Ueber die Reise des Herrn Dr. Rudolf Meier von Aarau auf das Finsteraarhorn

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Ueber die Reise des Herrn Dr. Rudolf Meier von Aarau auf das Finsteraarhorn im Sommer 1812.

Von G. Studer ( Section Bern ).

Unter dem Titel „ Reise auf die Eisgebirge des Kantons Bern und Ersteigung ihrer höchsten Gipfel " erschien im Jahr 1813 in Aarau eine von Zschokke verfaßte Schrift, welche neben andern Reiseberichten auch die Schilderung der im Jahr 1812 von Dr. Rud. Meier ausgeführten Reise nach dem Finsteraarhorn enthielt.

Nach den Angaben von Zschokke wäre Herr Meier, nachdem er Tags zuvor von der Grimsel aus das Oberaarjoch passirt und auf dem Rothhornsattel bivouaquirt hatte, am 16. August mit seinen vier Führern von da aufgebrochen, um zunächst nach dem obern Vieschergletscher ( dem jetzigen Studerfirn ) hinunterzusteigen, und diesen bis zum Fuß des Finsteraarhorns zu überwandern. Dort hätten sie sich nach links gewendet und die hohe. Schneewand am Granitthurm des Finsteraarhorns erklettert bis zu einer schon hoch oben gelegenen Stelle des Finsteraarhorngrats. Hier wäre Herr Meier wegen Erschöpfung mit einem der Führer zurückgeblieben, während die drei andern unter großen Schwierigkeiten noch die höchste Spitze erstiegen und droben eine Fahne aufgepflanzt hätten. Nach der Wiedervereinigung der Führer mit den Zurückgebliebenen wäre sodann der gemeinschaftliche Abstieg am westlichen Gehänge des Grates-erfolgt.

Gegen die Glaubwürdigkeit dieses Berichtes hatten* sich nun schon frühe Zweifel erhoben. In den Zwanzigerjahren war es besonders Professor Hugi von Solothurn, der denselben Ausdruck gab * ). Später sprach sich auch Professor Desor in gleichem Sinne ausund viele Andere theilten diese Zweifel. Man ging so weit, die ganze Expedition Meiers, wenn sie auf dem von Zschokke beschriebenen Wege stattgefunden haben sollte, als eine Unmöglichkeit darzustellen. Ein unglücklicher Passus in Zschokke's Schrift, in welcher es auf pag. 18 heißt: auf — statt über dem Oberaarhorn — hatte der Vermuthung Raum gegeben, als hätten die Führer des Herrn. Meier den Gipfel des Pinsteraarhorns vom Oberaarhorn aus bestiegen. Trotzdem dieser „ schwarze Punkt " in einem Aufsatze über Herrn Dr. Rudolf Meier in den schweizerischen „ Alpenrosen " vom Jahr 1852durch BerichtigungHugi's Alpenreisen, Solothurn 1830, pag. 176.. E. Desor, Excursions et séjours dans les glaciers, Neuchâtel 1844, pag. 398.

Erinnerungen » an Herrn Dr. Rud. Meier, Alpenrosen .von 1852, Aarau und Thun.

des Fehlers getilgt worden war, ließ man dennoch die Führer des Herrn Meier jeden andern Gipfel besteigen, nur nicht das Finsterarhorn. Man berief sich zur Begründung seiner Zweifel auf Hugi's Angaben, daß einer jener Führer, Arnold Abbühl, ihm eingestanden habe, nicht auf dem Finsteraarhorn gewesen zu sein — auf die Selbsttäuschung, in der sich Meier befunden haben müsse, wenn er glaubte, seine Führer auf der höchsten Spitze zu sehen, während diese von seinem Standpunkte aus unmöglich habe sichtbar sein können — auf das ganz Unglaubliche, daß es gerade diesen Männern bei ihrem ersten Versuche, das Finsteraarhorn zu besteigen, hätte gelingen sollen, auf einem so höchst schwierigen Wege an 's Ziel zu gelangen u. s. w.

In meiner Schrift „ Ueber«Eis und Schneehabe ich den Versuch gemacht, nachzuweisen, daß hauptsächlich Zschokke's unzuverlässige Darstellung die Zweifel über die Glaubwürdigkeit seines Reiseberichts hervorgerufen habe und daß nach Entgegenhaltung des in jenem Aufsatze in den „ Alpenrosen " aufgenommenen Originalberichtes von Dr. Meier über seine Finsteraarhornfahrt keine zureichenden Gründe mehr vorzuliegen scheinen, um die Meier'sche Expedition und die durch drei seiner Führer vollbrachte Besteigung des Finsteraarhorns nicht als Thatsache anzuerkennen.

Nichtsdestoweniger ist noch mancher unter den Herren Berggelehrten ungläubig geblieben. Die Zweifel werden bis auf die neueste Zeit festgehalten und es ist namentlich die gewichtige Stimme des Herrn Cordier, welche denselben neue Nahrung gegeben hat.

Henry Cordier ist der einzige Tourist, der mit seinen Führern die Spitz« des Finsteraarhorns von der Südseite her über den Rothhorngrat erreicht und überschritten hat, und derselbe erklärt in seinem Reiseberichte geradezu, er könne die im Jahr 1812 stattgefundene Ersteigung des Finsteraarhorns nicht für authentisch halten, weil sie nach seiner Ansicht nicht die characteristischen Merkmale einer historischen Thatsache darbiete* ).

In jüngster Zeit hat sich auch Herr Julius Meurer, Präsident des Alpenclub Oesterreich, ein gewiegter Bergsteiger, in seiner Schilderung der im Jahr 1880 von ihm ausgeführten Finsteraarhornbesteigung auf die Seite der Zweifler gestellt** ). Er fände es, argu-mentirt er, ganz erstaunlich, wenn dieser Gipfel gleich beim ersten Anlauf und auf der allerschwierigsten Anstiegsroute bezwungen worden wäre, und es habe die Spitze, auf welcher Dr. Meier seine Führer gesehen haben wolle, unmöglich die Spitze des Finsteraarhorns sein können, weil diese in solcher Nähe, wie Herr Meier sich befand, durch den steilen Grat selbst verdeckt werden müsse.

Diese neuern Einwendungen und Angriffe gegen die Wahrhaftigkeit des Berichts des Herrn Dr. Meier über seine und seiner Führer Reise auf das Finster- aarhorn haben mich bewogen, die Sache einer nochmaligen, genauen Prüfung zu unterwerfen.

Natürlich wird es Niemanden gelingen, mit mathematischer Gewißheit festzustellen, ob und in wie weit die drei Führer des Dr. Meier bei ihrem Versuche, von der Südseite her das Finsteraarhorn zu besteigen, nach dem höchsten Gipfel vorgedrungen sind. Es lassen sich in Bezug auf die streitigen Punkte Gründe dafür und dagegen anführen. Die Männer, die hierüber sichere Auskunft geben könnten, sind längst nicht mehr unter den Lebenden. Wir haben jedoch feste Anhaltspunkte an dem Berichte eines durchaus wahrheitsliebenden Mannes, dessen Aussagen wir vollen Glauben beimessen können. Ich meine nicht den mit zu viel Freiheit ausgearbeiteten Bericht, der aus Zschokke's Feder geflossen, sondern den wohl weniger bekannten Aufsatz über Dr. Meier in den „ Alpenrosen " von 1852.

Wenn ich nun die Ergebnisse meiner Prüfung hier niederlege, so muß ich zunächst auf die Auslassungen von Professor Hugi über die Meier'sche Expedition, besonders soweit es den Führer Abbühl betrifft, zurückkommen.

Professor Hugi* ) hat vollkommen recht, zu behaupten, es wäre eine Unmöglichkeit, vom Oberaarhornsattel in drei Stunden über den Grat auf das Finsteraarhorn zu gelangen. Durch die unklare Schilderung Zschokke's verleitet, hatte Hugi angenommen, Dr. Meier und seine Gefährten hätten zuerst das Oberaarhorn bestiegen und von diesem aus das Finsteraarhorn in Angriff genommen. Hätte er aber nur die der Schrift von Zschokke beigefügte Karte, auf welcher der von Meier eingeschlagene Weg eingezeichnet ist, sich genauer angesehen, so würde er daraus entnommen haben, daß Dr. Meier und seine Gefährten das Oberaarhorn gar nicht berührt haben. Da dieselben ferner nach ihren Angaben bei dem fast senkrechten Anstieg über die Schneewand den Finsteraargletscher tief unten zu ihrer Hechten hatten, so müssen sie an der breiten Wand des Finsteraar-horns selbst emporgeklettert sein, was auch mit der Richtung des auf der Karte eingezeichneten Weges übereinstimmt. Es war die Wand, die der Grimselseite zugekehrt ist, und dies erklärt die etwas dunkle, von Hugi angefochtene Stelle in Zschokke's Schrift, in welcher gesagt ist, „ daß sie von der Grimselseite aus sur Linken des Finsteraargletschers den Granit-thurm des Finsteraarhorns angestiegen haben. "

Die Stelle des Grates, die sie nach einem höchst mühsamen Anstieg über Felsen, Eis und Schnee erreichten, mußte schon in sehr bedeutender Höhe und dem Gipfel nahe stehen. Dafür sprechen die zwei Thatsachen, daß Herr Meier und seine Gefährten erst nach sechsstündigem Steigen auf diesem Punkte ankamen und daß ihnen von dort aus nach Tiefen und Höhen ein so grandioser Ausblick erschlossen war, wie ihn nur ein dem höchsten Gipfel naher Standpunkt gewähren konnte.

Hier blieb Dr. Meier wegen Erschöpfung zurück und Kaspar Huber leistete ihm Gesellschaft. Die drei andern Führer aber, nämlich die beiden Walliser Aloys Volker und Joseph Borter und der Oberhasler Arnold Abbühl, der in Zschokke's Schrift und selbst noch in den „ Alpenrosen " aus Versehen Arnold von Melchthal genannt wird, unternahmen die Erklimmung des Gipfels. Huber und Abbtthl waren Knechte des Grimselwirths und Abbühl soll sich bei dieser Kletterei durch besondere Kühnheit hervorgethan haben.

Als Professor Hugi im Jahr 1828 seinen ersten Gang nach dem Finsteraarhorn vollführte, befand sich auch jener Arnold Abbühl unter seinen Begleitern und erzählte ihm unterwegs von seiner Reise auf das Finsteraarhorn. Hugi verlachte ungläubig dessen Angabe, daß er auf dem erwähnten Wege das Finsteraarhorn bestiegen habe, weil Abbühl, als sie die Gegend des Vieschergletschers betraten, das Finsteraarhorn von seinem westlichen Fuße aus nicht mehr sicher erkannte und sich ebensowenig genau erinnerte, an welcher Stelle sie nach dem Vieschergletscher hinabgestiegen waren. Ich möchte jedoch auf diesen Umstand kein großes Gewicht legen. Daß Abbühl nach sechszehn Jahren, während welcher Zeit er vielleicht nie mehr in jene Regionen gekommen war, sich nicht zu orientiren vermochte, ist noch kein Beweis, daß er nicht auf dem Finsteraarhorn gewesen sei. Weiß doch jeder Bergsteiger, wie es oft schwierig ist, vom unmittelbaren Fuß eines Berges den rechten Gipfel desselben zu erkennen und an einer ziemlich gleichförmig gestalteten Bergwand genau die Stelle zu bezeichnen, die man vor Jahren einmal passirt hat.

Allerdings erscheint das Benehmen Abbühls gegenüber Herrn Professor Hugi, wie es derselbe in seinen „ Alpenreisen " schildert, etwas eigenthümlich. Es hat den Anschein, wie wenn ein gespanntes Verhältniß zwischen Beiden waltete. Abbühl war offenbar mißstimmt; sei es, daß er die Tour wider Willen mitmachen mußte; sei es, daß er wußte, daß Hugi und seine Solothurner Katholiken waren und er, als übereifriger Protestant, sich in solcher Gesellschaft unbehaglich fühltesei es aus andern Gründen. Kurz, er mochte verdrossen sein über das Verhör, dem er ausgesetzt war und, um der Sache ein Ende zu machen, mag er zuletzt die Worte hingeworfen haben, er sei gar nicht auf dem Finsteraarhorn gewesen. Diesem entgegen erklärt Professor J. Rud. Wyss, da wo er in seinem Werke'über das Berner Ober-land* ) der Reise auf das Finsteraarhorn durch Dr. Meier gedenkt, wörtlich Folgendes: „ Mit Arnold habe ich selbst in Bern gesprochen. Er beschreibt ohne Aufschneiderei die Gefahren des Empor-klimmens.u Wenden wir uns nun zu Herrn Cordier. Derselbe übernachtete am 14. Juli 1876 mit seinen Führern, Jacob Anderegg und Kaspar Maurer, beim Rothloch am südlichen Fuße des Rothhorns. Am folgenden Tage brachen sie Morgens 21/* Uhr auf, umgingen das Rothhorn an seiner südlichen und westlichen Seite und gelangten um 4 Uhr an den Fuß des Roth- horngrats, rechts vom Punkt 3237 des Dufourblattes XVIII. In schiefer Richtung nach links aufwärts steigend, gewannen sie ohne Hindernisse den Grat. Es war 71/« Uhr, als sie diesen selbst in Angriff nahmen. Anfangs leicht über eine Schneegwächte hinschreitend, fanden sie nach kurzem Marsch bedeutende Schwierigkeiten, die noch reichlich mit Schnee bedeckten Felsen zu erklettern. Sie waren genöthigt, bald auf der einen, bald auf der andern Flanke des Grats dem Gehänge entlang vorzurücken, oder die Schneide des Grates selbst zu verfolgen. Um 98/4 Uhr fanden sie einen sichern Ruheplatz auf einem Felsen, wo sie frische Kräfte sammelten.

Es dürfte diese Stelle derjenigen nicht fern gewesen sein, an welcher Dr. Meier im Aufstieg vom Studerfirn die Kammhöhe erreicht hatte und wo er sodann ermüdet zurückblieb. Daß es, wie vermuthet wurde, ganz die gleiche war, darf man deshalb kaum annehmen, weil Cordier von einem Ruheplatz auf einem Felsen spricht; Dr. Meier aber auf einem scharfen, schmalen Gletscherrücken sich niedergelegt haben will. Herr Meier, welcher mit seinen Führern auf dem Rothhornsattel übernachtet hatte, brauchte für den Marsch bis zu jener Stelle sechs Stunden, Herr Cordier vom Rothloch aus bis auf seinen Ruheplatz 7 Va Stunden, welche Zeitdifferenz ungefähr der weitern Wegstrecke gleichkommt, die er von seinem Nachtquartier aus zurückzulegen hatte.

Um 108/* Uhr reiste die Karavane Cordier von ihrem Ruheplatz wieder ab und gelangte unter eminenten Schwierigkeiten, deren Ueberwindung allerdings die kühnsten und gewandtesten Bergsteiger erforderte, um 12 lk Uhr, also nach 2 Va Stunden, auf den Gipfel des Finsteraarhorns. Die drei Führer des Herrn Meier haben ihre Besteigung von der Gratstelle aus, wo der Letztere zurückgeblieben war, in drei Stunden vollbracht. Diese nahe Uebereinstimmung der Zeit-distanzen beim letzten Anstieg bestätigt die hievor ausgesprochene Ansicht, daß die beiden Haltstellen nicht fern von einander sich befinden konnten; sie bestärkt aber auch die Annahme, daß die Führer des Dr. Meier bis auf den Gipfel des Berges vorgedrungen sind. Auch sie haben auf dieser letzten Strecke ungewöhnliche Schwierigkeiten angetroffen, aber auch sie mußten zu den tüchtigsten Steigern gehören. Uebrigens ist noch in Betracht zu ziehen, daß. in den Hochregionen die Schwierigkeiten der Begehung derselben Wegstrecke nicht immer die gleichen sind, sondern je nach dem Stande und der Beschaffenheit von Eis und Schnee, je nach der Witterung, der Temperatur und der Jahreszeit, einen steten Wechsel darbieten und sich oft in kurzer Zeit wesentlich verändern können. Cordier beklagt sich hauptsächlich über die Masse von Schnee und Eis, welche die Felsen bedeckte und deren Erklimmung gefährlich machte. Seine Reise fand aber auch schon Mitte Juli statt, wo die Schneeverhältnisse.in den Hochregionen deren Begehung oft noch sehr erschweren, während die Reise des Dr. Meier am 16. August, also einen vollen Monat später, unternommen wurde. Aus dem Bericht des Herrn Cordier läßt sich die Vermuthung schöpfen, daß er bei der Erklimmung des Gipfels nicht ganz denselben Weg verfolgt hat, den die Führer des Dr. Meier genommen hatten, aber immerhin beweist das Factum, daß diese Letztern drei Stunden gebraucht, um eine Wegstrecke zu bewältigen, von welcher Dr. Meier sagt, es habe geschienen, sie hätte in einer Viertelstunde zurückgelegt werden können, daß die Schwierigkeiten, die ihnen entgegenstanden, eben auch sehr groß gewesen sind. Es ist dieses Factum wieder ein Beleg mehr, die Behauptung zu unterstützen, daß jene drei Männer wirklich die Spitze erreicht hatten. Und in der That, wenn es Herrn Cordier und seinen Führern gelungen ist, auf dem von ihm beschriebenen Wege das Finsteraarhorn zu besteigen, warum hätte dies für die Führer des Herrn Meier, unter vielleicht günstigeren Verhältnissen, eine Unmöglichkeit sein sollenNach allen diesen Erörterungen scheint es mir doch wirklich, es bleibe kein vernünftiger Grund mehr, um noch an der Authenticität der Expedition des Herrn Dr. Meier und an der Besteigung des Finsteraarhorns durch seine drei Führer zu zweifeln. Ob diese letztern nun gerade auf dem allerhöchsten Gipfelpunkt gewesen sind, kann einzig noch die streitige Frage bilden. Cordier behauptet, daß die von allen Besuchern betretene höchste Spitze des Finsteraarhorns von keinem Punkte des Kammes, auf welchem Dr. Meier gestanden, gesehen werden könne. Es wäre dies ein gewichtiger Einwand gegen die in Zschokke's Schilderung stehende Angabe, daß Dr. Meier von seinem Ruheplatze aus gesehen habe, 27 wie seine Leute auf dem Gipfel des Finsteraarhorn » die Fahne aufpflanzten. Und wäre diese Angabe richtig und Cordier's Behauptung begründet, so müßte sich Meier allerdings getäuscht haben, wenn er glaubte, seine Führer hätten den höchsten Gipfel erreicht, und diese selbst hätten ihm die Wahrheit vorenthalten.

Allein, abgesehen davon, ob Herrn Cordier's Behauptung unbedingt richtig sei, muß zunächst darauf aufmerksam gemacht werden, daß die Angabe: Meier habe die Führer auf der Spitze gesehen, zwar in Zschokke's Schrift, nicht aber in Dr. Meier's Originalbericht, enthalten ist und daß es erlaubt wäre, anzunehmen, auch diese Angabe dürfte eine jener von Zschokke erfundenen Ausschmückungen sein, mit denen er seine Schrift illustrirt hat.

Mit Bestimmtheit sagt uns dagegen Dr. Meier selbst ( siehe „ Alpenrosen " von 1852 ), daß, als er mit seinen beiden Oberhaslem am 14. September auf seinem Gang von der Grimsel nach der Strahlegg am Fuße des Finsteraarhorns angekommen sei, sie durch das Fernrohr die Stange auf dessen höchster Spitze gesehen hätten.

Auf diese Aussage eines wahrheitsliebenden Mannes ist unstreitig von Seite der Gegner zu wenig Gewicht gelegt worden. Professor Hugi, die Sache einfach in Zweifel ziehend, geht kurz darüber hinweg. Und doch liegt in obigen Worten des Dr. Meier der vollgültige moralische Beweis, daß seine drei Führer auf der höchsten Spitze des Finsteraarhorns gewesen sein müssen.

Wie sieht nun aber diese Spitze aus? Von Norden und Süden her betrachtet, scheint das Finsteraarhorn allerdings in eine scharfe Spitze auszulaufen. Das ist jedoch eine Täuschung. In Wirklichkeit bildet der höchste Gipfel einen fast horizontalen, gegen sein südliches Ende zu etwas gebrochenen Felsgrat von circa zwanzig bis dreißig Schritten Länge und drei bis vier Schritten Breite. Dieser Grat ist wohl meistens mit einer auf der Ostseite überhängenden Schneegwächte bedeckt; am Westgehänge hingegen stößt* derselbe zwischen jäh und glatt niedersteigenden Schneekehlen vorspringende Felsrippen aus und an solchen Stellen schmilzt im hohen Sommer gewöhnlich der Schnee hinweg, so daß man den spärlichen Raum trocknen Gesteins zum Stehen oder Sitzen benutzen kann. Nach meiner Wahrnehmung liegt der eigentliche Culminationspunkt des Gipfels näher am nördlichen Gratende, von welchem der Grat, anfangs bogenförmig, dann aber steil gegen den Hugisattel abfällt und von diesem sich stufenförmig bis zum Agassizjoch hinunterzieht. In ungefähr gleicher Gestaltung fällt der Grat von der südlichen Ecke des Gipfels ab und bildet weiter unten den sogenannten Rothhorngrat, an dessen äußerstem Ende sich das Rothhorn erhebt.

Steht man auf dem Oberaarhorn, so zeigt sich der höchste Gipfel des Finsteraarhorns wie von zwei kleinen, aber gleich hohen Spitzen gekrönt, Von der rechtseitigen fällt die Gratkante gegen das Agassizjoch hinunter. Von der linkseitigen führt der abstürzende Grat auf einen vorspringenden schnee- bedeckten Felskopf hinab, den ich für Dr.»Meier's Ruheplatz halte, und von diesem senkt sich der Grat scharf und steil, aber stufenförmig als Rothhorngrat nach dem Rothhornsattel hinab. So weit ich mir noch eine Vorstellung von der Gipfelgestal-tung machen kann, schien es mir in der That, es werde der Grat zwischen dem nördlichen Culminationspunkte und der südlichen Gratstrecke durch eine kleine, doch nicht auffallende Verklttftung unterbrochen. Ein rasch daherziehender Rieselsturm zwang uns damals, den Gipfel eilends zu verlassen, so daß wir der Sache nicht weitere Aufmerksamkeit schenken konnten.

Aus mehr schiefer Richtung gesehen, z.B. aus dem Thale des Aargletschers oder aus den Umgebungen der Grimsel, verliert sich jene Doppelspitze und es bildet das Finsteraarhorn im Profil die Gestalt einer abgestumpften Pyramide mit beidseitig ziemlich gleichmäßig sich abstufenden Flanken. Gesetzt aber auch, die Angabe von Zschokke, daß Dr. Meier von seinem Ruheplatze aus seine drei Führer auf der von ihnen erstiegenen Höhe gesehen habe, sei thatsächlich richtig, wenn auch Meier in seinem Berichte über diesen Punkt schweigt, so würde dieser Umstand die Annahme nicht ausschließen, daß jene Männer, wenn sie auch nicht bis zum nördlichen Culminationspunkt vorgedrungen sein sollten, doch den Gipfelkamm selbst so nahe an diesem Punkte betreten haben, daß ihnen volle Berechtigung zustand, die Besteigung des Finsteraarhorns für sich zu beanspruchen. Ich halte nämlich dafür, die Stelle, welche * die drei Führer erreicht haben, sei keine andere gewesen, als jener südliche Eckpunkt des Gipfelgrats. Die Schilderung des Panoramas, das um sie her ausgebreitet lag, bedingt schon die Voraussetzung, daß sie auf einer dominirenden Höhe gestanden sind, und auch ihre Beschreibung des Gipfels stimmt mit der äußern Gestaltung desselben überein. Wurde die Fahne auf der südlichen Gratecke aufgepflanzt, so dürfte es Herrn Meier gar wohl möglich gewesen sein, von seiner Ruhestelle aus seine Leute auf diesem Punkte des Gipfels zu erblicken. Aber auch vom Finsteraargletscher aus hat er einige Tage später die Fahnenstange auf jener Ecke ganz gut erkennen können und konnte selbst annehmen, sie stehe auf der höchsten. Spitze, weil aus solcher Entfernung die kurze Strecke zwischen der südlichen Gratecke und dem eigentlichen Culminationspunkt verschwindend klein erscheinen muß.

Wären die drei Männer nicht auf dem Gipfel gewesen und hätten sie die Fahne auf einer tiefer liegenden Stelle des südlich abfallenden Grats aufgepflanzt, so würde sie zwar vom Thale des Finsteraargletschers aus ebenfalls sichtbar gewesen sein, weil man von dort aus noch einen ansehnlichen Theil des südlichen Finsteraarhorngrats die tiefe Einsattelung zwischen Finsteraarhorn und Studerhorn überragen sieht, aber dann hätte Herr Meier auch sofort wahrgenommen, daß seine Leute den Gipfel des Finsteraarhorns nicht betreten hatten.

Insofern nun, als höchst wahrscheinlich angenommen werden darf, daß die drei Führer des Dr. Meier die Südliche Ecke des Gipfelgrats erreicht hatten, so ist, wie schon bemerkt, die Differenz der Höhe und Entfernung zwischen derselben und dem nördlicher liegenden Culminationspunkte so minim ( handelt es sich doch nur um vielleicht zwanzig Schritte horizontaler Entfernung und einige Fuß Höhe ), daß es ungerecht wäre, Protest gegen ihre Besteigung zu erheben oder den tapfern Männern das Verdienst und die Ehre abzusprechen, auf jenem gefährlichen Wege den Gipfel des Finsteraarhorns bestiegen zu haben und als dessen erste Besteiger gelten zu dürfen. Es wäre für sie gewiß ein Leichtes gewesen, von ihrer Stelle aus noch den nördlichen Culminationspunkt zu besuchen. Wenn sie es nicht thaten, so ist es sehr begreiflich. Bedenke man, daß sie, auf der Höhe angekommen, äußerst erschöpft waren und von strenger Kälte und einem heftigen Sturmwinde litten, der ihnen kaum erlaubte, die Fahnenstange zu befestigen; daß sie die Fahne auf dieser Stelle aufpflanzen mußten, wenn sie Herrn Meier ein sichtbares Zeichen ihrer glücklichen Besteigung geben wolltendaß sie ferner einem langen und schwierigen Rückwege entgegensahen, so daß keine Zeit zu verlieren war, und daß sie endlich das Bewußtsein mit sich tragen konnten, wirklich auf dem Gipfel des Berges gestanden zu sein. Jedem Unbefangenen stelle ich es nun anheim, nach Erwägung alles Gesagten selbst zu urtheilen, ob noch irgend ein gegründeter Zweifel über die Besteigung des Finsteraarhorns durch die drei Führer des Dr. Meier mit Recht geltend gemacht werden könne.

Vollends unbegründet und ungerecht wäre es aber, noch ferner die Expedition des Dr. Meier und seiner Begleiter an und für sich anzutasten und dieselben statt des Finsteraarhorn » das Oberaarhorn, Studerhorn oder Rothhorn besteigen zu lassen, wie es von gewissen Seiten her geschehen ist n. Eine solche flagrante Abirrung von dem wirklich Geschehenen wäre sicher nicht erfolgt, wenn die Vertreter dieser Meinung von dem in den „ Alpenrosen " von 1852 enthaltenen Originalbericht des Dr. Meier Kenntniß besessen hätten. Sie würden dann nicht nur über ihre irrige Auffassung belehrt worden sein, sondern auch die Ueberzeugung gewonnen haben, daß Herr Dr. Meier als ein kühner und unternehmender Bergsteiger, aber auch als ein wahrheitsliebender Mann bekannt und geachtet war, der es nicht verdient hat, daß an der Glaubwürdigkeit seiner Aussagen gezweifelt werde.Ich schließe diese kleine Studie mit der Erklärung, daß ich meine, durch nochmalige Prüfung aller Einwände bestärkte Ansicht über die Meier'sche Expedition nach dem Finsteraarhorn mit Ueberzeugung festhalte, dieselbe aber Niemanden aufdrängen will, weil sie theilweise auf Voraussetzungen beruht, die ich für richtig halte, deren Richtigkeit aber nicht bewiesen werden kann Immerhin wurde es mich freuen, wenn es mir gelungen sein sollte, die Sache aufgeklärt und die noch waltenden Bedenken gegenSiehe Peaks, Passes and Glaciers, IV. Ausgabe, pag. 301 und 308.

die Wahrhaftigkeit der von Dr. Meier geschilderten Reise, wenn nicht gänzlich gehoben, doch wesentlich abgeschwächt zu haben. Mein ganzes Bestreben war darauf gerichtet, die Wahrheit zu ermitteln, so weit es sich thun ließ, damit die durch die erhobenen Zweifel mehr oder weniger verletzte Ehre des Herrn Dr. Rudolf Meier und seiner Gefährten gerettet werde und ihr Andenken rein erhalten bleibe.

IV. Kleinere Mittheilungen.

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