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Ueber Gebirgsreisen mit Schülern

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B. Lindt ( Section Bern ).

Von Bei Anlaß der in Bern im August 1883 abgehaltenen Jahresversammlung des S.A.C. versuchte der Verfasser, eine kurze Skizze der Entwicklung und Organisation von Schulerreisen in 's Gebirge zu entwerfen, von der Ansicht ausgehend, daß dieser Institution im Allgemeinen zu geringe Aufmerksamkeit geschenkt wird, und daß es wünschbar sei, weitere Kreise, namentlich auch den Alpenclub, auf den eminenten Nutzen aufmerksam zu machen, welchen solche Reisen jüngeren Leuten gewähren. Es sind zwar die Anforderungen im öffentlichen Leben so zahlreich und stets anwachsend, daß neue Ansprüche an die Opferwilligkeit von Behörden und von Bürgern auf berechtigte Bedenken stoßen werden, allein, was thut man nicht Alles für die heranwachsende liebe Jugend, wo sind da nicht zu überschreitende Schranken gezogen? Freunde und Förderer der Jugend sind noch überall in schöner Zahl zu finden, so daß auch nach dieser Richtung hin lebendigere Thätigkeit mit aller Zuversicht gehofft werden darf.

;'Es ist nun freilich keine ganz leichte Sache, solche Ausflüge zu organisiren und zu leiten, und es sind mancherlei Schwierigkeiten dabei zu überwinden; oft gelingen solche Touren in höchst befriedigender Weise, um wieder durch Enttäuschungen in Frage gestellt zu werden. So viel steht aber als unbestrittene Thatsache fest, daß der Nutzen die selten vorkommenden Fatalitäten weit überwiegt und diese Marsch- und Reise-übungen eine höchst werthvolle Ausgleichung bieten gegenüber den herrschenden, die gesunde Entwicklung junger Leute oft so benachtheiligenden Lebensgewohnheiten in Schule und Haus. Es möge daher gestattet sein, diese Art der Gebirgsreisen, welche neben dem vortrefflichen sanitarischen Einfluß zugleich als Vorbereitung für spätere Leistungen auf den Gebieten der Heimatkunde, der Naturwissenschaften und des Militärwesens gelten können, auch im Jahrbuch zu besprechen.

Als Vater gemeinschaftlicher Alpenreisen zu Zwecken der Belehrung wird wohl der berühmte Züricher Naturforscher und Arzt Joh. Jacob Scheuchzer zu betrachten sein, welcher im Jahre 1723 seine „ Itinera alpina " im Druck erscheinen ließ. Die erste Reise fiel ins Jahr 1702. Die neunte und wohl letzte fand 1711 statt. Auf diesen Alpenreisen pflegte Scheuchzer junge Leute, welche in seinem Hause wohnten, also wohl Studirende, als Begleiter mitzunehmen. Die Schweiz wurde systematisch bereist; indessen bewegte sich Scheuchzer meist auf gebahnten Wegen und drang nur ausnahmsweise in das einsamere Hochgebirge ein, wie z.B. zu den Quellen des Hinterrheins. Es wurden die Pässe der inneren Schweiz und Graubündens, also Gotthard, Surenen, Jochpaß, Furka, Splügen, Maloja, Julier, Albula und die Gemmi begangen. Auch Grindelwald vrarde besucht und der Pilatus bestiegen. Als Frucht dieser Reisen ist zum großen Theil die „ Nova Helvetiae tabula geographica " in 4 Blättern zu betrachten, welche namentlich für den östlichen Theil bis an 's Ende des XVIII. Jahrhunderts die beste Karte der Schweiz blieb. Neben der Förderung aller Gebiete der Naturwissenschaften widmete Scheuchzer auch den großartigen Erscheinungen der Lawinen und der Gletscher seine Aufmerksamkeit, wie er als der erste in unserem Lande zahlreiche Höhen vermittelst barometrischer Beobachtung berechnete.

Der eigentliche Ursprung von Alpenreisen mit Jüngern Schülern läßt sich auf den Anfang dieses Jahrhunderts zurück verfolgen, und es ist eine eigenthümliche Wahrnehmung für unser an staatliche Bevormundung gewöhntes Geschlecht, daß ein so zweckmäßiges Institut sich auf dem Boden der Privat-thätigkeit entwickelte und erst viel später Unterstützung durch die Behörden fand.

Unstreitig gebührt das große Verdienst, mustergültig organisirte Schulreisen in 's Leben gerufen zu haben, Herrn Prof. Meißner, einem gebornen Han-noveraner, welcher, als Hauslehrer 1796 nach Bern berufen, hier eine rasch aufblühende Privatschule gründete und später an der Académie als Professor der Naturgeschichte wirkte. Schon im Jahre 1801 erschien unter dem Titel: „ Friedr. Meißner's Alpenreise mit seinen Zöglingen " ein erstes Bändchen, "

welchem 1820-25 eine Sammlung in 4 Bänden folgte, die mit großem Beifall von allen Jugendfreunden begrüßt wurde und in hohem Maße zu ähnlichen Ausflügen anregte. Die erste Reise wurde 1800 mit zehn Schülern unternommen und führte in 's Lauterbrunnen-, Grindelwald- und Haslithal. Die Zahl der Theilnehmenden an spätem Reisen wuchs bis auf 18 Knaben von 12-14 Jahren und es wurde sogar auf einer derselben eine Wanderung auf dem Aaregletscher bis zum Abschwung gewagt. Neben sorgfältiger Vorbereitung legte Meißner das Hauptgewicht auf das didaktische Element; den historischen und topographischen Erläuterungen wurde volle Aufmerksamkeit geschenkt und die Knaben zu systematischen Beobachtungen und geistiger Auffassung des Gesehenen angeleitet.

Warme Liebe zur Jugend, verbunden mit seltenem Talent, dieselbe zu unterrichten, befähigten den tüchtigen Forscher in hohem Maße, den Sammeleifer seiner Schüler auzuspornen und in die richtigen Bahnen zu lenken. Sein im Umgang mit den bekannten Berglandschafts-malern Lory und König künstlerisch gebildeter Sinn für die erhabenen Scenen der Alpennatur wußte auch seine jungen Freunde für die heimische Alpenwelt zu begeistern, deren Erforschung er selbst seine besten Kräfte widmete.

Dem Vorbild dieser Meißner'schen Reisen folgte etwa 10 Jahre später die weltberühmte Erziehungsanstalt Hofwyl, deren Gründer und Leiter Fellenberg mit Meißner eng befreundet war. Zur Vorübung wurden kleinere 2-3tägige Ausflüge, z.B. auf den Weißenstein oder ins Emmenthal, unternommen, dann folgten solche von 8—-12, später sogar von 20 und mehr Tagen, wobei vorzugsweise das Berner Oberland, die italienischen Seen, einmal mit Uebergang über den Theodul, besucht wurden. Eine strapaziöse Tour führte um den|Montblanc, wobei die junge Schaar mit einem so heftigen Schneesturm auf dem Col de Four zu kämpfen hatte, daß trotz der langen Keihe inzwischen verflossener Jahre ein damaliger Zögling der Anstalt die bei diesem Uebergang durchgemachten Strapazen stets noch in lebhaftester Erinnerung behalten hat. Diese Reise scheint auch in Bezug auf Verpflegung Anforderungen gestellt zu haben, welche heutzutage den jungen Leuten nicht sehr zusagen würden. Suppe des Morgens, Mittags ein einfacher Imbiß mit Brod und Käse, Abends wieder Suppe mit einem Fleische, zur Abwechslung Obst als Proviant im Sack. Unterwegs ging Uberdieß der nervus rerum aus, so daß die Rationen aufs knappste bemessen werden mußten. In der Enge bei Bern sollte eine letzte Rast gehalten werden, und wurden alle Säcke geleert, um die letzten Franken zu sammeln, und siehe da! aus dem Tornister des Jüngsten rollte ein unangebrochenes Rouleau Neuthaler, welches der arme Junge, der Vater unsers Freundes Fellenberg, um den Montblanc herum getragen. Mancher Neuthaler soll in der Enge der Freude über diesen Fund geopfert worden sein.

Die Zahl der Reisenden stieg bis auf 40 von verschiedenen Altern, ein Sohn des großen Pädagogen machte die obige Reise als 8jähriges Bürschchen mit und mußte dann freilich hie und da von seinem kräftigen Bruder getragen werden. Leider konnten keine schrift- liehen Berichte über diese interessanten Touren, welche regelmäßig fortgesetzt wurden, aufgefunden werden.

Ungefähr in die gleiche Zeit fallen die ersten Züricher Schulreisen, über welche unser verehrte Nestor Herr Prof. Ulrich so freundlich war, einige Notizen zu geben. Auf eine bezügliche Anfrage schrieb er: „ Ich war selbst dabei, es war dieß vor circa 70 Jahren. " Damals bestand in Zürich eine sogenannte Knabengesellschaft von etwa 20-30 Knaben. Unter Aufsicht von Jugendfreunden, Professoren, Geistlichen und Militärs wurden im Winter Spiele gemacht, zur Abwechslung Reisebeschreibungen vorgelesen} auch wohl eigens verfaßte vaterländische Schauspiele ein-studirt und aufgeführt; im Frühling florirten die Kämpfli, wobei brav gepulvert wurde. Der Sommer wurde zu kleineren wöchentlichen Ausflügen in die Umgebung benutzt. Die Krone des Ganzen bildeten ö — 7tägige Reisen, geleitet von einigen jener Männer, welche es sich nicht verdrießen ließen, Zeit und Mühe ihren jungen Freunden zu opfern. Ein sehr nach-ahmenswerthes Beispiel freiwilliger Bethätigung an der Jugenderziehung, welche gegenwärtig viel zu sehr durch die nach allen Richtungen eingreifende staatliche Organisation verdrängt wird. Das Hauptziel dieser Ausflüge war die in damaliger Zeit als Berg xaa'a êÇoyrfjV gepriesene Rigi, verbunden mit Streifereien durch die kleinen Kantone. Auf der primitiven Saumstraße und über die alte Teufelsbrücke wurde dem Gotthard ein Besuch abgestattet und sogar das Furkahorn bestiegen.

Wohl darf es erlaubt sein, anzunehmen, daß solche jugendliche Reisen in einem inneren Zusammenhang stehen mit der späteren ausgezeichneten montanistischen Thätigkeit unseres verehrten Nestors „ Herrn Professor Ulrich " und auch wohl anderer hervorragender Clubisten und Alpenforscher.

In den dreißiger Jahren bürgerte der originelle Töpfer die Pensionsreisen in Genf und der französischen Schweiz ein. Seinem lebendigen Geiste verdanken wir die bekannten, reizenden Voyages en Zigzag, welche die in den dreißiger Jahren bis 1842 ausgeführten Reisen, mit unversiegbarem Humor und feiner Satyre gewürzt und mit launigen Illustrationen geschmückt, in leichtem anziehendem Conversationston beschrieben.

Es würde sich reichlich lohnen, die köstlichen Reise- und Lebensregeln zusammenzustellen, vermittelst welcher jedes Ungemach, Hitze und Regen, Hunger und Durst, theure Gasthofrechnungen und die lästige Bettelei diesseits und jenseits der Alpen nicht nur erträglich gemacht, sondern zur Erheiterung des Marsches und radicalen Abwehr aller Gemüthsstörungen umgewandelt wird. Wie tröstlich lautet für einen halb-satten Magen: „ Pour dessert l' on se remet en route ", oder für einen Durchnäßten: „ S' il fait beau, c' est merveille, s' il pleut, c' est chose toute simple. " Nach der Reiseparole: „ II est bon d' emporter outre son sac provision d' entrain, de gaieté, de courage et de bonne humeur " lebt Töpfers Gesellschaft jeden Tag. Das Bestreben, mit den Schülern zu leben und sich zu freuen, schimmert überall als Grundton durch. Belehrung namentlich auf historischem Gebiet, Pflege des künstlerisch Schönen, Spiele und anregende Con- versation bieten mannigfaltige Abwechslung und lassen das Vergnügen nicht vom Barometer abhängen nach der weisen Regel „ qu'en voyage le plaisir n'appartient qu'à ceux qui savent le conquérir, point à ceux qui ne savent que le payer. "

Die Touren dehnen sich bis nach Graubünden, Mailand und Venedig und bis auf 36 Tage aus, was freilich besonders reichliche Quellen voraussetzt. Die Zahl der Theilnehmer mit Herrn und Frau Töpfer und einem Famulus beträgt 20 — 30 Personen. Wie sehr sich Töpfer die Liebe und Dankbarkeit seiner jungen Freunde zu erwerben wußte, können wir den letztes Jahr im Echo des Alpes veröffentlichten warmen Erinnerungen des früheren Centralpräsidenten Freundler entnehmen.

Dem Beispiel Töpfers folgten bald eine große Zahl Pensionate der französischen und deutschen Schweiz, und zwar benutzten nicht nur Knaben-, sondern auch Mädchenanstalten die Ferien zu Ausflügen in die Alpen. Doch möchte es für letztere gerathener sein, einen längern Aufenthalt in der Höhe zu wählen, als dem für Mädchen immer etwas gewagten Risiko andauernder Fußtouren sich auszusetzen, welche nur mit erwachsenen Töchtern, deren Kräfte man zu beurtheilen im Stande ist, unternommen werden sollten.

Durchdrungen von dem großen Werthe gut geleiteter Schtilerreisen faßte Anfangs der Vierzigerjahre Hr. Friedr. Meyer, gew. Lehrer der Geographie und Naturgeschichte an der Realschule der Stadt Bern, den hochherzigen Entschluß, diese Anstalt zur Erbin seines Vermögens im Betrag von Fr. 50,000 einzu- setzen mit der Bestimmung, aus dem Ertrag Preise für Naturgeschichte und Geographie auszutheilen und jedes Jahr oder alle zwei Jahre die älteren Zöglinge unter Anftthrung des Lehrers der Naturgeschichte oder sonstiger passender Aufsicht und Leitung eine den vorhandenen Geldmitteln angemessene Reise machen zu lassen. Von 1842 an wurden nun regelmäßig alle Jahre kleinere und größere Reisen unternommen, und zwar bis 1880 im Ganzen 46; anfangs nur eine von durchschnittlich 14 Tagen, welcher einige Male eine technologische Abtheilung, später eine kleinere von 6 Tagen für jüngere Knaben beigefügt wurde.

Im Jahre 1861 organisirte auch die damalige bernische Kantonsschule das Reisewesen in größerem Umfang, nachdem sie sich früher auf Turnfahrten und technische Ausflüge beschränkt hatte. Es wurden 8 Gruppen mit je 1, 2, 7 und 14 Tagen von den untern zu den obern Klassen fortschreitend angeordnet. Die Kosten wurden aus dem Mueshafen- und Schul-seckelfonds bestritten. Unsere Berner Jünglinge durchzogen so das schöne Vaterland kreuz und quer. Ueber Thal und Höhen, über wilde Gebirgspässe, auf herrliche Aussichtspunkte und zu den lachenden Gestaden der italienischen Seen führte der Weg. Den klassischen Stätten der Centralschweiz wurde der Tribut jugendlicher Begeisterung gezollt, die Erfindungen der neuern Technik in den volksreichen Städten bewundert, um in rascher Abwechslung die erhabenen Gebirgsscenerien von Zermatt und Chamounix oder des Engadins mit empfänglicher Seele zu genießen. Genua und Venedig bilden die entferntesten Zielpunkte.

Gegenwärtig werden an dem städtischen Gymnasium von Bern vier Abtheilungen vorgesehen, nämlich zwei größere Reisen von 12 Tagen für die obern Classen der Literar- und Realschule mit je 2 Lehrern und 10 Schülern, und zwei kleinere von 6 Tagen für die Classen III und IV der Literar-, Real- und Handelsschule mit 15 — 18 Schülern. Von dem bewährten Princip ausgehend, daß die Erlaubniß zur Theilnahme an einer Reise durch gutes Betragen und Fleiß verdient werden müsse, bestimmt das Reglement, daß diejenigen Schüler ausgeschlossen sind, welche in zweien der vier letzten Zeugnisse die Gesammtnote im Betragen unter gut oder im Fleiß unter ziemlich gut haben. Die Schule gewinnt damit ein ausgezeichnetes Disciplinarmittel, welches in unserer oft schwächlich humanen Erziehungsmethode einen mächtigen Sporn zu gutem Verhalten und Fleiß bietet. Die Familie begrüßt darin Jein vortreffliches Moment der Erholung von den heutzutage unabwendbaren großen geistigen Anforderungen an ihre Söhne. Damit die Reisen zu geistiger Arbeit dienen, hat jeder Theilnehmer einen Reisetag, welcher bei der Rückkunft durch 's Loos bestimmt wird, zu beschreiben. Diese Berichte werden, oft mit Zeichnungen ausgestattet, gesammelt und bilden eine stattliche Reihe von Bänden, von denen einige, à la Töpfer von spätem Jüngern der Kunst illustrirt, einiges Interesse bieten.

Es mag vielleicht hier ein Blick auf die Kosten solcher Ausflüge am Platze sein. In den ersten Jahren der Hofwyler-Reisen kam der Tag oft nur auf 3-4 alte Franken zu stehen. Im Schangnau wurde einmal für ein reichliches einfaches Nachtessen, Uebernachten und Frühstück 5 Batzen per Person gefordert. Mehr wollte der wackere Wirth nicht annehmen. Bei der ersten Meyer-Reise ( 1842 ) kam die Person auf Fr. 4. 41 zu stehen, allein schon die folgende erheischte Fr. 6. 60. Töpfer berechnet das Mittel auf Fr. 5. 50. In den Sechszigerjahren wechseln die Kosten der Meyer-Reisen von Fr. 6-8.2 für Mailand und die italienischen Seen, 10 Jahre später von Fr. 7-8.75, die letzten von 1881 und 1882 betrugen durchschnittlich Fr. 8 und Fr. 9-10 an den italienischen Seen und in Pontresina. Der Gesammtcredit betrug letztes Jahr Fr. 4000 und wurde theils aus der Meyer-Stiftung, theils aus dem Schulseckelfonds bestritten. Als ein Muster seltener Oekonomie muß eine Turnfahrt des Realschüler-Turn-vereins von Basel auf den Speer und Säntis von 1882 bezeichnet werden, welche per Person und Tag nur Fr. 3. 42 inclusive Eisenbahn kostete. Solche Turnfahrten scheinen in Basel die Schulreisen einigermaßen zu ersetzen, während an andern Orten die militärischen Uebungen der Cadettencorps einigen Ersatz für die Reiseinstitution bieten.

Die neuen Verkehrsmittel und ausgebildete Hotellerie erleichtern natürlich ungemein die Auswahl der interessantesten Pläne, üben aber gleichzeitig einen fast unwiderstehlichen Reiz aus, das Ziel immer weiter auszudehnen und über dem Fernen das nahe Schöne zu vernachlässigen. Wer will aber der Jugend zürnen, wenn die paradiesischen Villen des Comersees, Lugano oder die borromäischen Inseln ihrer Sehnsucht Ziel sind? Allein so bezaubernd dem Auge, so verderblich sind diese Gegenden der armen bescheidenen Casse. Schon Töpfer schätzt den Unterschied zwischen der deutschen oder welschen Schweiz gegenüber Oberitalien und dem Engadin auf Fr. 1. 50 per Kopf und Tag; heutzutage wird derselbe circa Fr. 2 und zuweilen sogar noch mehr betragen; überdies bewilligen weder Dampfschiffe noch Bahnen Ermäßigung für Schulen. Daß die jungen Leute bei den an sie gestellten ungewohnten Anstrengungen gut genährt sein wollen, ist selbstverständlich und hiezu reichen die erwähnten Crédite bei practischer Leitung vollkommen aus, nur muß der Grundsatz befolgt werden, in allen Gasthöfen zu accordiren und jederzeit besonders im Anfang der Reise verständig Maß zu halten.

Als das richtige Alter zum Beginn von Gebirgstouren erscheint uns das 14. bis 15. Altersjahr, unter günstigen Bedingungen darf man es wohl auch mit 12 jährigen Knaben wagen, doch ist eine gewisse Reife nicht nur des Körpers, sondern auch des Geistes unerläßlich, wenn ein reeller Nutzen erzielt werden soll. Kälte, Nässe, andauerndes Marschiren finden bei jüngeren Knaben noch nicht den Widerstand, welcher unbedingt bei Gebirgstouren vorausgesetzt werden muß, soll die Gesundheit nicht Schaden leiden. Ein Kind kümmert sich auch gewöhnlich blutwenig um die Aussicht und spielt lieber am Bach mit Steinen oder rennt Mäusen nach zum großen Aerger des Pädagogen, welcher dasselbe auf die Schönheiten der Natur aufmerksam zu machen bestrebt ist. Auf kleineren Ausflügen, Turnfahrten, botanischen Excursionen wird daher vorerst der Sinn für die Natur angeregt, die Knaben werden allmälig an ausdauerndes Marschiren Berg auf und ab gewöhnt und lernen Hitze und Durst ertragen. Wie heiter und hoffnungsvoll marschirt dann eine solche eingeübte Schaar junger Bürschchen auf 6 bis 8 Tage dem Gebirge zu! Unsere Saumpässe mit ihren herrlichen Schluchten und Wasserfällen, Gipfel wie Moléson, Rigi und Pilatus, Speer sind solchen Kräften angemessen; es dürfen sogar der Griespaß, die Gotthardgipfel, Säntis, Torrenthorn als nicht zu beschwerlich bezeichnet werden. Acht bis neun Stunden Marsch, richtig eingetheilt, sind keine zu starke Zumuthung.

Größere Proportionen gelten für ältere Schüler von 16-^-18 Jahren, Gymnasianer, welche den Strapazen einer 14tägigen Keise mit ausgedehnterem Programm vollständig gewachsen sein sollen. Ausnahmsweise ist bei diesem Alter vor 10—llstündigen Märschen nicht zurückzuschrecken. Die prächtigen Rundtouren um das Montblanc- und Monterosa - Massiv mit Gornergrat, die Diavolezzatour, auch Gipfel wie Sidelhorn, Piz Languard, Silvrettahorn, Buet, sogar unter kundiger Führung kleinere Abstecher in die Gletscherwelt bilden Glanzpunkte solcher Ferienreisen.

Nicht unwichtig ist die Wahl der Reisezeit. Am zweckmäßigsten ist wohl die erste Hälfte Juli, in welcher Periode die Haute-Saison des Fremdenverkehrs sich noch nicht einzustellen pflegt, die kleinen Bergwirthshäuser daher noch Raum zum Schlafen bieten und auch die Preise billiger sind als im Moment des großen Zudranges von Touristen. Man hat dann freilich besonders in späten Sommern ziemlich viel Schnee in den Höhen zu gewärtigen, allein als Entschädigung prangen die Alpen im reichsten Blüthenschmucke und im saftigsten Grün.

Einen höhere Standpunkt nehmen die Bergfahrten ein, welche von Professoren der Naturwissenschaften zu wissenschaftlichen Zwecken mit Studirenden unternommen werden. Seit Langem sehen wir unsere vortrefflichsten Gelehrten, Botaniker wie Geologen, an der Spitze lernbegieriger Schaaren ausziehen und vor keinen Schwierigkeiten zurückschrecken, wenn es gilt, die Pflanzendecke oder den Bau der Gebirge zu erforschen und zu erklären.

Zu den genußreichsten Excursionen dieser Art gehörten diejenigen, welche unser hochverehrte, greise Berner Geologe Prof. Bernhard Studer mit seinen Schülern auch in höhere Regionen unternahm. Tschingelgletscher, Sustenlimmi hatten vorher wohl nie solche Gesellschaft gesehen; eine der lehrreichsten Touren führte über die Grimsel auf den klassischen Aaregletscher, neben dem Ewigschneehorn vorbei und über den Gauligletscher durchs Urbachthal hinunter.

Es war im Juli 1854, als eine muntere Schaar unter fröhlichem Gesang fideler Burschenlieder und schriller Clarinettbegleitung das Haslithal hinaufzog und in dem seither leider zerfallenen Hôtel Neuchâtelois ihren tollen Spuk trieb. Ein glänzender Morgen bot entzückenden Einblick in die Gletschergebiete. So leicht der Aufstieg, so ernst wurde der Abstieg. Für 24 Mann erwies sich das einzige Seil als zu kurz, so daß dasselbe nur in die Hand genommen werden konnte. Auf dem steilen gefrornen Firnhang lagen bald Einer, bald Mehrere zappelnd auf dem Rücken und mußten 24 wieder auf die Beine gestellt werden. Mit Mühe und Noth hielten die drei Guttanner Führer die leichtsinnige Bande zusammen, doch der Anblick des am Fuße des Firnfeldes klaffenden Bergschrundes stimmte auch den Muthigsten ernster und vorsichtiger. Easeh hatte ein Führer in einer Biegung des Schrundes vor einer Schneebrücke Stellung genommen und faßte einen nach dem andern, so wie sie am Seil die steile und glatte Firnwand hinabgelassen wurden, in seinen Armen auf. Von da hieß es nun ohne Seil die Brücke überschreiten und am jenseitigen steilen Hang vorrücken. Der dritte brach mitten auf der Brücke ein; rasch warf er sich der Länge nach auf den Schnee und wie der Blitz war der wackere Weißenfluh an seiner Seite, ein Ruck und glücklich stand der Gefährdete auf sicherm Rand. Nach ihm passirte die ganze Gesellschaft die gefährliche Stelle und mit Entsetzen gewahrten die Kameraden, da der gefrorne Firn ein rasches Vorgehen nicht gestattete, wie drei Mann gleichzeitig auf der durchlöcherten Brücke standen. Doch lief Alles glücklich ab und ohne weitere Gefährde wurde spät Abends in Hof das Quartier bezogen, Jeder erfüllt von Bewunderung über die Großartigkeit des Hochgebirges und bereichert an mannigfaltigen Kenntnissen über das Walten der Naturkräfte.

In etwas abweichender Gestaltung entwickelten sich die Sectionsausflüge des S.A.C., welche in hohem Grade geeignet sind, Neulinge in die Gletscherwelt einzuführen und namentlich Jüngern Mitgliedern, welche vielleicht den Entschluß zu solchen Touren von sich aus nie gefaßt hätten, dieselben zu ermöglichen und ihnen deren Hochgenuß zu bieten. Schon manche Section führte so gemeinsam schöne Besteigungen und Gletscherübergänge aus; wie Sie aber aus obigem Beispiel ersehen haben, kann dabei nicht genug Vorsicht und stramme Leitung auf Firn und Gletscher empfohlen werden. Rutschparthien, wie sie letztes Jahr am Balmhorn vorfielen, könnten großes Unheil anstiften, und gerade auf diesen Ausflügen sollten unter Anleitung erfahrener Gänger alle Regeln vorsichtiger Gletscherwanderung zur Anwendung kommen. Zahlreiche Gesellschaft ist hiebei unbedingt zu vermeiden oder muß durch Abtheilung in selbständige Gruppen von 6-8 Mann gesichert werden.

Die in allen Culturländern erwachte und immer mehr sich ausbreitende Wanderlust führte natürlich auch in andern Staaten zu Versuchen, die Jugend solchen Genusses theilhaftig werden zu lassen. Mit großer Energie nahm sich der französische Alpenclub auf Anregung des für diese Idee begeisterten, leider zu früh verstorbenen Herrn Talbert, Vicepräsidenten des C.A.F., der Organisation von Schülerkarawanen an, deren mehrere unsere Berge bereist haben.

In unsern schweizerischen Verhältnissen blieb die Thätigkeit des S.A.C. für Schulreisen mehr im Hintergrund, und wenn auch viele seiner Mitglieder in eint und anderer Stellung direct und indirect bei solchen thätig sind, so mag es immerhin am Platze sein, die Aufmerksamkeit der Mitglieder des S.A.C. auf diese Institution hinzulenken und sie einzuladen, es möchte Jeder in seinem Kreise mitwirken, daß die Jugend nicht in engen Schulstuben oder hinter dem Biertisch verkümmere, sondern daß sie ausziehe in 's Freie, in die Höhe, und Geist und Körper erquicke und stärke in reiner freier Bergesluft.

Wie viele Schulen entbehren nicht dieser vortrefflichen Einrichtung! Bald fehlt es an richtiger Einsicht oder an passenden Persönlichkeiten, bald am nervus rerum, der bei gutem Willen und Rührigkeit erhältlich wäre. Nicht durch Réglemente, wohl aber durch freiwillige persönliche Initiative steht den Mitgliedern des S.A.C. in dieser Richtung ein großes und dankbares Feld ergiebiger Thätigkeit offen. Sehen Sie sich einmal die Rückkehr einer solchen Classe an! die Freude spiegelt sich auf allen Mienen und das Bewußtsein, etwas Tüchtiges geleistet zu haben, findet in dem gebräunten Antlitz frohlockenden Ausdruck; welche Wohlthat ist es nicht für Jünglinge, die in Folge häuslicher Verhältnisse nicht über die nächste Umgebung sich entfernen können, ohne Sorgen in die Weite zu schweifen und zahlreiche Bilder herrlicher Erinnerung mit heim zu tragen, ausgerüstet mit erneuter Lebenskraft und Lebensmuth.

Soll der Jugend eine solche Wohlthat bereitet werden, so muß vor Allem für tüchtige zuverlässige Führung gesorgt sein, Männer nach den Vorbildern eines Meißner, Töpfer, eines Professor Wolf, der Jahre lang seine Realschüler wie ein Vater leitete, auf-opferungsfähig und wohlwollend gegen ihre Zöglinge, ausgerüstet mit der nöthigen Energie und Einsicht, welche alle Schwierigkeiten einer Reise zu beherrschen weiß. Obwohl die Kunst des Reisens sowohl im Allgemeinen als speziell für Gebirgstouren in hohem Grade ausgebildet und in unserer beweglichen Zeit sozusagen Gemeingut der Gebildeten geworden ist, so besteht doch ein großer Unterschied, auf sich allein angewiesen zu sein oder die Fürsorge und Verantwortung für Jüngere, Unerfahrene zu übernehmen. Wie Alles in der Welt gelernt sein muß, so auch eine solche Führung, und es ist rathsam, die Erfahrungen Anderer zu Nutze zu ziehen und aus denselben die richtigen Verhaltungsmaßregeln abzuleiten, damit Fehler und Mißerfolge vermieden und ein möglichst großer Gewinn aus solchen Fahrten für die anvertraute Jugend gezogen werde.

Bei zufälligen Begegnungen mit Schulen hat man hie und da Gelegenheit, zu beobachten, wie mangelhaft die Ausrüstung, wie leichtsinnig die Führung beschaffen ist. So gerieth z.B. vor Jahren eine Karawane von circa 30 Schülern beim Uebergang über die Morgeten, zwischen Ganterisch und Nünenen, im Regen und Nebel auf einen Fluhsatz und wurde aus ihrer Verlegenheit nach langem kaltem Warten endlich durch einen auf den angestimmten Chorus aufmerksam gewordenen Hirten befreit. Aber auch ernstere Ungehörigkeiten, sogar einige Unglücksfälle beweisen, daß es durchaus geboten ist, den Schulreisen in 's Gebirg große Aufmerksamkeit und Sorgfalt zu schenken, sowohl betreffend Leitung als Ausrüstung.

Mangelhafte Führung, übertriebene Anforderungen an noch zu schwache Kräfte, schlechte Verpflegung und liederliche Disciplin können leicht von den verderblichsten Folgen begleitet sein und kann der zu erzielende Nutzen, sobald Uebermüdung, Angst und Hunger die armen Buben mißmuthig und elend gemacht haben, oder die Bande der Zucht und Ordnung gelockert sind, wahrlich nicht hoch angeschlagen werden; während eine wohlgeleitete Reise eine reiche Fülle des schönsten Genusses und mannigfacher Belehrung verheißt.

Wie ein guter Truppenführer wird der Chef der Reisegesellschaft nach einem genau ausgearbeiteten Plan operiren, von dem nur aus zwingenden Gründen abgewichen werden sollte; die Eintheilung der Tagesmärsche, die Wahl der Wirthshäuser dürfen nicht dem Zufall überlassen bleiben. Als Quartiermeister dienen Postkarten und Telegramme, ein College oder ein fähiger Schüler bilden den Stab und übernehmen einen Theil der Aufgabe.

Da, wo die öconomischen Verhältnisse es gestatten, empfiehlt es sich, einen erprobten Mann als Führer und Träger mitzunehmen, welcher die Lehrer in vielen Beziehungen unterstützen und erleichtern kann. So begleitete Peter Sulzer die Realschüler auf 25 Reisen; sein Morgenruf: „ Uef! Uef!u wurde sprichwörtlich, sein scharfer Blick wußte auch in fremder Gegend den richtigen Weg zu finden, die starken Schultern erleichterten manchen müden Wanderer. Abends sorgte Peter für das Trocknen nasser Kleider und Einfetten der Schuhe, vor dem Abmarsch besichtigte er rasch die Zimmer und half ungeschickten Nachzüglern; immer dienstfertig und ausdauernd, erwarb er sich das Vertrauen und die Anhänglichkeit von Lehrern und Schülern.

Auf dem Marsche kann es sich natürlich nicht, wie es öfter geschieht, nur um ein mechanisches Ablaufen von Meilensteinen handeln, so wenig als ein nur auf Essen, Trinken und Schlafen gerichtetes Sinnen der Schüler geduldet werden könnte; es ist vielmehr dem geistigen Leben, der Anregung frischer, froher Gemüthsstimmung, die größtmöglichste Rücksicht zu schenken durch anziehende ungezwungene Belehrung und Hinweisung auf alles Sehenswerthe in geschichtlicher und naturhistorischer Beziehung. Geist und Gemüth sollen aus den engen Grenzen des Schulzimmers herausgerissen werden und sich frei und elastisch ausdehnen, um die Natur und das Leben in weiterem Umfang erfassen und beurtheilen zu lernen. Wie von selbst erschließen sich auf dem Marsche, auf freundlichen Ruhepunkten oder bei geselligem Abendsitz die jugendlichen Seelen, trauliche Kameradschaft, edle Gesittung durchweben und heben das freundschaftliche Zusammenleben. In solchen Momenten ertönen unwillkürlich in flottem Chore vaterländische Lieder, mit dem Gesang erwacht auch der jugendliche Humor und beide vereint verbannen alle Versuchungen zu Ausschreitungen.

Neben der intellectuellen Leitung verlangt aber auch die materielle Ausrüstung, die körperliche Pflege und eine zweckmäßige Tagesordnung sorgfältige Berücksichtigung; je geregelter und rationeller diese gehandhabt werden, desto sicherer und befriedigender der Erfolg einer Reise.

Die Schüler sind daher zu rechter Zeit anzuweisen, für passende Kleidung zu sorgen. Einer der wichtigsten Artikel ist starkes Schuhwerk aus Rindsleder öder Juchten; die Sohle kunstgerecht, aber nicht zu massiv, mit einer Reihe von Nägeln beschlagen; die Schuhe, am besten Schnürschuhe, dürfen nur niedrige breite Absätze haben und sollten einige Zeit vor der Reise angetragen werden. Die fatalen hohen Absätze oder Elastiques taugen gar nichts. Das Leder der Schuhe darf nur knapp über den Knöchel hinaufreichen. Dazu kommen wollene Strümpfe oder Socken, welche àm besten vor den Jung und Alt demoralisirenden Blasen bewahren. Sehr gute Dienste gegen Nässe und Kälte und zur Sicherung des Fußes überhaupt leisten wollene Gamaschen, an welche die Fußriemen von starkem Leder am besten angeknüpft, nicht angenäht werden und daher leicht durch Reserveriemen ersetzt werden können.

Flanellhemden auf dem Marsch haben sich so allgemein bewährt, daß dieselben keiner weiteren Empfehlung bedürfen; Rock und Hose werden am zweckmäßigsten aus leichtem wollenem Sommertttch gewählt, dazu kommt ein Ueberzieher aus impermeabeln Stoff, wie solche jetzt von sehr geringem Gewicht bei gemeinsamer Anschaffung zu Fr. 14 erhältlich sind. Die Ausrüstung vervollständigen ein Binsenhut, den man um 's Kinn anbinden kann, Bergstock und Feldflasche, sammt Tornister. In diesen packe man ja nicht eine ganze Haushaltung; ein zweites Flanellhemd, für heiße Gegenden ein baumwollenes, 1 Paar Strümpfe, 2 Nastücher, 1 Paar leichte lederne Schuhe und höchstens noch 1 Paar Hosen genügen vollständig, und zwar um so eher, als man rechtzeitig mit Leichtigkeit frische Wäsche per poste restante an passendem Orte bereit halten und die getragene nach Hause spediren kann. Etwas Nähzeug mit Knöpfen, einige Korrespon-denzkarten sammt Notiz- oder Zeichnungsheft nicht zu vergessen. Das Gewicht des gepackten Tornisters sollte 8-10 Pfund nicht übersteigen, nach wenig Tagen trägt sich diese kleine Last ohne weitere Beschwerde. Karten, Liederbuch, Separatbändchen von Tschudi's Schweizerführer werden gleichmäßig vertheilt. Für Pflanzensammler sind zwei Pappdeckel nebst Fließpapier, welche einfach mit Lederriemen oder Bindfaden zugeschnürt werden, ganz ausreichend. Der Insectensammler wird seine Blechbüchse einstecken; der Mineraloge thut gut, etwa gesammelte Schätze der nächsten Poststation zu übergeben.

Zur Erhaltung des allgemeinen Wohles diene etwas Laudanum, anisirter Salmiakgeist, Heftpflaster und Tafft, Brausepulver, Fußsalbe und Charpie. Einige Tage vor dem Ausmarsch ist eine Inspection über die gesammte Ausrüstung vorzunehmen und die nöthigen Anweisungen zu geben.

In hohem Maße fördernd ist die richtige Eintheilung der Marschzeit. Aufbruch so früh als möglich, wo es angeht, nüchtern, damit die köstlichen Morgenstunden nicht durch langes Warten auf das Frühstück, wie dieß sehr oft vorkommt, verloren gehen. Nach 2 Stunden Marsch schmeckt das Frühstück doppelt gut, Brod, Milch und Kaffee verschwinden wie durch Zauber und verleihen die rechte Courage zur Hauptarbeit des Tages, bis nach 3 Stunden auf hoher Alp oder im Schatten des Waldes eine längere Ruhepause gemacht und dem Proviant oder einem einfachen Imbiß in einem Wirthshause zugesprochen wird. Hiebei vermeide man plötzlichen kalten Trunk in den erhitzten Körper, der leicht zu Uebelkeiten und Ohnmächten Veranlassung gibt. Suppe oder Wein mit heißem Zuckerwasser, auch ein Kaifee, vermitteln besser und unschädlich die Temperaturausgleichung. Wenn die drückende Mittagshitze vorüber, folgt der beschwerlichste Theil. Anfangs lustig, verfällt die Truppe in den heißen Nachmittagsstunden allmälig einem trägeren Tempo; matter schleppen sich die Bursche dahin. Ein kühlendes Fußbad im rieselnden Bach, ein kurzes Schläfehen auf weichem Rasen oder auch eine ersehnte Einkehr zu einem Glase Wein befähigen, in neuem Anlauf dem Nachtquartier frühzeitig zuzusteuern, wo ein solides Nachtessen eingenommen und bald die Ruhe gesucht wird.

Zur Gewinnung von Zeit und Schonung der Füße auf heißen, staubigen Landstraßen wird auch wohl eingespannt und in willkommener Abwechslung eine lustige Fahrt eingeschoben. Nach beschwerlichen Marschtagen lasse man leichtere Tage folgen mit Dampfschiif, Eisenbahn oder Besichtigung der Sehenswürdigkeiten einer Stadt. Hiebei wie auf dem Marsche selbst ist streng darauf zu achten, daß die Gesellschaft zusammenbleibe; eigenmächtiges Gebahren oder Zurückbleiben Einzelner darf in keiner Weise geduldet werden. Die wirksame Strafe gegen Ungehorsam, Rücksendung nach Hause per Post, braucht wohl nur höchst selten angewendet zu werden. Eher kann es vorkommen, daß ein Knabe zu schwach sich ausweist und die Rückreise antreten muß; in zweifelhaften Fällen sollte daher ärztlicher Rath entscheiden, ob die Reise gewagt werden kann. Mit Herzaffectionen Behaftete dürfen den Anstrengungen einer solchen Fußtour nicht ausgesetzt werden.

Für die glücklichen Reisegenossen ist die gebotene Erholung eine wahre Schule des Lebens. Manch schüchterner oder verhätschelter Knabe rafft sich bei solchem Anlaß auf und macht einen unerwartet mächtigen Schritt zu männlicher Energie und Selbstvertrauen. Andere lernen sich in 's Unabänderliche schicken oder sehen sich veranlaßt, kindliche Unbeholfenheiten abzulegen, wozu sie früher nie Gelegenheit hatten. Mit zwingender Nothwendigkeit müssen sich die Jünglinge an Ausdauer gewöhnen, Bequemlichkeit, Trägheit und Schwächenanwandlung mit festem Willen überwinden. Nichts härtet den Körper so gegen Nässe, Kälte und Hitze ab und stählt die Muskeln, wie solche Märsche Berg auf und ab. Mancher lernt Verträglichkeit gegen seine Kameraden oder es zähmt die herrschende freundliche Geselligkeit Andere zu gesitteterem Benehmen.

Werden die nöthigen Vorsichtsmaßregeln beobachtet und die richtige kameradschaftliche Stimmung von Anfang zur Geltung gebracht, so hängt das Gelingen einer Reise fast nur noch von einem lächelnden Himmel ab, der freilich oft genug verdrießliche Miene macht; indessen folgte noch immer auf Regen Sonnenschein.

Wohl geleitet, gereichen derartige Ausflüge nicht nur den Schülern, sondern auch den Lehrern oder Jugendfreunden selbst zu hohem Genuß und Befriedigung. Der warme Dank ihrer jungen Freunde ist ihnen gewiß und das Bewußtsein, denselben frohe, lehrreiche Tage verschafft zu haben, entschädigt reichlich für viele Mühen und Sorgen, abgesehen von dem pädagogischen Vortheil tiefern Einblicks in die Charac-tere der Zöglinge und der eigenen Ausbildung, welche namentlich für Lehrer der Geographie, Geschichte und Naturlehre nicht gering anzuschlagen ist und auch dem Unterricht in nicht zu unterschätzender Weise zu gute kommt.

Wie ärmlich und vielfach irrthümlich waren zur Zeit der beginnenden Schulerreisen die Kenntnisse des Gebirges, welche Riesenschritte sind bis heute auf diesen Gebieten gethan worden! Eine Jugend, eingeweiht in den gegenwärtigen Stand der Erkenntniß, kann hiebei nicht stehen bleiben, sondern auch sie fühlt den Drang nach eigener Thätigkeit, eigenem Forschen, auch sie will und soll an der Erweiterung und Fortbildung der Heimatkunde, der Naturwissenschaften kräftigen Antheil nehmen.

Sie in diesem Bestreben zu leiten und zu fördern, ihnen zuverlässige Rathgeber und Freunde zur Verfügung zu stellen, Geist und Körper der heranwachsenden Jugend in unserer Epoche allgemeiner Verweichlichung zu kräftigen, ist eine schöne und lohnende, mehrfach bethätigte, aber noch bedeutender Entwicklung fähige Aufgabe von Jugendfreunden, und auch für den S.A.C. wird sich die Anhandnahme und Förderung derselben zu einer reichen Quelle gedeihlichen Wirkens gestalten.

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