Wie überstehen Bergtiere den Winter?

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Peter Meile, Wassen UR

Längst sind die Herden zu Tal gezogen, die Murmeltiere haben ihr letztes Heu eingetragen und damit die Bauröhren von innen verstopft. Kräuter und Stauden verholzen mehr und mehr, die Kräfte der Alpenblumen kehren in die Wurzeln zurück. Rot leuchten jetzt die Zwergstrauchheiden, in denen das Birkhuhn die letzten Heidelbeeren zusammensucht; und während die langen Brunftschreie der Rothirsche verhallen, beginnen endlich auch die Lärchen sich gelb zu verfärben. Doch bevor sie die Nadeln verlieren, fallen die graugrünen Er-lenblätter und enthüllen ein Heer rostroter Farnschöpfe darunter. Nach jeder kalten Nacht erfasst das herbstliche Farbenspiel tiefere Lagen, während die Gipfel immer öfter frisch verschneit heruntergrüssen.

Dann wenn die Rothirsche ihre tiefer gelegenen Wintereinstände teils in ausgedehnten Wanderungen aufsuchen, verlassen auch die Schneehühner die allerhöchsten Lagen und stellen sich in grösseren und kleineren Schwärmen im Grenzbereich zwischen Zwergstrauchheide und alpinen Rasen ein. Ende Oktober sind die Altvögel schon völlig weiss ver-mausert, während die diesjährigen Jungen die letzten grauen Federn erst einen Monat später verlieren; zur selben Zeit, in der auch der Schneehase die beim Haarwechsel gelbbraun verbliebenen Ohrränder völlig weiss verfärbt: gerade rechtzeitig, denn jetzt bricht, nach einer langen Reihe schöner Spätherbsttage, mit Macht der Winter herein. Unaufhaltsam fällt der Schnee, die weisse Decke wächst, die Nahrung wird völlig zugedeckt, das Gehen fällt schwerer und schwerer. Einen Tag lang finden sich kaum Spuren: selbst der Fuchs und der Baummarder müssen sich an die weisse Pracht erst gewöhnen. Gegen Abend endlich trauen sich ein paar Gemsen, das oberste Legföhrenfeld zu verlassen, an einem Steilhang nach trockenen Gräsern zu scharren und hernach in Einerkolonne den Windschutz der nächsten Wettertannen und Bergarven aufzusuchen.

Wenig und schlechte Nahrung, Kälte verstärkt durch eisige Winde, hoher Schnee, der die Fortbewegung einschränkt und erschwert, sowie die Gefahr, im weissen Hintergrund von einem Feind bald erkannt zu werden, das sind die harten Bedingungen des Winters. Zu deren Überwindung haben die eigentlichen Bergtiere im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte die verschiedensten Anpassungen ausgebildet.

Vorräte anlegen und Energie sparen, das ist eine der Devisen von Bergtieren, um den Winter bei grösster Nahrungsarmut überstehen zu können. Schon im Sommer sammeln die Eichhörnchen Nüsse, die Tannenhäher Arvensa-men und verstecken sie am Fusse von grösseren Bäumen oder anderen vorbestimmten Stellen. Die grösseren Pflanzenfresser, vor allem aber Steinbock und Gemse, fressen sich im überreichen Bergsommer dicke Fettpolster an, die einen ganzen Fünftel des Körpergewichtes ausmachen können. Kleineren Tieren dagegen ist es nicht möglich, entsprechend grosse Fettvorräte zu horten; sie wären in eigentlichen Notzeiten ohne Nahrungsaufnahme auch rasch aufgebraucht. So reicht der Notvorrat eines Schneehuhns kaum zwei Tage. Um nicht zu verhungern, muss es täglich wenigstens einmal seinen Kropf füllen können, für ein normales Auskommen allerdings mehrmals. Bei ihrer erstaunlichen Fähigkeit, die winterliche Nahrungswahl auf wenige Pflanzenarten einzuschränken, scheinen die Rauhfusshühner doch imstande zu sein, protein- und zuckerreiche Nahrungsteile selektiv aufzunehmen.

Eine gute Isolation hilft viel Energie sparen. Mit einem dichten Haar- oder Federkleid werden Wärmeverluste wirksam verhindert. Auf einem unserer Beobachtungsgänge entdecken wir am gegenüberliegenden Hang ein Rudel Gemsen. Über Nacht hat es frisch geschneit, über dem Tal liegt eine stille, eisige Kälte. Die Gemsen haben sich noch nicht einmal von ihren Schlafplätzen im Schütze von Wettertannen, Legföhren und Felsbalmen erhoben. Als endlich die Sonne ihre ersten Strahlen über den Bergkamm schickt, sehen wir mit Staunen, wie erst jetzt der Schnee auf dem Rücken der liegenden Tiere zu schmelzen beginnt. Offenbar isoliert das Fell der Gemse so gut, dass die Körperwärme kaum nach aussen dringt. Ähnlich wie bei Glaswolle oder ei- nem Doppelfenster ist es auch beim Fell die zwischen den Haaren gefangene Luft, die den Wärmeaustausch verlangsamt.

Für alle warmblütigen Lebewesen, also Tiere, die auf eine konstant hohe Körpertemperatur angewiesen sind, gilt dasselbe: fällt die Umgebungstemperatur unter eine kritische Grenze, beginnen sie zu frieren. Mit wertvollen Kalorien muss dann der Körper aufgeheizt werden, zum Beispiel durch das sogenannte Kältezittern: die Muskelspannung und damit der Stoffwechsel steigen, es wird Energie verbraucht und Wärme produziert.

Jede Tierart hat ihre eigene : während beim Birkhuhn der Grundumsatz seines Stoffwechsels bei minus sechs Grad zu steigen beginnt, ist dies beim arktischen Eisfuchs, dank seines dichten Felles, erst bei vierzig Grad unter Null der Fall. Allgemein gilt, dass kleine Tiere und solche mit schlechter Isolation früher zu frieren beginnen. Sie verbessern deshalb ihren relativ schlechten Isola-tionsfaktor mit zusätzlichen Mitteln: Eichhörnchen verschlafen kalte Tage in ihrem gut gepolsterten Baumnest, das sie gegen die Kälte schützt. Schneehühner oder Birkhühner verbringen mindestens vier Fünftel der kalten Wintertage und die Nächte in selbstgegrabenen Schneehöhlen. Werden sie gestört, verlassen sie ihre Schneehöhle oft für den ganzen Tag. In der kalten Luft brauchen sie dann viel Aufheizenergie.

Das Prinzip, die eigene Körpertemperatur herabzusetzen, um das Temperaturgefälle und damit die Energieverluste vom Körperkern zur Umgebung zu verringern, machen sich vor allem eine Reihe kleinerer Säugetiere zunutze. Sie senken ihre eigene Körpertemperatur um etwa dreissig Grad und verbringen die unwirtliche Jahreszeit, verborgen in einer ausgepolsterten Erdhöhle, Baumhöhle oder einem Nest in der Kältestarre des Winterschlafes. Der Siebenschläfer, die Haselmaus, das Murmeltier sind Beispiele dafür. Die Spitzmäuse dagegen sowie die pflanzenfressenden Wühlmäuse und Echten Mäuse bleiben unter der schützenden Schneedecke aktiv. Für sie ist ein schneearmer Winter weit gefährlicher als ein schneereicher.

Aber auch die anderen Warmblütler, namentlich die Vögel und grossen Huftierarten, schränken ihre Aktivität im Winter sogar beim Nahrungserwerb erheblich ein, um so die schwer ersetzbare Energie zu sparen. Der tag- liehe Aktivitätsrhythmus ist verändert; die Tiere liegen lange bis in den Vormittag hinein, und ihre Aktivitätsphasen sind seltener und kürzer. Im Hochwinter bewegen sich Hirsche und Gemsen oft tagelang so wenig aus ihren engen Wintereinständen heraus, dass selbst fleissige Beobachter versucht sind anzunehmen, diese grossen Tiere seien aus der Gegend verschwunden. Sie ernähren sich in solchen Zeiten gerne von Bartflechten und blossen Fichtenzweigen, und erst die Lagerstellen und Kothaufen, die man im Frühjahr finden kann, beweisen, wo die Tiere so lange gesteckt haben.

Einer der wichtigsten und wirkungsvollsten Anpassungen, vor allem der grösseren Wiederkäuer, ist man erst in den letzten Jahren auf den Sprung gekommen: nicht nur der Energieverbrauch wird eingeschränkt, sondern auch die Nahrungsaufnahme. Die Grösse des Pansens wird reduziert, und die Pansen-und Darmzotten, durch welche verdaute Nährstoffe ins Blut- und Lymphsystem gelangen, werden stark verkleinert. Diese Umstellungen werden durch eine innere Uhr gesteuert, denn sie wurden selbst bei Rehen beobachtet, die bei konstanten Temperaturen und unbe-schränktem Nahrungsangebot gehalten wurden.

Wir haben hier nur einige wenige der vielfältigen Anpassungsmöglichkeiten an die kalte und nahrungsarme Jahreszeit aufgezählt, welche Tiere im Verlaufe ihrer Entwicklungsgeschichte herausgebildet haben. Die wichtigste Devise ist demnach, mit der Energie haushälterisch umzugehen, denn energiespendende Nahrung ist im Winter nur sehr beschränkt verfügbar. Sie muss unter einem überaus hohen Aufwand und unter Gefahren gewonnen werden und wird aus physiologischen Gründen dem Körper auch nur in kleinen Mengen nutzbar gemacht. Der Winter bedeutet also nicht nur einen Nahrungsengpass, sondern er ist für alle unsere Bergtierarten in mannigfacher Hinsicht ein Flaschenhals: Für jedes einzelne Tier eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod, für die Population aber die unerbittliche Entscheidung über Anzahl und Dichte, oft sogar über den Fortpflanzungser-folg ihrer Mitglieder im nächsten Jahr. Denn selbstverständlich wird die Konkurrenz um Nahrung, um Schutz vor der Wetterunbill und Deckung vor den Feinden im Winter drastisch verschärft. Dass eigentlich alle unsere Berg-tierpopulationen durch mehr oder weniger hohe Winterverluste gekennzeichnet sind, beweist, dass es all der Anpassungen bedarf, ja, dass sie nie genügen und der Bergwinter immer eine grosse Herausforderung für Bergtiere bedeutet.

Überlegen wir uns in praktischer Anwendung des hier Dargelegten, welche Auswirkungen Skifahrer auf ein Gemsenrudel tatsächlich haben, wenn sie es - aus Freude am herrlichen Pulverschnee abseits der Piste - in ihrem selbst gewählten optimalsten Wintereinstand aufscheuchen und zur Flucht zwingen: ein Vorgang, der sich in unseren Alpen jeden Winter tausend und abertausend Male ereignet und immer häufiger wird. Schon die Flucht ohne Schnee wäre energieraubend. Mit zunehmender Schneehöhe kostet die Fortbewegung ein Vielfaches des üblichen Grund-umsatzes. Noch lange Zeit sichern die Tiere unruhig, mit bebenden Flanken und erhöhtem Pulsschlag: noch immer ist der Grundumsatz nicht erreicht. Derweil wird aber nicht nur keine Nahrung aufgenommen, um die verlorenen Kalorien wiederzugewinnen. Viel schlimmer; wurden die Tiere bei ihrer Flucht doch in ein Gebiet abgedrängt, in dem die jeweiligen Anforderungen an leicht erreichbarer Nahrung, Schutz vor Kälte, Wind, Lawinen und Feinden niemals so gut erfüllt sind wie am früheren, frei gewählten Standort. Dies führt mittelfristig, bei häufigen Störungen sogar langfristig, zu höherem Energieverbrauch, damit auch zu höherem Energiebedarf: die eigentliche Lebensgrundlage wird eingeengt, der Bestand früher oder später verkleinert.

Sowohl für das einzelne Tier wie auch für die betroffene Population bedeuten solche Störungen, dass all die raffinierten Anpassungen wieder nicht genügen: der Flaschenhals des Bergwinters wird noch enger, das Überleben des Einzeltieres noch Ungewisser, der Tierbestand wird kleiner; bei so seltenen Tieren wie dem Auerhuhn bald einmal zu klein, um sich von Jahr zu Jahr erhalten zu können. Dafür gibt es leider heute schon eine Reihe bitterer Beispiele. Dabei gilt gerade das Auerhuhn als besonders gut angepasst an kalte, schneereiche Winter. Doch wer von uns Bergsteigern und Skifahrern hat dies gewollt?... oder bedacht ?!

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