt ist, mit der

Endlich glauben wir, unser Material beisammen zu haben. Die Zeit drängt, müssen wir uns doch beeilen, wollen wir die erste Kabine von Stechelberg nach Gimmelwald nicht verpassen.

Bald schweben wir nach oben, schnell wächst der Tiefblick, ein sanftes Abbremsen, und wir steigen aus. Trotzdem wir jetzt nur das Nötigste mit uns führen, drücken die Rucksäcke immer noch schwer genug, als wir den Weg ins wunderschöne, einsame Sefinental unter die Füsse nehmen. Schon kommt unsere Wand in ihrer ganzen wuchtigen Grösse zum Vorschein, so dass wir den ungefähren Routenverlauf nochmals durchgehen können. Dann - im wilden Kessel ganz zuhinterst im Tal - halten wir an und versuchen, uns anhand des Fernglases endgültige Klarheit zu verschaffen, wo genau wir am besten einsteigen sollen.

Das ist sie also, die angeblich letzte und höchste, noch nicht vollständig begangene Nordwand der Westalpen. Unzählige Male habe ich von Birg aus diese gewaltigen Abstürze betrachtet und - einige Jahre sind seither vergangen - den rechten Wandteil, der zum Gspaltenhorn emporführt, mit Freunden durchstiegen.

Heute wollen wir die Chance, als erste über die links davon gelegene Wandflucht den Gipfel des Tschingelspitzes zu erreichen, packen. Allerdings haben Toni Hiebeier und Gefährten in zwei Versuchen einen beträchtlichen Teil dieser Wand schon erklettert. Im Moment berührt uns das wenig. Ja wir wissen nicht einmal, wo unsere Vorgänger den Durchstieg gesucht haben.

Wir streben nun dem vergletscherten Lawinenkegel zu, der im Fusspunkt des Winkels liegt, welcher die Felsabstürze des Gspaltenhorns von denjenigen des Tschingelspitzes trennt.

Tschingelspitz-Nordwand, Abendstimmung. Blick vom Biwak gegen Osten. Von links nach rechts: Wetterhorn, Eiger, Mönch, Jungfrau Die Randspalte bildet bereits das erste Hindernis, das es zu überwinden gilt. Aber einmal auf der anderen Seite, empfängt uns grauer, glattgeschliffener, kompakter Kalk. Damit können wir nun den riesigen, stellenweise sich schluchtartig erweiternden Kamin, der die ganze untere Wandhälfte durchzieht, ansteuern. Martin geht 's wie mir: beide sind wir voller ( Auftrieb ). Dies besonders, nachdem die letzten Wochen schlecht waren und uns gezwungen hatten, viele Ziele auf später zu verschieben. Voller Elan nimmt Martin deshalb die erste schwierige Seillänge in Angriff.

Wunderschöne Plattenkletterei führt uns zunächst neben dem Kamin in die Höhe, bis ein Pendelquergang uns erlaubt, in der klaffenden Spalte Fuss zu fassen. Der Weiterweg sieht wenig verheissungsvoll aus. Ähnlich einem gierig aufgerissenen Schlund gähnt der hier verschiedenerorts überhängende schwärzliche Kamin über unseren Köpfen. Doch die imposanten, mauerglatten Plattenschüsse zu beiden Seiten machen einen absolut unbegehbaren Eindruck, und so sind wir denn auch nicht weiter erstaunt, beim Weiterklettern im Innern des Kamins auf einen Haken unserer Vorgänger zu treffen. Wir befinden uns hier wohl tatsächlich auf dem einzig möglichen Weg, der zum etwas weniger steilen Mittelteil emporführt.

Ich wende meine Augen nach draussen, weg von unserer beengenden Gruft, hinüber zu den sonnenüberfluteten Flanken des Schilthorns. Trotz vieler schöner und nachhaltiger Erinnerungen an grosse Bergfahrten in benachbarten Alpenländern liebe ich meine heimatliche Umgebung, mein Berner Oberland, über alles. Wenn ich hier klettere, fühle ich mich der Landschaft besonders eng verbunden; nirgendwo sonst in den Westalpen klettert man in grossen Wänden so unmittelbar über Lärchenwäldern, rauschenden Bergbächen und grünen Alpweiden.

Inzwischen hat sich Martin seiner Bergschuhe und des Rucksacks entledigt. Bereits arbeitet er sich über mir in die Höhe, gleich einer dunklen Spinne, die Fusse mit den weichen Kletterfinken und die Knie an der Kaminwand versperrend. Komisch hohl tönt seine Stimme herab. Dann werden die Säcke nachgezogen, worauf ich mich wohl oder übel ebenfalls durch den feuchten Schlund hinaufzwängen muss.

Wir glauben jetzt doch schon ein gutes Stück vorangekommen zu sein. Ein Blick hinüber zum Gspaltenhorn zeigt mir aber, dass wir noch nicht enorm an Höhe gewonnen haben, also kein Grund zum Jubeln vorliegt. Immerhin legt sich die Wand nun wenigstens etwas zurück. Wir erreichen eine grosse Schulter, wo wir uns einigermassen bequem hinsetzen können. Der Weiterweg liegt vor uns. Den Kopf im Nacken, schauen wir gemeinsam die Wand hinauf. In Gedanken klettern wir schon weiter, dem schneebekränzten Gipfel zu. Was erwartet uns wohl noch alles, ehe wir dort oben stehen?

Wenn ich in den Bergen Neuland betrete, fasziniert mich stets wieder der Gedanke, einen eigenen Weg suchen zu können und nicht abhängig zu sein von geschriebenen Führern und wegweisenden Haken. Wo sonst kann man das Gefühl des alpinen Abenteuers so unmittelbar erleben?

Meistens gemeinsam gehend, kommen wir zügig höher. Die schöne Felskletterei nimmt jetzt allerdings ein Ende und macht zunehmend einer strengen Nordwand-Atmosphäre Platz: über nasse, heikle Platten erreichen wir den unteren Rand des kleinen Eisfeldes, das uns zum düsteren, steilen Felsriegel emporleitet, der den Weiterweg verbarrikadiert. Überall tropft es herab, die Tropfen sammeln sich zu kleinen Rinnsalen, die uns innert Kürze völlig durchnässen. Das kalte Wasser sucht sich sofort einen Weg vom Hals in den Nacken, läuft dem Ärmel entlang, durchfeuchtet die Schulterpartie bis es die nackte Haut erreicht. Wir kämpfen uns über den steilen, vor Nässe glänzenden Fels hinauf dem Licht und leichterem Gelände entgegen. Hier sollte sich doch ein geeigneter Biwakplatz finden lassen!

Mit dem befreienden Gefühl, diesem unfreundlichen Felsriegel endlich entronnen zu sein, schauen wir uns um und entdecken tatsächlich einen breiten Rücken, der oben eine kleine Terrasse zu bilden scheint. Erleichtert klettern wir zu ihr hoch. Wir haben uns nicht getäuscht! Während Martin unverzüglich unser Lager herzurichten beginnt, kümmere ich mich um unser Nachtessen. Bald können wir gemütlich beisammensitzen und die warme Mahlzeit geniessen. Zufrieden mit unserer Tagesleistung, lassen wir nun den Blick unbeschwert in die Runde schweifen. Von unserem Hochsitz bietet sich eine prächtige Aussicht: Von der Bütlassen im Westen reicht sie über das Schilthorn bis hinüber zum Wetterhorn und zum majestätischen Dreigestirn von Eiger, Mönch und Jungfrau. Je älter ich werde, desto intensiver und bewusster glaube ich die Schönheit der Bergwelt, die stillen Stunden des Biwaks, das Gefühl der Verbundenheit mit meinem Seilgefährten zu verspüren. Liegt das vielleicht auch zum Teil daran, weil mir neben meinen vielen Führerverpflichtungen nur noch wenig Zeit verbleibt, um mit Bergkameraden Touren unternehmen zu können?

Bereits hat sich die Nacht in dem gewaltigen Felskessel eingenistet. Den letzten Widerschein der untergehenden Sonne verlöschend, breitet sich über uns nun das unendliche Sternenmeer. Die Luft ist mild, denn noch hat sich die Tageswärme nicht ganz vertreiben lassen. Die Stunden verfliegen. Im Osten das erste fahle Licht, das allmählich immer weitere Teile des Himmels erfasst. Wir brauchen uns jedoch noch nicht zu beeilen; unbeholfen und steif schälen wir uns etwas später aus unserem Biwakmaterial. Morgenessen, Anseilen, Ausrüsten, Der Weiterweg scheint klar: Zunächst steuern wir über leichte Felsen das grosse Eisfeld an.

Wir kommen rasch höher, beginnen nun aber zu sichern, da hier bereits ein kleiner Stein genügt, um uns aus der Wand - in der sich nun Blankeisrinnen mit Schneefurchen abwechseln - zu fegen. Wieder stehen wir vor einem Felsaufschwung, dem letzten ernsthafteren Hindernis, das es zu überwinden gilt. Mit kratzenden Steigeisen schwindeln wir uns Der Eisschild unterhalb des Felsriegels darüber hinweg. Ein paar Steine pfeifen noch an uns vorbei in die Tiefe, aber bald stehen wir auf dem Grat und wenige Minuten später auf den sonnenbeschienenen Gipfel. Wir schütteln uns glücklich die Hände, ist es uns doch gelungen, in den oft als bezeichneten Alpen eine 1500 Meter hohe Wand erstmals ganz zu durchsteigen.

Der Abstieg zum Tschingelfirn bietet keine grösseren Probleme mehr, und dann, auf dem flachen Gletscher angelangt, fällt die Spannung völlig von uns ab. Wie immer, wenn die Schwierigkeiten vorbei sind, überkommt uns auch jetzt wieder ein Gefühl stiller Befriedigung. Trotz Müdigkeit eilen wir beschwingt dem Tal zu, die herrliche Landschaft geniessend - bald schon wenden sich unsere Gedanken wieder anderen, neuen Zielen zu.

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