Tungurahua - Chimborazo - Quilotoa

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Andreas und Claudine Mühlebach-Metrailler, Zufikon

Drei ungewöhnliche Berge Ecuadors Paris - Quito - Banos 5. Juli 1986,01.00 Uhr: Der riesige Jumbo Jet hebt vom Pariser Flughafen ( Charles de Gaulle> ab. Nur noch kurz sind die Lichter der 10-Millionen-Stadt zu sehen, dann umgibt uns völlige Dunkelheit, die, da wir in westlicher Richtung, also gegen die Erdrotation fliegen, noch weitere zwölf Stunden andauern wird. Erst über dem wolkenverhangenen Amazonasbecken dämmert es, und gleichzeitig mit der Sonne kommen die ersten Berge Ecuadors 1 Gemeint sind die Galapagos-Inseln, wo die meisten Tiere auch heute noch keine Scheu vor den Menschen zeigen.

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in Sicht. Ihre firnbedeckten Häupter werfen lange Schatten in eine grandiose Landschaft. Kurze Zeit später erscheint das Häusermeer der Hauptstadt Quito, eingelagert zwischen mehr als 4500 Meter hohen Bergen. Es ist acht Uhr Ortszeit, als wir landen. Die dünne Luft und die angenehmen Temperaturen bilden einen grossen Kontrast zum schwülen Klima bei der Abreise in der Schweiz. Ein Taxi bringt uns zum grossen Bus-Terminal, von wo aus mehrmals täglich Minibusse nach unserem heutigen Ziel, Banos, abfahren. Sobald das Fahrzeug voll besetzt ist, kann es auf der Paname-ricana-Strasse losgehen, vorbei am Cotopaxy-Nationalpark, dann hinunter nach Ambato und Banos ( 1800 m ). Dieses, am Abhang zum Amazonasbecken gelegen, ist ein grosser Umschlagplatz diverser Güter und zugleich ein bekannter Erholungsort der Einheimischen. Hauptattraktion des Orts bilden die heissen Bäder, die vom über 5000 Meter hohen Vulkan Tungurahua 3 gespeist werden. Auch wir nützen den Nachmittag zu einem Bad und gehen anschliessend früh schlafen, denn für den nächsten Tag beabsichtigen wir bereits, zu der 3800 Meter hoch gelegenen Hütte am Tungurahua aufzusteigen.

Tungurahua Kurz nach Tagesanbruch durchqueren wir das bereits stark belebte Banos. Es ist Sonntag, und auffallend viele Leute, meist Indios, gehen zur Kirche oder nehmen ein Bad in den heissen Quellen. Wir steigen nach Pondoa auf, einem kleinen Dorf auf 2400 Metern Höhe. Es ist kühl, und Nebelregen setzt ein. Ab und zu begegnen wir Einheimischen, die mit Maultieren herabkommen, um Freunde und Verwandte in der Stadt zu besuchen oder Handel zu treiben. Nachdem wir in Pondoa bei der Tochter des Hüttenwarts zwei Übernach-tungsbillette gekauft haben, gehen wir auf dem teilweise schlecht markierten Weg steil aufwärts und gelangen bald in dichten Buschwald, der abseits des Weges fast undurchdringlich ist. Moosbewachsene Krüppel- 3 ( tungurat ( indianischHöllehua> ( präinkaischBerg>. Der Bezeichnung liegt die vulkanische Aktivität des Berges in früheren Zeiten zugrunde. Heute befindet er sich in einer Phase relativer Ruhe. Er wurde 1873 von den deutschen Geologen W. Reiss und A. Stübel erstmals bestiegen.

bäume, Stauden und unbekannte Pflanzen mit leuchtend roten und blauen Blüten beherrschen das Bild; es kommt uns vor, als befänden wir uns in einem Märchenwald. Ab und zu dringt die Sonne durch, dann umhüllt uns erneut dichter Nebel. Am späteren Nachmittag gelangen wir zur roten Schutzhütte, die sehr einfach eingerichtet ist: im unteren Stock gibt es eine Gaskochnische und einen kleinen Tisch mit Bank, oben befindet sich der sogenannte , bestehend aus einem Bretterboden. Beim Wasserholen aus einer etwa 100 Meter entfernten Quelle können wir einen Kolibri beobachten, der aus einer kleinen Blüte Nektar saugt. Den Abend verbringen wir mit Kochen und Lesen. Ausser einigen Mäusen scheinen wir heute die einzigen Gäste hier zu sein, weshalb uns das Hüttenbuch ganz besonders interessiert. Erstaunt stellen wir dabei fest, dass nur ganz wenige der vielen Hüttenbesucher den Gipfel erreichten und dass diejenigen, die von dort aus etwas sahen, an einer Hand abzuzählen sind. Angesichts des immer stärker einsetzenden Regens beginnen auch wir zu zweifeln...

Morgens um fünf Uhr zeigen sich in einem schmalen Himmelsausschnitt Sterne, doch kaum sind wir draussen, beginnt es erneut zu stürmen und zu regnen. Bei einer kleinen Steinpyramide, die die 4000-Meter-Linie markiert, ziehen wir Sturmhosen und -Jacken an, denn es wird empfindlich kalt, und der Regen geht in Hagel über. Trotzdem marschieren wir weiter und gelangen zu den Felsen, die ( Los Altares ) genannt werden. 1951 haben hier zwei Deutsche bei der Besteigung des Tungurahua ihr Leben verloren. Wir beraten kurz, ob wir angesichts des schlechten Wetters weitergehen sollen, doch die Hoffnung auf heisse Fumarolen am Kraterrand lässt uns nochmals Kraft schöpfen. Allmählich löst Schnee die Vulkanasche ab, und gelegentlich erkennen wir Holzstangen, die der Wegmarkierung dienen. Dann die Fumarolen: entlang eines Risses dringt an verschiedenen Stellen Wasserdampf aus dem Boden. Wir setzen uns in deren Nähe nieder und können uns auf diese Art tatsächlich wärmen, wobei wir aber gleichzeitig patschnass werden. Offenbar haben wir bereits den Kraterrand auf rund 4800 Metern erreicht. Nach einer Pause gehen wir durch dichten Nebel und Schneetreiben weiter zum 5087 Meter hohen Hauptgipfel, der in südöstlicher Richtung liegt. Durch tiefen Neuschnee stapfen wir steil aufwärts, bis sich das Gelände wieder verflacht und es überall nur noch abwärts geht. Die Gipfelkuppe des Tungurahua ist erreicht! Aber auch uns ist es nicht vergönnt, einen Blick über das innerandine Hoch- land und das Amazonasbecken werfen zu können. Die nassen Kleider und der eiskalte Wind mahnen uns zudem zur Eile. Also auf schnellstem Weg zur Hütte zurück. Hier haben sich in der Zwischenzeit allerdings junge Ecuadorianer mit Transistorradios und Popcorn häuslich eingerichtet, und wir brauchen Zeit und Geduld, die Verstecke unserer deponierten Ausrüstungsgegenstände in Erfahrung zu bringen. Einiges bleibt trotz aller Bemühungen verschwunden, aber glücklicherweise handelt es sich um kleinere, entbehrliche Sachen. Rasch verlassen wir den Ort und steigen bei wieder besserem Wetter zu den heissen Quellen von Banos ab.

Chimborazo Unser nächstes Ziel ist Riobamba, Ausgangspunkt zur Besteigung des 6310 Meter hohen Chimborazo4, höchster Berg Ecuadors.

4 Der Chimborazo ist ein erloschener Vulkan. Bereits 1802 erreichte Alexander von Humboldt fast den Gipfel. Die Erstbesteigung gelang allerdings erst 1880 Edward Whymper mit seinem Führer Carrel.

Lagune Quilotoa Hier statten wir Enrique Veloz, dem Präsidenten des Anden-Clubs, einen kurzen Besuch ab, denn wir haben erfahren, dass man bei ihm Ausrüstungsgegenstände mieten kann. Er empfängt uns in seinem Arbeitszimmer, das vom bekannten Poster der Blüemlisalpgruppe geschmückt wird. Mit zwei Eispickeln, 40 Markierungsfähnchen und vielen guten Ratschlägen versehen, verlassen wir sein gastliches Haus. Für den nächsten Morgen haben wir ein Taxi bestellt, das uns zum Parkplatz am Fuss des Berges bringen soll. Ein Keilriemenbruch führt allerdings zu einem Zwangsaufenthalt von einigen Stunden im kleinen Andendörf-chen San Juan. Da der Schaden trotz intensiver Bemühungen des Chauffeurs nicht behoben werden kann, organisiert er neben feinen Sandwiches auch ein anderes Fahrzeug, mit dem wir doch noch das Ende der Strasse auf 4800 Metern erreichen. So gelangen wir erst am späten Nachmittag zum frisch renovierten, 5000 Meter hoch gelegenen 5, wo Arbeiter noch mit den letzten Aufräumarbeiten beschäftigt sind. Auch hier sind wir heute abend die einzigen Touristen. Im Unterschied zum nur etwa 50 Kilometer ent- 5 Zu Ehren des Erstbesteigers fernten Riobamba ist hier im Juli/August der Himmel fast immer wolkenlos, und wir erleben einen herrlichen Sonnenuntergang. Die dünne Luft bereitet uns noch einige Schwierigkeiten, und wir kriechen deshalb bald in die warmen Daunenschlafsäcke.

Zuverlässig werden wir kurz nach Mitternacht von einem Arbeiter geweckt und marschieren nach kurzem Frühstück um zwei Uhr in den sternenklaren Nachthimmel hinaus. Da der Chimborazo südlich des Äquators liegt, ist im Norden nur noch die obere Hälfte des Grossen Bären zu sehen, während in entgegengesetzter Richtung das Kreuz des Südens leuchtet. Nach einer Dreiviertelstunde ziehen wir Steigeisen an und knüpfen uns ans Seil, denn von nun an führt die Route ausschliesslich über Firn und Gletscher. Der Wind bläst sehr stark, und eine kleine Unachtsamkeit führt zum Verlust der Handschuhe. Glücklicherweise habe ich Reservehandschuhe eingepackt! Wir queren nach links und umgehen zahlreiche Spalten, die nur schemenhaft zu erkennen sind. So gelangen wir auf die breite Firnrampe, die von Südwesten auf den Gipfel hochzieht. Der Wind hat inzwischen Sturmstärke erreicht und hüllt den Gipfel schon seit längerer Zeit in eine dichte Wolkenhaube, deren Ausläufer uns zeitweise die Sicht rauben. Es ist gut, dass wir fast den ganzen Weg mit Fähnchen markiert und uns so den Rückweg gesichert haben. In der Ferne erhebt sich die Sonne: ein grandioses Schauspiel hier auf 5700 Metern, und wir hoffen, dass es nun wärmer werden wird. Doch genau das Gegenteil ist der Fall; der Sturm verstärkt sich noch und droht uns vom Hang zu blasen. Unter diesen Umständen weiterzugehen wäre lebensgefährlich. Auch der Abstieg ist schwierig genug und wird zu einem schmerzhaften Erlebnis, denn mit orkanartiger Stärke werden uns Sandkörner in Gesicht und Augen getrieben. Wir sind deshalb froh, am späten Vormittag wieder die schützende Hütte zu erreichen.

Sollten wir warten und es am nächsten Tag nochmals versuchen? Wir wägen ab und kommen zum Schluss, dass es wohl sinnvoller ist, abzusteigen, um in der beschränkten uns zur Verfügung stehenden Zeit noch andere Gegenden Ecuadors kennenlernen zu können. Am selben Abend sind wir wieder in Riobamba bei E. Veloz und geben ihm Pickel und die übriggebliebenen Markierungsfähnchen zurück.

Quilotoa Nach zwei erlebnisreichen Wochen an der Pazifikküste und im Amazonas-Urwald zieht es uns wieder ins Andenhochland. Das Ziel ist diesmal der ( versteckte Berg> Quilotoa6 und sein 3570 Meter hoch gelegener Kratersee. Ausgangspunkt ist Latacunga, etwa auf halbem Weg zwischen Ambato und Quito. Es ist schon mehr als neun Uhr, als wir nach langem Suchen endlich einen Bus finden, der über die Anden nach Quevedo führt. Die Reise ist allein schon ein Erlebnis, denn atemberaubend führt die schmale Strasse in vielen Kehren höher und höher hinauf. Sie wird von zahlreichen Feldern gesäumt, und ab und zu steigen Indios in ihren farbenprächtigen Kleidern und mit viel Gepäck ein und aus. Nach dem langen Aufenthalt fast auf Meereshöhe bekunden wir einige Mühe mit der dünnen Luft, um so mehr, als die Fahrt schon über zwei Stunden dauert und immer neue noch höhere Hügel und Berge ins Blickfeld gelangen, die ebenfalls überwunden werden. Erst um die Mittagszeit erreichen wir Zumbahua, ein kleines Dorf auf fast 4000 Metern, und erkundigen uns nach dem Weg zur noch etwa 15 Kilometer entfernten Lagune Quilotoa. Entlang einer von Kakteen gesäumten staubigen Strasse marschieren wir südwärts, vorbei an kleinen Hütten und Feldern. Überall sieht man runde Plätze mit Pfählen in der Mitte, wo im Kreis laufende Ochsen dreschen. Ab und zu bleiben wir stehen und schauen Indiobauern zu, wie sie mit Hilfe des Windes die Spreu vom Korn trennen. Die Strasse führt ziemlich flach in eine immer einsamere Gegend. Trotzdem hoffen wir auf ein Fahrzeug, das uns ein Stück weit mitnimmt.

6 ( Quichua-Indianer ), wegen der zu gewissen Zeiten vermehrt aus dem Kratersee aufsteigenden Gasblasen, die Schlamm aufwirbeln und das sonst grünliche Wasser an diesen Stellen gelb färben.

Tatsächlich, wir haben Glück und brauchen einige Kilometer weniger zu laufen. Dann, nach nur geringer Steigung, stehen wir ganz unvermittelt am Kraterrand: ein grandioser Anblick, etwas vom Eindrücklichsten, das wir je erlebt haben: 400 Meter fast senkrecht unter uns liegt ein grünlich schimmernder See von etwa 2 Kilometern Durchmesser! Ein sehr steiler Weg führt abwärts zum Wasser. Unterwegs begegnen uns Indios, die Schafe und Esel zum See führen, um sie zu tränken, und gleichzeitig noch etwas Holz sammeln, denn hier in der Nähe des Wassers wachsen einige Sträucher. Das Seeufer wird durch Lavafelsen gebildet, die hier steil abbrechen. Trotzdem wagen wir uns ins Wasser, wobei wir uns beim Ein- und Aussteigen wegen der spitzen, brüchigen Steine in acht nehmen müssen. Sehr kalt ist das Wasser, es fühlt sich seifig an und hat einen salzigen Geschmack7. Wir geniessen noch eine Weile die Ruhe und Einzigartigkeit dieser Landschaft und steigen dann - gleichzeitig mit einer Indiofamilie mit Schafen, Schweinen und schwerbepackten Eseln - wieder zum Kraterrand empor. Bereits ist es Abend, als wir die Strasse Quevedo-Lata-cunga erreichen, wo uns ein kleiner Lieferwagen mitnimmt. Die rote Sonnenscheibe steht nahe am Horizont, und von überall kommen Leute mit Eseln und Lamas von der Feldarbeit zurück. Sobald aber die Sonne untergegangen ist, beginnt es empfindlich kalt zu werden, und wir schützen Ohren und Hände vor dem Fahrtwind. So wie wir heute diese einzigartige Landschaft verlassen und nach Latacunga zurückkehren, werden wir auch schon bald Ecuador verlassen müssen. Unsere Gedanken schweifen jedoch nochmals zurück zu einigen Höhepunkten dieser Reise, zum Märchenwald und den Fumarolen am Tungurahua, dem sturmumtobten einsamen Riesenberg Chimborazo und dem versteckten Kratersee Quilotoa mit seinem grünlich schimmernden Wasser.

7 Das Wasser ist nur für Tiere geniessbar.

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