Über Skilaufen im Hochgebirge

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Von Rudolf Wyss.

Ich masse mir nicht an, in einer kurzen, anspruchslosen Plauderei über Skifahren im Hochgebirge auch nur einen kleinen Teil dessen sagen zu können, was der Skifahrer im winterlichen Hochgebirge an unvergesslichen, grossen und mannigfaltigen Schönheiten der majestätischen Alpenwelt geniessen kann. Ebensowenig möchte es gelingen, die beglückende Freude zum Ausdruck zu bringen, welche erweckt wird durch die frohe, leichtbeschwingte Fahrt über weitgespannte blinkende Firnfelder, durch das andachtvolle, zuversichtliche Gleiten in den geheimnisvollen, weichgeformten Gletschermulden, auf denen die Dämmerung des frühen Morgens liegt.

Denn es ist wohl so: Bleibt das Bergsteigen ein wahrhaftiger Hochgenuss rein um des Gebirges willen, so kann Skilaufen im Hochgebirge zum doppelten Hochgenuss werden, wenn sich zum Erleben der Gebirgsnatur die freie und befreiend weite Bewegung gesellt.

Aus diesem Grunde gewinnt ja auch der alpine Skilauf Jahr um Jahr einen immer grösseren Freundeskreis. Zu den skifahrenden Bergsteigern, die allein noch vor einem Jahrzehnt in vereinzelten wagemutigen Grüpplein zur Winterszeit in das Gebiet des ewigen Schnees und der Gletscher zogen, gesellen sich deren heute stets mehr, und ihnen schliessen sich immer häufiger die bergsteigenden Skifahrer an.

Welcher Unterschied zwischen diesen beiden Menschengruppen bestehe, möchten Sie wissen? Nun, vor allem ein rein innerer, der in der verschiedenen Einstellung zum Gebirge beruht: Wer, seiner Sehnsucht nach den Bergen folgend, als erfahrener Bergmann zu den Ski greift, um mit ihrer Hilfe in die verlockenden Höhen zu steigen, der ist ein skifahrender Bergsteiger, Skilaufen ist Mittel, der Berg das Ziel. Wer seinen gleitlustigen Füssen zulieb und um der rein sportlichen Freude am Skilauf an sich zu genügen, Firne und Gletscher aufsucht, ist bergsteigender Skifahrer, Skilauf ist Zweck und Erfüllung, der Berg bleibt Mittel dazu.

Nun möchte ich, vorausgesetzt, dass auch der Skifahrer das Hochgebirge gründlich kenne, hier keineswegs die eine Gruppe gegen die andere ausspielen, oder der einen vor der andern ein besonderes Anrecht auf das Gebirge zuerkennen. Ist auch der geistige Startplatz verschieden, am Ende laufen doch die Spuren nach dem gleichen Finish hin, und beiden winkt derselbe Siegespreis: ein edles Lustgefühl, geeignet, Lebenskraft und Arbeitsfreude in hohem Masse zu bereichern. Zudem sind ja die Alpen reich und weit genug, um jedem das zu bieten, was er sucht: glanzvolle Abfahrt diesem, skiheischende Hochfahrt jenem, oder in herrlichster Abwechslung beides miteinander.

Indessen hat die Erfahrung doch gezeigt, dass öfters die nötige Kenntnis des Gebirges fehlt, dass dessen Schwierigkeiten und Gefahren häufig unterschätzt und nur in seltenen Fällen allzu stark hervorgehoben werden.

So möchte ich denn von einigen Gefahren des alpinen Skilaufes kurz berichten.

Drei Dinge sind vor allem in Betracht zu ziehen: die Gletscher, die Lawinen und die schlechte Witterung. Das liegt in der Natur des Geländes und lässt sich durch Beispiele beweisen. Dabei tun Namen nichts zur Sache.

Da bricht plötzlich einen Schritt abwegs der Spur, die seine Kameraden neben ihm ziehen, ein unangeseilter Gefährte durch den Schneeharst, stürzt lautlos, unrettbar und unauffindbar in eine tückisch verborgene Spalte des scheinbar harmlos hingebreiteten Gletschers. Anderswo, am steilen Hang nach Neuschneefall, löst sich mit leisem Zischen die Lawine, packt in überraschender Schnelle eine Gruppe eben noch sorgloser Gesellen, nimmt sie als Beute mit und deckt die Opfer zu, bevor auch nur ein Schrei der angst-geschnürten Kehle entrinnt. Zweihundert Meter entfernt von der rettenden, so nahen und doch unfassbar weitentlegenen Hütte überfällt der johlende Sturm mit neuer Wucht fünf um ihr Leben kämpfende Leute, greift höhnisch den einen heraus und zwingt die andern, den Freund einer schreckensvollen, todbringenden Sturmnacht auf dem Gletscher preiszugeben. Solch unglück-seliger Begebenheiten und Möglichkeiten bewusst zu sein, ist gut.

Nun weiss man doch zur Sommerszeit so ziemlich allgemein, dass sanftgeneigte Alpentriften und wechselvoll geformte Firn- und Gletschergebiete hinsichtlich Gangbarkeit und Wegsicherheit nicht ganz dieselben Dinge sind. Man ist sich klar, dass Firn und Gletscher fortdauernd in Bewegung sind, rastlos Veränderungen unterliegen. Man überlegt, dass überall, wo irgendwelche Störung der Bewegung vor sich geht — sei es durch zerschnittenen Untergrund, durch Zerrung auf den Firn- und Gletscherjochen, geschehe es durch Stauung an den Ufern —, der Wanderer durch unberechenbare Schründe schwer gefährdet wird. Nicht dann, wenn diese weithin drohend ihre Rachen öffnen und darum leicht zu sehen sind, wohl eher dann, wenn trügerische Brücken sich darüber spannen, ganz sicher aber dann, wenn eine ungenügend feste Schneeschicht sie verhüllt.

Drum fällt es im Sommer keinem unter all den Tausenden von Wanderern ein, hierhin und dorthin, kreuz und quer in ungebundenem Bewegungsdrang die Gletscher wahllos zu durcheilen. Den neuverschneiten Gletscher gar als Einzelgänger zu betreten, das wagen selbst die Führer nur in der Not und mit Widerstreben. Und wenn es der eine oder andere einmal ungezwun-generweise tut, so wird es ihm von den Kameraden als läppische Waghalserei und sträflicher Leichtsinn angerechnet.

« Derig, wa sells machen, seilt 's allzämen in d'Schrind ahischlahn...! » So fuhr mich selber einmal einer an, es war im Jungfraujoch, fünf schwere Stunden Weges auf dem tiefverschneiten Jungfraufirn lagen hinter mir. Ich gebe heute mehr noch als damals dem grollenden Kameraden recht, wenn auch mit diesem Vorbehalt, dass man beim Sturz nicht Hals und Beine breche.

Allein, nicht minder liederlich als Einzelgängerei und darum ebenso mit vollem Recht verpönt, ist es, den Gletscher gruppenweise zu zweit, zu dritt und mehr, doch ohne Seil zu überschreiten. « Ans Seil! » ist unumstössliche Parole, sobald der Gletscher angegangen wird. Das steht für jeden Führer und für jeden Turenleiter fest, der seiner Pflicht bewusst ist und entsprechend handelt.

Wie aber ist es im Winter?

Du stehst zum Beispiel auf dem Jungfraujoch. In blendender Schönheit dehnt sich stundenweit das herrliche Firngebiet. Ein hurtiger Vergleich ergibt beim ersten Blick, dass hier ein Skigelände ausgebreitet liegt, viel freier, offener und zahmer, als man es irgendwo im Vorgebirge findet. Zwar Firngebiet, doch tief überschneit. Du missest triumphierend eine meterhohe, nein, skistockhohe Decke Pulverschnee, die über alle Schründe eine Brücke schlägt, die alle Hindernisse sorglich einhüllt, auch die Bedenken, die du aus dem Tal in das Gebirge mitgebracht. Und überdies, führt dort nicht eine Spur? Und hat nicht Clubkamerad so und so erzählt, man fahre da in einem einzigen Schuss und selbstverständlich ohne Seil firnaus bis zum Konkordiaplatz? Dazu die jugendlichen Freunde! Wie junge Rösslein sind sie voller Ungeduld, abhold der Fessel eines Seils und deiner Vorsicht. Wag's doch, gib freie BahnDoch da vermeinst du, irgendwie den grollenden Spruch zu hören: « Derig, wa sells machen, seilt 's allzämen... » Und nochmals überblickst du, prüfend jetzt, den Hang. Und da gewahrst du, dass bei jener sanften Bodenwelle sich eine kleine Furche zieht — es ist ein schlechtgedeckter Schrund. Du siehst, dass dort von links her sich ein Eisbruch nach der Firnfeldmitte senkt, dass da und da ein kleines Schatten-streiflein liegt, es ist der Schatten eines Spaltenrandes. Und dort, just wo du deine Schwünge ziehen wolltest, klafft meterbreit ein offener Riss.

Und jetzt wird dir der abgrundtiefe Unterschied bewusst, der zwischen diesem Skigelände und jenem etwa auf den Simmentalerweiden, im Ganterist, in voralpinen Gegenden überhaupt, besteht. Denn es ist unwahr, dass die Gletscher im Winter besser, sicherer seien als im Sommer. Wer es anders sagt, begeht Sophisterei, und wer es aus Unkenntnis behauptet, der ist ein Schwätzer.

Ja, freilich sind die Spalten normalerweise meist schon im frühen Winter zugedeckt. Doch fällt die grosse Menge Schnee im Hochgebirge meist erst im Märzen, im April und Maien, wenn im Tal die langen Frühjahrsregen niedergehen. Zudem gewährt die hohe Schneeschicht allein keine Sicherheit. Denn sie besteht aus lauter losen Flocken, die keinen bessern Halt und nicht viel bessere Bindung haben als trockener Spreuer oder loser Sand. So sind die Brücken aufgebaut, die über dreissig, vierzig, ja über hundert Meter tiefe Schründe führen. Erst dann, wenn Sonne, Regen, Frost und lange Lagerung den Zusammenhang der anfangs lockern Masse bis auf den Grund gefestigt haben — das dauert je nach Witterung verschieden lang, oft bis in den späten Frühling hinein —, ist einiger Verlass auf diese Brücken. Doch selbst auch dann nur, wenn die Spaltenbreite nicht zu gross ist. Und man tut gut, dieselbe nicht zu unterschätzen. Zwei, drei, vier und mehrere Meter breite Schründe sind nicht selten genügend breit, um eine ganze Gruppe Leute zu verschlingen. Beweise liegen vor.

Doch auch die vorgefahrene Spur ist nicht in allen Fällen sicher. Wie war es doch auf jener Osterfahrt am harmlos scheinenden Oberaarjoch?

Eine Reihe Fahrer hatte ahnungslos den Schrund überfahren, der nächste brach mit der Brücke ein und wurde unter ihrer Last begraben.

Ein Unsinn ist es also und sträfliche Fahrlässigkeit, nicht jegliche Vorsicht beim Befahren jedes Gletschers zu beachten. Dazu gehört genaueste Wahl des besten Weges, den jeder Gefährte strikte innehalten muss, hier ist kein Platz für Eigenbrödler und unbotmässige Besserwisser. Dazu gehört vernünftig ab-gebremste Fahrt, die jederzeit erlaubt, sturzlos zu stoppen. Geschwindigkeits-leistungen suche man anderswo. Dazu gehört geschlossene Abfahrt, die Rücksicht auf den Schwächsten nimmt, denn sie allein macht rasche Hilfeleistung möglich.

Dies alles und noch mehr dazu wird durch die Fahrt am Seil gesichert. Zwei Mann auf mindestens 25 m Seil sind am beweglichsten. Drei Mann benützen vorteilhaft zwei 25-m-Seile. Mehr als drei Mann sollten nicht an einem Seil abfahren. Zu jedem Seil gehört zum mindesten ein Pickel. Dann aber ist das Seil für zuverlässige Läufer — andere gehören nicht ins Hochgebirge — nicht nur kein Hindernis, wohl aber schützt es trefflich gegen die Hauptgefahr, die Gletscherschründe, und gegen eine andere, die rücksichtslosen sogenannten Kameraden, die nur auf sich bedacht der Disziplin abhold sind. Befreit von diesen, denn sie tun ein zweites Mal nicht mit, und wohlgesichert gegen Schrund-gefahr wird mit treuen Seilgefährten die Skifahrt auf dem Gletscher erst recht genussvoll und zu einer sportlich einwandfreien Leistung. Dass Skilaufakrobatik dabei nichts zu suchen hat und dass ein tüchtig Mass gereifter Einsicht unerlässlich ist, das brauche ich wohl nicht zu sagen.

In wesentlich erhöhtem Masse trifft dies zu bei Lawinengefahr. Unkenntnis oder Unterschätzung dieser grössten Tücke des Gebirges rächt sich ja häufig und bitter genug. Doch ist die oft gehörte Meinung falsch, dass die Lawinengefahr mit zunehmender Höhe des Gebirges wachse und darum in der Firn- und Gletscherregion am meisten zu befürchten sei. Im Gegenteil. So ist im ganzen Jungfraugebiet, soweit die Gletscher reichen, kaum ein üblicher Skiweg ernsthaft lawinengefährdet, wogegen just die tiefer gelegenen Zugänge, die Grimsel, das Lötschental und namentlich auch die Anstiege aus dem Rhonetal herauf der Lawinen wegen berüchtigt sind. Und ähnlich steht es in den Walliseralpen, im Bündnerland und anderswo.

Denn nicht die Höhenlage, wohl aber Steilheit und Beschaffenheit der Oberfläche, Niederschläge, Wind und Sonne sind es, welche die Lawinenbildung vorbestimmen.

Ich möchte dieses namentlich betonen, weil ich aus eigener Erfahrung weiss, wie leicht man sich in dem Augenblicke, da die gut gelungene Gletscherfahrt beendigt ist, vom törichten Gedanken leiten lässt, jetzt seien die Gefahren überwunden, man dürfe mit dem Seil zugleich auch die Vorsicht beiseite legen. Und noch aus einem andern Grunde. Man schätzt aus Unkenntnis, doch sehr zu unrecht, das Vorgebirge viel zu sehr als lawinensicher. Beispiele beweisen es. So konnte ich im Ganteristgebiet verfolgen, wie zwei Gruppen nur durch reinen Zufall einem Missgeschick entgingen, als sie die übliche, doch keineswegs vorsichtig angelegte Spur zum Morgetengrat befuhren. Ein tüchtiger Satz von Neuschneepulver lag auf gefrorener Unter- lage. Die Nacht war kalt gewesen, der Morgen brachte etwas Wind, der im Verlauf des Tages in den Höhen stärker wurde, den Flugschnee ab den Gräten in die windgeschützten Hänge trug und — das liess sich unschwer voraus-bedenken — Schneebretter schuf, die bei der kleinsten Störung in die Tiefe fahren mussten. Ein solches Brett, gross und schnell genug, um jeden, den es traf, zu werfen und zu decken, ging knapp im Rücken der einen Gruppe und dicht vor den Skispitzen der andern nieder. Ein Unbeteiligter erklärte freilich, das sei doch keine Lawine gewesen, man habe sie ja nicht gehört. Der gute Skimann kannte offenbar Lawinen nur vom Hörensagen und teilte die naive Vorstellung, wonach sich solche nur mit Poltern und Gedröhn, dem Wildbach ähnlich, in die Täler stürzen. Gewiss, es gibt derartige gewaltige Entladungen des Gebirges an sonnigwarmen, föhnigen oder regenreichen Frühlingstagen. Das sind die mächtigen Grundlawinen, die jedes Jahr, oft fast mit haargenauer Regelmässigkeit, genau bekannten Bahnen folgen. Doch diese Sorte ist, weil man sie kennt und weithin hören kann, Skiläufern selten schädlich. Gefährlicher ist eine andere Art, die Staublawine. Diese löst sich mit unberechenbarer Launenhaftigkeit, bald hier, bald dort, zu jeder Tageszeit, vom frühen Winter an bis in den Frühling, wenn nur genügend pulveriger Neuschnee liegt. Also just dann, wenn man mit Ski zu Berge steigt. Bedingung ist genügend steiler, glatter Untergrund und irgendwelche Störung des unbeständigen Gleichgewichtes. Sehr häufig ist es der Wind, besonders trockener Schönwetterwind, der diese Staublawinen in den steilen Gräten löst, von wo sie überraschend schnell zur Tiefe fallen, gleiten und stieben. Gut, wenn ein aufmerksames Auge sie zur rechten Zeit entdeckt. Dann mag die rasche Flucht aus ihrem drohenden Bereiche retten. Kaum aber dürfte das Entrinnen möglich sein, wenn man ein Schneebrett antritt, also eine Schneeschicht löst, die mit dem glatten Untergrund nicht fest genug verbunden ist und anfangs wie ein Brett zur Tiefe fährt, denn augenblicklich wird man von der Masse mitgetragen und zu Fall gebracht. Ich glaube nicht, dass eines von den Rettungsmittelchen, wie Bindung lösen, kräftig schwimmen, den Stock hochhalten oder ähnliches, viel helfen kann, es sei denn ein glücklicher und äusserst leichter Fall. Beginn und Ablauf des Geschehens erfolgen allzu rasch. Das Unglück ist ein Werk von wenigen Sekunden. Die Möglichkeit dazu ist ganz besonders gross, wenn auf dem harten Altschnee eine lose Pulverschicht und über dieser eine feste Decke lagert, gleichgültig, ob es Windharst oder Frostharst sei.

Du wähnst dich sicher auf solider Unterlage, steigst zuversichtlich in den steilen Hang, wenn nicht ein leichtes, dumpfes Knacken unter deinen Ski warnt. Die Kameraden folgen aufgeschlossen, es geht trefflich. LawinenAusgeschlossen, der Morgen ist zu kalt, der Schnee zu fest gefrorenRuuuppschreckt ein kurzer Lärm. Zischläuft's den Hang entlang. Der Boden wankt, das Schneebrett gleitet, bricht. In Schollen stürzt es über dich. Wohl, wenn es dich nicht begräbt, wohl, wenn die Freunde nicht verschüttet werden! Dann mag man, wenn der Schreck vorüber ist und die Besinnung eingekehrt, aus vollem Herzen dem Schicksal danken und es genug sein lassen an dem einen Probestück.

Nicht derart überraschend schnell fallen Sturm und Wetter über dich. Doch gingen ehemals die Alten bei zweifelhaftem Wetter kaum je auf eine sommerliche Bergfahrt, geschweige dass sie im Winter eine unternommen hätten. Seither hat freilich mancherlei geändert. Man kennt heute zweifellos das winterliche Hochgebirge besser. Man legt auf dem Schneeschuh viertel-stundenweise gleichviel Wegs zurück wie jene Alten ohne sie in mühevollen schweren Stunden. Man baut auf Witterungsberichte, wenn sie günstig sind, hofft andernfalls, in einem gutgelegten Netz von Hütten Unterschlupf und Sicherheit zu finden. Zumeist mit Recht. Und dann ist es gut, vorausgesetzt, dass man genügend Essen, Holz und Nerven hat; denn anders ist es, am wohl-besetzten Tisch im gutdurchwärmten Hüttlein vor der sichern Heimfahrt Rast zu halten, und anders ist es, in der sturmdurchpeitschten Berg- und Gletscherwildnis Stunde um Stunde, bange Tage lang, frostdurchschauert und hungrig auf Flucht zu lauern. Und wie gerade die Flucht zuweilen zum Verhängnis werden kann, das liesse sich durch viele Beispiele zeigen. Es sei nur an das Unglück jener Lötschentaler, skitüchtiger junger Leute, erinnert, die zwischen Konkordiahütte und Steigerhütte im Schneesturm irgendwie zugrunde gingen. Sie waren bei klarem Wetter, aber etwas Wind, aus der Steigerhütte nach der Konkordiahütte gefahren, erkannten hier den drohenden Witterungsumschlag und suchten offenbar, so rasch wie möglich wieder in die Steigerhütte zurückzukehren. Die Hütten liegen kaum zehn Kilometer auseinander. Dazwischen dehnt sich offner, freier Firn, bei gutem Wetter ideales Skigelände. Der Schneesturm muss die Leute unterwegs überfallen haben. Und was hernach geschah, das weiss man nicht, denn weder irgendeine Spur, noch auch die Leichen konnten aufgefunden werden. Vermutlich aber war es so, dass sich die vier unangeseilt zur Flucht anschickten, infolgedessen aus-einanderkamen, sich selbstverständlich nicht mehr finden und noch viel weniger die Richtung innehalten konnten. So ist denn wohl der eine hier, der andere dorthin abgeirrt und umgekommen. Wie leicht das möglich ist, weiss jeder, der jemals im Schnee- und Nebeltreiben gesteckt hat. Ein einziger Augenblick genügt, dass man sich aus der Sicht verliert, die oft kaum weiter als der Ski reicht. Nicht minder schnell sind auch die Spuren ausgeweht, und kaum einmal gelingt es, sich durch Zuruf wiederum zu finden. Darum heisst auch hier die Losung: dicht beisammenbleiben, an das Seil! Dann mag vielleicht ein starker Führerwille und strengste Disziplin im Kampf mit den entfesselten Naturgewalten siegen. Doch nur dann, wenn sich der Wille auf die klare Überlegung und Erfahrung stützt, wenn Karte, Kompass, Uhr und Höhenmesser zur rechten Zeit und immer wieder als unbeirrbar treue Helfer zu Rate gezogen werden.

Doch auch wenn sich der Sturm gelegt, ist ruhige Besonnenheit am Platze, denn tückisch liegt das Schneebrett jetzt am Weg, die Gwächten hangen in den Gräten, und die Lawinen lagern sturzbereit. Wer jetzt zutale fährt, tut wohl, daran zu denken, und wer zur Höhe steigen will, soll sich und seine Pläne reiflich prüfen.

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