Weisse Gipfel über dunkelm Urwald

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Mit 4 Bildern ( 62—65Von F. J. Wissel

Erinnerungen an eine Besteigung der Carstenszspitzen in Neuguinea ( Datchet ) Vorbereitungen Schnee am Äquator hat immer etwas Faszinierendes; aber wenn es sich dabei gleich noch um einen Berg handelt, der noch nie bestiegen wurde, da fragt man sich doch, ob es nicht möglich wäre, diesen Berg etwas näher anzusehen.

Dr. Colijn, der sportliche Manager der Niederländischen Neuguinea-Petroleum-Gesellschaft, hatte sich schon stark für diesen Berg interessiert, als er mit der Explorationstätigkeit dieser Ölgesellschaft beauftragt wurde, und es war für ihn gar nicht schwer, seine Begeisterung auch anderen Gleichgesinnten zu übertragen.

Es handelte sich um die Carstenszspitzen, ein etwa 5000 m hoher Berg in Zentral-Neuguinea. Den Namen hat der Berg dem holländischen Navigator Jan Carstensz zu verdanken, der am 16. Februar 1623 an der Südküste von Neuguinea vorbeifahrend « Ein hohes Gebirge, daß auf vielen Stellen weiss mit schnee bedeckt war », signalisierte.

Im Jahre 1910 wurde von einer englischen Expedition, unter Leitung von Mr. Goodfellow, versucht, von Kampong Mimika aus, an der Südküste, das Carstenszgebirge zu erkunden. Obwohl diese Expedition, die über ein Jahr dauerte, gewisse wissenschaftliche Resultate lieferte, wurde das Schneegebirge nicht erreicht. Im Jahre 1912 machte der Engländer Dr. Wollaston, ein Teilnehmer der obigen Expedition, erneut einen Besteigungsversuch. Diesmal wurde der Otakwafluss als Zugangsweg gewählt, und die Resultate waren bedeutend besser. Mit dem holländischen Leutnant van de Water, Leiter einer militärischen Deckungsmannschaft, wurde nach dreieinhalb Monaten auf 4350 m Höhe die Schneegrenze erreicht. Sie standen hier am Fusse eines steilen Hängegletschers, und da die Teilnehmer keine alpinistische Erfahrung besassen, musste der weitere Versuch zur Erreichung des Gipfels aufgegeben werden.

Da wir für unsere Explorationsarbeiten über Flugzeuge verfügten und ich das Glück hatte, mit der Luftkartierung eines breiten Küstenstreifens am Fusse unseres Gebirges beauftragt zu sein, gab es eine gute Gelegenheit, die Carstenszspitzen und den vermutlichen Aufmarschweg zu rekognoszieren, wobei helles Wetter, eine Seltenheit in diesem Gebiet, mir zur Seite stand.

Das Fliegen über dem wilden Bergmassiv, mit seinen schroffen Wänden, war immer wieder ein schönes Erlebnis, und der Gedanke, dass wir bald einen Weg zu den höchsten Gipfeln finden und die Höhe erreichen werden, gab dem Erleben doppelten Reiz. Von oben sah das Massiv gewissermassen dem Buchstaben « M » ähnlich, wobei die beiden äusseren « Beine », die sich im Osten einander nähern, die Nord- und Südflanken darstellen, während das « mittlere Bein », weniger ausgeprägt, einen Mittelrücken zeichnet, zu dessen Seiten zwei Gletschertäler sich breiten, von den Flanken eingeschlossen.

Bergsteigerisch, schien es, würde der Berg uns keine grossen Schwierigkeiten bereiten; aber wird es gelingen, einen Zugangsweg durch den dichten Urwald zu erkämpfen in der relativ beschränkten Zeit, die uns zur Verfügung stand?

In einer Lichtung am Hange, in etwa 1500 m Höhe, nahe dem Zusammenfluss von zwei Gebirgsströmen, tief eingeklemmt zwischen den steilen waldbedeckten Bergen, liegt ein Eingeborenendorf. Dort, unten am Fluss, wollten wir ein Basislager errichten. Weiter oben, in etwa 3700 m Höhe, wo der Urwald sich lichtete, liegt am Fusse der beiden Gletschertäler eine grasbewachsene Ebene, die wir anfänglich « Alpenwiese » nannten, später aber mit « Carstenszweide » bezeichneten. Von da aus wollten wir die eigentliche Besteigung versuchen. Tiefe, zum Teil schluchtartig eingeschnittene Täler würden uns, so hofften wir, als Zugangsweg dienen können.

Wichtig war es, eine günstige Wetterperiode für das Unternehmen abzuwarten, denn nur sehr selten geschah es, dass wir, von unserem Stützpunkt Aika aus, an der Küste, am frühen Morgen die Schneegipfel in der Ferne aufblinken sahen.

Nach der Meinung des Missionars Pater Tillemans, aus Mimika, der als einziger Vertreter der christlichen Zivilisation auf dem 1100 km langen Küstenstreifen zwischen Fakfak und Merauke inmitten der Papuas lebte, sollte das Wetter am Ende des Jahres, so von Oktober bis Dezember, für unsere Unternehmung am günstigsten sein. In dieser Periode dürfte man wenigstens auf eine bestimmte Anzahl schöner Tage hoffen, das heisst auf Tage mit einigen klaren Stunden, denn von 9 oder 10 Uhr morgens an ist das Gebirge immer von Wolken umgeben und dem Blick entzogen.

Um die kurze zur Verfügung stehende Zeit voll ausnützen zu können, wurde « Opa » van Schilfgaarde, der unsere beiden Stützpunkte an der Südküste gebaut hatte und eine besondere Begabung besass, mit den Eingeborenen umzugehen, beauftragt, die erste Etappe vorzubereiten und, wenn möglich, das « Basiskamp » zu errichten.

Am Anfang ging alles gut, wie wir den Berichten entnahmen, die Opa uns durch eingeborenen Läufer zukommen liess. Der Wassertransport mit den eingeborenen Baumstammkanos sollte nicht mehr als zwei Tage in Anspruch nehmen. Am Ende des Flusstrajektes wurde ein Lager gebaut, das « Prauwbiwak » getauft wurde. Dann ging es am Fluss entlang, wo jeder Schritt dem Urwald entrungen werden musste. Als das Terrain am linken Ufer schwieriger wurde, schlug Opa eine Bambusbrücke über den wilden Fluss, um am anderen Ufer den Weg weiter zu verfolgen. Am Zusammenfluss zweier Flüsse wurde schliesslich wieder ein Lager gebaut. Aber dann brachten die Papuas, die nach einer tagelangen Kahnfahrt abends Aika erreichten, weniger gute Nachrichten. Das Terrain wurde so schwierig, dass Opa das Weitergehen durch das Tal, das sich an dieser Stelle zu einer Schlucht verengte, nicht für möglich hielt. Ausserdem hatte Opa eine Infektion am Bein erhalten, die ihn ans Lager fesselte. Die Suche nach dem weiteren Weg musste deshalb den beiden indonesischen Mandurs Tjan und Timisela überlassen werden.

Das waren schlechte Nachrichten. Vom Flugzeug aus hatten wir ohne Mühe « Prauwbiwak » gefunden, und die schöne Brücke weiter flussaufwärts erfüllte uns mit Bewunderung und Begeisterung. Aber von da an waren keine Spuren mehr aufzufinden.

« Wo bist du ?» schrieb ich Opa. Als nach einer Woche Antwort kam, waren wir nicht viel weiser. Dann kam eines Tages Timisela zurück, von schwerer Malaria erfasst. Als er kuriert war, fragte ich ihn: « Wo hat Ihr Herr sein Lager? an welchem Fluss? wie sind Sie marschiert, als Sie herunterkamen? » Ich nahm ihn mit im Flugzeug und bat ihn, mir zu zeigen, wo das Lager war. Aber auch er konnte es aus der Luft nicht finden. Als Timisela uns dann wieder verliess, um sich bei seinem Herrn zu melden, baten wir ihn, die Vege- Die Alpen - 1952 - Les Alpes14 tation rund um das Lager zu fällen, damit wir die Zelte vom Flugzeug aus auffinden könnten.

Das nächste Mal, da wir mit dem Flugzeug in der Nähe waren, wurde wiederum nach dem Lager gesucht. Tief flogen wir über die Bäume und durch das Tal unseres geplanten Aufmarschweges. Keine Spur von Leben. Schon wollte ich die Maschine rückwärts wenden, als mein Beobachter rief: « Dort, siehe, dort ist das Lager, im Nebental! » Tief war das Lager in der Schlucht versteckt, so dass wir mit dem Flugzeug nicht einmal nahekommen konnten.

In Aika zeichneten wir die genaue Position des Lagers in einigen Luftaufnahmen ein, und Colijn wurde telegraphisch informiert. Nachdem wir übereingekommen waren, den Weiterweg am besten über den Kamm zu versuchen, wurde Opa von unseren Befunden in Kenntnis gesetzt. Zwei Büchsen, die mit langen roten Wimpeln versehen waren und markierte Luftaufnahmen mit den nötigen Anweisungen enthielten, wurden bei der nächsten Gelegenheit über « Brugbiwak » und sicherheitshalber auch noch einmal bei « Prauwbiwak » abgeworfen, denn die erste Büchse sahen wir mit der langen roten Fahne oben in einem Baum landen, und wir wussten nicht, ob die Papuas des Nachschubes, die uns begeistert zuwinkten, sie würden finden können.

Einige Tage später hatten wir schon Opas Antwort. Beide Berichte waren gut angekommen, und seine treuen Helfer hatten bereits den Kamm in Angriff genommen. Opa war auch froh, jetzt wieder seine genaue Position zu kennen. Allerdings war er ein wenig enttäuscht, denn er hatte geglaubt, schon weiter ins Gebirge vorgerückt zu sein. Das war nicht verwunderlich, denn er hatte mit uns das Gebiet zuvor überflogen, und vom Flugzeug aus sah das langsam ansteigende Plateau zwischen der etwa 50 km breiten, sumpfigen Küstenebene und das Vorgebirge ziemlich flach und harmlos aus, wenn auch mit schwerem Urwald bedeckt. Wenn man aber unten am Boden stand, machte das Terrain, speziell dort, wo die Flüsse tief eingeschnitten sind, wie wir selbst später erfuhren, keineswegs einen flachen Eindruck, und man könnte sich leicht schon in einem Vorgebirge wähnen. Übrigens, im Urwald sieht man nicht viel!

Colijn hatte sich aber inzwischen über die langsamen Fortschritte Sorgen gemacht. Nicht nur war scheinbar das Terrain schwieriger, als wir geglaubt hatten, auch die Transportfrage musste von neuem geprüft werden. Wir hatten gehofft, die Küstenpapuas des Kuperapukwa-Stammes, die in den Flussgebieten des Newerips ihr halbnomadisches Leben führen, nicht nur für den Transport zu Wasser, sondern auch für den Nachschub bis zum « Basiskamp » benützen zu können. Aber im stark kupierten Gelände waren diese Flachländer als Träger gar nicht geeignet.

Bei meinem nächsten Besuch in Babo, wo unser Hauptbüro war, wurde dann beschlossen, das Flugzeug nicht nur für die Aufklärung, sondern auch für die Proviantierung zu benützen.

Abwürf versuche mit « Home made »-Fallschirmen lieferten gute Resultate, und da die Direktion der Ölgesellschaft in freundlichster Weise ihre Zustimmung gab, das Flugzeug auch für diesen Zweck zu benützen, konnten wir in Aika, wo die Vorräte inzwischen angekommen waren, Abwürf lasten zusammenstellen.

Der Anmarsch Am 27. Oktober 1936 kamen Dr. Colijn und der Geologe unserer Expedition, Dr. Dozy, mit ihren acht ausgewählten Dajakträgern in Aika an.

Es war komisch, die beiden Kameraden hier im tropischen Sumpfland mit Pickel und Rucksack dem Motorboot entsteigen zu sehen!

Obwohl die Rekognoszierungsgruppe « Basiskamp » noch nicht erreicht hatte — vor einigen Tagen hatten wir sie noch wie Vögel in einem Neste, halbwegs des Kamms, in einer kleinen Lichtung gesehen —, glaubten Colijn und Dozy doch mit ihren Dajaks schnell durchstossen zu können.

Am nächsten Tag wurden die letzten Vorbereitungen getroffen, die Traglasten abgewogen und verteilt und die sieben Baumstammkanos, die für den Transport der Expeditionsteilnehmer bereitgehalten waren, wurden mit ihren 70 Ruderern für eine Übung auf der Flussmündung aufgeboten.

Sehr früh am anderen Tag stiegen die Freunde mit ihrem Gefolge in die Kanos. « In zehn Tagen hoffen wir das Basiskamp erreicht zu haben, dann kannst Du kommen und Ausschau nach uns halten », hatte Colijn noch gesagt. Dann waren sie in die Nacht verschwunden.

Gerade zehn Tage später, als ich am frühen Morgen vor unsere Wohnung trat, stand unser Gipfel klar über dem dunklen Urwald. Auf so einen Tag hatten wir schon lange gewartet. Schnell wurde das Flugzeug bereitgemacht und die Abwürf lasten für die « Alpenwiese » in den Rumpf gestaut.

Langsam stiegen wir über Sumpf und Urwald in die Höhe.Von heute an konnten wir die Ankunft der Kameraden beim « Basiskamp » erwarten. Wir waren gespannt, zu erfahren, wie ihre Begegnung mit den Eingeborenen ausfallen würde, denn wir hatten einen Code vereinbart, womit sie uns mit gelben Tüchern, am Boden ausgelegt, über ihre Befunde Aufschluss geben konnten. Diese Bergpapuas lebten hier ganz isoliert; irgendeine Verbindung mit der Küste hatten sie nicht, und Weisse würden sie wohl noch nie gesehen haben. Scheu waren sie jedoch nicht, denn vor einigen Wochen hatte ich einen Probeabwurf mit einem Geschenkpaket an einem Fallschirm über ihrer Lichtung gemacht, und kaum hatte ich das Flugzeug gewendet, sahen wir sie schon mit dem Fallschirm zu ihren Hütten laufen!

In einer schwachen Stunde waren wir auf 5000 Meter Höhe. Noch keine Spur von Colijn. Und, welches Pech, die Alpenwiese war von Wolken verdeckt, so dass wir nichts abwerfen konnten. Uns blieb nichts anderes übrig, als umzukehren. Doch wir hielten gut Ausschau, und wieder war es mein Beobachter, der als erster die Signaltücher entdeckte. « Eingeborene freundlich » lasen wir. Gut! Mit den Motoren gab ich das Zeichen, den Bericht verstanden zu haben. Dann folgten noch: « Wir gehen vorwärts » und « Lasten können abgeworfen werden ». Jawohl, aber jetzt hatten wir die falschen Lasten an Bord, denn « oben » brauchten wir andere Nahrung als hier, im subtropischen Klima. In der Hoffnung, dass das Wetter gut bleiben werde, kehrten wir zurück, um die Lasten umzuladen und wieder dem Gebirge zuzusteuern.

Wir hatten Glück: noch bevor Colijn und Dozy mit ihren Dajaks das « Basiskamp » erreichten, wurden sie mit dem Proviant « bombardiert ».

Einige Tage später war wieder ein schöner Morgen, und wir konnten auch die Lasten für « Alpenwiese » abwerfen. Es war schön, die weissen Schirme elegant heruntersegeln zu sehen. Da lagen sie dann auf der isolierten Ebene, jeder weisse Fleck einen Vorrat Proviant oder ein Ausrüstungsstück darstellend. Wenn wir dann diese Grasfläche erreichen werden, würden wir genug Proviant für drei Wochen auffinden.

Und dann war es so weit, dass auch ich die grosse Tour anfangen konnte.

Fünf Tage später sass ich mit Opa vor seinem Zelt auf einem umgefallenen Baumstamm. Am Nachmittag war ich mit meiner kleinen Gruppe hier eingetroffen. Wir kosteten die Ruhe und tauschten Erfahrungen aus. Das klare Wasser eines munteren Gebirgsflusses Schoss an unseren Füssen vorbei, und Opa liess die Strahlen der Sonne, die uns durch eine Öffnung im dichten Blätterdach erreichten, auf sein krankes Bein fallen. Die Wunde heilte gut, und Opa hoffte, uns bald bis Basiskamp folgen zu können. Von den Freunden waren gute Nachrichten gekommen. Mit den Kapaukos, wie die Gebirgsstämme genannt wurden, hatte man sehr freundliche Beziehungen angeknüpft. Schon war Tjan mit einigen von diesen kleinen Kerlen nach Opas Lager zurückgekehrt. Gestern waren sie wieder abgereist.

Ich erzählte von unseren zwei Tagen auf dem Fluss, wie wir abends am Flussufer biwakiert hatten, wie Sander, mein treuer Diener, der wohl noch nie Schuhe getragen hatte, gleich in Prauwbiwak seine neuen Schuhe angezogen hatte und sie beim ersten Halt wieder hatte ausziehen müssen, weil seine Füsse wund-gelaufen waren, und wie einer der zahllosen Blutsauger, die sich beim Marsche nach Brugbiwak auf uns gestürzt hatten, seinen Weg in eines meiner Augen gefunden hatte, wo ich ihn ( Dank sei dem Spiegel meines Bézardkompasses ) gerade noch hatte erwischen können, bevor er Schaden anrichten konnte.

Am anderen Tag wurde der Kamm in Angriff genommen Von Opas Lager aus ging es gleich über 1000 Meter hinauf bis zum ersten Gipfel, dann dem Grat entlang über mehrere wenig ausgeprägte Gipfel, wovon der höchste etwa 2650 Meter aufweist, um schliesslich wieder zum Basiskamp abzusteigen.

Das Gehen war mühsam. Alles war nass, morsch und verrottet. An Wurzeln zog man sich hoch, dann wieder balancierte man über umgefallene Baumstämme, dicht mit Moos bedeckt. Der Pickel leistete beim « Sondieren » gute Dienste; denn selten hatte man festen Boden unter den Füssen. Und dabei regnete es jeden Tag. Das hatte allerdings den Vorteil, dass wir keinen Wassermangel zu befürchten brauchten und uns abends im Lager einen Tee brauen konnten.

Am dritten Tag stiegen wir über Wegspuren der Eingeborenen zum Dorfe oberhalb des Basiskamps hinab. Bald waren wir von den kleinen Schwarzen umringt. Zwar hatten sie meinen Freunden einen guten Empfang bereitet, aber der Anblick der zum Teil mit schwarzen und roten Streifen bemalten Jünglinge, mit ihren Pfeilen und Bogen, erinnerte mich daran, dass man mit diesen Primitiven vorsichtig umgehen muss; denn die Stimmung kann, durch ein Missverständnis oder Misstrauen ihrerseits, leicht umschlagen. Ich beeiferte mich denn auch, jedem Anwesenden die Hand zu schütteln oder vielmehr ihnen die Finger zu knacken, denn ihre Art des « Händeschüttelns » ist anders als bei uns. Eine alte Frau brachte mir einige heisse « Ubi » ( eine Art Süsskartoffeln ), und ich wagte nicht sie abzuschlagen, obwohl ich nicht gerade hungrig war.

Es ist ein besonderes Erlebnis, plötzlich versetzt zu sein in eine Gemeinschaft, die noch in der Steinzeit lebt, und eine primitive Steinzeit dazu. Alles, was die Eingeborenen zu sehen bekamen, war neu für sie. Ja, diese Leute glaubten, nicht unlogisch, dass wir im Himmel lebten, zumal wir mit dem Flugzeug gekommen waren.

Obwohl wir nicht die gleiche Sprache sprachen, fand ich die Kapaukos munter und intelligent. Mit Gebärden konnten wir einander schon allerhand erzählen, und ein Lachen oder ein Lächeln versteht man überall. Die Kinder waren herzig und voller Zutrauen.

Schliesslich ging es, begleitet von den Eingeborenen und unter lautem Huah-huah-Geschrei, im Laufschritt hinunter zum Basiskamp, wo das Lager planmässig am Zusammenfluss der beiden Gebirgsströme eingerichtet war. Ein kleiner Kapauko trug meinen Rucksack, die Tragriemen über dem Kopf.

Unten im Lager wurde ich höflich willkommen geheissen von Tjan und einem älteren Dajak. Eifrige Kapaukohände halfen mir, meine kotbedeckten Schuhe und Socken auszuziehen, weniger, weil sie so dienstbeflissen waren, vielmehr wollten sie sehen, ob ich auch Füsse hätte, genau wie sie.

Im komfortablen Lager gab es dann wieder einen Ruhetag. Auf der Bank vor dem grossen Zelt, wo die mächtigen waldbedeckten Berge auf uns hinunterblickten, genoss ich ein reichliches Frühstück. Es war schön, wieder einmal aus dem Urwald heraus zu sein. Tagsüber gab es dann viel Besuch, und ich war mit meiner Kamera beschäftigt.

Abends, im gemeinschaftlichen Zelt, versuchte ich die Dajaks, die ganz begeistert waren und unbedingt mit auf den Gipfel wollten, von den Schwierigkeiten und Gefahren, verbunden mit einer Gletschertour, zu überzeugen; denn eine Gipfelbesteigung mit den Trägern war nicht vorgesehen.

Am nächsten Morgen gingen wir wieder weiter. Die Freunde waren schon weitergezogen, zuerst Dozy mit zwei Dajaks, dann, einige Tage später, auch Colijn, so hatte man uns erzählt; aber wie weit sie bereits vorgerückt waren, wussten wir nicht.

Ein Dajak, der schon an der Spitze gewesen war und jetzt mit neuem Proviant hinaufging, begleitete uns. Tjan, der ein wenig von der Eingeborenensprache verstand, hatte erreicht, dass auch einige Kapaukos mit uns kamen Ihren Lohn, ein Hackmesser ( Parang, Axt ), erhielten sie im voraus.

Durch das wilde Gebirgstal ging es hinauf, manchmal durch das Flussbett, dann wieder auf Spuren von Eingeborenen dem steilen Hang entlang.

Ein kleiner Kapaukobub zeigte Sander und mir den Weg. Als wir eine Weile gestiegen waren und er uns gezeigt hatte, wie sein Vater eine Schaukel für ihn gebaut habe aus einer Baumliane, machte er Fröstelbewegungen, zum Zeichen, dass es ihm jetzt zu kalt wurde, und er kehrte um. Bald darauf kamen wir zu einigen Gärten. Unsere Kapaukos waren, schien es, gerade dabei, sich ihren Tourenproviant zusammenzusuchen. Wir meinten, sie wollten nur eine Anzahl « Ubi » ausgraben, um sie mitzunehmen, und wir be- deuteten, dass wir langsam weitergehen wollen. Als die undeutliche Wegspur wieder mit dem Fluss zusammenkam, trafen wir unseren Dajak, der hier auf uns gewartet hatte und dann, nach Querung des Flusses, den steilen Hang am anderen Ufer in Angriff nahm. Wir riefen ihm zu, dass wir hier auf die Kapaukos warten wollten.

Und so warteten wir. Dann fing es auch wieder an zu regnen. Kein Mensch kam. Wo steckten die Kerle auch? Vielleicht kamen sie überhaupt nicht. Vielleicht waren sie mit unserem Gepäck abmarschiert, zurück nach ihren Hütten? Man nahm einfach an, dass diese Naturmenschen ehrlich sind; aber stimmte das auch? Solche Gedanken spielten mir durch den Kopf, da wir im Regen warteten. Aber schliesslich blieb nichts anderes übrig, als umzukehren.

Als wir wieder zu den Gärten kamen, sahen wir Rauch aus einer der kleinen Hütten im Felde aufsteigen. Und da sassen die Herren, rund um das Feuer. Mit einer höflichen Gebärde und breitem Lächeln bat man uns, Platz zu nehmen. Ja, da nützte es doch nichts, sich noch weiter zu ärgern. Wir waren nass, und hier drinnen war es gemütlicher als draussen. So setzten wir uns zu ihnen und teilten mit ihnen ihr Mahl. Frisches Gemüse wurde in Blätter gewickelt und in Schichten zwischen heissen Steinen aufgetürmt und « Ubi » wurden in der heissen Asche des Feuers geröstet.

Wir liessen es uns gut schmecken; denn bald würden wir nicht mehr so leicht Vitamine erhalten! Nach der Mahlzeit schauten unsere Gastherren ins Freie und kehrten mit trüber Miene zurück und meinten, jetzt sei es wohl zu spät, um weiterzugehen. Das konnten wir nur bejahen. Eine Einladung, uns am Feuer bequem zu machen, konnte keine Begeisterung bei mir hervorrufen. Da sprangen die kleinen Kerle auf; sie hatten ja gesehen, im Basiskamp, wie wir es gewohnt waren! Mit ihren neuen Messern hieben sie junge Stämme um und schnitten Äste, und bald war ein Lager gebaut. Ein Stück Segeltuch, das wir für diesen Zweck mitgenommen hatten, gab uns ein Dach, und eines Eingeborenen Schlafmatte verschaffte mir eine verhältnismässig komfortable Unterlage für den Daunenschlafsack, den man in der Kühle hier oben schon benützen konnte. Noch war die Nacht nicht herangeschlichen, so dass ich noch in aller Ruhe die grossartige Natur ringsum geniessen konnte: die nassglitzernden steilen Felsen, jäh auftürmend über der duftenden Decke des dunklen Urwaldes. So hoch und noch höher würden wir steigen! Unten, in der Schlucht, tobte das Wasser des wilden Gebirgsbaches. Es war schön, in diesem Lager zu sein, inmitten dieser gewaltigen, unberührten Natur, und morgen vielleicht würden wir schon mit den Kameraden zusammentreffen...

Am anderen Morgen kostete es noch etwas Mühe und Überredung, unsere schwarzen Freunde in Marsch zu setzen. Sie mussten zuerst frühstücken, ihre Sachen zusammensuchen; dann meinten sie, Sander und ich sollten noch etwas von ihren « Ubi » essen. Aber schliesslich waren sie dann bereit. Schnell wurden die Lasten aufgenommen, und dann waren sie fort. Erst gegen Abend, als wir nach einem mühsamen Marsch Lager Elf erreichten, sahen wir sie wieder. Und auch Colijn und Dozy waren da.

Drei Tage später gelang es Dozy, mit seinen Dajaks den Durchstoss zur « Alpenwiese » zu erzwingen, und am nächsten Tag wurde « Alpenkamp » ( 3790 m ) eingerichtet. Es war eine Erlösung, aus dem feuchten Loch herauszukommen, denn Lager Elf war ein finsteres Kamp gewesen. Die Sonne drang dort äusserst selten durch, und alles war so nass, dass es noch ein Wunder war, dass die Dajaks ein Feuer hatten machen können.

Jetzt konnten die abgeworfenen Lasten gesammelt werden. Hier, wie auch schon im Basiskamp und bei den dazwischen liegenden Lägern, konnten die Fallschirme als Zelttuch benützt werden. Doppelt genommen gab es ein wasserdichtes Dach. So machten wir ein Zelt für die Dajaks und ein Waren-zelt für unsern Proviant, während für uns drei « Toeans » ein kleines Zelt unter einem breiten Fallschirmdach aufgestellt wurde.

Hier konnten wir eine freiere Aussicht geniessen. Den Urwald hatten wir hinter uns, die Felsen und Hänge ringsum waren nur noch mit Gras und Busch bedeckt, und an den steilsten Stellen trat der weisse Kalk zutage. Baumfarne gaben der Landschaft einen besonderen Reiz und formten einen hübschen Kontrast zum Firn der « Noord-Wand », die vom nordöstlichen Ende unseres flachen Talkessels auf uns herabblickte.

Dozy fand hier viel Interessantes für seine geologischen Untersuchungen. Colijn und ich erkundeten inzwischen den Zugangsweg zum Gletscher. Wir querten die morastige und mit hohem Gras bedeckte Ebene und stiegen dann am anderen Ende langsam hinauf. Noch einmal musste unser Dajak mit seinem Parang einen Weg für uns durch das dichte Gestrüpp hacken, worunter viele Rhododendren. Dann traten wir durch eine Art « Vorportal », mit ganz flachem Grasboden, ins nördliche Gletschertal ein.

Langsam ansteigend marschierten wir, teilweise in die südlichen Hänge ausweichend, über Geröll und Blöcke gegen das Talende. Unter uns lagen jetzt drei kleine Seelein, eines grün, die andern tiefblau. Ohne Mühe erreichten wir den Fuss des Gletschers. Für diesen Tag beschränkten wir uns auf einige Schritte auf dem harten Eis. Der Weg zum Gipfel lag jetzt für uns offen. Aber der Anmarsch vom « Alpenkamp » war für die gegebenen Verhältnisse, wo man nur die wenigen guten Morgenstunden benutzen kann, zu lang. Ein Lager in dem von uns getauften « Merendai » wäre wohl eher das Richtige.

Die Besteigung Am 29. November 1936 verschoben wir unser Lager nach dem « Merendai », wo wir einen guten Lagerplatz fanden, am Ufer des grünen Sees, und am nächsten Tag machten wir unseren ersten Versuch zu einer Gipfelbesteigung. Beim Licht des abnehmenden Mondes verliessen wir um 4 Uhr unser Zelt, und bei Tagesgrauen standen wir schon am Fusse des Gletschers. Wir waren froh um die Steigeisen, die mit der Ausrüstung auf die « Alpenwiese » abgeworfen worden waren; denn das Eis war hart und der Gletscher, im unteren Teil, stark zerschrundet.

Etwas höher suchten wir unseren Weg zwischen kleinen Gletscherseelein, ein Phänomen, das wir in den Alpen nie gesehen hatten. Die Sonne schien, der Himmel war blau und unsere Herzen waren leicht. Die Götter schienen mit uns zu sein! Als wir uns dem flachen Firn näherten, hörten wir ein Flugzeug, und dann sahen wir unsern Sikorsky über den Gipfel kreisen.

Wir beschleunigten unsere Schritte und hofften, dass der Pilot uns sehen würde, aber scheinbar waren wir hier, in dieser Welt von Fels und Eis, zu unansehnlich; das Flugzeug verschwand, ohne uns gesehen zu haben.

Wir hielten unsern Weg dem östlichen Gipfel zu, der von der Küste gesehen am höchsten schien. Über einen steilen Schneehang stiegen wir zum Kamme hinauf. Der Gipfel entwich uns aber; erreichten wir einen Gipfel, so schien der nächste höher. Der Schnee wurde weich unter den Strahlen der tropischen Sonne, und dann kamen die Wolken, wie aus dem Nichts herangeschwommen Es fing an zu schneien, so dass es uns vernünftiger schien, den Rückweg anzutreten, solange wir noch die Aufstiegsspuren finden konnten.

Am nächsten Tage regnete es. Dozy betrieb Geologie, während Colijn und ich uns mit Plänemachen oder mit Kletterübungen in den nassen Felsen oberhalb unseres Lagers amüsierten. Tatendrang trieb Colijn und Dozy aber bald zu einer neuen Rekognoszierung.

Während ich auf die Dajaks wartete, die uns verproviantieren sollten, sah ich sie am andern Morgen im Regen gegen den südlichen Talhang emporsteigen. Nass, aber frohgemut, kamen sie zurück. Sie waren ins südliche Tal, das sie, wegen der gelblichen Farbe der Felsen, « Gelé Dal » getauft hatten, hinübergestiegen und hatten dort ihren Weg verfolgt bis zum Fuss des Gletschers. Als wir mit unserem Zelt hinübersiedelten, konnten wir dort, auf etwa 4400 Meter, nahe dem Gletscher, einen guten Lagerplatz finden. Wir wären dort günstig für alle Besteigungen gelagert, sei es über den nördlichen Gletscher, den wir « Meren Gletscher » nannten, oder über den südlichen Gletscher, den wir « Carstensz Gletscher » tauften, und falls wir den Felsgipfel auf dem Südgrat, der den Namen « Carstensz Pyramide » erhielt, besteigen wollten, konnten wir gleich vom Lager weg in die Felsen hineinsteigen.

Am 4. Dezember kamen die Dajaks besonders früh herauf, um uns beim Umzug zu helfen. Diese Dajaks waren ausgezeichnete Leute; man konnte sich auf sie verlassen. Obwohl sie das Frühaufstehen nicht liebten, waren sie an diesem Tage schon vor Tagesanbruch von « Alpenkamp » aufgebrochen. Auch Sander war mitgekommen Er trug seine Schuhe wieder! Er war weniger abgehärtet als die Dajaks und schien zu frieren, obwohl er sich als Schutz gegen die Kälte ein Handtuch um den Kopf gewickelt hatte. Doch hatte er sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, mitzukommen Er hatte übrigens einen wichtigen Posten bekommen: da er lesen und schreiben konnte, eine Kunst, die unsere Dajaks nicht verstanden, hatten wir ihn zum Magazinaufseher promoviert. Den Dajaks konnten wir einfach einen Zettel mitgeben mit unsern Bestellungen, und am übernächsten Tag wurden die Sachen abgeliefert.

Auf dem Wege zu unserer neuen Lagerstätte sammelten wir ein wenig Gras und Kräuter, um eine weichere Unterlage für unser Zelt zu haben; aber ein sehr weiches Lager wurde es trotzdem nicht. Doch gewöhnten wir uns bald daran, auf dem harten Boden zu schlafen, mit dem Rucksack unter dem Kopf.

Früh am Morgen kroch Dozy aus dem Schlafsack und steckte den Kopf aus dem Zelt. Auch Colijn und ich waren aufgewacht.

« Was macht das Wetter? » fragten wir ohne viel Hoffnung.

« Es ist ganz schön », war die Antwort. « Überall sehe ich Sterne, ich glaube, es wird ein prächtiger Tag. » Somit Schluss mit dem Schlafen und an die Arbeit!

Da das Frühstückmachen gewöhnlich mir anvertraut war, kroch ich halb aus dem Schlafsack und machte mir am Fussende mit dem Kocher zu schaffen; denn unser Zelt war so klein, dass es gerade Platz hatte für unsere drei Schlafsäcke und Geräte und Proviant immer in greifbarer Nähe unter den Zelt-«Flaps » verstaut werden konnten. Zu hungern brauchten wir da oben nicht, und auch an diesem Tag gab es noch ein gutes Frühstück aus Haferflocken mit Ovomaltine ( unsere Spezialität ) und Knäckebrot mit Speck, bevor wir uns auf den Weg machten, um den höchsten Gipfel des Nordkammes zu besteigen.

Der abnehmende Mond stand über dem Firn und machte es uns leicht, den Weg zum Gletscher zu finden. Ohne Schwierigkeiten überschritten wir den Kamm, der hier die beiden Gletscher trennt, und das erste Morgengrauen mischte sich mit dem matten Schein der Mondsichel, als wir den Meren-gletscher betraten. In einem guten Tempo fanden wir unseren Weg zwischen den Seelein und Spalten des Gletschers. Dann ging es gleichmässig ansteigend über den Firn, der den Namen « Midden Firn » erhalten hat, und schon um 10 Minuten nach 7 standen wir auf dem flachen Gipfel. Doch es war nicht zu früh, denn schon hatte die « Wolkenfabrik » wieder ihre Tätigkeiten aufgenommen. Schnell wurden Photoaufnahmen gemacht, Höhenmesser und Thermometer abgelesen, Peilungen vorgenommen, und dann erst konnten wir uns erlauben, mit etwas mehr Musse die Aussicht zu betrachten.

Unter uns lag der Firn und gegenüber uns, gegen Süden, der Felsrücken mit dem steilen Schneehang, den wir vor einer Woche bestiegen hatten. Etwas westlicher stehen die steilen Platten der Carstenszpyramide und der südlichen Talwand des « Gelé Dal », und fast genau Richtung West ragt die Idenburg mit ihrer Schneekappe, der nächste Gipfel unserer Nassaukette, über einem Gewirr von Felsen und Graten empor. Am interessantesten war aber für uns der Blick nach Norden. Ein ganz grosses Stück unbekanntes Neuguinea lag zu unseren Füssen: dunkle Berge, Täler und Plateaux mit kleinen Seelein.

Wir standen nun auf dem höchsten Gipfel unseres Reiches! Unser Unternehmen war von Erfolg gekrönt. Oder war vielleicht der nächste Felsgipfel der vielförmigen Carstenszpyramide doch noch höher? Doch wir hatten jedenfalls einen Gipfel bestiegen! Leider hatte er keine Felsen, nur Eis und Schnee, und keinen so guten Platz, um eine « Gipfelbüchse » oder eine Fahne zu verstauen. Nur einen roten Lappen, den wir bei uns hatten, legten wir auf den weissen Schnee, hofften wir doch, dass in den nächsten Tagen das Flugzeug das Gebiet überfliegen werde und dann berichtet werden könne, dass wir unser Ziel erreicht haben.

Abends, in unseren Schlafsäcken, assen wir Extraportionen « Marzepan » und « Deventer Koek », einmal um die erfolgreiche Besteigung zu feiern, und sodann, weil Sankt Nikolaus, der holländische Feiertag, war. Nachts wachte ich auf. Da stimmte etwas nicht. Ich zog eine Hand aus dem Schlafsack hervor und tastete über mich. Ich war vollständig zugedeckt. Das Zelt war eingestürzt! Auch die Kameraden wachten auf. Dozy, der Zeltspezialist, musste uns aus dieser Lage befreien. Wir beneideten ihn nicht, waren aber zu faul, um ihm zu helfen, oder war es, weil wir uns kaum bewegen konnten? Dozy berichtete, dass das Zelt unter einer schweren Schneelast begraben war. Doch konnten wir das Übel bald beheben.

In den nächsten Tagen wandten wir uns der Carstenszpyramide zu. Zuerst versuchten wir es über den Carstenszgletscher und den Ostgrat. Ein etwa sechs Meter hoher, griffarmer Absatz gab mir Gelegenheit, meine Kletterschuhe mit gutem Erfolg zu verwenden. Der Grat war dann so messerscharf, dass wir Handschuhe anziehen mussten, um die Hände zu schonen. Es war eine nette Kletterei. Plötzlich brachen Dozy und ich in Lachen aus: Colijns Haare sträubten sich himmelwärts! Es war ein komischer Anblick, aber kein gutes Zeichen. Hier, auf dem exponierten Grat, wollten wir uns nicht einem Gewitter aussetzen. Gerade konnte ich noch feststellen, dass eine tiefe Scharte uns den Weiterweg zum Gipfel versperrte. Die Rückkehr wurde beschlossen. Schneetreiben setzte in rascher Folge ein.

Wir versuchten dann, einen Aufstieg durch die Platten oberhalb unseres Lagers zu finden, um den Gipfel vom Westen her zu besteigen. Zweimal erreichten wir ohne viel Mühe den Grat, aber beide Male waren wir noch durch tiefe Scharten vom Gipfel getrennt. Wir musten versuchen, den Grat ganz nahe beim Gipfel zu erreichen.

Am 11. Dezember machten wir unseren letzten Versuch. Wieder stiegen wir über die schon ziemlich ausgetretene, begraste Rinne in die Wand hinauf. Dann querten wir nach links, um unter den Gipfel zu gelangen. Der frisch gefallene Schnee machte die Felsen schlüpfrig. Die Temperatur war tagsüber, zwischen 4600 und 5000 Meter Höhe, immer um 0 Grad oder wenig darüber. So waren die Felsen dementsprechend meistens aper. In einem steilen Kamin, nahe dem Gipfel, wo die Sonne nur selten durchdrang, lag aber noch ziemlich viel Schnee. Ein Aufstieg wäre hier, unter diesen Verhältnissen, wohl etwas schwierig, oder wenigstens kam es uns drei Flachländern so vor! Als es dann wieder anfing zu schneien, wurde der Versuch endgültig aufgegeben. Die schlüpfrigen Platten gefielen uns immer weniger. Wenn die Wettergötter uns keine Sonne mehr gönnten, so wollten wir die wenigen Tage, die uns noch zur Verfügung standen, lieber für eine Erkundung des Hochlandes zwischen Carstensz und Idenburg verwenden.

Als wir zum letztenmal in die Wand hinunterstiegen, gab es eine Überraschung. Was sahen wir da? Da liefen Menschen, unten im Tal. Gab es da noch eine andere Expedition? Waren wir nicht die einzigen hier oben? Wir riefen ihnen zu. Erstaunt, Stimmen zu hören, die aus den steilen Felsen kamen, blieben sie stehen. Näher gekommen erkannten wir die Regenmatten, die die Kapaukos benützen. Dann erkannten wir auch Tjan und einen von den Dajaks, den wir mit Fieber ins Basiskamp zurückgeschickt hatten. Sie waren mit einigen Kapaukos vom Basiskamp aus hinaufgekommen, da sie selber sehen wollten, was die Herren hier oben treiben, und heimkehren, ohne Schnee und Eis gesehen zu haben, wäre doch auch zu schade gewesen. Auch die Kapaukos hatten Neugier und Abenteuerlust in die Höhe getrieben, un- geachtet des Umstandes, dass sie, mit Ausnahme ihrer Regenmatten, die sie über dem Kopf trugen, ganz unbekleidet waren und das Wetter nicht viel besser war als an einem Dezembertag in Holland.

Sie waren gerade auf dem Rückweg vom Gletscher, als sie uns rufen hörten. Sicher haben die Kaupaukos wieder geglaubt, dass wir gerade aus dem Himmel heruntergestiegen seien!

Zehn Tage später waren wir schon wieder auf dem Rückweg vom Basiskamp nach Aika, begleitet von vielen Kapaukos. Weihnachten feierten wir in Babo. Sechs unvergessliche Wochen lagen hinter uns. Unser Ziel hatten wir erreicht, obwohl unsere Wünsche nicht alle in Erfüllung gegangen waren. Eine Fülle von geologischen und topographischen Daten wurde mitgebracht, und für das Botanische Institut auf Java hatten wir in den höchsten Vegetations-gürteln viele Pflanzen gesammelt. Es war ein wunderbares Erlebnis. Nur die Sonne hätten wir gerne etwas mehr gesehen!

Fünfzehn weitere Jahre sind jetzt schon vergangen. Vieles hat sich geändert. Nur die Berge stehen da, wie wir sie verlassen.

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