Vorderspitze Westkante Engelhörner

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Von H. Etter

Mit 2 Bildern ( 70, 71 ) ( Kallnach, Sektion Oberhasli ) Es ist reichlich spät im Jahr für Kletterfahrten ( 23./24. Oktober 1943 ). Die Abendluft umfängt mich schon kühl, wie ich aus der vom Herdfeuer erwärmten Engelhornhütte hinaustrete, um meine « Schlummerpfeife » zu rauchen. Der « Hock » vor der Hütte am Abend vor einer Bergfahrt gehört für mich mit zum Bergerlebnis. Auf der Bank hat schon der eine meiner Seilkameraden, Hans Wyss, Platz genommen Er zieht bereits mächtig an seiner Pfeife.

Der Abend ist föhridurchzogen und voll Ruhe. Düster, klotzig, schwarz und steil zeichnen sich die Silhouetten der Engel- und Wellhörner und des Wetterhorns ab gegen den fast samtartig von vielen Sternen schimmernden Himmel. Die Nordwand des Wetterhorns trennt scharf dieses Wuchtige von der weichem Linie der Grossen Scheidegg. Im Rosenlaui spielt eine Musik. Der Föhn trägt Tonfetzen bis zu uns herauf — ein wenig verweht — so die absolute Ruhe des Abends noch unterstreichend.

Offenbar sieht mein Kamerad, dass mein Gesicht den Engelhörnern zugewendet ist, und meint in seinem Oberländer Dialekt: « Gäll, das sieht ganz scheen üs! » Sicher hat auch er in Gedanken eben unsere Kante durchklettert, die Schwierigkeiten durchdacht, die uns morgen erwarten können, und hat die Vorfreude gekostet, die eine nicht ganz alltägliche Kletterfahrt in uns Felsgewohnten weckt. Unsere Pfeifen sind leergebrannt — wir wenden uns der Hütte, zu. Ein letzter Blick gilt « dem Berg »: Senkrecht hebt sich der oberste Teil davon als wuchtige schwarze Wand vom Himmel ab.

Am Hüttentisch sitzt mein zweiter unentwegter Bergkamerad, Arthur Spöhel. Wir suchen zeitig unsere Strohsäcke auf, von denen Hans behauptet, ihre Matratzenfedern seien etwas lahm, aber es gehe auch so.

Um 6 Uhr ist Tagwacht. Ein Blick hinaus zeigt uns einen Morgen « klar zum Start ».

Um 7 Uhr verlassen wir die Hütte in Richtung Ochsental. Beim alten Hüttenplatz, nach einer halben Stunde, tauschen wir unsere Nagelschuhe, mit den Kletterpatschen und entledigen uns aller unnötigen Lasten.

Der Föhn hat die Felsen über Nacht trocken gehalten, wir betrachten das als gutes Omen.

Ca. 200 m steigen wir den vertrauten Weg gegen den Simelisattel an und halten uns dann rechts an « unsere » steile Westkante der Vorderspitze. Leichte Felsen und Geröll lassen uns in freier Kletterei flüssig aufwärtskommen. Bald aber wird das sichernde Seil notwendig. Thüru geht in Führung. Scharfe Kletterei beginnt. Zwei Seillängen folgen wir einem leichten Riss links der Kante aufwärts und kleben uns dann an einen mittelschweren Quergang über abschüssige, griffarme Platten wieder hinüber in die Kante. Hier beginnt ein sehr schwieriger Anstieg über einen grifflosen Riss. Parallel zu diesem zieht sich « ein Egg » sehr steil und plattig empor.

Der Riss kann nicht bis oben durchklettert werden. Der Erste am Seil ist schon ein gutes Stück darin hochgekommen, kann aber von seinem exponierten Standpunkt aus nicht auf die Ecke hinüber wechseln, weil der Übergang dorthin absolut grifflos ist und senkrecht abfällt. So ist der Zweite am Seil genötigt, die Ecke direkt von unten anzugehen, den Vordermann zu überholen und nach etwa 15 m, unter einem Überhang, einen Sicherungshaken einzuschlagen. Es ist ein heikler Augenblick. Ich warte in gespannter Erwartung und lasse das Seil durch meine Hände gleiten. Kein Ruck darf das Gleichgewicht meiner Kameraden stören, und doch muss das Seil immer straff gespannt sein. Steine surren neben mir vorbei ins Nichts — sie mahnen zur Vorsicht auf unserem luftigen Weg. « Gut, nachkommen! » — Die Schwierigkeiten sind behoben. Der nachfolgende kurze Überhang wird direkt durchstiegen, dann folgt kurze Zeit gutgriffiger, zum Teil loser Fels bis zurück zur Kante. Während der weitern 5 m kommen wir rasch höher. Nun folgt eine Seillänge, die in der untern Partie ziemlich heikel, weiter oben aber nur massig schwierig ist bis zu einer glatten Wand. Die Lösung hier ergibt sich in einem ca. 5 m breiten, nach links führenden, äusserst schwierigen Quergang, den wir im Vertrauen auf die « Adhäsion » unserer Kletterfinken überklettern. Er führt zu einem etwa 8 m hohen, fast senkrechten Riss, wo der zweite Sicherungshaken nötig wird. Dieser Riss ist heikel. Wir folgen ihm in sehr schwieriger Kletterei bis ca. 2 m unter die Kante. Hier spüre ich einmal mehr, wie das Bergsteigen Körper und Geist beansprucht und schult.

VORDERSPITZE WESTKANTE ENGELHÖRNER Mut, Willensstärke, Draufgängertum, überlegene Vorsicht, Kameradschaft und Treue bis zur Selbstaufopferung, das lernt der Mensch in steiler Wand!

Mein Kamerad Thüru ringt dem Berg Meter um Meter ab in exakter, ruhiger Arbeit, mit grosser Sicherheit, ohne Hast, scheinbar mühelos. Zuverlässig erreicht mich immer wieder der Ruf: « Nachkommen. » Vom Riss rechtshaltend erreichen wir wiederum die Kante ( Sicherungsplatz ). Nun folgt ein griffarmer Gratabsatz, den wir, linkshaltend, mit viel Finger- und Fußspitzengefühl erkämpfen. Dann gelangen wir über gutgriffigen, aber äusserst exponierten Fels ungefähr 50 m höher zum « Frühstücksplatz » ( 9 Uhr 30 ). Hier verläuft die Westkante in die steile Gipfelwand. Wir haben Platz zum Sitzen. Die ersten wärmenden Sonnenstrahlen erreichen uns. Um uns ist Weite, Helle und ein beglückender Ausblick auf Höhen und Täler. Vom Rosenlaui und der Schwarzwaldalp leuchten bunte Herbstfarben zu uns herauf. Mit Kameraden, die die Mittelgruppe passieren, tauschen wir Jauchzer, die im Talkessel ein mehrfaches Echo finden. Nach kurzem Frühstück machen wir uns an den senkrechten Gipfelaufbau. Die Wand ist gleich anfangs grifflos. Thüru steigt über Hans mit Schulterstand hinauf. Der sofort folgende kleine Überhang ist recht schwer zu meistern. Der Erste am Seil ist bis auf etwa 15 m Höhe geklettert. Er ist der Meinung, die Wand in direkter Linie « immer frisch gradaus » ersteigen zu können. Ein bereits vorhandener Sicherungshaken bestärkt ihn in dieser Annahme. Nach zweimaligem Ansetzen erweist sich dieser Versuch aber als unmöglich und findet die Lösung in einem etwas tiefer gelegenen, nach rechts führenden Quergang. Dort setzt er den dritten Sicherungshaken fest. Es wäre möglich gewesen, diese Kletterstelle auch ohne Haken zu meistern, aber der Platz ist ungeheuer exponiert und — Vorbeugen ist besser als Heilen. Als Letzter am Seil verfolge ich vom Frühstücksplatz aus aufmerksam die Arbeit meines Kameraden. Der Aufschwung ist so steil, dass nur der Hinterteil seiner hellen Hose sichtbar ist und sein Hammer, der, wie frei in der Luft, an seinem Gürtel baumelt. Der Quergang am Gipfelaufbau nach rechts erweist sich als sehr schwer und überaus « luftig ». Er erfordert Konzentration, ganze Hingabe zur Arbeit. Ihm folgt ein mittelschweres Rißsystem, das uns etwa 20 m höher, etwas linkshaltend, in gutgriffigen, soliden Fels führt. Wir empfinden das Klettern darin fast wie eine Erholung nach dem Vorangegangenen. Hier befindet sich auch ein guter Sicherungsplatz. Diesem folgt wiederum ein heikler, rechts aufwärts führender Quergang als letzte « Knacknuss », denn gleich darauf führt gutgriffiger, erfreulicher Kletterfels ( ca. 30 m ) bis hinauf zum Gipfel.

Die herrliche Kletterfahrt ist gelungen. Voll Freude drücken wir uns die Hände. Die Glocken der Meiringer Kirche, weit drunten im Tal, läuten gerade die zwölfte Mittagsstunde. Überall ist Sonne, und wir empfinden, vertieft durch die Freude und Befriedigung in uns, alles um uns doppelt schön. In raschem Tempo geht es dann über die Normalroute zum alten Hüttenplatz zurück und wieder hinab ins Tal, wieder um ein wertvolles, beglückendes Bergerlebnis reicher!

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