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Überschreitung der Aiguille du Grépon

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

der Aiguille du Grépon

August Granwehr, Kreuzungen

( Bilder i bis 4 ) Um 3 Uhr verlassen wir die Hütte von Plan de l' Aiguille.Vor uns geistert im Taschenlampenlicht eine Sechsergruppe zur Mittelstation der Seilbahn Aiguille du Midi. Wo die wohl hin wollen? Fünf Minuten oberhalb der Hütte folgen wir dem Fussweg zum Blauen See ( lac bleu ). Unterhalb des kleinen Bergsees führt das Weglein weiter über insgesamt drei trümmerbedeckte Moränen. Auf der letzten, bei Punkt 2525, überblickt man erstmals den Unteren Nantillons-Gletscher. Den grössten Teil davon überqueren wir im dämmernden Morgen. Nun ist es Zeit, sich mit Steigeisen und Seil zu wappnen. Eine Gruppe vor uns schwenkt nach rechts zum Fusse des langgestreckten Rognon-Felssporns; ich finde den Aufstieg auf dem harten Firn des steilen Gletschers günstiger und schneller. Oben sind einige Meter Blankeis zu meistern; doch mit den scharfen Steigzacken an den Füssen lässt sich dieses Hindernis gut überwinden. Inzwischen haben wir gegenüber der Gruppe, die den Felsaufstieg gewählt hat, einen guten Vorsprung herausgeholt. Aus den Wänden der Aiguille des Grands Charmoz dröhnen Hammerschläge. Unentwegte hangen in der Westwand und verlassen eben ihren Biwakschlafplatz in der steilen Wand. Zwei schlaftrunkene Zweierseilschaften kommen uns entgegen; sie kehren in der Morgenfrische von der Charmoz-Überque-rung heim.

Nach dem steilen Gletscher steuern wir das breite Couloir zwischen Charmoz und Grépon an. Kurz vor den Felsen rammen wir Pickel und Steigeisen in den Firnschnee; alles unnötige Material wird hier deponiert. Auf steilem, gespür-tem Firnschnee führe ich die Dreiergruppe auf allen vieren in die Felsen. Leichten Fels, vereiste Wasserrinnen und steinharten Schnee überlisten wir unangeseilt. An der Abschlusswand des Cou- rloirs, wo es sich auf die beiden Gipfel verzweigt, seilen wir wieder an. Das Couloir zum Mum-mery-Riss ist voll von Schnee. Eine breite Platte mit einem Spalt zur Westwand kostet bereits einige Kraft in den Armen. Eine Bresche öffnet sich in die Ostwand. Da es im Couloir kühl und auf Grund des Schnees nicht besonders reizvoll ist, zieht der « Gwunder » mich in die sonnige Ostwand, wo eine grosse, sichere Standfläche Raum genug für uns drei bietet. Der ideale Frühstücksplatz wird für die erste Teepause genutzt. Rüdiger übernimmt nun die Führung, Heinz die Hauptsicherung, und ich als Photograph folge hinterdrein. Ein schmales, ebenes Band führt uns etwa zo Meter waagrecht durch die fast senkrechte herrliche Ostwand, dann steigt ein gut er-kletterbares Couloir to bis 15 Meter aufwärts, und an seinem Ende zweigt der Mummery-Riss ab. Bis ich nachgekommen bin, hat Rüdiger bereits den Fuss des besagten Risses erreicht, und Heinz sitzt auf einem Steinblock. Von ihm läuft f das Seil zuerst waagrecht, dann leicht fallend über zwei Haken zum Kollegen. Der senkrechte Mummery-Riss ist eng und abgeschliffen; Griffe sind praktisch keine vorhanden. In erreichbarer Höhe hängt an einem Holzkeil eine Schlinge. Etwa zwei Meter kann Rüdiger überwinden; der nötige Reibungsschluss durch Verstemmen reicht jedoch nicht aus, er muss langsam auf die Ausgangsstellung zurückrutschen. Der heikle Aufstieg wird mit den Augen nochmals scharf inspiziert. Ein Aluminiumkeil mit Schlinge hilft uns dann beim zweiten Anlauf, diese äusserst schwierige Stelle zu bewältigen. Den restlichen Anstieg, mit einer zusätzlichen Schlinge gesichert, schafft unser Vormann glänzend. Der Mittelmann meistert diese Schlüsselstelle im vierten Schwierigkeitsgrad mit Mühe und Not zwar aus eigener Kraft, aber gut gesichert von oben. Nun bin ich an der Reihe. « Festhalten! » rufe ich Heinz zu; dann belaste ich das Seil und lasse mich vom erhöhten Standplatz etwa vier Meter zum Riss hinüberpendeln. Es geht gut; nur Heinz stöhnt unter der Wucht meiner 60 Kilo.

ali.

Der Aufstieg im Riss ist äusserst anstrengend. Nachhilfe von oben wird nicht abgelehnt, es erleichtert die harte Arbeit der Arme etwas.

Dann sitzen wir eng beisammen auf einer kleinen Fläche. In schwindelnder Tiefe, etwa 2400 Meter weiter unten, liegt Chamonix. Wenige Meter über Schnee und Eis führt der Anstieg weiter durch das Kanonenrohr in die sonnige Ostwand. Die Felsbänder sind trocken. Bald zwingt uns eine kaminartige Verschneidung die fast senkrechte Wand hinauf. Auf dem Scheitel angelangt, entdecken wir eine Seilschlinge um einen Felskopf: Alles ist vorbereitet zum Liftfah-ren. Drei Meter senkrecht nach unten landen wir auf einem breiten Band in der Westwand. Lotrecht fallen die Wände einige hundert Meter zum Nantillons-Gletscher ab. Die Ausgesetztheit ist atemberaubend. Heinz ist ein bisschen mulmig zu Mute, Rüdiger hingegen befindet sich bereits in voller Aktion, arbeitet sich im sogenannten « Râteau de Chèvre », einem engen, durch eine Plattenkante gebildeten etwa 30°-Riss, ruckweise hoch. Sein linkes Bein verklemmt sich im Spalt. Er kann sich jedoch mit geschickt angewendeten Tricks, die beim Bergsteigen bisweilen lebens- wichtig sind, aus eigener Kraft befreien. Der Klemmkeil, ein Wundermittel auf dieser Tour, verhilft zu einer Zwischensicherung. Rüdiger ist auf dem Plateau vor dem mächtigen Granitzahn des Grand Diable angelangt. Mir helfen die neuen « Raichle Zinal » zum flotten Überwinden der schwierigen Felspartie. Es lohnt sich, für extreme Touren in Eis und Fels einen guten Schuh zu kaufen! Trotzdem sind wir dankbar, nach dieser harten Passage auf einem ruhigen, sicheren Platz verschnaufen zu können.

Der Hauptgipfel ist nun doch ordentlich in die Nähe gerückt, muss aber noch hart umkämpft werden, ehe er der « Unsrige » ist.

Die Vorbereitungen fürs Abseilen sind bald getroffen. Da ich diese heimtückische Abseilstelle, die so furchtbar ausgesetzt über eine scharfe Kante in einen Überhang mündet, von einer früheren Tour noch sehr gut in Erinnerung habe, mache ich den Anfang. Vorsorglich nehme ich den Abseilkarabiner zu Hilfe. Es wird der Kante entlang abgeseilt; die Scharte ist von oben nicht sichtbar.

Messerscharf ist die Gratschneide, über die ich rückwärts gleite. Ich wage kaum anzuhalten und abzusitzen, denn der scharfe Stein ist imstande, mir die Hose zwischen den Beinen aufzuschlitzen. Nach fast zwei Drittel Seillänge geht 's in die Senkrechte über. Immer bedacht, das Seil auf der Westseite des Grates zu halten, um ein gefährliches Auspendeln in die Ostwand zu verhindern, hange ich plötzlich in der Luft. Am Abseilkarabiner mit Bremssteg erreiche ich flugs die Scharte. Das 40-Meter-Seil reicht gerade. Nun folgt mir Heinz im Dülfer-Abseilsitz. Einige Meter klappt dieses Manöver reibungslos, dann sitzt er fest. Nur mit Mühe kommt er bis zum Überhang. « Hät-test eben doch den Abseilkarabiner benützen sollen, den Du zuvor so verächtlich angesehen hast! » Das nächste Mal wird sich Heinz seiner bestimmt bedienen. Von der Scharte aus führt auf der rechten Seite über einen Absatz hinauf ein schräges. Band dann wieder in die Ostwand auf die « Route aux Bicyclettes » ( Radfahrer-Weg ). Dieses Fels- band hängt wie ein Balkon über dem Mer de Glace. Unsere Tour ist im allgemeinen nicht gerade leicht, weist aber doch mindestens nach jeder Seillänge ideale, grosse Standplätze auf, so auch nach dem « Radweg » wieder auf der dem Mont Blanc zugewandten Seite unseres Berges. Ein letztes Mal lässt uns der Grépon seine ganze Macht fühlen. Die restlichen Meter zum Gipfel sind äusserst schwierig und ausgesetzt. Im senkrechten Riss hängt eine Trittschlinge; diese benutzt Rüdiger und steigt dann auf die Schulter von Heinz. Der Anfang ist gemacht, die Hände reichen nun bis in den Riss, der quer nach rechts hochführt. Eine Sicherungsschlinge kann mit äusserster Kraftanstrengung angebracht werden. Nun nochmals senkrecht hoch - eine kleine Nase - ein kleiner Vorsprung von vielleicht einem Zentimeter gibt einem Schuh Halt - ein letzter Alumini-umkeil... und die Hand reicht über den abgeschliffenen Gipfelrand. Die Hauptarbeit ist getan, und wir dürfen nun schnaufend nachkommen. Nach erfolgreichem Endkampf blickt uns die Gipfelmadonna gütig entgegen. Dank sei ihr für das unfallfreie, herrliche Erlebnis! Bergführer aus Chamonix haben die Aluminiumstatue im Jahre 1927 hier heraufgebracht. Überwältigt schauen wir in die Runde von Schnee und Eis, das in der gleissenden Mittagsonne funkelt. Am meisten packt mich der Rochefort Jorasses-Grat. Seit Jahren schon möchte ich diesen Wundergrat überschreiten, aber bis anhin fehlte jedesmal das dazu erforderliche dreitägige sichere Wetter. Der Rundblick vom Grépongipfel ( 3482 m ) ist wohl einer der eindrucksvollsten in diesem Massiv, die Aussicht weit schöner als vom Mont-Blanc-Gipfel. Nach einer ausgiebigen Rast seilen wir auf die Seite des Mer de Glace ab. Nach der grossartigen Abseilstelle überschreitet man eine Scharte zur Westseite, dann geht 's in einfacher Kletterei tiefer in Richtung Col des Nantillons. Nach ungefähr zwei Seillängen ist ein Ring eingemauert, an welchem nochmals etwa 30 Meter abgeseilt wird; dann muss man aber unbedingt südwärts der Gratkante folgen. Von einem grossen einge- klemmten Block ( etwa ein Meter ) in der Gratbresche steigt man ungefähr anderthalb Meter senkrecht hoch auf eine wohl io Meter grosse Plattform. Von hier links haltend, können wir gemeinsam absteigen, wovon die letzte Seillänge in einem steilen, losen Firnhang.

Ein Hubschrauber deponiert auf dem Col des Nantillons Holz für ein Höhenfeuer. Der Abstieg über den weichen Firn des Gletschers bis zu unserem Materialdepot ist problemlos - und damit der Kreis geschlossen. Der Rest des Abstieges bis zur Hütte des Plan de l' Aiguille erfolgt auf der Aufstiegsspur.

Die Tour ist für mich ein unvergleichlich schönes Erlebnis gewesen und um so genussreicher, als ich die Route schon von einer früheren Begehung kannte, so dass auch die photographische Ausbeute davon profitierte.

Zeiten:

Plan de l' Aiguille—Grépon retouretwa 13 Std.

Plan de l' Aiguille—Einstiegetwa 3 Std.

Plan de l' Aiguille—Grépongipfeletwa 9 Std.

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