Winterfahrt auf den Piz Morteratsch

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Von Bernhard Schocher.

« Piz Morteratsch, 31. Januar 1898 » steht in ungelenker Schrift auf einer unscheinbaren, schon etwas vergilbten Liebhaberaufnahme in meiner kleinen Sammlung alter Bergbilder. Hinter riesigen Schneereifen in Teller-form und Schneebrettchen aus gebogenem Holz, wie sie heute unsere alpinen Museen zieren, sehen wir eine vermummte Frauengestalt und einen bärtigen Bergführer in einer scheinbar nicht allzugemütlichen Situation. Christian Schnitzler, wohl der einzige heute noch in Pontresina lebende Bergführer aus der Sturm- und Glanzzeit der achtziger Jahre, weiss denn auch von dieser Fahrt noch zu berichten, als wäre es gestern gewesen. Mrs. Main, eine in Pontresina zur Winterkur weilende Engländerin, hatte sich in den Kopf gesetzt, den Gipfel des Piz Morteratsch auf Schneereifen zu erreichen. Das Turenbuch meines verstorbenen Vaters, der mit von der Partie war, weist mit der lakonischen Bemerkung « Gipfel nicht erreicht wegen Sturm » auf das vergebliche Ankämpfen der berggewohnten Partie gegen die Naturgewalten hin. Nicht immer liess sich die tapfere Engländerin abweisen, und die erst kürzlich verstorbene Dame durfte den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, die erste Pionierin des Winterturismus in der Berninagruppe gewesen zu sein. So gelang ihr u.a. etwa drei Wochen später am 20. Februar 1898 mit den gleichen Führern die erste Überschreitung des Piz Palü im Winter, von Morteratsch aus über alle drei Spitzen mit Abstieg nach Berninahäuser usw. Bei diesen Fahrten bediente man sich damals ausnahmslos sogenannter Schneereifen und Schneebrettchen. Der Ski war zwar in den neunziger Jahren im Engadin schon bekannt und auf kleineren Fahrten erprobt, zu Gletscher-und eigentlichen Bergfahrten mit Skihilfe hat man sich aber erst später entschliessen können. So führt man die erste Querung der Diavolezza über die heute allgemein befahrene Route Isla Pers nach Morteratsch auf Ski auf das Jahr 1903 zurück. Die Isla Pers galt bei dieser Fahrt offenbar als die grosse Unmöglichkeit. Dass der « Erstbegeher », wenn man so sagen darf, keine allzugrosse Meinung von seiner Tat hatte und sich die Entwicklung seines Weges zu einer Fahrstrasse von solchem Ausmass wohl kaum träumen liess, beweist wohl am besten die Tatsache, dass er es unterliess, seinen Namen in die Geschichte des Skisportes zu schreiben. Heute sausen die « Kanonen » den Steilhang der Isla Pers nur so herunter. Der Ski des Bergsteigers sucht neue, ungebahnte Wege, um den winterlichen Gipfel zu erschliessen, indem er zwei der schönsten Körperleistungen — das Bergsteigen und den Skilaufzu freudiger Tat in Sonne, Schnee und Eis verbindet.

Val Rosegim letzten Abendglanz wuchten die Sellaspitzen und der unvergleichliche Piz Roseg aus dir empor, talsperrend und wegweisend, haltgebietend und lockend zugleich. Wie ein eisiger Sturzbach überfällt der abendliche Schattenkegel des Piz Rosatsch unsere sonnendurchglühten Körper. Dafür leuchtet und grüsst der Tschiervagletscher mit seinen vielgestaltigen Abfahrtsspuren wie die feinste Ziselierarbeit herüber. 21. März — Frühlingsbeginn und noch feinster Pulverschnee so weit das Auge reicht! Gemächlich ausschreitend haben wir das Schattenband und mit ihm die Talsohle bald hinter uns und erreichen mit dem letzten Sonnenlicht die gastliche Tschiervahütte.

Der freundlichen Einladung von Ch. Golay, Führerchef der Sektion Bernina S.A.C., und C. Freimann, Hüttenwart der Tschiervahütte, zu einer Fahrt auf den winterlichen Piz Morteratsch war ich um so lieber gefolgt, als diese Begleitung alle Gewähr für einen genussvollen Tag bot. Mehr als einmal lockt uns die milde Mondnacht vor die Hüttentüre. Alles Strenge und Schroffe scheint mit dem letzten Tageslicht von den Gräten und Wänden gewichen zu sein. In unendlicher Milde erstrahlen Monte di Scerscen, Süd-und Biancograt des Biz Bernina und eben taucht, wegweisend und lockend, die Schneehaube des Piz Morteratsch ins silbrige Licht der nächtlichen Leuchte.

Der erste Sonnenstrahl trifft uns auf der Terrasse des obern Tschiervagletschers. Der etwa zweistündige Aufstieg über die beinharten Sonnenhänge hat uns manchen Schweisstropfen entlockt. Das Plateau selbst trägt aber wunderbar führigen Pulverschnee, und auch der Aufstieg von der Tschiervahütte herauf mag bei günstigeren Verhältnissen bedeutend leichter sein.

Über das völlig glatt gewehte Gletscherlein erreichen wir jetzt mühelos die Fuorcla Boval. Welch herrlicher Tiefblick auf den Gletscherkessel von Diavolezza und Boval! Hier vor dem « Grätlein » werden normalerweise die Ski zurückgelassen. Wir aber schultern sie für ungefähr fünf Minuten und ziehen dann auf dem normalen Sommerweg unsere Zickzackspur durch die " breite pulvrige Mulde der Nordostflanke zum Gipfel hinauf. Die grosse Randspalte ist völlig zugeweht und beansprucht keinerlei Sicherung. Erst kurz vor dem Gipfel wird der Schnee wieder schlecht. Gespensterhaft ragen gleich Filzpantoffeln die Spuren der letzten Sommerbesucher aus der Firndecke. Nach fünfstündigem Anstieg ist der Gipfel um 1230 Uhr erreicht. Der letzte Eintrag im Gipfelbuch stammt vom 30. September 1934.

Ob wir wohl die ersten Wintergäste des Piz Morteratsch auf Ski sind? Man hat es uns nachher beim gemütlichen Hock im Morteratsch unten versichert. Über das gewaltige Panorama, das dieser Gipfel bietet, brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Festgestellt sei nur, dass die Klarheit der Sicht jeder Beschreibung spottete und wohl von einem sehr klaren Septembertag kaum erreicht werden kann. Mont Blanc, Monte Rosa, Zugspitze, Ortler und Adamellogruppe grüssten zum Greifen nahe herüber, ganz zu schweigen von den mit unerhörter Schroffheit heraufwuchtenden Trabanten aus der Berninagruppe, der silbrigen Schneide des Biancogrates, dem scharfen Felskamm des Monte di Scerscen und der fast lotrechten Nordwand des Piz Roseg.

Wie wir uns zur Abfahrt rüsten, die Felle abschnallen und die Laufflächen polieren, treffen drei Münchner auf dem Gipfel ein. Sie wollten die Fuorcla Boval traversieren, liessen dann aber die Ski dort zurück und folgten zu Fuss unsern Spuren zum Gipfel. « Mit die Brettln bis auf'n Gipfel, dös ist schon allerhand », meinen sie in ihrem sympathischen Dialekt. Für uns kommt jetzt erst der Mühe Preis: die Abfahrt. Sie ist ja nicht gerade etwas für die erste Klasse der Skischule, diese ziemlich steile Mulde und das mit leichtem Pulver bedeckte Grätlein hinunter zur Fuorcla Boval. Für den geübten Turenfahrer aber ist es bestimmt ein Genuss. Der Stemmchristiania erweist sich auch hier als recht nützlich, aber auch knappe Winkelsprünge und da und dort ein etwas altmodischer Telemark sind nicht zu verachten. Der letzte Schuss treibt uns am Sommerabstieg vorbei und hinüber zur Felslücke zwischen Piz Tschierva und Misaungletscher. Und erst dieser Misaungletscher, so richtig eine Schreibtafel für Slalomfahrer! Einen kleinen Unterbruch fordert der Übergang zum Bovalgletscher. Dafür folgt hier wieder eine wahre Orgie von Schwüngen und Schussfahrten hinunter nach Boval und Morteratsch.

Der Piz Morteratsch ist für den Skituristen ein Juwel, er ist zwar kein gewöhnlicher « Skiberg » und fordert einige bergsteigerische Erfahrung, gepaart mit dem technischen Können des Skifahrers.

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