Vom Hvalfjord nach Thingvellir (Island)

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Mit 1 Karte und 1 ZeichnungVon Hugo Nünlist

( Luzern ) Wir sind in Akureyri verspätet abgefahren und sollten der Küstenstrasse entlang nach 450 km abends in Reykjavik eintreffen. Es ist aber am Hvalfjord bereits 22 Uhr, und es verbleiben immer noch 50 km auf durchlöcherter Fahrbahn zurückzulegen. Trotzdem es finster geworden ist und der Regen schon vor Borgarnes unaufhörlich an die Wagenscheiben prasselt, lasse ich an der innern Bucht des Hvalfjords anhalten, um in die windgepeitschte, wassertriefende Nacht hinauszutreten und zu Fuss über die Berge das 30 km entfernte Thingvellir zu erreichen, den geschichtlich wichtigen Ort am Thingvallavatn, wo die isländische Volksversammlung, das Althing, vom Jahre 930 bis Mitte des vorigen Jahrhunderts abgehalten worden ist. Mein Gefährte, Dr. Emil Winkelmann, ist schon im Nordland, in Viöimyri beim Skagafjord, ausgestiegen, wo ihm das bessere Wetter eher Farbaufnahmen ermöglicht. Diesmal bin ich auf mich allein angewiesen.

Aus dem Brynjudalur braust in wilden Wogen ein durch endlose Niederschläge an-geschwollener Bach, an dessen Nordufer, 2 km von hier, die Farm Skorhagi steht. Obwohl das Zelt mitgetragen wird, mag ich nicht daran denken, es in solchem Sturm und auf durchtränktem Boden aufzuschlagen. Um den Wasserschwall nicht queren zu müssen, verfolge ich nicht den Fahrweg, sondern verbleibe gleich auf dem rechten Ufer, gerate aber in elende Mooswülste und breiigen Lehm. Jenseits eines Hages dehnt sich gar ein Sumpf aus, dessen Borstgrasbüschel vorerst noch Stützpunkte abgeben. Dann heisst es, im Laufschritt durch die Pfützen eilen, um nicht einzusinken. Hinter einem Graben schliesst sich wieder Morast an, wenngleich es sich bereits um das « tun » handelt, um die gepflegte Wiese rund um eine Farm. Ob Skorhagi, der Heidehof, bewohnt ist? Es flattert Wäsche an einer Leine! Auf mein Rufen in betontem Abstand, um die Leute nicht zu erschrecken, taucht eine kinderreiche Familie aus dem Dunkel der Küche. Ich stelle mich als Schweizer vor, der morgen über die Berge weiterzieht und zufrieden ist, auf dem trockenen Boden eines Wohnraumes schlafen zu können. Nur der Sohn versteht etwas Englisch, lässt aber seine junge Frau im Nebenhaus holen, die sich an den Tisch setzt und mich fragt: « Sie sprechen Deutsch? » Das ist der Beginn einer herzlichen Aussprache, die mich allen näherbringt. Die junge Frau stammt aus Ostpreussen und übersetzt Fragen und Antworten geläufig, während sie mich immer wieder auffordert, Kaffee zu trinken und das Gebäck mir munden zu lassen.

In ihren Augen muss der Fremde ein seltsamer Kauz sein, hat er doch mit seinem Gefährten bis jetzt 360 km zu Fuss über die isländische Tundra, über Lava- und Tuffwüsten zurückgelegt, Vulkane erstiegen und Dutzende von Bächen und Flüssen durchwatet, im Gegensatz zum Isländer, der auf dem Pony oder im Jeep zu reisen pflegt.

Da es Sitte ist, sich erst nach 8 Uhr zu erheben, gedulde ich mich im Bett. Der Sohn rät mir dann, wegen der grossen Bäche nicht im Talhintergrund anzusteigen, sondern gleich bei der nächsten Farm, Thrändarstaöir, dessen Besitzer er benachrichtigt, ein Pony zur Querung der Thverâ bereitzustellen. Er selbst führt mich im Auto über die seichte Furt des Talflusses auf die Südseite. Nach herzlichem Abschied von dem freundlichen Thoröarson bin ich in wenigen Minuten beim nächsten Bauernhof, wo mich der Farmer mit zwei Buben und dem Pony an die Thverâ schickt, die als mächtiger Wasserfall vom Kjölur über eine Basaltstufe herabdonnert. Ich schwinge mich in den Sattel und überlasse dem klugen Klein-pferd das Abtasten des Bachbettes. Insgeheim muss ich schmunzeln: solche Wasserläufe pflegten wir kurzerhand in Schuhen zu kreuzen; denn wegen der vielen Sümpfe waren wir sowieso meist gründlich nass.

Nachdem das Pony willig zurückgestapft ist, stelle ich den Kompass zum Myrkavatn, was Trübsee bedeutet, ein. Auf den Hochflächen des Soöurfjall würde es schwer halten, die Karte zu öffnen. Der Regen rauscht ja herab, und der dünne Kleppermantel klatscht schon hier wie toll umher Oben wird der Sturm unbändig wüten. In einer Stunde eile ich die Steilhalden hinan, durch Heidelbeer- und Wacholderstauden, über verwittertes Erguss-geröll und pflastrigen Lehm.

Auf dem Soöurfjall zerrt mich der Sturm fast um. Noch einmal blicke ich hinab zu den beiden Farmen und erkenne schemenhaft durch den scheusslichen Regenvorhang den düstern Hvalfjord. Hierauf stemme ich mich gegen den Wind und durchschreite Pfützen, vollgesaugte Moosteppiche, dass es unter und in den Schuhen quietscht und gluckst. Vom Kjölur herab schweben dichte Nebelschwaden und verhüllen einen der trostlosesten Landstriche, die ich je gesehen. Nichts als durchweichten Tuffgrund, Wasseradern, Tümpel ohne Ufer und federnde Moospolster. Der Kompass weist mich allmählich in Berglehnen, wo die Bäche sich zu Flächen vereinigen und einfach alles uferlos überfluten. Sie fliessen so ungezügelt, als habe Gott vergessen, für sie Rinnen zu schaffen. Es hiesse die Zeit vergeuden, wollte man nach geeignetem Übergängen ausschauen. Ich platsche trotzig mitten durch, um wenigstens die Richtung nicht zu verlieren. In diesem verhüllten Hochmoor gibt es weder Pfade noch Bergspitzen zu entdecken, sonst würde ich drei gewahren: Kjölur, Búrfell und die Botnssülur. Schliesslich begegnen mir zwei Runsen, wo sich die entsprechend reissenden Gewässer überspringen lassen, wonach Ahüfurboden folgt, hochwandige Mooshügel, die durch matschige Lehmrillen unterbrochen sind und überhüpft werden, was ich auf den langen Wanderungen gründlich eingeübt habe.

Endlich betrete ich die Hochebene des Myrkavatn, wo der Sturm mit aller Wucht gegen mich rast. Die Finger sind derart steif geworden, dass ich sie kaum zu bewegen vermag. Als gar noch Hagel niederzischt, erinnere ich mich wieder an die Bedenken des Sohnes auf Skorhagi. Lächelnd habe ich ihm geantwortet, Schweizer Bergsteiger würden sich in jedem Unwetter zurechtfinden. Aber so geheuer ist es mir nicht mehr. Umkehren will ich nicht, und verirren darf ich mich nicht. Der Nebel jagt ziemlich dicht über die Passfläche hinweg. Der Hagel schlägt derart heftig, vermischt mit strömendem Regen, auf den Boden, dass alles wie Gischt aufspritzt. Als ich der Schaumkronen des Myrkavatn ansichtig werde, zeigt die Magnetnadel genau zu ihm. Der so wichtige Ort ist gewonnen. Er befindet sich halbwegs zur Farm Svartagil, was Schwarzschlucht heisst. Ich muss zwischen den beiden VOM HVALFJORD NACH THINGVELLIR ( ISLAND ) Seen Myrkavatn und Sandvatn vordringen und unter allen Umständen die Öxarä vermeiden, diesen gefährlichen und wasserreichen Fluss.

Unmittelbar vor dem See breiten sich wieder Mooswülste und Sümpfe aus, so dass ich bald rennen, bald schwankend und in leichten Umwegen über die wippenden Hügel marschieren muss. Der unendlich einsame See ist schier weiss von Sturzwellen. Ich haste seinen Planskizze Hvalfjord-Thingvallavatn ( Island ) Ausschnitt aus dem Plan « Südwestland » Hängen entlang über Kehlen, Moore und überschwemmte Fluhsätze zu einem Schafpfad, der sich einige Meter über dem Wasserspiegel auf- und niederbewegt. Wie müsste es schön sein, bei günstigen Verhältnissen hier zu lagern. Jetzt ist alles so abstossend, wenn die Unwetter über der Passheide toben.

Kurz vor dem Ausfluss der Öxarä biege ich vom See weg über eine Rampe, um den ersten Seitenarm, einen entfesselten Bach, der von den Botnssülur herabpoltert, und die auf der Karte eingezeichneten Wegspuren zu erreichen. Eine Steinwarte! Dabei eine schwach erkennbare Ponyfährte, die vom Sandvatn eintrifft. Die Furt über den ungestümen Nebenbach befindet sich aber erst vor der Einmündung in die Öxarä. Hier den Sprudellauf zu queren, ist mir zu gewagt. Falle ich um, spült mich das Wasser unweigerlich in die noch breitere, gleichfalls starkes Gefälle aufweisende Öxara. Also zurück und höher oben, wo der Wildbach am Saum durch etliche Blöcke gegliedert ist, soll 's versucht werden. Auf einen Stein kletternd, den Wetterschutz zurückgeschlagen, raffe ich all meine Kräfte zusammen und hole zum Sprung aus, der mich in die Mitte bringt. Vornübergeneigt stemmt sich der Körper gegen die Schwalle und taucht hüfttief ein. Drei hastige Schritte, wonach sich die Hände in der Grasböschung verkrallen, bevor mich die Fluten mitreissen. Wasser ergiesst sich aus allen Maschen, als hätte mir jemand einen Kübel in die Hosen geschüttet. Doch ich bin drüben.

Unverzüglich eile ich am Ostufer hinab zum Ponypfad, der zwar tief in die Erde eingeschnitten und meist noch mehr überschwemmt ist als das Umgelände. Mal für Mal schälen sich Steindauben aus dem eintönig über die Fluren streichenden Nebel und verschaffen mir eine gewisse Sicherheit. Nach zwei unbedeutenden Flusskrümmungen schiebt sich ein Sumpf vor, der im Laufschritt bezwungen wird. Nun mündet von der Südflanke der Botnssülur der zweite grosse Nebenbach ein, den ich oberhalb der Furt, auf die gleiche Art wie vorher, mit einem kühnen Satz und ein paar Schritten bewältige. Bei einem der Übergänge muss ich mir den Daumen verstaucht haben, der jetzt anschwillt und schmerzt. Wie sich dies ereignet hat, dessen entsinne ich mich nicht.

Der Pfad löst sich für geraume Zeit von der Öxara, die sich stetig tiefer durch Schluchten wühlt, und strebt über einen Hügel mit Steinwarte. Das Gehen ist hier besonders mühsam. Der Weg steht fast überall unter Wasser, und daneben sind Lehm und Tuffgerölle derart aufgeweicht, dass man wie durch Schnee stapfen muss und bei jedem Schritt merklich einsinkt. Auf der andern Seite nähere ich mich dem schwarzwandigen, zerschrammten Knie der sich schmutzig dahinwälzenden Öxara, die sich fortan verbirgt und erst wieder auf der Basaltmauer der Almannagjâ, der Allmännerschlucht, erscheint, wo sie nach eindrucksvollem Sturz bei Thingvellir in das Becken des Thingvallavatn fliesst. Bei diesem Knie wirbelt wieder von links der dritte Wildbach herab und kracht über einen lotrechten Abbruch zur Öxara hinunter. Just über dem Wasserfall ragt ein wuchtiger Block vor und dient mir zum Absprung auf das Steilbord der Gegenseite. Ein misslungener Start hätte mich sogleich über die Basaltklippe gefegt; denn im Bach könnte ich mich nicht mehr wehren.

Mässig ansteigend gelange ich auf eine Hochfläche, wo im Schotterbelag Ponyhufe wie Spucknäpfe eingelassen sind. Tuffkugeln, Kies und Sand liegen auf pappigem, kahlem Grund, weichen unter den Tritten und gestalten den Marsch aufreibend. Hinter der nächsten Anhöhe, wo Strauchwerk und Zwergstaudenflur gedeiht, sichte ich den vierten bedeutenden Zufluss, die Svartä, die von der Gagnheiöi aus schiefergrauer Klamm breit, aber untief herausströmt. Die rundgeschliffenen Steine eignen sich nicht zum Übersetzen, so dass ich kurzerhand das mehrere Meter breite Wasserband durchwate. In den Schuhen gurgelt es wieder, allein die Farm Svartagil ist nicht mehr fern. Die Pferdspuren verlaufen über den letzten Bergriegel. Rüstig schreite ich teils in den Furchen der Hufe, teils über den Moos-rand, bis die hellgrüne Wiese des « tun » und das zinnoberrote Dach des Gehöftes aus Regen und Nebel ins Blickfeld rücken. Wie werde ich nach fünf Stunden Anstrengung und in dem durchnässten Zustand empfangen werden?

Ich überklettere den Hag und werde dabei von einem weissen « Wachthund » entdeckt. Ein Schweizer Artgenosse würde kläffen und rasen, nicht so der isländische. Er wendet sich um, ohne einen Laut anzuschlagen, und verkriecht sich im Haus, als wäre nichts geschehen. An der Ecke der Farm, über einer Treppe, klopfe ich an die Vortür. Niemand. Auf Rufe keine Antwort. Der Vorderseite des dreigiebligen Hofes entlanggehend, poche ich an einen Fensterflügel. Es bewegt sich jemand dahinter. Die Tür knarrt auf.

« Ich bin Schweizer und komme vom Hvalfjord über die Berge hieher. » Der Besitzer, eine ehrwürdige Gestalt mit grauem Spitzbart und blauen Augen, heisst mich eintreten. Da es üblich ist, sich der Schuhe zu entledigen, streife ich sie ab, entleere sie und winde gleich noch die Strümpfe aus. Die Frau wartet beharrlich im kalten Wind und Regengestöber an der Tür. Aber in der Wohnküche tropft es derart aus meinen Kleidern, dass sich Wasserlachen bilden. Die Farmerin wehrt meine Entschuldigungen ab, trocknet den Boden mit einem Lappen, reicht mir Hosen ihres Sohnes und hängt die meinen mitsamt Hof SvartagilNach einer Aufnahme der Unterwäsche über den Herd. Bei Kuchen und Kaffee erzähle ich ihnen von den Erlebnissen, da wir uns notdürftig auf Englisch verständigen können. Der Sohn seinerseits berichtet, morgens 4 Uhr hätten sie ein geheimnisvolles Klopfen an einer Scheibe hinter dem Haus vernommen, was bedeute, jemand treffe im Verlauf des Tages von den Bergen her ein. Der Vater habe geäussert, bei solchem Wetter erscheine doch niemand. Trotz allem, beteuert der Sohn, sei es kein Irrtum gewesen. Der Aberglaube, in Island ziemlich häufig, habe sich wieder einmal bewahrheitet.

Am Morgen hört es eine Weile auf zu giessen. Schwere Wolkenschichten lagern an den Hängen und über der Lavawüste von Thingvellir, das noch 7 km entfernt ist. Mag Island auch das Land der tausend Wunder genannt werden, 1955 ist es eine unwirtliche Wetterinsel. Nach den Aussagen der Familie Magnüsson habe sie seit 53 Jahren keinen solchen Sommer durchgemacht; tage- und nächtelang nichts als Niederschläge, und kaum je lichtete sich das Gewölk. Die Buben spielten bei meiner Ankunft im Keller, das zwölfjährige Töchterchen zeichnete gelangweilt Nixen im zweiteiligen Badeanzug und sehnte sich wohl nach wärmere Gefilden; die Eltern hörten schwermütige Lieder am Rundfunk, und der Sohn trieb die paar Kühe wegen der garstigen Nächte in den Stall; langsam, durchnässt und schicksals-ergeben trotteten sie des Abends durch knöcheltiefen Kot der Krippe zu.

Nach dem Abschied von der überaus liebenswürdigen Familie lässt es sich der Sohn nicht nehmen, mich 2 km weit zur Fahrstrasse nach Thingvellir zu begleiten. Dann trennen sich unsere Wege. Er entschwindet auf einer Erhebung im Nebelgebräu wie ein Verfemter der Sagazeit. Ich aber wandere wieder fort - zum Donnerfall der Öxarä, zur Allmännerschlucht, zum Log- oder Gesetzesberg, hernach dem Thingvallavatn, dem grössten See Islands, entlang, dessen Flächeninhalt genau dem des Vierwaldstättersees entspricht, und schliesslich in die Öden der Mosfellsheiöi, durch unablässigen Regen und heftigen Wind.

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