Von Lenk nach Macugnaga

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VON EMIL SCHIMPF, WINTERTHUR

Mit 2 Bildern ( 12/13 ) Wenn man in den Berichten aus der Zeit der « Eroberung der Alpen » blättert, so sieht man,welche Vorbereitungen oft getroffen werden mussten, bevor man eine Erstbesteigung wagte. Noch viel eindrücklicher aber zeigen die Schilderungen grosser Fahrten der Neuzeit, z.B. zum Everest, in die Anden oder zum Dhaulagiri, welche Wichtigkeit den minutiösen Vorbereitungen solcher Expeditionen zukommt und welche Arbeit damit verbunden ist.

Ich habe das Plänemachen, sei es nun für Hochtouren oder auch nur für Jurawanderungen, immer als angenehme Ausspannung empfunden. An Regensonntagen ist es für mich besonders reizvoll, anhand von Karten wenigstens theoretisch in den verschiedensten Gegenden unseres Landes oder des anschliessenden Grenzgebietes unterwegs zu sein. Dabei studiere ich altbekannte Routen oder auch von uns noch nicht durchstreifte Landschaften. Dieses Kartenlesen gibt mir dann wieder Anregungen, wie wir Wanderferien einteilen und welche Gebiete wir abklopfen könnten. Dabei beschränke ich mich heute allerdings auf Pläne für bescheidene Touren, da wir uns zu den älteren Semestern zählen. So kam mir denn auch der Gedanke, mit meiner Frau auf bekannten und unbekannten Wegen vom Berner Oberland zum Südfuss des Monte Rosa zu wandern.

Stinknobel fuhren wir deshalb Ende August 1961 erste Klasse im Aussichtswagen über den Brünig und nachher weiter nach Zweisimmen. Auf der nachfolgenden Strecke nach Lenk merkten wir, dass das Fahren erster Klasse nicht immer unbedingt « bequemer reisen » bedeutet. So machte es uns denn auch nichts aus, am Bahnhof in Lenk unsere Rucksäcke auf den Buckel und den Weg unter die Füsse zu nehmen.

Wie waren wir aber enttäuscht, als wir feststellen mussten, dass die uns von früher bekannte schöne Wegstrecke nach der Iffigenalp zu einer Autostrasse ausgebaut worden war! Kaum schweifte der Blick während des Marschierens hinüber zu den Flanken des Wildstrubels, musste man sich schon wieder vor einem hupenden Auto am Strassenrand in Sicherheit bringen. Der früher so herrliche Duft von Wiesen und Wäldern wurde verdrängt durch den Gestank der Auspuffgase.

Hätten wir das geahnt, wir würden es vorgezogen haben, ein Taxi zu nehmen, dies um so eher, als uns die Säcke anfänglich etwas drückten. Nun, wir kamen, wenn auch nicht gerade frohen Mutes, so doch zu Fuss zum Berggasthof, in dem wir -wie auch schon - gut aufgehoben waren. Beim Einnachten durften wir uns bereits am Anblick weidender Gemsen erfreuen, die wir mit dem Feldstecher erspäht hatten.

Gut ausgeruht nahmen wir am frühen Morgen den Aufstieg zur Wildstrubel-Hütte in Angriff und fanden den ersten Teil, den Zickzackweg durch den steilen Nordhang bis zur Blattihütte, noch ebenso ideal wie früher. Im Schatten gehend, kann man den Blick immer wieder ins Iffigental und gegen die Lenk schweifen und die Lungen mühelos langsam an die Höhe gewöhnen lassen. Der offene Hang bis zur Abzweigung zwischen Rawilpass und Hüttenweg ( Pt.228O ) bietet wieder ganz andere Aspekte, ohne dass man sich eigentlich auf den Weidhängen der gewonnenen Höhe bewusst wird. Dann aber ändert sich das Bild: die Hochgebirgswelt kündigt sich mit Geröllhalden an. Zwischen zwei Bergseelein, an denen auch bei dieser vorgerückten Jahreszeit noch stellenweise Schnee lag, rückten wir der letzten Steigung zur Hütte näher. Dieses Wegstück mit 300 Metern Höhendifferenz machte uns, obschon oder vielleicht auch weil wir eine Rast eingeschaltet hatten, etwas zu schaffen. Es wurde wärmer, und die Säcke schienen an Gewicht zuzunehmen. Aber schliesslich erreichten wir die SAC-Hütte. Die freundliche Frau des Hüttenwartes braute uns sogleich einen Tee und stellte feine Suppe auf. Wir waren zunächst die einzigen Gäste. Aber das kleine Mädchen der Hüttenwartin leistete uns Gesellschaft, als wir später in der Umgebung der Hütte herumstreiften. Ein ruhiger Abend in Gesellschaft sehr weniger Besucher leitete über zu einer erfrischenden Nachtruhe.

Um einiges später als ein Führer mit seinen zwei Begleiterinnen machten wir uns auf den Weiterweg. Wir erfuhren von einem Vermessungsingenieur, der mit uns aufgebrochen war, dass er auf dem « Glacier de la Plaine Morte » einen neu entstandenen Gletschersee vermessen müsse. Während er allein die Richtung gegen den Wildstrubel einschlug, stapften wir durch den bereits weichen Schnee, vorbei an Gletschersümpfen, zum Übergang ins Rhonetal unterhalb des Tothorns. « Warum », so fragten wir uns, « sind wohl auf der Karte so makabre Geländebezeichnungen angebracht ?» Wir fanden die Gegend jedenfalls herrlich und den Blick ins Wallis wunderbar. Wie lockten doch all die stolzen Gipfel herüber, von denen wir sogar einige bestiegen hatten! Wir versuchten zu erkunden, ob ein Teil unserer weiteren Wanderroute erkennbar sei; allein die Sicht war nicht eindeutig klar, bürgte dafür aber für schönes Wetter. Merkwürdigerweise hatte meine Frau kein Sitzleder, obschon wir doch eigentlich Zeit zum Vergeuden hatten. Also lungerten wir nicht - wie ich es geplant hatte - bis in den Nachmittag hinein umher, sondern stiegen und glitten hinunter in genau südlicher Richtung unterhalb der Hänge des Mont Bonvin. Die weite Mulde war mit Schnee bedeckt; wir wollten sie ohne Hast hinter uns bringen. Da, was war das? Östlich von uns und oberhalb unserer Route war eine Detonation zu vernehmen; der Ort liess sich auf Grund eines Räuchleins leicht erkennen. Mir schwante nichts Gutes, als meine Frau harmlos fragte, ob dort gesprengt werde. Wir blieben aber gar nicht lange im Ungewissen über die Ursache des Knalls. Ein unheimliches Geräusch machte mir klar, dass sich erneut eine Granate im Anflug befand. Wo wird sie einschlagen? Überhaupt nicht, denn sie war offenbar mit einem Zeitzünder versehen und explodierte einige hundert Meter links über uns im Fluge; weitere folgten und taten dasselbe in erschreckender Nähe. Was sollten wir tun? Um uns auf dem Schnee erschienen immer mehr schwarze Punkte: die Streuung der Splitter! Keine Deckung war in Sicht. Deshalb: die Säcke auf den Kopf und so rasch wie möglich aus dem Gefahrenbereich! Ich stürmte voran, um womöglich weiter unten Sichtverbindung mit der Schiessleitung aufnehmen zu können. Inzwischen wurde das Feuer glücklicherweise wieder in die Hänge des Mont Bonvin verlegt. Beim Erscheinen meiner Frau an dem Punkte, von welchem aus man die « Cabane des Violettes » sieht, hörte das Schiessen fast augenblicklich für längere Zeit auf. Offenbar hatte die rote Bluse als Warnzeichen gewirkt. In sehr ungemütlichem Tempo strebten wir weiter talwärts und stiessen nach einer Gegensteigung auf eine gut verborgene Schildwache. « Mais, c' est défendu de monter là-haut! » sagte der Mann. Wir erfuhren, dass die Schiessleitung,

JL

10Abfahrt unter den Eisabbrüchen des Allalinhorn 11Strahlhorn wie vermutet, bei der Cabane sei. Dort wurden wir zuerst sehr vorwurfsvoll empfangen. « Vous avez eu de la chance que vous ne soyez pas tués! » usw. In den Walliser Zeitungen habe eine Sehiessan-zeige gestanden, und im angrenzenden Bernbiet hätten Anschläge auf das Zielgebiet hingewiesen. Dort scheint aber etwas nicht geklappt zu haben, denn weder auf der Iffigenalp noch in der Wild-strubel-Hütte war uns ein solcher Hinweis zu Gesicht gekommen Je nun, wir waren gottlob gesund und wohlbehalten. Und geschossen wurde nicht mehr, da man offenbar der Sache nicht mehr sicher war. Nach dieser Episode assen wir in der SAC-Hütte eine Bouillon und tranken ein Glas Tee, beides nicht gerade wohlfeil. Etwas verärgert über die « Abreisserei » setzten wir den Weg nach Vermala fort. Viel früher als erwartet kamen wir leider auf eine Fahrstrasse, und von Montana-Vermala nach Crans blieb uns nichts anderes übrig, als der geteerten Autostrasse zu folgen.

Es darf nicht verwundern, dass uns der Tag etwas « aufgehauen » hatte, wobei der Strassentippel sozusagen das Tüpfchen aufs i setzte. So entschlossen wir uns anderntags, dem Sitztourismus zu huldigen, statt auf Wanderwegen ins Rhonetal abzusteigen. Mühelos brachte uns das Postauto nach Sion, und ebenso mühelos erklommen wir gegen Abend in einem andern Postauto die Hänge nach Vex und näherten uns über Hérémence dem grössten Staudamm unserer Alpen, der « Grande Dixence ». Pralong war die Endstation, und damit erreichten wir auch unseren Übernachtungsort. Ausgeruht genossen wir ein herrliches Nachtessen mit echtem Walliser Brot als Beigabe, viel Käse zum Dessert und einem ff Dôle.

Das auf sieben Uhr früh bestellte Taxi kürzte uns den Weg zur Staumauer ab. Wie hatte sich doch die Gegend seit unserem letzten Besuch verändert! Die erste Staumauer ist mitsamt dem alten Berghotel « Motôt » längst unter Wasser. Auf staubigen, aber gut markierten Weglein und Treppen erreichten wir von « le Chargeur » aus die Höhe der Mauerkrone. Der Damm war fertig und erhielt offenbar den letzten « Schliff ». Wir stiegen ohne Halt weiter durch das Gewirr der Baracken und kamen zu einem Aussichtspunkt,«Belvédère » genannt. Wo aber war der Weiterweg? Nirgends ein Wegweiser. Irgendwo traf ich einen Arbeiter, der mir erklärte: « Il y a un tunnel ». Aber wo? Erst nach grösserem Zeitverlust fanden wir den « Rank ». Wir mussten wieder auf die Scheitelhöhe der Mauer absteigen, von wo es dann tatsächlich durch einen längeren Tunnel dem Stausee entlang ging. Nach Verlassen desselben mussten wir konstatieren, dass sich auch hier sehr viel verändert hatte. Das grosse Seebecken passt zwar ausgezeichnet in die Gegend, und wenn der See auch noch nicht annähernd voll war, machte er doch einen imposanten Eindruck. Aber der Marsch dem Ufer entlang ist weit weniger abwechslungsreich und viel länger als seinerzeit der alte Weg längs des alten Seebeckens. Das Gehen auf sozusagen ebener Strecke mit einem schweren Sack hat uns noch nie gefreut. Heute war dies noch weniger der Fall, weil es drückend heiss wurde. Kein Wunder, dass die vorbe-rechnete Marschtabelle nicht mehr stimmte. Wir atmeten auf, als wir gegen den « Pas du Chat » aufsteigen konnten, hätten dann allerdings gerne auf den Höhenverlust für den Wechsel auf die andere Talseite verzichtet. Aber wir gewannen immerhin an Höhe, wobei wir die herrliche Aussicht gegen den Mont Blanc de Cheilon und den gleichnamigen Gletscher dauernd vor uns hatten. Als wir dann den letzten steilen Anstieg zum Col de Riedmatten in Angriff nahmen, fragte ich mich doch, ob wir nicht mit Vorteil zuerst zur Cabane des Dix und von dort, nach einem Zwischenhalt, über den « Pas de Chèvres » weitergegangen wären. Der Blick auf die Berge von Arolla mit den markanten Aiguilles, unter denen diejenige « de la Tsa » besonders hervorsticht, liess die Anstrengung rasch vergessen. Die Zeit des Mittagessens war längst überschritten. Hunger hatten wir nicht mehr, und ein Becher heissen Kaffees mit Ovo wog ein üppiges Mahl auf. Leider konnten wir hier wider Erwarten keine Gemsen beobachten, wie wir es gehofft hatten. So bestand auch kein Grund dafür, allzulange in der Scharte zu bleiben. Wir strebten im Gegenteil sehr gerne abwärts, unserem 2Die Alpen - 1961 - Les Alpes17 heutigen Ziel, Arolla, zu. Während des ganzen Tages hatten wir nur einen Touristen und im Abstieg eine Offizierspatrouille angetroffen. Arolla aber war überfüllt, da dort Militär stationiert war. Dank unserer früheren Bekanntschaft verschaffte uns der Patron des Hotels « Post » nach längerem Warten ein gutes Zimmer mit fliessendem Wasser. Nach dem Waschen weckte ein feines Nachtessen, von einem Schluck Fendant begleitet, unsere Lebensgeister vollends.

Da wir anderntags Zeit hatten, schauten wir uns in der stark veränderten Umgebung von Arolla um. Die Bauten für die Wasserzufuhr in den Lac des Dix, die notwendigen Unterkünfte für die Arbeiter der verschiedenen Baustellen und die Strassenführung bis zum Dorf geben der Gegend einen anderen Aspekt. Die neu angelegte Strasse war auch der Grund, warum wir nicht zu Fuss nach La Sage dislozierten, sondern das Postauto benützten. Im Hinblick auf Pläne, die wir uns für spätere Jahre aufsparten, machten wir von La Sage aus einen Ruhetagsausflug Richtung Ferpècle und bewunderten von der Alp Bréona aus die prächtige Dent Blanche.

Nach diesen zwei Ruhetagen standen wir - erstmals bei etwas zweifelhaftem Wetter - frühzeitig auf. In Begleitung eines Holländers, der sich uns leider anschloss, « fussten » wir über die Hänge gegen den Col de Torrent. Die Steigung von etwas mehr als 1200 Meter empfindet man sozusagen nicht als Anstrengung, denn immer wieder kann man den Blick auf die grossartige Bergwelt schweifen lassen, die das Val d' Hérens kennzeichnet. Aus dem erhofften längeren Halt auf der Passhöhe wurde nichts. Unser Begleiter drängte darauf, mit uns weiter ins Tal abzusteigen. Auch beim so malerisch gelegenen Lac des Autannes mit dem weitumfassenden Blick liess er sich nicht abschütteln. Er veranlasste uns im Gegenteil, sogleich zum Lac de Moiry abzusteigen, den wir erstmals sahen. Dort machte er, zu unserer grossen Erleichterung, sogleich kehrt, und wir hatten endlich unsere Ruhe wieder. Durch das - zu unserem Bedauern - ebenfalls durch eine Strasse erschlossene Val de Moiry bummelten wir dann, so viel wie möglich dem alten Weg folgend, nach Grimentz, wo wir im Hotel « Moiry » freundliche Aufnahme fanden. Trotz der ungewöhnlichen Zeit - es war erst 17 Uhr - setzte uns die Frau Wirtin ein feines Nachtessen vor. Später sassen wir in der Laube und beobachteten die sich auftürmenden Gewitterwolken. Inzwischen war für die Feriengäste Nachtessenszeit geworden, und herrliche Düfte drangen aus dem Speisesaal. Das machte mir erneut Appetit, und ich bestellte bei der französischsprechenden Hôtelière - sozusagen als Dessert - ein Paar Wienerli. Sie brachte sie mir, garniert mit feinstem Reis, und bemerkte zur Zugabe in schwäbischem Deutsch: « Weil Sie so hungrig sind! » Dem nächtlichen Gewitter folgte ein düsterer Morgen. Statt zu Fuss über Ayer und St-Luc weiterzugehen, fuhren wir deshalb mit dem Postauto über Vissoie nach Chandolin. Es war für uns eine nette Abwechslung, das sonntägliche Treiben in Vissoie zu beobachten. Wir kamen dann gerade rechtzeitig nach Chandolin, um in der Pension « Le chamois » an den Mittagstisch sitzen zu können. Den Nachmittag hatten wir dafür reserviert, in der Alphütte auf der « Montagne de Chandolin » den Sennen einen Besuch abzustatten. Der Obersenn zeigte uns mit Stolz seinen Käsekeller und erklärte uns eingehend, wie die Käseherstellung vor sich geht. Diese Sennen haben wahrlich ein strenges Tagewerk, wenn man bedenkt, dass pro Saison gegen 4000 Kilo Käse hergestellt werden, für die man 40000 Liter Milch benötigtInzwischen zogen sich in verschiedenen Richtungen erneut Gewitterwolken zusammen. Diesen faszinierenden Anblick und das nachfolgende Schauspiel geniessen wir vor allem dann, wenn wir nicht gerade auf allzu exponierter Warte stehen. Der Rückweg ins Dorf durch lichte Wälder mit vielen blühenden Weidenröschen wurde sogar bei Regen zum Vergnügen.

Schon verschiedentlich hatten wir von den Hängen nördlich des Rhonetales aus in das von dort aus grossartig wirkende Erosionsgebiet des Illgrabens hinübergeschaut. Nun hatten wir Gelegenheit, dieses Naturwunder einmal vom Illhorn aus anzusehen. Schon der Aufstieg zu diesem Gipfel über die abwechslungsreichen Bergweiden lohnt sich sehr. Als Zugabe war uns ein besonderes Erlebnis vorbehalten. Wir gerieten in den Bereich einer Sprengung für eine neu zu erstellende Skiliftanlage. Keinerlei Signalisation warnte vor einer Gefahr, offenbar, weil der Weg selten begangen wird. Man gewöhnt sich aber auch an herumfliegende Granatsplitter oder Steinbrocken! Hier konnten wir zudem in Deckung gehen. Bevor wir den letzten Abstieg zum Gipfel des Illhorns begannen, genossen wir den Blick auf den Illsee, der zusammen mit einigen kleineren Seelein lieblich in einer grossartigen Landschaft liegt. Auf dem Illhorn machte uns der Einblick in den Kessel des Illgrabens einen gewaltigen Eindruck. In nördlicher Richtung hat man das Leukerbad mit den bekannten Wandstufen unterhalb des Gemmipasses vor sich. Die Berner Alpen waren im übrigen durch Wolken verhüllt, die noch keine Wetterbesserung verhiessen. Immerhin fiel während des ganzen Tages kein Tropfen Regen, weshalb wir auf dem Rückweg in geniesserischer Weise viele Ruhepausen einschalteten, das Sprenggebiet diesmal wohlweislich umgehend.

Bei sehr zweifelhaftem Wetter brachen wir anderntags Richtung Turtmanntal auf. Auf einem abwechslungsreichen Höhen weg, an prächtigen Arven vorbei, wanderten wir zum « Chalet Blanc ». Sehr tief hängende Wolken liessen uns auf die Besteigung der Bella Tola verzichten, obwohl wir gar zu gern wieder einmal dort oben gewesen wären. Wir schlugen alsbald die Richtung gegen den Pfad ein, der vom « Hotel Weisshorn » zum Meidpass führt. Im dichten Nebel und bei den vielen Kuhweglein verloren wir aber unversehens jegliche Wegspur. So kam wieder einmal der Kompass zu Ehren, mit dessen Hilfe wir bei einsetzendem Regen den ausgeprägten Bergpfad zur Passhöhe fanden. Der Regen ging in Schnee über, sehen konnte man nichts mehr; also, ohne Halt weiter zum Meidsee, der nur schemenhaft zu erkennen war. Wir wussten von früher, dass uns sicher eine der Alphütten von Meiden-Oberstafel Schutz bieten werde, wo wir etwas zu essen gedachten. Diesmal war allerdings eine weniger komfortable Hütte offen; aber auch ein Stall bot uns Obdach. Durch Stimmen aufmerksam gemacht, bemerkte ich zwei vorbeimarschierende Touristen. Einer davon war ein guter Bekannter von mir, der mit einem Engländer, ohne sich vom Wetter stören zu lassen, direkt nach Gruben abstieg. Im Hotel « Schwarzhorn » trafen wir uns wieder und verlebten, sozusagen als einzige Gäste, einen gemütlichen Abend bei Speis und Trank.

Am anderen Morgen sah es auch nicht besser aus. Wieder einmal verzichteten wir daher auf den Übergang über den Augstbordpass ins Mattertal, während der Engländer mit grosser Begeisterung verkündete: « we shall go !» Wir zogen es vor - und es war ganz offensichtlich gut so -, auf dem kaum befahrenen Natursträsschen das Turtmanntal abwärts nach Oberems zu bummeln, um von dort aus sitzenderweise, per Schwebebahn, Bahn und Postauto, nach Grächen zu gelangen. Dort sahen wir uns nach dem Bezug des Quartiers in der uns noch ganz unbekannten Gegend um. Auch der nächste Tag brachte kaum eine Wetterbesserung. Obschon es nicht regnete, hingen doch immer noch Nebelfetzen weit ins Tal herunter. Man setzte aber für uns den Sessellift zur Hannigalp in Betrieb, wo wir uns über den Weiterweg nach Saas Fee etwas orientieren wollten. Auch ein Spaziergang vorbei an nebeltriefenden Tannen und auf glitschigen Weglein durch nasses Gras und Farn hat seinen Reiz. So war der Tag für uns nicht verloren; denn wenn man Zeit hat, kann man vieles beobachten, was einem auf längeren Wanderungen entgeht. Befriedigt kehrten wir durch den Grächer-wald zurück, in den leider breite Schneisen als Skipisten eingehauen worden waren.

Zur Fortsetzung unserer Tour fuhren wir anderntags mit dem Sessellift erneut zur Hannigalp, um den 1954 fertiggestellten Höhenweg nach Saas Fee unter die Füsse zu nehmen. Es waren auch hier nicht viele Leute unterwegs. Die Wolken hingen immer noch tief; so mussten wir leider auf den Anblick all unserer « alten Bekannten », der Berge um Saas Fee, verzichten. Dafür kamen wir aller- dings auch nicht zum Schwitzen, was wohl sonst der Fall gewesen wäre. Die Route ist sehr interessant angelegt. Nach unserer Auffassung sollte sie aber nur mit gutem Schuhwerk begangen werden. Ein diesbezüglicher Hinweis an ein Ehepaar, das uns in Halb- bzw. Turnschuhenbegegnete, wurde mit einem mitleidigen Lächeln quittiert. Bei der Alp Balfrin, dem tiefstgelegenen Punkt des Höhenweges, machten wir Mittagsrast. Weiter ging es dann, immer wieder mit schönem Tiefblick in das Tal der Saaser Visp, dem Bergsteigerdorf Saas Fee und damit wiederum bekanntem Gelände entgegen. Der letzte Streckenteil durch den Bergwald zur Wildi kam uns etwas lang vor.

Bei unserem lieben Simon Bumann, der uns während manches Aufenthaltes auf fast alle der umliegenden Gipfel geführt hatte, fanden wir Unterkunft. Wie vorgesehen, blieben wir nun ein paar Tage hier, um u.a. dem Melig und Plattjen ( wohin inzwischen auch eine Bahn gebaut wurde ) Besuche abzustatten und von dort aus, sozusagen aus der Froschperspektive, die einst begangenen Routen im Kranz der Berge zu betrachten.

Der Sohn unseres Bergführers, der als Ingenieur auf der Baustelle von Mattmark ( die inzwischen so traurige Berühmtheit erlangte ) arbeitete, führte uns am Mittwoch unserer dritten Ferienwoche mit dem Auto bis auf die Ebene beim « Blauen Stein ». Entlang der verschiedenen Rinnsale -oft auch darüber hinweg -, auf dem feinen angeschwemmten Gletschersand, erreichten wir bei der Distelalp den uns von verschiedenen Begehungen her bekannten Pfad gegen den Monte Moro-Pass. Solange man auf der rechten Bachseite geht, zieht sich der Weg leicht steigend dem Hang entlang. Dann überquert man auf einer Brücke den Bach, der vom Tälliboden-Gletscher herkommt. Nun geht es, sozusagen auf einer natürlichen Treppe, zur Passhöhe bergan. War das Wetter während unserer Saaser Tage fabelhaft gewesen, so deckte es nun zusehends ein. Noch vor der Wasserscheide, die unter einer leichten Neuschneedecke lag, tauchten wir in einen sehr dichten Nebel. Aus war es mit der berühmten Aussicht auf die Monte Rosa-Ostwand! Ja, wir mussten froh sein, überhaupt den Weg zum italienischen Zollhaus zu finden, dessen Umgebung nicht gerade einladend aussah. Die Zöllner aber waren freundlich und hätten wohl gerne länger mit uns geplaudert. Wir erfuhren, dass man im Begriffe stehe, eine Seilbahn von der italienischen Seite her zu bauen. Nach der Passkontrolle stachen wir sofort in die Tiefe und fanden trotz dem Nebel den richtigen Weg. Wir hatten vernommen, dass die erste Sektion der Bahn von Staffa ( Macugnaga ) gebaut und bereits in Betrieb sei, und standen denn auch unvermittelt vor der Bergstation. Ihr freundlicher Betreuer besorgte für uns eine Extrafahrt ins Tal. Ein Imseng, der aus Saas Fee stammt, begrüsste uns dort beim Aussteigen.

Von Macugnaga aus folgte eine mehr als abenteuerliche Fahrt per Taxi, zu der uns der Besitzer eines Autos mit viel Überredungskunst veranlasst hatte, nach Domodossola, und noch am gleichen Tag erreichten wir mit der Centovalli-Bahn Locarno, womit wir einen ziemlich augenscheinlichen Standortwechsel vollzogen hatten.

Ich habe mit meiner Schilderung versucht zu zeigen, wie es auch heute noch möglich ist, Ferien abwechslungsreich zu gestalten. Wir selbst haben seither Pläne für ähnliche Unternehmen nicht nur geschmiedet, sondern auch einige bereits ausgeführt.

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