Über die nivale Flora der Landschaft Davos

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Mit zwei Tafeln.

Von Dr. med. et phil. Willi. Schibier ( Sektion Daros ).

Eine stille Welt voll Erhabenheit und Größe liegt mitten im civili-gierten Europa, eine letzte ruhige Insel, auf der allein noch dem Menschen die alte, große Natur, wie sie seit Uranfängen her bestanden, unentweiht gegenübertritt voller Glanz und Wunder und Einsamkeit: Die Schneeregion unserer Alpen. Ringsum ist alles Land vom Menschen in Beschlag genommen und unterjocht worden. Längst ist der letzte Urwald gefallen, der letzte Streifen „ altem Landes urbar gemacht oder sonst dienstpflichtig geworden. Alles ist schon abgeteilt und eingezäunt und für die Freiheit der Bewegung bleibt bald nur noch die Landstraße übrig. Und wie der Mensch selber nur mehr in immer strenger nach Gesetz und Recht geregelten Verhältnissen zu existieren vermag, so hat er auch die Erde umgewandelt und seinem Gesetze unterthan gemacht. Er hat das uralte Verhältnis der Natur gestört und hegt nur noch und duldet, was ihm Nutzen bringt, alles andere vertilgend und ausrottend. So ist der Urwald gefallen, und grünende Saaten, künstliche Wiesen und künstlicher Wald erheben sich jetzt auf dem Grabe. Bis in die höchsten Gebirge, bis an die letzten Felskronen und an die ewigen Gletscher hinan macht sich dieser Einfluß geltend; denn soweit des Menschen Kulturgefährte, das Vieh, geht, auf die höchsten Weiden, hinauf auf die letzten „ Schafläger " ist diese Störung der ursprünglichen Ökonomie zu verspüren. Erst jenseits dieser Grenze beginnt das alte Land, einfach, groß, unberührt seit UranfängenWenn es den Menschen heute unwiderstehlich in die Berge zieht, hinauflockt zu den stillen, schimmernden Höhen, so liegt dem Triebe vielleicht die unbewußte Sehnsucht nach der alten Natur zu Grunde, nach der Freiheit der Urwelt, die wir in der Kultur verloren haben. In diesem Sinne zumal ist in den Bergen Freiheit!

Wenn wir emporstrebend die letzten zusammenhängenden Weide-strecken, auf denen im Hochsommer sich fröhliche Herden tummeln, hinter uns gelassen haben und mehr und mehr der dunkelnde Waldstreifen in der Tiefe versinkt, löst sieh vor uns allmählich der Rasen auf an den Planken der höher anstrebenden Berghäupter; weite, wüste Geröllhalden, Felsbänder treten an die Stelle, und unverhiült zeigt die alte Muttererde das nackte Angesicht.

Von 2600 m = 8000 Fuß ab ungefähr ( nach Oswald Heer ) betreten wir dieses neue Land, eine Region, in der große Schnee- und Eismassen der Sommer nicht überall mehr zu schmelzen vermag, wo weite, große Firnreviere, sterile Geröllhalden, nackter Boden, wilde Felsenkämme, Felsmassen von abenteuerlichster Form und Farbe, das alte Chaos den Raum erfüllt, ein weites Schweigen, meistens Totenstille herrscht, da und dort nur ein spärlicher Anflug von Grün und lebendiger Farbe, oder sonst eine Spur von beseeltem LebenDas ist das nivale Gebiet unserer Alpen, in Klima und Natur verwandt, und vergleichbar nur den öden Inseln des polaren Nordens!

Und gleich größeren und kleineren Inselgruppen, eine Welt für sich, ragen die höhern Alpenspitzen — die nivale Region — aus dem Luftmeer empor, das die grünenden Thäler erfüllt und über die trennenden Bergjoche hereinflutet. Aber nicht überall ist diese Region in gleicher Weise entfaltet: Es herrscht vielmehr in ihrem Schöße die größte Mannigfaltigkeit in Aufbau, Form und Farbe, im Tier- und Pflanzenleben, je nachdem dieselbe nur wenig auftaucht, oder kräftig in die Höhe entwickelt ist, oder nach dem Wechsel der Gesteinunterlage, von der auch ein spärlicheres oder üppigeres Pflanzenleben abhängt, oder ob weite Schnee- und Gletsehergebiete sich an hohe Felsbauten anlehnen, oder nur die nackte Felsenwüste vorherrscht.

Ich will auf dem engeren Gebiete der Landschaft Davos versuchen, die nivale Zone kurz zu skizzieren.

Das nivale Land.

In Davos ist die Schneeregion reichlich entwickelt.l ) Rechts wird J ) Ich habe zumeist zum Zwecke der Erforschung der nivalen Flora von Davos in den Jahren 1892—1897 zahlreiche Besteigungen ausgeführt, auf denen ich 44 über 2600 m gelegene Punkte, Gipfel, Kämme, Pässe'einmal oder öfters, zu verschiedenen Jahreszeiten besucht ( einschließlich die nahe bei Davos gelegenen Piz Linard und Piz Kesch ) und von 59 einzelnen Punkten Pflanzenverzeichnisse aufgenommen habe.

Am 7. Juli 1892 war ich auf dem Scalettapaß und habe den dort von Heer beobachteten 55 Arten 23 neue hinzugefügt, so daß nun von diesem Punkte ( 2619 m ) 78 Phanerogamen bekannt sind. Im Jahre 1893 war ich am 30. März und das Thal des Landwassers von der Strelakette begleitet, welche an zahlreichen Punkten in diese Region hineintaucht. Zur Linken zieht sich in weiterer Entfernung von der Thalfurche der Hauptkamm der Albnlakette vom vergletscherten Weißhorn und Schwarzhorn, den Wächtern des Flüelapasses, über den Gletscher des Radünerkopfes nnd Piz Grialetscb 4. April auf der Küpfenfluh ( 2655™ ), am 16. April auf dem Körbshorn ( 2654 m ), am 18. auf dem Jatzhorn ( 2683 m ), am 26. auf dem Schiahorn ( 2713 m ), am 27. auf der Küpfenfluh und Strela ( 2636 m ), am 2. Mai auf dem Körbshorn, am 14. auf dem Schiahorn, am 16. auf dem Schafgrind ( 2621 m ), am 21. auf der Thiejerfluh ( 2785 m ), am 28. auf der Küpfenfluh und Strela, am 1. Juni auf dem Körbshorn, am 2. auf dem Jatzhorn, am 8. auf dem Schiahorn, am 11. auf dem Leidbachhorn ( 2912 m ), am 13. auf dem Älplihorn ( 3010 - ), am 16. auf der Amselfluh ( 2785 m ), am 29. auf dem Flüela-Schwarzhorn ( 3150 " ). Am 1. Juli wieder auf dem Schiahorn, am 4. auf der Weißfluh ( 2848 " ), am 6. auf der Küpfenfluh, am 9. auf dem Gletscher-Ducan ( 3020 m ) vom Ducanpaß aus, am 19. auf dem Körbshorn, am 20. auf dem Hoch-Ducan ( 3066 m ), am 23. auf der Küpfenfluh und Strela, am 25. auf dem Bocktenhorn ( 3047 m ), dessen Gipfel noch einen Flor von 27 Arten aufweist. Am 2. August bestieg ich das Kühalphorn ( 3081 m ), am 8. die Mädrigerfluh ( 2668 m ), am 15. das Älplihorn, am 21. überschritt ich die Sertigfurka ( 2762und bestieg am folgenden Tag über Fuorcla d' Eschia ( 3008 m ) den Piz Kesch ( 3420 m ). Am 11. Oktober war ich noch einmal auf dem Schiahorn und am 26. überkletterte ich das schwierige Plattenhorn ( 3018 m ).

Im Jahre 1895 war ich zuerst am 27. Juni auf dem Schiahorn, am 2. Juli und 28. August wieder auf dem Körbshorn, am 17. August auf dem Leidbachhorn, am 19. auf dem Gorihorn ( 2989 m ) und bestieg am folgenden Tag den Piz Linard ( 3414 mam 26. war ich noch auf dem Jatzhorn.

Endlich im Sommer 1897 bestieg ich noch zur Ausfüllung der Lücken: Am 12. Juni das Körbshorn, am 24. das Schiahorn und beging den Kamm über die Kontaktlinie von Kalk und Krystallin bis zum Schafläger ( 2683 ™ ), am 26. die Küpfenfluh und überkletterte den zerrissenen Kalkkamm bis zum Strela; am 29. war ich auf Punkt 2693 und Todtalp-Schwarzhorn ( 2672 m ) im Serpentingebiet. Am 2. Juli bestieg ich das Börterhorn ( 2700 m ) und gelangte von da auf das Wuosthorn ( 2824 m ), am 7. auf das Sentishorn ( 2830 m ), am 10. auf das Schiahorn, am 14. auf das Pischahorn ( " 2982 " ), am 12. auf die hintere Thiejerfluh ( 2760 m ) im Gebiet des Porphyrs; am 25. beging ich den Kamm vom Kühalpgletscher über das Augstenhörnli ( 3030 ° ), Punkt 2934, Bocktenhorn bis zum Sattelhorn berührend ( 2980 m ). Im August kam am 3. die Mädrigerfluh, am 4. der Schafgrind, am 11. Strela, am 12. das Krachenhorn an die Reihe; dann folgten am 18. über den Scalettapaß Scalettahorn ( 3068 m ), Piz Grialetsch ( 3131und Piz Vadret ( 3226 m ). Im September war ich noch auf dem Thälihorn ( 2695 m ) und am 3. Oktober auf dem Flüela-Schwarzhorn, Radüner-Rothorn ( 3034 m ) und Radünerkopf ( 3076 m ).

Von wichtigeren Punkten fehlen in dieser Reihe bloß noch der südöstliche und südwestliche Eckpfeiler, das Flüela-Weißhorn und das Bühlenhorn mit Muchetta. Ihre Flora vermag aber am Schlußresultat ( siehe Liste der Nivalpflanzen. von Davos am Schlüsse ) nichts zu ändern.

Weitaus die Mehrzahl dieser Besteigungen wurde bei Anlaß von Nachmittags-exkursionen ausgeführt, so z.B. alle in der Strelakette.

— vorbei am etwas abseits stehenden Piz Vadred — und schwingt sich über der grünenden Furche des Scaletta wieder auf zum gletscheruni-. gürteten Kühalphorn; stets — auch in den Einsattlungen — in der Schneeregion sich haltend, setzt sich der Grenzkamm gegen das Engadin und Bergün jenseits Sertigfurka und Bergünerfurka in den wilden Felshörnern der Ducankette fort. Jenseits des öden 2671 m hohen Ducan- passes endet die nivale Umrandung des Thales, hinziehend über den Mäschengrat und das Bühlenhorn an der weitschauenden Muchetta.

Von diesem mächtigen Centralkamm, der nur an zwei Punkten unter 2600 m sinkt, gehen, das Flüela-Dischma-Sertig-Monsteinerthal begleitend, vier hohe Ketten ab, die, sich bis an das Landwasser vorschiebend, noch bis in die Nähe von Davos-Platz zahlreiche nivale Gipfelpunkte und Paßlücken aufweisen.

Denken wir uns die Thäler bis zu der Höhe von 2600 m mit weißen Nebelmassen erfüllt, die Wogen eines eisig erstarrten Meeres, so würde diese nivale Region ( inbegriffen Piz Kesch und Piz Linard ) einem arktischen Archipele zu vergleichen sein, dessen höchste Gipfel noch über 800 m über das Meeresniveau hervorragten. Die Strelakette würde in eine Reihe niedriger Inseln, von denen nur eine mehr als 200 m hoch wäre, aufgelöst erscheinen, vorgelagert einer großen Insel, die nach Norden, ihr entgegen, drei Halbinseln ausschickte, und die im Süden flankiert wäre von den zwei mächtigen Türmen des Piz Kesch und Piz Linard.

Wie auf polnahen Inseln baut sich auch hier die Welt aus Fels und Eis und Schnee auf.

Schwarz, unheimlich düster und unnahbar, steigt das Todtalp-Schwarzhorn auf, einer Basaltklippe vergleichbar, und ebenso düster, absolut pflanzenleer, erscheint die rostgraue,grüne,braune, dreiseitige Pyramide des Punkt 2693 im Serpentingebiet, und dicht daneben, der hellste Gegensatz, das weißschimmernde Dolomitriff der Weißfluh, aber ebenso öde, jeden Lebens bar.

Von da schweift der Blick auf das grüne Inselidyll des Schaflägers und bleibt wieder an den öden, grauen Kalkwänden des Schiahorns hängen, dem aber doch ein grüner Fleck vorgelagert ist, da, wo der Kalk an eine Zone von Glimmerschiefer stößt. Ebenso ist die wilde Küpfenfluh durch einen noch wilderen Kamm mit der grünen Kuppe des Strela verbunden. Das Körbshorn, der Schafgrind, die hintere Thiejerfluh, aus Glimmerschiefer, Verrucano, Porphyr aufgebaut, sind lieblich grüne Fels-eilande im Vergleich zu den öden, kahlen, trotzigen Dolomitwänden der Mädrigerfluh, der eigentlichen Thiejerfluh und Amselfluh. Und doch beherbergt noch die Mädrigerfluh um ihren kahlen Gipfel einen Flor von 55 Phanerogamen, während freilich das nahe, sanfte Körbshorn in der krystallinischen Zone seine Flora sogar auf 97 Arten bringt!

Diese ganze Inselkette des Strelagebietes ist vom Hochsommer ab bis meist weit in den sonnigen Herbst hinein fast absolut schneefrei, und nur an wenigen, im Bilde fast verschwindenden Punkten vermag ein Schneerest das Jahr zu überdauern. Desto düsterer ragen die Felshörner empor, desto mehr verschwinden die grünen Flecke.

Anders auf der Hauptinsel im Süden. Zwar auch hier ragen genug schwarze und graue Felsbauten gen Himmel, und die grünen Oasen sind eher noch seltener, aber weißschimmernd dehnt sich dazwischen und zu Füßen der Riesen ein weites Land voller Gletscher und Schneefelder. Zwar nur klein sind die Gletscher erst am Pischa, Weißhorn und Schwarzhorn, nicht die ganzen Ketten dominierend, aber schon größer, ein prachtvoller Cirkus, den Kessel des Radünerthales erfüllend, und endlich eine weite, glanzvolle Landschaft zu beiden Seiten des Scalettapasses. Fast fluten die Eisströme über Scalettahorn, Piz Grialetsch, Kühalphorn zusammen, und nur der Piz Vadred erhebt stolz und unnahbar sein schwarzes Felshaupt weit über die Felder des ewigen Winters, die ihn rings umlagern.

Wie anders wieder jene kühnen Dolomithörner in der Ducankette und noch jenseits des Ducanpasses! Obwohl die meisten 3000 m überschreiten, werden sie im Hochsommer absolut schneefrei, eine unendliche, kahle, traurige Fels- und Trümmerwüste, grau in grau, fast ganz pflanzenleer, und nur der Ducangletscher im Hintergrund des Ducanthales bringt in diese Einöde ein milderndes Element. Würde dieser an seinem Orte hier fehlen, so könnte man sich auf der Höhe des Ducanpasses im Sommer in eine Felswüste, in ein Felsenthal der afrikanischen Sahara versetzt wähnen. Und doch ist diese Gegend — wie die Wüste — nicht allen Lebens bar: Briiggerund ich haben in der Umgebung des Ducanpasses ( 2671 m ) noch 59 Phanerogamen gesammelt.

Auch Piz Linard und Piz Kesch zeigen untereinander ganz verschiedene Verhältnisse: Jener strebt eines Schwungs empor, eine einzige, fast schneefreie, gewaltige Felspyramide, deren kleiner Gletscher unscheinbar am Fuße zurückbleibt; dieser ist ganz umwallt vom mächtigen Porchabellagletscher, aus dem die schwarzen Felsen nur spärlich auftauchen.

Damit haben wir kurz in der Landschaft Davos das nivale Gebiet umschrieben, jene Höhenstufe der Alpen, die man gemeiniglich nach Natur, Klima, Pflanzenwuchs der polaren Zone vergleicht. Versuchen wir nun, nach kürzester Schilderung der unorganischen Elemente des Aufbaues, die Spuren seines organischen Lebens, sein Pflanzenleben zu skizzieren.

Heer beginnt seine Arbeit über die nivale Flora der Schweizmit folgendem Satze: „ Herr John Ba112 ) sagt in seiner interessanten Abhandlung über den Ursprung der Flora der europäischen Alpen, daß die Schneeregion mehr Pflanzen beherberge, als man gewöhnlich annehme, daß es aber noch nicht möglich sei, ein Verzeichnis dieser Flora zu entwerfen. Er fügt hinzu, daß wir mehr von der Pflanzenwelt der höchsten Regionen wissen würden, wenn unsere Alpenclubisten nicht nur ihre Füße, sondern auch ihre Augen bethätigen und von den höchsten Bewohnern unserer Gebirgszinnen einige Proben mitnehmen würden. "

Und wenn Christ von dem Pflanzenleben der Alpenregion im allgemeinen sagt, daß es durch plötzliche Abnahme in Bezug auf Größe und Masse der Individuen, durch hohe Eigentümlichkeit, durch wunderbare Anpassung der Pflanzen an die strengsten Anforderungen einer scheinbar feindlichen Außenwelt unser teilnehmendes Mitgefühl errege, so gilt dies vor allem für die oberste Region, für das Pflanzenleben der nivalen Zone: „ Denn wo Kampf und Sieg so augenfällig, und sei es auch nur im stillen Gebiet des Pflanzenlebens, da ist es uns nicht gegeben, stille Zuschauer zu bleiben !"

Diese Bemerkungen mögen mir die Berechtigung geben, an dieser Stelle einiges über die Flora der Schneeregion von Davos mitzuteilen.

Heer hat in seiner nivalen Flora der Schweiz die Schneeregion ( über 2600 m = 8000 Fuß ) in Stockwerke von je 500 Fuß Höhe162 m ) eingeteilt und die Flora jedes dieser in der Höhe aufeinanderfolgenden Stockwerke festgestellt. Er hat zu diesem Zwecke speciell im Kanton Graubünden ( in den dreißiger Jahren ) mehrere Jahre hindurch längere Sommerreisen ausgeführt und viele Gipfel, unter andern als der erste den Piz Linard, bestiegen ( 1835, 1. August ). In Davos hat er bloß auf dem Scalettapaß gesammelt, aber von einigen andern Punkten ( Ducanpaß, Schiahorn, Küpfenfluh, Kummerhubel ), die alle nur ins erste Stockwerk ( 2600—2762 m ) fallen, hat ihm Brügger Beiträge geliefert. Dieselben sind aber nicht erheblicher Natur — acht Arten vom Schiahorn, zehn Arten von der Küpfenfluh, während ich nach wiederholten BesteiÜber die nivale Flora der Schweiz. Von Professor Oswald Heer, 1884. Heer hatte diese Arbeit ursprünglich für das Jahrbuch S.A.C., dessen Mitglied er war, und dessen wissenschaftliche Hebung ihm stets am Herzen lag, bestimmt. Nach seinem Tode wurde dieselbe von der Denkschriften-Kommission der Schweizerischen naturforschenden Gesellschaft herausgegeben ( siehe Vorwort zur Flora nivalis ).

2Ni John Ball, F. R. S. On the origin of the Flora of the European alps.

gungen bloß für den -Hauptgipfel des Schiahorns eine Flora von 48 Arten, für die Küpfenfluh von 67 Arten ( mit den Angaben bei Heer ) feststellte — und durchaus ungenügend, um ein richtiges Bild von der nivalen Flora von Davos zu geben. Eine ganze Anzahl von Brüggers Angaben sind zudem noch unrichtig, und liegt wahrscheinlich eine Ortsverwechs-lung vor.1 ) Um nun rasch einen Überblick über den gesamten Umfang der nivalen Flora in ganz Bünden ( nach Heer ) und in Davos ( inbegriffen Piz Kesch und Piz Linard ) in den verschiedenen Höhenregionen ( von 2600-3412 m ) zu gewinnen, stelle ich die Artenzahlen, in einer Tabelle für jedes Stockwerk gesondert zusammengestellt, voran. Ich habe darin alle Angaben Heers über die Davoser Flora mit berücksichtigt, um nicht den Vergleich mit dem übrigen Bünden von vornherein zu ungunsten von Davos zu gestalten. Ich habe übrigens nur sehr wenige Arten, die Brügger auf dem Kummerhubel, 2599 m, ( den ich selber nicht besucht habe ), wachsend angiebt, anderswo nirgends gefunden.

Pflanzen der nivalen Begion:

Bünden Davos Von 3250—3412 » 16 Arten 14 Arten 3087—3250 m 32 n 2925—3087 m 78 „ 58 n TI 2762—2925 m 185 „ 07 n V 2600—2762 m 294 _ 204 V Über 3412 m ( VI. Stockwerk ) sind auf der Spitze des Piz Linard ( 3414 m ) noch fünf Phanerogamen gefunden worden. Heer hatte dort 1835 bloß Androsace glacialis angetroffen, Herr Sieber 20 Jahre später noch Ranunculus glacialis und Chrysanthemum alpinum gesehen; ich selber fand am 19. August 1895 auf den obersten Gesteinsbänken noch Rasen von Saxifraga oppositifolia und bryoides, die erste längst verblüht, die andere blütenlos. Es scheint somit, daß in 60 Jahren die Flora des Gipfels sich wesentlich bereichert hat, woraus nun allerdings auf eine Milderung des Klimas noch nicht geschlossen werden darf. Auch auf dem obersten Felsgerüst des Piz Kesch ( 3420 m ) ist nicht alles Leben erloschen. Von 3300 m ab bis ganz nahe unter den Gipfel, den der Firn fast ganz deckt, habe ich dort in den Felsen noch neun Arten gesammelt, von denen gewiß einzelne auch noch ins sechste Stockwerk gehen: Poa laxa, Androsace glacialis, Eritrichium nanum, Ranunculus glacialis, Draba Wahlenbergii helvetica, Cerastium unifiorum, Saxifraga oppositi- folia, bryoides, exarata. Die Gipfelfloren dieser zwei Berge enthalten die höchst ansteigenden Phanerogamen des rhätischen Gebirgslandes, und darunter wurden nur Ranunculus glacialis und Saxifraga oppositifolia in der Berninagruppe noch einige Hundert Fuß höher angetroffen.

Wenn wir die in obiger Tabelle niedergelegten Zahlen miteinander vergleichen, so fällt sofort auf, daß das im Verhältnis zum übrigen Bünden allerdings nur kleine Areal von Davos im ersten Stockwerk fast um ein volles Dritteil, im zweiten gar um die Hälfte der Arten gegenüber ganz Graubünden zurücksteht, daß dagegen in den drei obersten Stockwerken die Zahlen sich immer mehr annähern, um nicht zu sagen, identisch werden. Dieses „ Gleichwerden der Zahlen nach oben " ist aber auch dann noch auffällig, wenn wir die Anzahl der Fundorte miteinander in Betracht ziehen. Die 58 über 2925 m von mir gesammelten Arten stammen bloß von 17 verschiedenen Gipfelpunkten her; die 78 Arten Heers aber von 28. Im vierten Stockwerk habe ich auf bloß drei Gipfeln ( Piz Vadret, Piz Grialetsch, Flüela-Schwarzhorn ) 32 Arten gefunden, Heer auf 13 Gipfeln dieselbe Anzahl. Die 14 Arten des fünften Stockwerkes stammen bloß vom Gipfel des Piz Kesch und Piz Linard, während Heer von sieben Gipfeln 16 Arten kennt. Dasselbe Verhältnis der Anzahl der Fundorte findet sich aber auch für die niederen Stockwerke, ohne daß ich hier die genaue Zahl anführe, und trotzdem dieser Unterschied in den Artenzahlen!

Wenn der Satz seine Gültigkeit hat, daß die Vegetation eines Landes der getreueste Ausdruck für dessen Klima ist, so ergiebt sich aus obigen Zahlen, daß das Klima der Schneeregion von unten nach der Höhe zu immer ähnlicher wird und die örtlichen Schwankungen sich immer mehr ausgleichen. In den untersten Stockwerken machen sich aber offenbar noch solche lokale Einflüsse geltend. Hier zeigt sich allein die lokale klimatische Begünstigung des Engadins, denn dieses hat ( nach den der Tabelle Heers beigegebenen Fundorten ) zu den 294 Arten des ersten Stockwerks in ganz Bünden das Hauptkontingent geliefert. Im Engadin finden wir nicht bloß Arten, die Davos überhaupt fehlen, und die dort in die nivale Region eintreten, sondern auch Formen, wie die Salices Lapponum und arbuscula, Scatiosa lucida, Hypochocris uniflora, Hieracium Pilosella, Arctostaphylos uva ursi, Pinguicula grandiflora, Biscutella laevigata, Rosa alpina, welche hier noch ins erste Stockwerk oder noch höher hineinreichen, während sie in Davos sicher einige Hundert Meter tiefer aufhören.

Ich muß übrigens noch bemerken, daß von den 204 Davoser Pflanzen nur 194 mit an anderen Orten in Bünden beobachteten Nivalpflanzen identisch sind. Zehn Arten von den Davoserpflanzen sind für die nivale Region Graubündens neu: Festuca varia Hänk, Carex capillaris L., C. ornithopoda alpina Willd., Carduus defloratus rhaeticus D. C, Belli- diastrum Michelii Cass., Vaccinium Vitis Idaea L. ( bis ins dritte Stockwerk ), Primula farinosa L., Trollius europaeus L., Arabis alpestris Rchb. f. vestita, Kernera saxatilis Kchb. Alle diese Arten, außer der Preiselbeere, fand ich nur in der wärmeren Strelakette, nur wenig in die Schneeregion hineinreichend. So dürfte auch an andern Orten, an besonders günstigen, geschützten Lagen, die Flora nivalis noch um manchen Fund vermehrt werden!

Es zeigt sich eben auch hier, wo wir gerne bestimmte Grenzen, klimatische und pflanzengeographische Höhengrenzen für eine Region ziehen möchten, daß schon innerhalb kleiner Gebiete, wie es zwei benachbarte Thäler sind, die Verhältnisse sich verschieben, und die Natur sich ebensowenig in Fesseln legen läßt, wie bei der Bestimmung z.B. einer bestimmten Schneelinie, die auch noch nie jemand gesehen hat, und die, künstlich konstruiert, auch von Ort zu Ort wechselt.

Wie sehr lokale, günstige Verhältnisse das Hinaufrücken von Pflanzen bis ins nivale Gebiet, während sie normal sonst viele Hundert Meter tiefer angetroffen werden, erlauben, zeigen auch einzelne Davoser Standorte. Dem zerrissenen Dolomitgrate, der sich von der Küpfenfluh zum Strela hinzieht, sind einige bizarre Felstürme aufgesetzt, die an ihrer Südseite gegen Wind und Wetter wohlgeschützte Nischen einschließen. Und hier auf dem warmen Kalke hat sich eine relativ üppige Vegetation mitten in der allgemeinen Wildnis angesiedelt, welche sogar noch hohe Kräuter zu ernähren vermag. Da habe ich Festuca varia, Thesium alpinum, Senecio Doronicum, Carduus defloratus rhaeticus, Hieracium villosum, Galium sylvestre alpestre, Kernera saxatilis, Helianthemum vulgäre grandiflorum und andere nahe bei einander bei 2600 m angetroffen!

Wie sehr Davos begünstigt ist durch ein Klima, welches der bündnerische Hochboden sich geschaffen, und dessen Wirkungen weit in die nivale Zone hineinreichen, ergiebt eine Vergleichung seiner nivalen Flora mit jener des nur wenig nördlicher gelegenen Kantons Glarus. Hier hat der genaue Beobachter Heer bloß 42 Arten ( gegenüber 204 in Davos ) im ersten, 24 ( 97 ) im zweiten, 4 ( 58 ) im dritten und nur noch 1 Art ( 32 ) im vierten Stockwerk gefunden, und im fünften Stockwerk, über das der Tödi weit hinausragt, und in dem am Piz Kesch und Piz Linard noch 14 Phanerogamen gedeihen, keine blühende Pflanze mehr gesehen! Firn und Gletscher führen am Tödi und, wie es scheint, auch in den obersten Regionen der Berninagruppe ein zu unbeschränktes Regiment, um das Fortkommen einer blühenden Pflanze zu ermöglichen, während dagegen im Wallis noch in Höhen Phanerogamen angetroffen wurden, wo in Bünden und Glarus längst alles Leben erloschen ist.

Ich muß es mir hier versagen, auf weitere Vergleichungen einzutreten, und auch auf das Berner Oberland, das Wallis, das Mont-Blanc-Gebiet hinzuweisen, wie Heer es gethan hat. Nur bemerken will ich hier, daß aus allen diesen großen, alljährlich von einer Menge von Bergsteigern besuchten Gebieten die Pflanzenwelt nur einer verschwindenden Zahl nivaler Punkte bekannt ist. Hier bleibt für den Clubisten, der nicht bloß Beine und Arme an festem Fels und Gletscher üben will, sondern auch ein offenes Auge für die ihn umgebende organische Welt sich bewahrt hat, ein weites Feld übrig, zu dessen näherer Erforschung er einen Beitrag leisten kann. Oder sollte eine Pflanze nur dann Interesse erwecken können, wenn ein Polarforscher sie von seinen Fahrten ins Eismeer heimbringt, und dasselbe verlieren, wenn sie auf einem unserer lieben Berge, in unserm nivalen Gebiete gewachsen; sollten die Fragen, die sich hier an ihre Existenz, ihr Wachsen und Blühen, ihre Herkunft und Abstammung knüpfen, von minderer Bedeutung sein?

Heer hat in seiner Arbeit über die nivale Flora gezeigt, daß gerade die Hälfte der Arten unserer Schneeregion auch im cirkumpolaren Gebiete verbreitet ist, und daraus geschlossen, daß dieser Teil der Flora zur Gletscherzeit aus dem hohen Norden in die Alpen gekommen sei, und nach dem Rückzug der Gletscher in der Schneeregion eine Stätte gefunden habe, wo sie sich bis auf unsere Tage habe erhalten können, weil eben die klimatischen Verhältnisse hier, wie im Norden, ungefähr dieselben wären.

Ein wie großes Element diese nordische Flora auch auf den Davoser Berggipfeln bildet, will ich hier nur kurz durch beliebig herausgegriffene Beispiele aus jedem Stockwerke beleuchten. Auf dem Körbshorn ( 2654 m ) habe ich 96 Arten gefunden, und von diesen sind 55, also mehr als die Hälfte, nordisch. Die Sertig-Furka ( 2762 m ) ernährt noch 39 Species, davon 23 nordische. Hier ist das Verhältnis zu den Arten von anderer Herkunft wie 3:2. Auf dem Gipfel des Bocktenhorns ( 3047 m ) wachsen noch 27 Blütenpflanzen, von denen 15, also auch mehr als die Hälfte, auch in den polaren Ländern vorkommen. Die ganz von Gletschern umgebene Flora des Piz Grialetsch zählt 20 Arten, darunter 13 nordisches: Vs ), und jene des Piz Kesch von 3300 m ab noch neun Arten, von denen sechs Arten, also ebenfalls 2ls, nordisch sind. Es scheinen somit die nordischen Arten mit der Höhe zuzunehmen und auch dadurch ihre eisige Herkunft zu dokumentieren. Heer hat wohl recht, wenn er Christs Behauptung, daß die Polarländer, als das letzte ersterbende Glied am Leibe des Planeten, nicht fähig gewesen seien, eigene Pflanzenarten hervorzubringen, und dieselben von südlicheren Gegenden hätten entlehnen müssen, verneint, und vielmehr annimmt, daß jedes Klima sich seine eigenen Typen zu schaffen fähig ist. Wer je die herrlichen Rasen des Eritrichium nanum, die großen Blumen des Ranunculus glacialis, den weißen Blütenschnee des Cerastium latifolium, die brennend roten Polster der Silène acaulis, die nordischen Gräser, Poa laxa, alpina, Trisetum, die Saxifragen etc. an ihren in Gletscherrevieren verlorenen Felsstandorten gesehen hat, der hat nicht den Eindruck erhalten, als wenn diese Pflanzen hier bloß geduldet wären, nein, auch hier sind sie noch in ihrer Heimat, und das gilt auch für die noch fast schönern Arten, welche die Alpen selber geschaffen, so für die Silène excapa, welche in den Alpen aus der Silène acaulis hervorgegangen, Artemisia spicata, die Primeln, Chrysanthemum, Aronicum, Geum, die Rasen der Cerastien, die von dem C. latifolium sich herleiten ( C. filiforme, pedunculatum ), die himmelblauen Überzüge der Gentiana imbricata etc., und welche noch größtenteils auf den höchsten Felsstandorten, hoch ob Firn und Gletscher und ihm ganz benachbart, Blüten und Früchte tragen. Warum sollten diese Arten nicht auch hier entstanden sein?

Freilich, jeder dieser Nivalpflanzen ist schließlich nach der Höhe zu eine Grenze gesetzt, die sie nicht ungestraft überschreitet. Es geht dies schon ohne weiteres aus der ungemein raschen Abnahme der Artenzahl, je höher man kommt, hervor. Jede Pflanze hat ihr optimales Gebiet, d.h. eine Zone, deren klimatische Faktoren — auf andere, geologische und davon abhängige physikalische werde ich später hindeuten — ihrem Gedeihen offenbar am förderlichsten sind. Oberhalb und auch unterhalb dieser Zone, wenn hier auch weniger deutlich, verkümmert die Pflanze, ohne daß ihr Leben zunächst ganz unmöglich wird. Da dies Verhältnis nicht direkt aus einer Tabelle über die Höhenverbreitung der Arten hervorgeht, will ich es durch einige Beispiele illustrieren.

Das Geschlecht Aronicum mit nahe verwandten Arten, stattliche Gewächse, die sämtlich große, gelbe Strahlblüten tragen, neben Geum reptans wohl die größten Blüten der Schneeregion, zeigt gerade an der Grenze der nivalen Zone und bis ins zweite, selbst dritte Stockwerk hinein — Aronicum scorpioides blüht noch auf dem Alplihorn ( 3010 mdie größte Fülle der Entfaltung. Aber ich habe ein Aronicum noch auf dem Gipfel des Piz Vadret ( 3226 ra ) gefunden, freilich kaum mehr als solches erkennbar, nur bestehend aus 2—3 Blättchen, wenig größer und vergleichbar den Blättern einer Bellis perennis. Der auf diese einsame Spitze gelangte Same hat wohl noch zu keimen, ein kleines Wurzelwerk und eine ärmliche Blattrosette zu treiben vermocht, aber nie wird die Ungunst der Verhältnisse es erlauben, daß die Pflanze hier einen blühenden Stengel oder gar Samen bilden könnte. In fast ebenso undeutlicher Gestalt fand sich auf derselben Höhe eine Cardamine alpina, und auch Carex curvula bildete ebenda wohl noch kleine, dünne Rasen, aber kaum mehr blühende Ährchen. Phyteuma pauciflorum, die sonst schon leibesarm, ist geradezu winzig geworden, und der Inhalt ihres Blüten-körbchens ist auf 3—4 kleine Blüten zusammengeschrumpft. Dicht daneben stehen aber noch wohlgebildete Rasen der Silène excapa, aus denen die roten Blümchen zwar nicht mehr so dicht gedrängt, wie einige Hundert Meter tiefer, wie feurige Sternchen aus dem Grün hervorblitzen,

Tafel i.

= ntitiirliflif Grosse, k. = K;iik, n. = a ) Dianthus glacialis Häuk. 2600"'. u. Schiahorn.

b ) Lloydia serotina Rehb. 27(50"'. u. Hintere Thiejerfluh.

c ) Viola calcarata L. nivalis. 2655'". k. Kflpfenfluh.

d ) Primula integrifolia L. 2636ln. u. Strela.

e ) Gentiana verna L. „ imbricata " 2713'". k. Schiahorn.

f ) Rarìunculus glaciali« L. 2654"'. u. Körbshorn.

g ) Chrysanthemum alpinum Lam. 3047'". u. Bockteuhorn. h ) Poa laxa Hiluk. 3047 " ' .u. Bockteuhorn

und Poa laxa, Luzula spicata, Chrysanthemum alpinum, die Saxifragen oppositifolia, bryoides, exarata, die Cherleria sedoides und andere scheinen hier noch volles Bürgerrecht zu besitzen. Erigeron uniflorus, den allverbreiteten, habe ich auf dem Piz Grialetsch bei 3131 m noch mit schöner Blüte und Frucht getroffen; auf dem unweit gelegenen Schwarzhorn ( 3150 m ) in gleicher Lage, auf gleichem Gestein wiederholt nur in dürftiger Blattrosette beobachtet.

Wie wunderbar müssen diese Pflanzen, denen oft auch nach unten eine baldige Grenze gesetzt ist, die sie nicht überschreiten, angepaßt sein, um in den jeweiligen Bedingungen eines oft recht schmalen Bezirkes das beste Genügen ihres Gedeihens finden zu können! Eritrichium, nanum habe ich in Davos kaum unter 2600 m gesehen, ebenso Saxifraga. stenopetala, planifolia, Dianthus glacialis, Artemisia spicata und andere. Ein schmaler, wenige Hundert Meter Höhe der Berghänge umfassender'Raum scheint diesen Arten allein die rechte Möglichkeit, der Existenz, zu bieten. Und dagegen wieder das Verhalten anderer, oft nahe verwandter Arten!

Saxifraga oppositifolia gedeiht in voller Kraft und Blüte noch auf der Spitze des Piz Linard, wie sie sich am Bodenseeufer unter ganz andern Verhältnissen gefällt, während ihre nächste Verwandte, Saxifraga biflora, wohl aus ihr in den Alpen entstanden, kaum unter 2600 m in Davos angetroffen wird. Es giebt auch unter den an den Boden gefesselten Gewächsen Arten, die ungestraft in den verschiedensten Klimaten umherschweifen können, wie es Menschen giebt, die am Nordpol und Äquator ausharren, während andere nur in engsten Kreisen zu gedeihen vermögen. Wer enthüllt uns aber dieses Geheimnis, den Urgrund so verschiedenen Verhaltens, für das wir einstweilen bloß das Wort Anpassung haben?

Die nivale Flora ist somit nicht nur nach ihrer Herkunft verschieden — wir haben schon nordische und autochthone alpine Arten kennen gelernt, und von andern Elementen werden wir später noch sprechen — sondern jede einzelne Art findet auch innerhalb der scheinbar so gleichartigen physikalischen und klimatischen Verhältnisse der Schneeregion ein besonderes Gebiet, das ihr am besten zusagt. Das unterste Stockwerk bietet noch 204 Arten Raum, worunter sich schon manche finden, die nur ausnahmsweise die allerdings künstliche Linie der nivalen Region überschreiten; nur 800 Meter höher oben ist diese Zahl auf 5 zusammengeschrumpft. Wer lange und oft in der Schneeregion gewandert hat, dem ist nicht entgangen, daß zwar die Zahl der hier noch wachsenden Phanerogamen eine große ist, daß aber viele, und selbst solche, die gelegentlich ins zweite und dritte Stockwerk gehen ( z.B. die Preiselbeere ), hier oben nur geduldet sind und sich kaum fortzupflanzen vermögen. Daneben ist aber eine Gruppe, welche erst hier ihre rechte Schönheit entfaltet, noch in Menge auftritt und am höchsten hinaufreicht. Diese enthält die echten Kinder der Schneeregion und umfaßt in Davos folgende Arten: Agrostis rupestris, Trisetum subspicatum. Poa laxa*, alpina, Sesleria disticha*, Festuca Halleri*, Carex curvula*, Luzula spicata*, Androsace glacialis*, helvetica*, Linaria alpina, Eritrichium nanum*, Gentiana bavarica imbricata*, Eanunculus glacialis*, Draba tomentosa*, frigida, Wahlenbergii *, Cherleria sedoides*, Cerastium Jatifolium*, uniflorum*, glaciale*, Silène excapa*, Arenaria ciliata multicaulis, Saxifraga oppositifolia*, bryoides*, Aizoon, exarata*, stenopetala, Seguieri*, Potentina frigida*, Geum reptans*, Erigeron uniflorus*, Artemisia spicata ( überhaupt nur im dritten bis vierten Stockwerk gefunden ), Chrysanthemum alpinum*, Aronicum scorpioides, Senecio carniolicus*, Taraxacum officinale alpinum, Phyteuma pauciflorum *, Campanula cenisia, Pedicularis rostrata.

Diese 4Q Arten habe ich noch über 2925 m, teils seltener, teils verbreiteter ( mit * bezeichnet ), aber noch in schöner Ausbildung und Blüte, beobachtet.

Die Verteilung der Vegetation über die ganze nivale Zone ist aber eine sehr ungleiche, und die Abnahme des Grüns sowohl wie der Artenzahl nach oben geschieht durchaus nicht gleichmäßig. Schon bei der Schilderung des Umrisses und Aufbaus des nivalen Landes habe ich hervorgehoben, daß dicht an vereinzelte, relativ reiche Vegetation und Flora oft die ödeste Felswildnis und tote Eis- und Schneewüsten angrenzen. Auch diese Verhältnisse möchte ich hier mit einzelnen Zahlen in kurzer Beschreibung erläutern.

In der milden Strelakette reicht der geschlossene Rasen wenigstens in schmalen Zungen bis auf vereinzelte Gipfel, so auf das Körbshorn, den Schafgrind, Strela, und auch in den der Centralkette vorgelagerten Auszweigungen giebt es noch Gipfel, die des grünenden Anflugs nicht ganz entbehren, so das Jatzhorn, Thälihorn, und noch auf dem Wuosthorn ( 2824 m ), das die Schafe besuchen, tritt nicht überall der nackte Boden zu Tage; auch in der Paßfurche des Scaletta gegen den Kühalpgletscher giebt es Stellen, die noch an tiefere Regionen erinnern. Zumeist ist es die Süd- oder Südostseite der Berge, an der die Vegetation sichtlich weiter hinaufgeht, als auf den andern Abhängen. Noch au der nacktesten, höchsten Felspyramide wird der aufmerksame Beobachter an diesen südlich oder südöstlich unter dem Gipfel gelegenen Stellen vereinzelte Arten oder sogar noch kleine Rasen auffinden können. So auch am Flüela-Schwarzhorn, Piz Vadret, Piz Grialetsch, und am Linard, wenn man, von Norden herkommend, den Gipfelgrat endlich nach Südost umklettert und, den.Gipfel von Süden her gewinnend, hier wieder nach langer Zeit die ersten Boten einer belebten Welt wiedertrifft. Heer hat den Berg vom Engadin aus bestiegen, und er beschreibt anschaulich die Veränderung der Vegetation bis zum Gipfel; wäre er auch von Norden aufgestiegen, so wäre ihm der Berg auch pflanzenleer erschienen, eine nackte Steinpyramide.

Gegen Süden, an den steilsten Wänden, an denen der Schnee nicht zu haften vermag, oder auf schmalen Felsbändern, von denen ihn die wärmste Sonne bald wieder wegschmelzt, wohnen unsere Lieblinge. Hoch auf dem sonnigen Grate des Piz Vadret ( 3226 m ), mitten im Eismeer, leben so noch 17 Arten; auf dem Piz Grialetsch, wo das Eis und der Firn von Norden dicht an den Grat herantreten, der in schneefreier Wand nach Süden auf den Vallorgiagletscher abfällt, noch 20 Arten; auf dem Kühalphorn auf sonniger Höhe 14 Arten; auf dem Flüela-Schwarzhorn ( 3150 m ) noch 20 Arten, die ich hier als Beispiel einer typischen Nivalflora anführen will: Poa laxa, Sesleria disticha ( nach Theobald ), Festuca Halleri, Carex curvula, Luzula spicata, Erigeron uniflorus, Chrysanthemum alpinum, Senecio carniolicus, Phytenma pauciflorum, Androsace glacialis, Gentiana bavarica f. imbricata, Ranunculus glacialis, Hutschinsia alpina, Cherleria sedoides, Cerastium uniflorum, filiforme, Silène excapa, Saxifraga oppositifolia ( Theobald ), bryoides, exarata, Potentilla frigida. So überraschend reich solche einzelne Fundorte erscheinen, so vermögen sie doch inmitten einer wilden Hochgebirgsnatur nirgends den ernsten Eindruck der toten, unorganischen Masse zu bannen.

Alle bisher angeführten reichen Fundstätten — und es ließen sich noch viele nennen — gehören dem krystallinischen Gestein an ( Gneis, Glimmer [Hornblende etc.] -schiefer ). Auch der Verrucano ( Schafgrind ) und Porphyr ( Hintere Thiejerfluh ) beherbergen einen üppigen Flor. Anders nun auf dem im Gebiet meist als Hauptdolomit entwickelten Kalk.

Vergleichen wir dem Bocktenhorn ( 3047 m ) das im Kalkgebiet noch reich zu nennende Älplihorn ( 3010 m ). Hier auf dem Gipfel des Bocktenhorns, auf den letzten Hornbleiideschieferbänken, noch eine reiche, aus 27 Arten zusammengesetzte Flora. Von den Arten des mehr als hundert Meter hohe Schwarzhorns fehlen bloß Senecio carniolicus, Cerastium uniflorum und die dort sehr reduzierte, in einem Exemplar bloß vorhandene Hutschinsia.

Neben diesen gemeinsamen Arten, Beweise für die Gleichartigkeit der Gipfelfloren, treten'hier in tieferer Lage hinzu: Trisetum subspicatum, Poa alpina vivipara, Artemisia spicata, Linaria alpina, Eritrichium nanuni, Draba Wahlenbergii homotricha, Arenaria ciliata multicaulis, Saxifraga Aizoon, Seguieri, und zeigen, daß bei aller Gemeinsamkeit doch jede Gipfelflora wieder ihre Besonderheiten besitzt. Viele dieser Pflanzen treten hier noch zu kleinen Rasen zusammen.

Dagegen dort am Gipfel des niedrigeren Älplihorns suchen wir nur mühsam in den Ritzen des harten Kalksteins eingeklemmt die neun Arten zusammen: Festuca Halleri, Aronicum scorpioides, Taraxacum officinale alpinum, Campanula cenisia, Androsace helvetica, Draba tomentosa, Cerastium latifolium, Saxifraga oppositifolia. Zugleich ist die Flora eine ganz andere, denn außer der Festuca und Saxifraga oppositifolia haben die zwei Gipfel keine Art gemeinsam.

Aber noch viel öder ist die weite Ducankette: Da findet man nahe und auf den Gräten nur in weiten Abständen einmal einen Rasen der Saxifraga oppositifolia, biflora, stenopetala, am Fels eine S. Aizoon, oder das dichtgedrängte Polster der Androsace helvetica, die Rosette der Draba tomentosa. Damit ist schon die Flora jener Kalkwände erschöpft und im ganzen erscheint das große Gebiet ( über 2762 m ) absolut pflanzenleer, eine einzige wüste Trümmerstätte, nackte Felsen und Geröllhalden.

Günstiger, wenigstens in Bezug auf die Artenzahl, wenn auch die Vegetation immer noch dürftig genug genannt werden muß, präsentieren sich die niedrigeren Kalkgipfel, besonders im Strelagebiet, wenn sie auch ebenso nackt und zerfallen aussehen, wie die höchsten. Wer würde da noch auf der Küpfenfluh ( 2655 m ) 66, auf der Mädrigerfluh ( 2668 m ) 55 Arten vermuten? Die im gleichen Kamm mit der Küpfenfluh liegende krystalline und fast grünende Strela besitzt nur 44 Arten; aber freilich gehen hier die Schafe und das Galtvieh bis auf die Höhe, und sofort zeigt sich der nivellierende Einfluß ihrer Hufe und Zähne: Die Buntheit der Flora verschwindet, einzelne Arten beginnen zu dominieren ( Alchemilla, Taraxacum etc. ).

Dieser relative Reichtum der Kalkzone gilt aber nur für das erste Stockwerk; schon das zweite ist ausnehmend arm. Der Gipfel der Weißfluh ( 2848 m ), scheinbar ein absolut nackter, weißschimmernder Dolomitstock, trägt nur noch 16 Arten, zerstreut, in höchst dürftiger Ausbildung; die Kämme der Thiejerfluh ( 2785 m ), der Amselfluh ( 2785 m ) gar nur sieben, respektive zehn Arten, alle ebenso zerstreut, in verkümmerten Exemplaren. Steigen wir in noch höhere Stockwerke hinauf, so wird die Vegetation noch ärmlicher, die Artenzahl nimmt noch mehr ab, und dies sogar an humösen, geschützten Stellen, wo in ähnlicher Lage auf dem krystallinischen Gebirg ein reicher Flor nie ausbleibt.

Vor allem fällt dieser Kontrast an Orten auf, wo die beiden Gebirgsarten dicht aneinander stoßen, an Kontaktlinien. Der Gipfel des Schiahorns trägt auf seinem breiten Südabhang oberhalb 2600 m im Kalkgebirg noch eine relativ reiche Flora, zusammengesetzt aus 48 Arten, die stellenweise noch rasenartig zusammenschließen. Gegen Osten läuft der Kalkkamm, vom Gipfel in nackten Steilwänden und Klüften abfallend, gegen das krystallinische Schafläger aus und trifft noch im Gebiet des Schiahorns in einer Höhe von über 2600 m mit dem Glimmerschiefer zusammen. Die Linie, auf der die zwei Gesteine zusammentreffen, ist so scharf, daß wir den einen Fuß auf den Kalk, den andern auf das krystallinische Gestein setzen können, und ebenso scharf trennt diese Linie zwei Floren.

Hier ein kahler, scharfkantiger, heller Kalk, an dessen Wänden wenige Rosetten der Draba tomentosa, der Primula auricula kleben; die reizende Androsace helvetica schmiegt ihre festen Polster in die Gesteinsritzen, Dryas octopetala, Saxifraga oppositifolia, Sesleria coerulea, die seltene Valeriana supina, Carex ornithopoda alpina gefallen sich in weit zerstreuten Inseln auf Felsköpfen oder im Kalkgeröll. Ein Schritt weiter, und wir stehen auf festem, alpinem Rasen, der, die dunkeln Felsköpfe und Felsterrassen fast umhüllend, noch bis fast auf den Grat hinaufreicht. Dianthus glacialis leuchtet aus dichtem Grün, aus den nickenden Halmen der Gräser, Carex atrata, capillaris, des Anthoxanthum odoratum; hoch über dem Abgrund schweben herrlich schwefelgelbe Rasen der Saxifraga planifolia f. citrina; Cirsium spinosissimum, Bellidiastrum Michelii, Androsace obtusifolia, Primula integrifolia, viscosa, farinosa, Pedicularis verticillita, kurz ein ganzer Flor von nicht weniger als 65 Arten erreicht hier die nivale Zone und drängt sich auf dem engen Gebiet weniger Quadratmeter zusammen. Beiden Gebirgsarten gemeinsam sind bloß etwa 22 Arten, so daß die Schneeregion des Schiahorns, dank dem Zusammentreffen von Kalk und Krystallin, nicht weniger als 91 Gefäßpflanzen ( eingerechnet 2 Farrenkräuter, Botrychium Lunaria auf Schiefer, Asplenium viride auf Kalk ) trägt.

An solchen Kontaktlinien wird es vor allem deutlich, daß der ganze Charakter, der Reichtum und die Zusammensetzung einer Flora nicht bloß von der Höhe, sondern auch von der geologischen Unterlage abhängt. Der Kontakt trennt da in der That zwei verschiedene Gesteine und zwei verschiedene Floren. Die beiden Gebirgsunterlagen gemeinsamen Arten sind weit in der Minderzahl. Die Kalkpflanzen halten sich streng an ihren Boden und überschreiten die schmale Scheidelinie nicht, und umgekehrt gilt dasselbe für die Pflanzen des krystallinischen Gesteins. Dadurch erhalten eben solche Stellen einen seltenen Reichtum und eine besondere Mannigfaltigkeit.

Gewiß ist es nicht immer die chemische Natur des Gesteins, welche die einzelnen Arten veranlaßt, nur auf einer bestimmten Unterlage aufzutreten und jede andere zu meiden. Sicher giebt es aber Arten, und vor allem Kalkpflanzen, die dem Kalk unter allen Umständen treu zu bleiben scheinen, wenigstens in bestimmten Gebieten. In Davos ist z.B. eine Sesleria coerulea, Arabis pumila, Draba tomentosa, aizoides, Moehringia polygonoides, Cerastium latifolium, Saxifraga Caesia, stenopetala — während S. oppositifolia wie in allen Höhenzonen so auf jedem Gestein sich zu gefallen scheint — Carex firma, Primula auricula etc. immer nur auf Kalk zu treffen. Es ließe sich natürlich auch eine analoge Reihe von Davoser Kieselpflanzen aufstellen, d.h. von Arten, die unter allen Umständen einer krystallinischen Unterlage treu bleiben. Es ist hier aber nicht der Ort und Raum, um auf diese Fragen näher ein- zutreten, und ich muß mich wiederum begnügen, sie gestreift zu haben, um Clubisten, die in ihrem Gebiet der Gebirgsflora Aufmerksamkeit schenken möchten, anzuregen, daß sie darauf acht haben, ob eine Pflanze stets ihrer Unterlage treu bleibt, oder wechselt, oder in einer andern Gegend sich gerade umgekehrt verhält.

Gewiß ist es ja — wie auch Christ in seinem Pflanzenleben ausfuhrt — nicht immer die chemische, als vielmehr die physikalische Natur des Gesteins, welche eine Pflanze bestimmt, die eine Unterlage der andern vorzuziehen. Daher treffen wir die Trockenheit liebenden, echten Felsenpflanzen vor allem auf dem warmen Kalk, während die größerer Feuchtigkeit bedürftigen Arten sich an das leichter verwitternde, Wasser bindende Urgestein halten.

Der Wassermangel auf den höchsten Kalkgipfeln, das rasche Versinken des Schmelzwassers in die Tiefe, die gesteigerte Verdunstung in den stark sich erwärmenden Kalkwänden erklärt uns auch die außerordentliche Pflanzenarmut der höhern Kalkketten. Ich habe auch gefunden, daß der relative Reichtum einzelner, niedrigerer Kalkgipfel ( Küpfenfluh, Mädrigerfluh ) sich meist an jenen Stellen häuft, die eine am Gipfel oder Gipfelkamm den Winter über sich ansammelnde große Schneewächte bis in den Sommer hinein feucht zu erhalten vermag. Noch ärmer, noch trostloser sind die Serpentingipfel, so das Todtalp-schwarzhorn ( 2672 m ) und Punkt 2693. Sie bilden unheimliche, schwarze und braune, zerrüttete Steinhaufen, auf welchen die wenigen Pflanzen überaus spärlich in kümmerlichen Exemplaren wachsen. Keine Art ist dem Serpentin eigentümlich. Das Schwarzhorn weist noch 13 Arten auf, die ich hier als Beispiel einer Serpentinflora anführen will: Lycopodium Selago, Poa laxa, Primula hirsuta ( in Blatt ), Linaria alpina, Cardamine resedifolia, Hutschinsia alpina, Alsine verna, Cherleria sedoides, Cerastium latifolium, Saxifraga stellaris, varians, androsacea. Punkt 2693 hat nur 7 Arten: Poa laxa, Sesleria disticha, Cardamine resedifolia, Viola calcarata, Alsine verna Gerardi, Cherleria, Cerastium alpinum. Diese Listen zeigen eine seltsame Mischung von Pflanzen, die in Davos nur auf Kalk, oder Urgebirg, oder auf beiden zusammen wachsen.

Schon öfter bin ich im Vorhergehenden im Falle gewesen, auf die bunte Mischung der Flora, den Artenreichtum so vieler Stellen in der nivalen Region hinzuweisen, eine Fülle, die seltsam gegen die im ganzen doch ärmliche Natur, die weiten, öden, wüsten Strecken absticht. Darin liegt aber auch ein entscheidendes Merkmal der nivalen Vegetation gegenüber der dichten Grasnarbe tieferer, glücklicherer Gegenden, jenen weiten Fluren, Wiesen und Matten, die aus wenigen Arten ihren einförmigen und wenigfarbigen Teppich weben, jenen Wäldern, die aus einer oder wenigen Baumformen gebildet sind. In der Schneeregion blickt überall der nackte Boden durch, ja auf weiten Strecken scheint oft jeder Pflanzenwuchs zu fehlen, und nur mit Mühe entdeckt man da und dort einen leichten grünen Anflug. Untersucht man aber diese sparsamen Zeugen vegetabilischen Lebens näher, jene Bänder und grünenden Inseln, so überraschen sie durch ihre Zusammensetzung aus den verschiedensten Arten in buntester Mischung, und oft entfaltet sich da auf kleinstem Räume ein Reichtum, wie er in der Tiefe, auf unsern Kulturwiesen, in unsern Wäldern und Auen so gedrängt sich nirgends bietet. Ich habe als Beispiel für solche Stellen schon früher das Schiahorn und seine Kontaktzone ( 91 Arten ), die Küpfenfluh ( 67 Arten ) und die Mädrigerfluh ( 55 Arten ) angeführt. Hier noch einige Beispiele. Wer würde auf dem Körbshorn, an dessen einen von den drei Gipfelpunkten nur von Süden her der schon offene, alpine Rasen heranreicht, während den übrigen Raum, nicht größer als der Boden einer Kirche, scheinbar nur öder, nackter Boden und Geröllhalden und jäh nach Norden abstürzende Felsen einnehmen, noch einen aus 97 Arten gestickten Flor erwarten? diese Stelle hat die größte Anzahl von Nivalpflanzen in Davos geliefert und steht nicht zu sehr hinter dem Faulhorn im Berneroberland mit 126 Arten zurück, wenn man bedenkt, daß der Gipfel jenes Berges eine menschliche Wohnung trägt und mit Hilfe des Menschen schon manche Aussaat stattgefunden hat. Die Hintere Thiejerfluh, aus Porphyr aufgebaut, bietet von 2700-2760™ noch 47 Arten, die mit Arten von andern krystallinischen Gipfeln übereinstimmen, in üppigem Gegensatz zu der mit ihr durch einen flachen Rücken verbundenen, aus Kalk bestehenden, abschreckend zerrissenen Hintern Thiejerfluh, die, nur wenige Meter höher ( 2785 m ), bloß noch 7 exquisite Kalkpflanzen nährt. Im zweiten Stockwerk besitzen noch die Sertigfurka ( 2762™ ) 39 Arten, das Leidbachhorn ( 2912 m ) noch 34 Arten, aber schon das ebenfalls krystalline Sentishorn ( 2830m ) bloß noch 13, das Wuosthorn ( 2824 m ) 26 Arten, während die Kalkgipfel, so die schon genannte Hintere Thiejerfluh mit 7 Arten, die Amselfluh ( 2785 m ) mit 10 Arten schon arm zu nennen sind; bloß die Weißfluh ( 2848 m ) und das Krachenhorn ( 2894 m ) weisen noch je 16 Arten auf. Von höhern Gipfeln, die dem dritten und vierten Stockwerk angehören, habe ich das Bocktenhorn ( 3047 ml mit 27, den Piz Grialetsch ( 3131 m ) mit 20 Arten, wie das Schwarzhorn ( 3150 m ), den Piz Vadret ( 3226 m ) mit 17 Arten, den Piz Linard ( 3300—3400 m ) mit 9 Arten, noch ebensoviel, wie der viel niedrigere Kalkgipfel des Älplihorns ( 3010 m ) trägt, auch schon gelegentlich erwähnt. Alle diese Fundorte bieten diese Floren meist auf engstem Räume.

Woher rührt nun diese Erscheinung der so bunten Mischung der Arten in der nivalen Zone? Ich habe einmal angeführt, daß schon eine leise Berührung mit der Kultur, schon der regelmäßige Weidgang, das Lagern der Schafe auf bestimmten Plätzen genügt, um eine kleine Änderung in der ursprünglichen Zusammensetzung der Flora zu bewirken. Da schließt sich der Rasen, und es beginnen einzelne, Dünger liebende Pflanzen, sich auf Kosten anderer auszubreiten. Es ist aber noch ein anderer Faktor, als das Fehlen jeglicher Kultur, der dem Artenreichtum so beschränkter Stellen in jenen Höhen günstig ist, und das ist nicht nur ihre isolierte Lage, die Zugänglichkeit von allen Seiten, sondern vor allem auch das in überreichem Maße Vorhandensein von offenem Boden. In der Tiefe ist aller verfügbare Raum schon besetzt; kaum daß ein Same zu keimen vermag, so wird er schon von seinen Nachbarn bedrängt und im Keime erstickt. Nicht so in der nivalen Region. Hier ist noch Raum für alle auf der Erde. Wenn ein Same hier von irgendwoher an- langt, kann er ungehindert von stärkeren Konkurrenten auskeimen, und die Gefahren, die ihm drohen, liegen anderswo, nicht in der organisierten Natur, sondern in der Strenge und Ungunst des Klimas. Wohl mögen zwar Samen zu Tausenden, unbekümmert um neidische Nachbarn, ihr erstes Würzelchen und Blatt austreiben, aber Tausende dürften auch der Kälte, dem Schnee und Hagel, dem Gefrieren und Wiederauftauen zum Opfer fallen. Daher mag es kommen, daß wir zwar in der Schneeregion noch einen bunten Flor, aber so selten und fast nur noch im untersten Stockwerk da und dort einem Streifen dichterer Grasnarbe begegnen, weil eben die Lücken sich nicht zu schließen vermögen, weil den Pflanzen das Heranwachsen und Erstarken so schwer wird. Wenn aber einmal die vegetativen Organe, das Wurzelwerk und die dichten Blattrosetten angelegt und die Pflanze blütenreif geworden ist, dann schadet ihr sicher die größte Kälte nicht mehr. Ich habe in jenen Höhen nie eine erfrorene Pflanze, höchstens eine vom Reif geknickte Blüte getroffen.

Die Tendenz der meisten nivalen Arten geht auch dahin, ein starkes, in die Tiefe dringendes Wurzelwerk zu bilden, und über der Erde ein dichtes Blattwerk, das zumeist in Rosetten geordnet ist, die zu vielen in dichte Polster sich zusammenschließen und viele Jahre ausdauern. Einzelne dieser Rosetten gelangen zum Blühen; sie entwickeln kurze Blütenstengel, deren Blüten in ihrer Gesamtheit oder einzeln durch Größe und Farbenpracht seltsam zum kurzen, gedrungenen Leib kontrastieren; andere Rosetten sammeln Vorräte fürs kommende Jahr, und neue werden wieder angelegt.

Dieses Anschmiegen der dicht in Rosetten gelagerten Blätter an die schützende Erde, das Aneinanderrücken des Blattwerks auf engsten Raum, kurz die Rosetten und Polsterbildung, die dichte, oft silberige Behaarung, die dicken, fleischigen Blätter, auch bei Arten, die tiefer dünnem Blattquerschnitt haben ( z.B. Viola calcarata, Campanula pusilla, Scheuchzeri etc. ), die Drüsigkeit und die kalkabsondernden Punkte der Blätter ( so bei Saxifragen ) haben sicher — wie schon oft ausgeführt worden ist — nicht den Zweck des Schutzes vor der Kälte, die diese Kinder des ewigen Schnees gewiß nicht scheuen, sondern des Schutzes vor zu großer Austrocknung. Wenn wir hie und da an öden Felslehnen dürren Rasen finden, so ist er dem Wassermangel und nicht Schnee und Eis erlegen. Wohl ist an Niederschlägen in jeder Form in der nivalen Region kein Mangel, und im Sommer tropft es von jedem Felsen, aber im Herbst herrscht doch oft wochenlang, im Gegensatz zur arktischen Zone, das schönste, trockenste Wetter, und die schneidenden Winde, die nächtliche Strahlung der isolierten Gipfel in den reinen Alpenhimmel, die gesteigerte Verdunstung mit zunehmender Höhe, jene austrocknende Luft, die jeder, der schon längere Zeit über Eis und Schnee gewandert, an sich erfahren, die gewaltige Insolation lassen das allbelebende Naß nur zu bald verschwinden. Die Vegetationsmöglichkeit ist auch in diesen Höhen, etwa als Folge der Kälte, wie man glaubt, durchaus nicht auf eine ganz kurze Zeit herabgesetzt. Ich habe schon im April auf dem Gipfel des Schiahorns die schönsten blühenden Polster der Saxifraga oppositifolia, der Gentiana verna „ imbricata ", Draba aizoides, blühende Stengel der Hutschinsia alpina, Viola calcarata, Arabis alpina, der Sesleria coerulea gepflückt, und im Mai, Juni, wenn der Laie im Flachland die Schneeregion noch ganz in Eis und Schnee vergraben glaubt, ist, wie auf Inseln, mitten im schmelzenden Schnee schon ein ganzer Flor erblüht. Im Juli und August, wenn nur noch die höchsten Felsen triefen, wird allerdings erst der Höhepunkt, auch im wörtlichen Sinne, erreicht, und schon im September ist alles wieder braun und scheinbar tot, aber nicht infolge etwa neuer Kälte, neu einsetzender Schneefälle. Gerade was den Herbst und die immer kürzer werdenden Tage oft bis in den Winter hinein im Gebirge so unvergleichlich macht, die fehlenden Niederschläge, der wochenlang oft blauende, wolkenlose Himmel, dörrt rasch den Boden aus und verdorrt das Grün. An günstigen Orten kann man aber noch im Oktober, ja in den November hinein blühende Pflanzen, oft in zweiter Blüte, bis in die Schneeregion finden. In diesen warmen Herbsttagen wird noch mancher Vorrat fürs nächste Jahr angelegt, manche Wurzel erstarkt, und manche Frucht bringt es noch zur Reife, in einem Klima, das gegenüber dem arktischen manche Vorzüge aufweist bei aller Ähnlichkeit! Ich habe noch am 3. Oktober 1897 auf dem Schwarzhorn ( 3150 m ) Senecio carniolicus in schönster Blüte gesehen, und Saxifraga exarata, bryoides, Silène excapa, Cerastium filiforme zeigten neben Früchten immer auch noch einzelne Blüten. Sogar am 26. Oktober ( 1893 ) habe ich vom Plattenhorn aus einer Höhe von 3000 m noch blühende Draba tomentosa heruntergebracht.

Den Schutz gegen die in der Höhe drohende Austrocknung, gegen die allzusehr gesteigerte Verdunstung tragen die Nivalpflanzen deutlich in ihrem Äußern, in Bau und Anordnung der Organe zur Schau und erreichen ihn auf die mannigfaltigste Art. Ich kann diese Mittel — die ich an anderer Stelle auch schon angedeutet habe — auch hier, viel- leicht am besten an Hand einer kleinen Gipfelflora, ebenfalls nur andeuten. Der Piz Grialetsch ( 3131 m ) trägt nahe seinem Gletscherkamm auf kleinem Räume eine Pflanzengemeinschaft, die, wenn sie auch nicht alle Möglichkeiten erschöpft, doch manche Art des Schutzes illustrieren kann.

Die Gräser ( Trisetum subspicatum, Poa alpina vivipara, laxa, Festuca alpina, Halleri, Luzula spicata ) verhindern durch Reduktion der verdun-stenden Fläche, d.h. ihrer Blattorgane, zum Teil aufs äußerste, und durch Verkieselung der Membranen die Transpiration. Die meisten rücken zu Polstern zusammen, und diese und ein Wurzelfilz suchen das fliehende Naß zu fesseln. Erigeron uniflorus und vor allem die schimmernde Artemisia spicata schützen sich durch dichte Behaarung. Die Androsace glacialis, die Gentiana bavarica imbricata zeigen kleine, dicht dachziegel-förmig zusammenschließende, dickliche bis fleischige Blättchen, in Rosetten geordnet, die zu ganzen, dichten Polstern zusammenschließen. Auch die Draben ( Wahlenbergii homotricha, frigida ) weisen die Rosettenform auf, die einzelnen Blättchen sind starr, hart und bei der frigida mit Stern-haaren besetzt. Alsine verna f. Gerardi, Cherleria sedoides, besonders letztere, suchen Schutz in noch dünnern, fast nadelförmrgen, starren Blättchen, die, in Büschel gedrängt, besonders bei der letztern in engstem Polster zusammentreten. Das Cerastium ( C. filiforme ) speichert Wasser in fleischigen Blättern, die nahe aneinander gedrängt auf vielen Stengeln noch näher aneinander rücken und, dem Boden angeschmiegt, einen Rasen bilden. Auch Silène excapa mit kurzen, schmalen und starren Rosettenblättchen findet das beste Genügen in sehr dichtem Polster, dem die kleinen, roten, stengellosen Blütchen wie Sternchen eingefügt sind. Die Organe der ganzen Pflanze sind noch viel kleiner, reduzierter als jene der Silène acaulis, deren nivale Form sie wohl bildet, und die Blüte vor allem noch unscheinbarer, wohl weil die Pflanze in dieser Abgeschiedenheit kaum mehr auf Insektenbesuch rechnen kann und auf Selbstbestäubung angewiesen ist. Die Saxifragen ( oppositifolia, bryoides, exarata ) sind sämtlich Rosettenpflanzen, mit kurzen, fast harten Blättern, spitzig, starr bei der S. bryoides, in dichten Polstern, weicher, drüsig bei der Saxifraga exarata. Und auch Geum reptans ist viel gedrungener, mit kleineren, behaarteren Blättern, die eng zusammenschließen, mit kleineren Blüten als bei der Form tieferer Regionen.

So finden wir denn in dieser auf einer Gletscherinsel verlorenen Florula, umgeben und scheinbar genährt von unerschöpflichen Vorräten des unentbehrlichsten Elementes, den vollständigsten Xerophytenverein!

Endlich will ich noch an Hand eines speciellen Beispieles — der Gentiana verna „ imbricataden Einfluß erörtern, welchen das nivale Klima auf den Bau einer Pflanze beim Hinaufrücken in die Schneeregion auszuüben vermag. Ich setze voraus, daß jeder Alpenclubist die Gentiana bayarica kennt, die mit lieblich blauer Blüte auf langem Stengel so manche niedere Alpentrift schmückt, und auch ihre hochalpine Form ( f. imbricata !), die, etwa in der nivalen Zone beginnend, von hier aus die steilsten Felshörner erklimmt und auch in Davos bis ins vierte Stockwerk geht, wo sie noch auf nackten Felsbändern ihre kleinen Rosetten-rasen ausbreitet, aus denen zahlreich die stengellosen Blüten in hellem Glanz aufstrahlend mit dem blauen Alpenhimmel wetteifern. Es war mir man von Interesse, auch der Frühlingsgeotiane ( Gentiana verna ), die bis in die Ebenen herabsteigt und in Davos auch nur das erste Stockwerk gewinnt, hier meist in einer Form zu begegnen, die sie mir zuerst ganz unkenntlich machte und mit der Gentiana bavarica f. imbricata verwechseln ließ, so sehr hatte die nivale Höhe umändernd auf die Pflanzengestalt gewirkt. Schon im April und Mai, wenn die Berge noch nicht schneefrei geworden sind, blüht sie auf den kahlen Kalkgipfeln des Schiahorns und der Küpfenfluh. Eine mächtige, stark in die Tiefe dringende Pfahlwurzel löst sich nach oben in eine Menge oberirdischer Zweige und Stämme auf, die sich ausläuferartig auf dem Boden verbreiten und die mit Blattrosetten, deren Ränder rasenartig sich fast berühren, endigen. Die in der Rosette sich dicht berührenden Blätter sind viel kleiner, kürzer als bei der Pflanze der Tiefe, vorn fast abgerundet, dicker, fleischiger und beherbergen meist in der Mitte die stengellose Blüte, die im Vergleich zum verringerten Pflanzenleibe größer erscheint. Ich wüßte diese nivale Form nicht anders denn nach Analogie mit der Gentiana bavarica imbricata als Gentiana verna „ imbricata " zu benennen. Auch die Gentiana brachyphylla, obschon in der hochalpinen Zone zu Hause, nähert sich in der Schneeregion immer mehr dem oben beschriebenen Typus.

Kürze, Gedrungenheit, Reduktion der vegetativen Glieder bei ungefährem Gleichbleiben der Blütenorgane in Größe und Form und daher scheinbares Größerwerden derselben, Rückzug der Pflanze an die Erde — das ist die Physiognomie der nivalen Flora. Jene großen, saftreichen, großblätterigen Kräuter, welche wenige Hundert Meter tiefer noch die Alpenmatten und Alpengebüsche zieren, Gentiana punctata, Trollius, Aconitum, werden, sofern sie überhaupt noch die Schneeregion erreichen, viel kleinstengliger, arm und kleinblättriger, wenig blutig, mit einem Worte, sie verkümmern und zeigen deutlich, daß sie an die Grenze ihrer Existenz gestellt sind. Von Holzpflanzen sind noch 12 vorhanden ( in der ganzen Schweiz nach Heer 16 ), von denen Salix herbacea, serpyllifolia, Vaccinium Vitis Idaea bis ins dritte, Vaccinium uliginosum, Azalea procumbens noch ins zweite Stockwerk gehen, während Juniperus nana, die einzige Konifere der Schneeregion, Salix retusa, reticulata, Daphne striata, Vaccinium Myrtillus, Arctostaphylos alpina, Empetrum nigrum eben noch die Grenze der nivalen Region erreichen. Aber auch diese Zwergsträucher sind meist stark reduziert, einige wohl nur geduldete Gäste, und bloß die fast krautartigen Weiden, und diese besonders, Azalea procumbens, Empetrum nigrum, sind hier noch in der Heimat und pflanzen sich reichlicher oder spärlicher fort. Es wäre ebenfalls eine Aufgabe des Clubisten, auf Herbsttouren die Pflanzen mit reifen Früchten und Samen von den Höhen zu bringen, denn erst dann würden wir erfahren, welche Arten den ganzen Lebenscyklus in der nivalen Region zu vollbringen vermögen, welche Arten hier noch Vollbürger sind und welche Hintersassen, die, wenn sie dem Kampfe ums harte Dasein erlegen, immer wieder aus der Tiefe, wer weiß mit wie vielen Opfern, ersetzt werden müssen. Auch die einjährigen Kräuter fehlen in Davos nicht ganz in der Schneeregion und vollenden hier, trotz der Ungunst des Klimas, in einem Sommer ein ganzes Leben vom Samen bis wieder zur samenreifen Frucht. Aber es ist bezeichnend, daß von 7 Arten bloß 2 ( Sedum atratum, Linaria alpina ) zwar noch das dritte Stockwerk erreichen, alle andern aber schon im ersten zurückbleiben ( Gentiana campestris, tenella, Euphrasia minima, salisburgensis, Arenaria Marschlinsii ) und von mir fast nur, wenn auch stellenweise reichlich, in der milden Strelakette gefunden wurden. Ebenso erreichen Ebenenpflanzen noch vielfach, oft aber in einer hochalpinen Modifikation, die nivale Höhe. Ich zähle dazu in Davos nach dem Vorgange Heers — welcher aber einige wohl gute alpine Artenals bloße Varietäten von Ebenenpflanzen aufgefaßt hat — 19 Arten: 2 Festuca* ( alpina, Halleri ), Verwandte der allverbreiteten Festuca ovina ( IV ), Anthoxanthum odoratum ( II ), Carex ornithopoda alpina ( I ), Solidago aurea cambrica ( I ), Taraxacum officinale alpinum ( III ), Vaccinium Myrtillus ( I ), Thymus Serpyllum ( I ), Myosotis sylvatica alpestris* ( I ), Gentiana campestris ( I ), Galium sylvestre alpestre ( I ), Polygala amara alpestris* ( I ), Helianthemum vulgäre grandiflorum ( I ), Arenaria serpyllifolia Marsch-linsii* ( I ), Cerastium arvense strictum ( I ), C. triviale alpinum ( I ), Silene inflata alpina* ( I ), Alchemilla vulgaris ( I ), Anthyllis Vulneraria alpestris ( I ). Die römische Zahl bezeichnet das Stockwerk, bis in welches die Pflanze von unten her vordringt. Es geht aus dieser Tabelle hervor, daß die Ebenenpflanzen fast ohne Ausnahme schon im ersten Stockwerk zurückbleiben. Endlich eine Anzahl von montanen Arten, oder Arten, die wir schon auf niedrigen Vorbergen oder bis an den Fuß der Berge antreffen, wie Sesleria coernlea ( II ), Thesium alpinum ( I ), Anteunaria dioica ( I ), Carduus defloratus ( I ), Bellidiastrum Michelii .(I ), Campanula pusilla ( I ), Scheuchzeri ( II ), Vaccinium uliginosum ( I ) und V. Vitis Idaea ( III ), Primula farinosa ( I ), Gentiana verna ( I ), Arabis alpina ( II ), Draba aizoides ( I ), Kernera saxatilis ( I ), Saxifraga Aizoon ( III ) etc., gehen nur mit Ausnahmen über das zweite Stockwerk hinaus.

So bleiben denn als rechte Kinder der eigentlichen Schneeregion eine Anzahl mehrjähriger, niedriger Kräuter übrig, welche entweder in der echten alpinen Zone entstanden und dort zu Hause sind, oder noch die öden Gestade des Polarmeeres schmücken helfen. Eine Quintessenz dieser nivalen Arten im strengsten Sinne habe ich schon früher aufgezählt und kann ich es daher an dieser Stelle unterlassen.

Es ließe sich auch noch untersuchen, welche Pflanzenfamilien hauptsächlich in der Schneeregion vertreten sind, in welchem Verhältnis die einzelnen Genera unter sich und zur Gesamtzahl der Arten stehen; ob sich die für ein Stockwerk gefundenen Werte in den folgenden gleich bleiben oder ändern und in welchem Sinne etc. Auch ein Vergleich der für Davos erhaltenen Werte mit jenen anderer Gegenden würde manches Interesse bieten. Ich will hier aber nur kurz erwähnen, daß die artenreichsten Familien, die Gräser und Halbgräser ( Gramineen mit 17, Cyperaceen mit 13, Juncaceen mit 5 Arten ), mit zusammen 35 Arten vertreten sind. Diese mit den Kompositen ( 33 Arten ) machen allein den dritten Teil sämtlicher Arten der Schneeregion aus. Nach diesen folgen die Cruciferen mit 14, die Alsineen und Saxifrageen mit je 13, die Primulaceen und Scrofularineen mit je 10, die Gentianeen mit 9 Arten. Alle andern Familien haben weniger Vertreter. Die artenreichste Gattung ist Saxifraga mit 13 Arten.

Ich muß es mir versagen, hier, wo es sich nur darum handelt, zu zeigen, unter wie vielen und mannigfaltigen Gesichtspunkten sich die kleine, unscheinbare Flora unserer nivalen Region betrachten läßt, diese Verhältnisse noch weiter in oben angedeuteter Weise auszuführen, und wer sich dafür interessiert, kann dies leicht an der Hand des dieser Arbeit beigegebenen Verzeichnisses sämtlicher nivalen Arten thun.

Aber noch eine Frage läßt sich stellen: Wie sind alle diese Pflanzen in diese abgeschiedenen, einen großen Teil des Jahres und einen großen Teil stets unter Eis und Schnee vergrabenen Höhen gelangt? Auf zweierlei Art offenbar können die Samen von Insel zu Insel, von Gipfel zu Gipfel getragen worden sein, entweder durch Tiere, zumeist Vögel, oder auf den leichteren Schwingen des Windes. Dem Tiertransport fällt in diesen dem warmen Leben so feindlichen Räumen, die kaum ein paar Gemsen zu ernähren vermöchten, und wo oft stundenlang nicht einmal ein Vogel zu bemerken ist, kaum eine große Rolle zu. Jedem aufmerksamen Beobachter sind aber schon, in oft weit von jedem Land entfernten Schneewüsten und Gletscherfeldern, Gegenstände aufgefallen, die für die große Fähigkeit des Windes zu solchen Transporten sprechen. Ich habe selber schon auf dem Ducangletscher, unweit der Spitze des Gletscher-Ducans, eine Menge von Schmetterlingen ( z.B. Zygaena exulans, Melitaea Cynthia, Dasyria Tenebrarla, Nemeophila Plantaginis, Melitaea Aurinia var. Merope ) aufgelesen, wie sie eben, erstarrt, im Begriffe waren, im Schnee, der den Gletscher bedeckte, zu versinken. Es sah so aus, als ob die gaukelnden Scharen eines ganzen blumigen Alpenfeldes, das in großer Tiefe und weiter Entfernung lag, plötzlich in die Lüfte gehoben und hierher getragen worden wären. Noch 1897 fand ich auch auf dem Radünergletscher eine große Libelle, tot und steif, stundenweit von ihrem heimatlichen Ufer entfernt, und eine große Zahl von Laubblättern, die aus weiter Tiefe stammen mußten. Ich bin überzeugt, daß bei Umfrage ähnliche Funde, die für den Windtransport nach den Höhen zu, vor allem für viele geflügelte Samen, sprechen, leicht vermehrt werden könnten. So sollte man erwarten, daß unsere nivalen Arten zerstreut und regellos, wohin sie der Zufall auf luftigen Schwingen getragen, durch das nivale Gebiet zu finden wären. Dem ist aber nicht so. Gewiß giebt es eine Reihe von Arten, die zerstreut, vereinzelt oder nur an voneinander weit entfernten Punkten beobachtet sind, während allerdings die Mehrzahl, vom Winde weit verbreitet, fast überall in breiter Masse vorkommt. Aber gerade durch eine lückenlose Erforschung des Gebirges, die alle Standorte aufdeckt, werden wir auch für so manche „ seltene " Pflanze, deren Dasein oft ein Rätsel, die Wege kennen lernen, den die Pflanzenverbreitung und Wanderung einst genommen. Wie die Zugvögel zu ihren Wanderungen meist ihre altgewohnten Wege und im Gebirge stets dieselben Pässe wählen, so thun es auch die Winde. Und gerade, daß wir an Wind-straßen gewisse Arten in ihrer Verbreitung und Ausstrahlung verfolgen können, spricht in hohem Maße für die Rolle, die den Winden beim Transporte der Samen zukommt. Hier einige Beispiele, die fast als Beweise gelten können.

Im Engadin ist die aromatisch duftende, fast schwarz-violette Primula graveolens eine verbreitete Erscheinung. In Davos habe ich die Pflanze fast nur auf den hohen ins Engadin führenden Paßlücken ( Sertigfurka, Scaletta, Fittela ) getroffen, und von da in einzelnen Ausstrahlungen, die alle im Hintergrunde der von jenen Pässen nach Davos hinunterziehenden Thäler liegen. So zu hinterst im Kühalpthal gerade gegenüber der Paßhöhe der Sertigfurka bei 2400™, zusammen mit einer Kolonie der seltenen Pedicularis incarnata, die auch in den Vanezmähdern, am Fuße der Vanezfurka auftritt. Im Dischmathal, in das der Scalettapaß herunterführt, ist die Primel bis in ein kleines Seitenthälchen ( Rüedis-thal ) in wenigen Exemplaren und auch auf der Nordseite des Flüela in kleiner Kolonie bis zum Tschuggen vorgedrungen. Eritrichium nanum, die reizendste Dekoration der höchsten Felsen, ist auch auf der Sertigfurka vorhanden, und die Richtung, von woher sie gekommen, weist auf den Piz Kesch, dessen Pyramide sie fast bis auf den Gipfel folgt. Von der Sertigfurka aus hat die Pflanze das daneben aufragende Kühalphorn erklommen und folgt dessen Kette über das Augstenhörnli und Punkt 2934 bis zum Bocktenhorn und Sattelhorn, um von da an der Kette zu fehlen.

Die angeführten sind überhaupt die einzigen Standorte des Eritrichium in Davos, und die Pflanze hat bisher nicht vermocht, den Scalettapaß und die Thaltiefe des Dischma zu überschreiten, obwohl das Gebiet des Piz Vadret und die Schwarzhornkette ihr noch eine Menge von geeigneten Wohnsitzen bieten würde. Aber noch eine ganze Anzahl von Arten, die zwar in der nivalen Zone selber nirgends haben Fuß fassen können, aber nur im Hintergrunde der Thäler, am Fuße jener nivalen Paßlücken, oder an einzelnen Punkten im Verlauf oder dem Ausgange jener Thäler gerade gegenüber, in der Strelakette, vorkommen, sind wohl auch über jene Pässe vom Engadin her eingewandert. So Ranunculus Thora am Fuß des Plattenhorns, Salix glauca im Sertig- und Dischmathal, Carex microglochin im Sertig, Centaurea nervosa, Senecio obrotanifolius an einzelnen Punkten der Strelakette. Die nivale Region der Strelakette dagegen bietet gegenüber dem Centralkamm wieder andere Arten: Dianthus glacialis, Arenaria Marschlinsii, Valeriana supina, Crépis hyoseridifolia, Carex mucronata, Gentiana tenella etc., die vielleicht auf eine westöstliche Zugstraße hinweisen.

Nur anhangsweise will ich noch eine Klasse von Gefäßpflanzen, die Gefäßkryptogamen, kurz erwähnen, die, wie es scheint, bisher in der Schneeregion nicht beobachtet oder vernachlässigt worden sind. Während Moose und Flechten in unserer Zone noch eine große Rolle spielen und Flechten noch auf den höchsten Alpengipfeln gefunden wurden, habe ich von Gefäßkryptogamen, deren Hauptmasse im Schütze des Waldes zurückbleibt, nur noch vier, ein Bärlapp und drei Farrenkräuter, in der Schneeregion beobachtet. Lycopodium Selago wächst noch auf dem Scalettapaß und dem öden Serpentingipfel des Todtalpschwarzhorns; die drei Farrenkräuter dagegen finden sich nur in der Strelakette: Botrychium Lunaria auf Glimmerschiefer der Kontaktzone am Schiahorn, Cystopteris alpina mit zarten Wedeln in feuchten Felsspalten am Gipfel des Strela, und Asplenium viride im Kalk des Schiahorns und der Küpfenfluh, alle noch gut ausgebildet und fruktifizierend. So gering die absolute Zahl auch ist, so sind sie im Verhältnis zur Gesamtzahl der in der Schweiz vorkommenden Gefäßkryptogamen doch nicht so viel schwächer in der Schneeregion vorhanden als die Phanerogamen, Über das erste Stockwerk geht aber keine Art mehr hinaus.

jJuhH Dr. med. et phil. With. Schibler.

IV:

Nivale Flora von Davos.

Bezeichnung der Stockwerke ( 2600 m — 27622925 ' » — 3087 — 3150 — 3412 m ).

u = krystallinisches Gestein. k = Kalk. u -f k = Vorkommen auf beiden Gebirgsarten; wenn eine Gebirgsart aber bevorzugt wird, ist ein * beigesetzt.

Br. = Brügger.

29. Carex firma Host. I—II. k.

Gebirgsart:

Xamensabkiirzung:

Gefässkryptogamen.

1. Lycopodium Selago L. I. u.

2. Botychium Lunaria Fr. I. u.

3. Asplenium viride Huds. I. k.

4. Cystopteris alpina Link. I. u.

30. Carex lagopina Wahl. I. u. ( Heer. ) 31. Carex capillaris L. I. uk.

32. Carex frigida All. I. u.

33. Carex sempervirens Vili. I. u -f- k.

34. Carex ornithopoda Willd. f. alpina.

I. k.

35. Eriophorum Scheuchzeri Hoppe. I.

u. ( Heer. ) Gupress 5. Juniperus nana Willd. I. u -f- k.

Gramineae.

6. Agrostis rupestris All. I—IV. u.

7. Agrostis alpina Scop. I — II. uk.

8. Trisetum distichophyllum Beauv.

I—II. k.

9. Avena versicolor Vili. I—IL u.

10. Trisetum subspicatum Beauv. I—IV.

11. Poa alpina L. I—II. u + k.

Poa alpina v. vivipara. I—IV. u + k.

12. Poa laxa Hänk. I—V. u.

Poa laxa var. flavescens. I—IL u.

13. Poa minor. Gaud. I—II. k.

14. Sesleria coerulea L. I—IL k.

15. Sesleria disticha Pers. I—IV. u.

16. Festuca pumila Chaix. I. ku.

17. Festuca alpina Sut. I—IV. u-|-k.

18. Festuca Halleri Ail. I—IV. uk.

19. Festuca varia Hänk. I. k.

20. Phleum alpinum L. I. k.

21. Kohi eri a hirsuta Gaud. I. u.

22. Anthoxanthum odoratum L.I—II. u.

Cyperaceen.

23. Elyna spicata Schrad. I—III. uk.

24. Carex mucronata All. I. k.

25. Carex rupestris AU. I—II. k.

26. Carex nigra AU. I. u + k.

27. Carex atrata L. 1. u 4-k.

28. Carex cnrvula AU. I—IV. u.

Juncaceae.

36. Luzula spicata D. C. I—IV. u.

37. Luzula spadicea D. C. I. u.

38. Luzula lutea D. C. I—III. u.

39. Juncus Jacquini L. I—III. u, 40. Juncus trifidus L. I. u.

Liliaceae.

41. Lloydia serotina Rchb. I. u.

Salicineae.

42. Salix herbacea L. I—III. u. 43/ Salix retusa L. I. u + k.

44. Salix serpyllifolia Scop. I—III. u

45. Salix reticulata L. I. k.

Polygoneae.

46. Oxyria digyna Hill. I—III. u.

47. Polygonum viviparum L. I—II. u

-f k.

Thymekae.

48. Daphne striata Fratt. I. k.

Santalaceae.

49. Thesium alpinum L. I. k.

Valerianeas.

50. Valeriana supina L. I k.

Tafel il

l/i = natürliche Grosse, k. = Kalk, u. = Urgestein.

a ) Saxifraga bryoides L. 3226 m. u. Piz Vadret.

b ) Hutschinsia alpina ß. Br. 2713 m. k. Schiahorn.

c ) Eritrichium nanum Schrad. 3300 m. u. Piz Kesch.

d ) Androsace helvetica Gaud. 2785 m. k. Thiejerfluli.

e ) Linaria alpina Mill. 3047 m. u. Bocktenhorn.

f ) Silène excapa All. 3131 m. u. Piz Grialetsch.

g ) Trisetum subspicatum Beauv. 3131 m. u. Piz Grialetsch.

Über die nivale Flora der Landschaft Davos.

Plantagineae.

51. Plantago montana Lam. I. k.

Globularieae.

52. Globularia cordifolia L. I. k.

Synantherae.

53. Homogyne alpina Cass. I—III. u

54. Aster alpinus L. I. u.

55. Erigeron uniflorus L. I—IV. u + k.

56. Erigeron alpinus L. I. u.

57. Solidago virgaurea L.U ( Heer .) ya. cambrica Huds.lBrügger. ) 58. Gnaphalium supinum L. I—III.

v. subacaule, u* 4- k.

59. Gnaphalium norvegicum Gum. I.

v. Hoppeanum Koch, u 4 " k.

60. Antennaria carpathica Wahl. I. u.

61. Antennaria dioica L. I. u.

62. Leontopodium alpinum Cass. I. k.

63. Artemisia mutellina Vili. I. u.

64. Artemisia spicata Wulf. Ill—IV. u.

65. Achillea atrata L. I. uk.

66. Achillea nana L. I. u.

67. Achillea moschata Wulf. I. u.

68. Chrysanthemum alpinum Lam.I—V.

69. Chrysanthemum Halleri Sut. I. k.

70. Aronicum scorpioides Koch. I bis III. k.

71. Aronicum glaciale Rchb. I—III. u.

72. Aronicum Clusii Koch. I—III. u.

73. Senecio carniolicus Willd. I—IV. u.

74. Senecio Doronicum uniflorus L. I. k.

75. Cirsium spinosissimum L. I. u.

76. Carduus defloratus L. l I. j ^ v. rhaeticus D. C./ 77. Taraxacum officinale Web. I—III.

f. alpinum. u + k.

78. Leontodon Taraxaci Loisl. I. k.

79. Leontodon pyrenaicus Gonau. I bis IL u.

80. Bellidiastrum Michelii Cass. I. k.

81. Soyeria hyoseridifolia Vili. I. k.

82. Crépis Jacquini rhaetica Fr. I. k.

( Brügger. ) 83. Hieracium albidum Vili. I. u. ( Br. ) 84. Hieracium alpinum L. I—II. u.

85. Hieracium glanduliferum Hoppe. Lu.

86. Hieracium piliferum Hoppe I. u.

87. Hieracium incisum Hoppe. I. k.

( Brügger. ) 88. Hieracium villosum dentatumHoppe.

I. k.

Campanulaceae.

89. Phyteuma hemisphaericum L. I. u.

90. Phyteuma pauciflorum L. I—IV.

91. Campanula Scheuchzeri Vili. I—II.

uk; 92. Campanula pusilla Hank I. k.

93. Campanula cenisia L. I—III. k.

Vaccinieae.

94. Vaccinium Vitis Idaea L. I—III. u.

95. Vaccinium Myrtillus L. I. u.

96. Vaccinium uliginosum L. I—II. u.

Ericaceae.

97. Azalea procumbens. I—II. u.

98. Arctostaphylos alpina Spr. I. u.

( Heer. ) .Primulaceae.

99. Soldanella pusilla Brug. I—II. uk.

100. Androsace obtusifolia All. I. u.

101. Androsace Chamaejasme Host. I.

u-f-k*.

102. Androsace glacialis Hoppe. I—V. u.

103. Androsace helvetica Gaud. I—III. k.

104. Primula auricula L. I. k.

105. Primula hirsuta All. I—III. u.

106. Primula latifolia Lap. I—II. u.

107. Primula integrifolia L. I—II. u.

108. Primula farinosa L. I. u.

Labiatae.

109. Thymus Serpyllum L. I. u + k.

Scrophularieae.

110. Linaria alpina L. I—III. u-f-k.

111. Veronica alpina L. I—III. u + k.

112. Veronica saxatilis L. I. u.

113. Veronica bellidioides L. I—II. u.

114. Veronica aphylla L. I. uk.

Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 33. Jahrg.

Br. med. et phïl. Wilh. Schiller.

115. Euphrasia salisburgensis Funk. I.

u + k.

v. alpina Lau.

116. Euphrasia minima Schi. I. uk.

117. Bartsia alpina L. I. uk.

118. Pedicularis verticillata L. I. u-|-k.

119. Pedicularis rostrata L. I—III. u.

Boragineae.

120. Myosotis alpestris Schmidt. I. u + k.

121. Eritrichium nanum Schrad. I—V. u.

Gentianeae.

122. Gentiana campestris L. I. u.

123. Gentiana tenella Rottb. I. u + k.

124. Gentiana brachyphylla Vili. I—II. u.

125. Gentiana verna L. I. u + k.

v. angulosa Wahl. I. u -f- k. v. imbricata m. I. k.

126. Gentiana bavarica L. i. uk.

127. Gentiana bavarica L. | j__jy f. imbricata Schi. | 128. Gentiana nivalis L. I. k. ( Br. ) 129. Gentiana acaulis L. I. k.

130. Gentiana excisa Pr. I. u.

131. Gentiana punctata L. I—II. .u.

Bubiaceae.

132. Galium sylvestre var. I uialpestre Gaud.TJmbelliferae.

133. Meum Mutellina L. I. uk.

134. Gaya simplex Gaud. I. u* -f- k.

Ranunculaceae.

135. Anemone vernalis L I u.

136. Ranunculus glacialis L. I—V. u*

137. Ranunculus alpestris L. I—II. k.

138. Ranunculus montanus Willd. I.

u+-k*.

f. Villarsii D. C. I. u. ( Br. ) 139. Trollius europaeus L. I. u.

Polygalaeeae.

140. Polygala alpestris Rchb. I. k. ( Br. ) Cruciferae.

141. Arabis alpina L. I—II. u + k*.

142. Arabis pumila Jacq. I—II. k.

143. Arabis alpestris Rchb.l y, f. vestita.I 144. Arabis coerulea Hank. IIL u + k*.

145. Cardamine alpina Willd. I—IV.

146. Cardamine resedifolia L. I. u.

147. Draba aizoides L. I—II. k.

148. Draba tomentosa Wahlb. I—III. k.

149. Draba frigida Saut. I—IV. uk.

150. Draba Wahlenbergii Hartm.

v. lapponica Willd. I. u+k. v. helvetica. I—V. u.

151. Draba Johannis Host. I. u.f- k.

152. Hutschinsia alpina Br. I—II. u

153. Hutschinsia brevicaulis Hoppe. Ibis IV. ku.

154. Kernera saxatilis Rchb. I. k.

Cistineae.

155. Helianthemum vulgäre grandiflorum D. C. I. k.

156. Helianthemum alpestre Rchb. I. k.

Violaceae.

157. Viola calcarata L. I—II. k* -f u.

Alsineae.

158. Alsina recurva Wahlb. I. u.

159. Alsina verna, f. Gerardi. I—IV.

u + k.

160. Alsina lanceolata M. K. I. k.

161. Cherleria sedoides L. I—IV. u*-j-k.

162. Moehringia polygonoides Wulf. Ibis II. k.

163. Arenaria Marschlinsii Koch. I. u.

164. Arenaria ciliata L. I—III. u.

v. multicaulis Wulf.

165. Arenaria biflora L. I—II. u.

166. Cerastium trigynum L. I—IL u*

167. Cerastium latifolium L. I—III. k.

168. Cerastium uniflorum Murith. I bis V. u.

169. Cerastium filiforme Schl. I—IV. u.

Über die nivale Flora der Landschaft Davos.

170. Cerastium arvense L. f. strictum.

I. u. ( Br. ) 171. Cerastium triviale Link. f. alpi- num I. u.

Sileneae.

172. Dianthus glacialis. I. u.

173. Silène acaulis L. I. u -f- k.

174. Silène excapa. I—IV. u* -f- k.

175. Silène alpina Thomas. I. k.

176. Silène rupestris L. I. u. ( Br. ) Grassulaeeae.

177. Sedum atratum L. I—III. u -4- k.

178. Sedum alpestre Vili. I—II. u.

179. Sempervivum montanina. I—II. u.

Saxifrageen.

180. Saxifraga Aizoon L. I—III. u + k.

181. Saxifraga aizoides L. I. k.

182. Saxifraga oppositifolia. I—V. uk.

183. Saxifraga biflora Ail. I—II. k.

184. Saxifraga caesia L. I. k.

185. Saxifraga bryoides L. I—V. u.

186. Saxifraga stellaris L. I—IL u*-f k.

187. Saxifraga varians Sieb. I—II. k.

188. Saxifraga exarata Vili. I—V. u.

189. Saxifraga stenopetala Gaud. I bis III. k.

190. Saxifraga planifolia Lap.^ ju f. citrina Heg. / 191. Saxifraga Segnieri Sprgl. I—III. u.

192. Saxifraga androsacea L. I. uk*.

Empetreae.

193. Empetrum nigrum. I. u.

Dryadeae.

194. Potentina aurea L. [—11. uk.

195. Potentinaalpestris Hall. f.( jjj f. firma196. Potentina frigida Vili. I—IV. u.

197. Potentina minima L. I. u -4- k.

198. Sibbaldia procumbens L. I—II. u.

199. Dryas octopetala L. I. k.

200. Geum montanum L. I. u.

201. Geum reptans L. I—IV. u -f k.

202. Alchemilla fissa Sen. I. u + k.

203. Alchemilla pentaphyllea L. I. u.

( Heer. ) 204. Alchemilla vulgaris L. I. u.

Papilionaceae.

205. Trifolium alpinum L. I. u. ( Br. ) 206. Anthyllis Vulneraria L.^ j, f. alpestris Heg. ) 207. Oxytropis campestris D. C. I. k. ( Br. ) 208. Oxytropis montana D. C. L k.

209. Hedysarum obscurum L. I. u.

Wir haben unsere Reise durch das nivale Land vollendet. Statt lauter Eis und Schnee und starren Fels, eine Welt des Todes, wie man sich gemeiniglich diese Regionen vorstellt, haben wir zu unserm Erstaunen noch vielfach reiches, blühendes Leben getroffen. Und sofort regt sich unsere Wißbegierde und beginnt zu fragen, wer ist diese Welt, und welche Gestalten setzen sie zusammen? Woher kommt sie, wohin geht sie, in welche Höhen und in welche Fernen? Was hat sie Gemeinsames, was trennt sie von andern? Wie vermag sie hier an der Grenze des Lebens auszuharren? Wie verhält sie sich gegen diese klimatischen Faktoren, jene geologischen Verhältnisse? Warum ist sie anders je nach der Gebirgsart? Wie vermag sie sich gegen alle Gefahren zu schützen, wie sich zu erhalten, zu vermehren? Nur einige dieser Fragen — und wie viele ließen sich noch stellen — haben wir streifen, die meisten nur andeuten können. Doch damit ist schon unser Zweck erreicht, den Clubisten, wenn er künftig über Eis und Schnee dem Gipfel zustrebt, auf das bescheidene Blümchen am Wege aufmerksam zu machen, das so viele interessante Rätsel aufgiebt.

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