Winterfahrten im Mont-Blanc-Gebiet

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Winterfahrten im Mont-Blanc-Gebiet

Von Hermann Hoerlin.

Neue Ziele und neue Wege sind heutzutage nur schwer zu finden. Wer hat aber nicht den Wunsch, unbetretene Pfade zu gehen? Eine kleine Erfüllung dieses Wunsches ist das Bergsteigen im winterlich verschneiten Hochgebirge, wenn ungewöhnliche Verhältnisse grössere Anforderungen an die Bergsteiger stellen. Die im Sommer gefahrlosen tieferen Regionen bedrohen Lawinen, der Fels ist verschneit und vereist, der Wind hat die Firngrate blankgeweht, und die Tage sind kurz und kalt; kurzum, die Schwierigkeiten grösser und vielseitiger.

Die ersten grossen Winterfahrten wurden schon in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ausgeführt, doch blieben sie eine Seltenheit, bis der Skiläufer den Weg ins Gebirge fand. In den meisten Fällen sucht er sich aber leicht zugängliche Gebiete aus, die eine schöne Abfahrt versprechen. Berge, deren steiler Aufbau die Benutzung des Ski nur teilweise gestattet oder ganz ausschliesst, blieben nach wie vor wenig beachtet. Erst in der Nachkriegszeit ist eine Steigerung der hochalpinen Winterfahrten zu verzeichnen. Einer nach dem andern der bedeutenden Gipfel wurde im Winter erstiegen, manchmal sogar überschritten. Die letzten Walliser Viertausender fielen kurz nach dem Kriege, während die Mont-Blanc-Berge noch etwas länger die Besucher fernhielten. Zwar wurde der Mont Blanc selbst als einer der ersten grossen Berge schon im Januar 1876 von Miss Straton mit ihren Führern bezwungen. Aber in dem folgenden Zeitraum von 40 Jahren waren ausser einigen weiteren Besteigungen des Mont Blanc von den bedeutenden Gipfeln nur die Grandes Jorasses von Paul Güssfeldt, die Aiguille Verte von Gustav Hasler, die Aiguille du Géant von Mario Piacenza ( jeweils mit Führern ) und die Aiguille du Chardonnet von den Bergsteigern F. Roget und Marcel Kurz erstiegen worden. Etwa 1924 wurde die Gruppe dann plötzlich das Arbeitsgebiet verschiedener Alpinisten, die in der kurzen Zeit von nur 5 Jahren solche Erfolge hatten, dass für deren Nachfolger ausser kombinierten Fahrten und Kleinarbeit nur der Mont Brouillard, Pic Luigi Amadeo und der Dôme de Rochefort übrig geblieben sind. Von einer Überfüllung der Mont-Blanc-Gruppe ist aber deshalb noch lange nicht die Rede. Es waren mit einigen Ausnahmen immer wieder dieselben Seilschaften, die diese Berge besuchten. Es können dort Wochen vergehen, bis man im Winter die Spur eines Menschen zu Gesicht bekommt. Wir finden die Einsamkeit, die wir im Sommer in den Bergen vergebens suchen. Der schroffe Wechsel von Eis und Fels der winterlichen Mont-Blanc-Landschaft ist einzigartig. Diese Fahrten, bei denen man ganz auf sich selbst angewiesen ist, prägen sich am tiefsten unserem Gedächtnis ein.

Aiguille Verte und Les Droites.

Wenn ich heute über die gemeinsam mit Peter Hardegg, Erwin Schneider und Max Fischer ausgeführten Bergfahrten berichte, so ist mir die Feder schwer. Seitdem Peter Hardegg, mit dem ich gleichzeitig meine ersten selbständigen Schritte in den Alpen ausgeführt habe, in der Südwand der Schüsselkarspitze jähe aus seinem tatenfrohen Leben herausgerissen wurde, kann ich mir jene Fahrten nur mit dem Gefühl tiefster Wehmut und der Bitterkeit gegenüber einem grausamen Schicksal ins Gedächtnis zurückrufen; es waren Tage grösster Bergfreude und schönsten Gipfelglücks, aber auch Stunden schweren Kampfes. Wie uns dieses grosse Erleben der Berge unvergängliches Gut der Erinnerung ist, so unvergessen wird Peter Hardegg seinen Freunden bleiben. Die Lücke, die sein Tod gerissen hat, scheint mir unausfüllbar zu sein.

Ostern 1926 hatte eine erste winterliche Westalpenfahrt uns ins Berner Oberland geführt. Ein Jahr später war das Wallis unser Ziel gewesen, und für März 1928 war ein Besuch in Chamonix geplant, der auch zustande kam.

Bei trübem Wetter fuhren wir nach Südwesten. Je näher wir jedoch unserem Ziele kamen, desto mehr lichtete sich die Wolkendecke, und als sich das Züglein hinter Le Fayet durch die enge Arveschlucht hindurchwand, da sahen wir unwahrscheinlich hoch über uns den neuschneebedeckten Mont Blanc durch einen dünnen Nebelschleier hindurchschimmern. Chamonix war eine verlassene, tote Stadt; die Saison zu Ende. Alle grossen Gasthöfe hatten ihre Pforten und Läden schon einige Zeit vorher geschlossen; in den Strassen lagen schmutzige Schneereste. Im Laufe eines Nachmittages hatten wir bequem Zeit zum Einkaufen von grossen Proviantmengen; auch mieteten wir zwei Träger, die uns zur Hütte begleiten sollten. Von ihnen hörten wir bald einige Neuigkeiten. Vierzehn Tage vorher hatte der Führer Armand Charlet aus Argentière mit einem Kameraden die kleine und die grosse Aiguille du Dru überschritten, eine Leistung, die man kaum für möglich gehalten hätte, auch wenn man bedenkt, dass die Einheimischen den Vorteil genauester Wegkenntnis für sich haben und sich schönes Wetter und gute Verhältnisse nach Belieben auswählen können. Charlet ist der beste französische Führer, im Fels der Mont-Blanc-Gruppe sicher unübertroffen, der auf eigene Faust, ohne einen « Herrn », schon viele grosse Unternehmungen durchgeführt hat. Auch Winterersteigungen von Requin und Grépon sind auf sein Konto zu setzen.

Als wir am folgenden Tage über Les Tines dem Mer de Glace und dem Refuge du Couvercle zustrebten, da hatte die Sonne die letzten Nebelfetzen verjagt und brannte schon ganz tropisch auf unsere grossstadtbleichen Gesichter herab. Der Schlussanstieg zur Hütte entlockte uns manchen Schweisstropfen. Wir nahmen unsern Weg durch die kleine schneegefüllte Mulde, die zwischen den steilen Felsen, über welche der Sommerweg emporleitet, und den Séracs de Talefre liegt. Bei schlechten Schneeverhältnissen ist es jedoch vorzuziehen, im An- und Abstieg die Moränenhänge auf der orographisch linken Seite des Gletschers zu benützen.

Neben dem Mont Blanc kann in erster Linie die 4127 m hohe Aiguille Verte Anspruch darauf erheben, ein selbständiger Gipfel genannt zu werden. Der Berg ist infolge seines steilen Aufbaues berüchtigt und von keiner Seite aus leicht zu besteigen. Wenige Wochen vor der denkwürdigen Matterhornbesteigung hatte ihn Whymper im Jahre 1865 zum erstenmal erklommen. Er wählte als Weg eine grosse, später nach ihm benannte Firnrinne, die vom Sattel zwischen Verte und Grande Rocheuse zum Glacier de Talefre herabzieht und seitdem auch der übliche Anstiegsweg geblieben ist.

Am 17. März früh 4 Uhr verliessen wir die Hütte. Die Aiguille Verte war unser Ziel. Hinter uns hob sich die runde Kuppel des Mont Blanc vom Sternenhimmel ab, vor uns glitt unser Auge über ungegliederte, finstere, von wilden Zacken gekrönte Felswände, die vom Moinegrat der Verte zum Glacier de Talèfre herabschiessen. Ihnen entlang müssen wir uns einen Weg durch die Spalten des Gletschers suchen, bis wir den Fuss des Whymper-couloirs erreichen, das unweit des Verte-Gipfels in grosser Steilheit die hier 600 m hohen Wandfluchten durchreisst. Wenn man zu nachtschlafender Zeit zu einer grossen Tur aufbricht, so trottet man meist schlecht gelaunt, die Hände in den Hosentaschen und halb schlafend hinter dem armen Vordermann drein, der mühsam darauf bedacht ist, den richtigen Weg nicht zu verlieren. Doch heute verscheuchte die schneidende Kälte jedes Schlafbedürfnis, und verschiedene Hindernisse erforderten grosse Aufmerksamkeit. Es ist nicht so ganz einfach, bei stockdunkler Nacht, nur mit einer Laterne bewaffnet, durch die Spalten eines ganz unbekannten Gletschers sich hindurchzufinden, aber Schneiders Spürsinn löste die Aufgabe in glänzender Weise.

Kurz vor Tagesanbruch wurde das untere Ende des Couloirs erreicht. Schon von der Hütte aus hatten wir am Abend zuvor gesehen, dass der Bergschrund sehr gross sein musste; als wir vor ihm standen, da kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus, ganze Häuser hätten Platz in ihm gefunden. Noch in der Dunkelheit versuchten Hardegg und Schneider auf seiner rechten Seite hinüberzukommen, da uns Führer erzählt hatten, dass er dort normalerweise leicht zu überschreiten wäre. Aber es sah so böse aus, dass wir beschlossen, bis Tagesanbruch zu warten.

Als es hell wurde, sahen wir, dass die Kluft gerade gegenüber an ihrem linken Ende sich beinahe schloss und dass dort ein verhältnismässig leichter Übergang möglich war. Die Ski hatten ihren Zweck vorläufig erfüllt und wurden mit den Steigeisen vertauscht. Die Steigung des Couloirs ist ganz beträchtlich, durchschnittlich 50 Grad, also dieselbe Neigung wie die der Pallavicini-Rinne am Gross Glockner. Die Verhältnisse waren günstig. Da harter Firnschnee lag, gewannen wir ohne Stufen rasch an Höhe. Unangenehm machte sich nur die grosse Kälte bemerkbar. Die Zehen, die noch durch den Druck der Steigeisengurten abgeschnürt wurden, waren trotz dauernder Gymnastik bald gefühllos. Sehnsüchtig hielten wir nach der Sonne Umschau. Der Mont Blanc und der Gipfel unseres Berges standen schon längst in vollem Licht. Als knapp die Hälfte der Rinne unter uns lag, konnten wir endlich freudig die wärmenden Strahlen begrüssen. Hardegg und Schneider, die ein schnelleres Tempo angeschlagen hatten, waren eben an einer etwas vorspringenden, weniger steilen Firnrippe angelangt, die zu kurzer Rast einlud. Als wir Nachfolgenden den Rastplatz erreichten — diese Rezeichnung ist zwar eine masslose Übertreibung, man konnte sich mit knapper Not in einer Stufe etwas hinkauern —, da glaubte ich auf den Gesichtern der beiden anderen ein leichtes Grinsen feststellen zu können. Der Grund wurde mir nur zu bald klar: Meine ZehenDer Schmerz war wirklich sehr heftig, ich führte Indianertänze auf, so gut es der beschränkte Standplatz gestattete, und muss dazu fürchterliche Gesichter geschnitten haben, denn die Freude der anderen war entsprechend; ihr schallendes Gelächter klingt mir heute noch in den Ohren.

Der Schnee wurde rasch weicher, da die warmen Sonnenstrahlen den Firn fast senkrecht trafen. Hardegg, der stufentretend die Führung übernommen hatte, musste tüchtig schwitzen. Knapp 100 m unterhalb des Grates hielten wir auf einer kleinen Felseninsel längere Rast, da wir glaubten, in wenigen Minuten den Grat und damit auch bald den Gipfel erreichen zu können. Wir täuschten uns aber gewaltig. Als wir weitergingen, stiessen wir bald auf hartes Eis, das unter einer Schicht Pulverschnee verborgen lag. Da die Schneeauflage ein sicheres Greifen der Steigeisenzacken in das darunterliegende Eis verhinderte, musste Hardegg in den sauren Apfel beissen und eine Stunde lang die notwendigen Stufen schlagen. Das Eis war spröde und glashart, meist sprangen tellergrosse Eisplatten von der Oberfläche ab, so dass es eine Kunst war, schöne Stufen herzustellen, die auch noch beim Abstieg ihre Schuldigkeit tun sollten.

Am Grat empfing uns ein frischer Wind. Der Weiterweg sah nicht sehr einladend aus, da der scharfe Kamm fast nur aus unsicherem Pulverschnee bestand. Es schien uns hier sicherer zu sein, als Viererpartie zu gehen, weshalb wir die beiden Seile zusammenbanden. Hardegg führte weiter. Der Tiefblick über die steile Nordflanke auf den Glacier d' Argentière machte auf mich einen grossen Eindruck, zumal der Grat selbst oft sehr scharf ist. Gegen den Gipfel zu nimmt die Neigung der linken Flanke ab, und schliesslich leitet ein sanfter Firnhang zum höchsten Punkt.

Waren wir bis jetzt dauernd mit uns selbst und mit den Schwierigkeiten des Anstieges beschäftigt gewesen, die uns nicht erlaubten, allzuviel die Landschaft zu beachten, so folgte nun eine Stunde höchsten Genusses: Warme sonnige Gipfelrast angesichts des höchsten Berges der Alpen, der sich uns mit seiner ganzen Majestät in strahlender Unberührtheit zeigte, ein fast unnahbar erscheinendes Ziel unserer Sehnsucht für die kommenden Tage. Es gibt kaum einen anderen Berg, von dem aus man den Mont Blanc so prächtig vor sich aufgebaut sieht wie von der Verte. Man könnte meinen, im Flugzeug zu sitzen, so instruktiv ist der Blick. Wir studierten auch aufs genaueste den Weg, den wir bei der geplanten Längsüberschreitung gehen wollten. Zu allem hin kam das freudige Bewusstsein, eine nicht gerade alltägliche Leistung vollbracht zu haben, hatte doch der Berg vor uns nur einmal im Winter Besuch erhalten. Fast auf den Tag konnten wir das 25jährige Jubiläum der ersten Winterersteigung feiern, die der Berner Gustav Hasler mit Führer Christian Jossi am 15. März 1903 ausgeführt hatte. Damals gab es noch kein Refuge du Couvercle. Die beiden hatten eine tiefer auf der anderen Gletscherseite liegende, verfallene Hütte als Biwak benützt, waren ohne Skibenützung zum Gipfel gestiegen und hatten am selben Tag noch Chamonix erreicht!

Beschauliche Gipfelrasten kann man sich bei den langen Westalpen-fahrten in den seltensten Fällen erlauben. Heute zwangen uns aber die Verhältnisse geradezu, lange oben zu bleiben. Es war nämlich nicht ratsam, das der prallen Sonne ausgesetzte Whympercouloir zur Mittagszeit zu betreten, da die Gefahr, von Steinen getroffen oder von einer Lawine erfasst zu werden, zu gross war. Wir hatten also gemütlich Zeit, bis die Sonne das Couloir und seine Umgebung verlassen hatte, was etwa um 4 Uhr nachmittags der Fall sein musste. Zum Glück brauchten wir uns über Langeweile nicht zu beklagen; es stand nämlich auf der anderen Seite des Whymper-couloirs ein im Winter noch unerstiegener Viertausender, der heute ausnahmsweise billig zu haben war. Den konnten wir uns keineswegs entgehen lassen.

Wir beschlossen daher nach einiger Zeit, unsere Gipfelrast etwas zu unterbrechen und drüben auf der Grande Rocheuse, einem mächtigen Turm im Ostgrat der Verte, fortzusetzen. Nach einer Stunde waren wir drüben. Der Übergang war nicht leicht; auch im Abstieg ist der Ostgrat der Verte schwierig zu begehen, und die verschneiten Felsen der Grande Rocheuse erweckten in unseren Fingerspitzen die so bekannten und beliebten unangenehm prickelnden Gefühle. Auch wenn die Rocheuse kein Viertausender gewesen wäre, so hätte sich ihre Ersteigung gelohnt, so unglaublich schön ist der Blick von hier auf den von der Nachmittagssonne plastisch beleuchteten Firndreikant der Aiguille Verte.

Es war merklich kühler geworden, als wir an den Aufbruch denken mussten. Kurz nach 430 Uhr stiegen wir wieder in das Whympercouloir ein, wo inzwischen der Firn fast so fest gefroren war wie am frühen Morgen. Beim Abstieg hat man dauernd den Tiefblick längs der steilen Wand vor sich. Wir gingen mit der grösstmöglichen Vorsicht zu Werke und atmeten auf, als wir nach zwei Stunden den Gletscher erreicht hatten. « Jetzt konnte der Winter kommen », um mit Schneider zu reden. Und so war es auch; es wurde hundekalt, die Steigeisengurten waren so fest gefroren, dass sie nur mit Hilfe des Pickels gelöst werden konnten. Blutiger Harsch, eine gebrochene Bindung, das Fahren am Seil bei Dunkelheit mit der Laterne in der Hand: sie machten die letzten Stunden der sonst so schönen Fahrt zur Qual.

Rasttag auf Couvercle! Ich kenne kein schöneres Plätzchen, das inmitten so gewaltiger Fels- und Eisberge liegt. Der Blick auf Mont Blanc, Géant und die Nordwand der Grandes Jorasses ist von unbeschreiblicher Pracht. Wir waren allein in der Hütte, und somit war es äusserst gemütlich. Einige Pullen Wein erhöhten noch die Stimmung. Dabei war es auch äusserlich so warm, dass wir nach der nötigen Vorbehandlung mit Olivenöl uns im Adamskostüm in die Sonne legen konnten. Vor der Bergwacht brauchten wir hier oben in 2700 m Meereshöhe im Winter keine Angst zu haben, war doch, so weit das Auge reichte, kein menschliches Wesen zu erblicken.

Eine Besteigung der Droites war für den kommenden Tag beabsichtigt. Wenn man nicht gerade die erste Winterbesteigung machen will, so wird nach einer Verte meistens auf die Droites verzichtet, da der Besuch des unmittelbar daneben stehenden Berges keine Steigerung der landschaftlichen Schönheiten bringt. Etwas Anreiz war allerdings auch die Ungewissheit, ob uns die Erkletterung der Grande Paroi, der schwierigsten Stelle an den Droites, bei der zweifellos herrschenden Vereisung gelingen würde.

Um 430 Uhr früh begann für uns der Ernst des Lebens. Der Rasttag hatte uns gut getan; im schnellen Tempo kratzten unsere Bretter über den scharfen Harsch. Bei Tagesanbruch standen wir wieder am Fusse einer Firnrinne und legten die Ski ab. Die Rinne ist wesentlich kürzer und harmloser als das Whympercouloir. Sie leitete uns zum Fusse der grossen Wand, die wir am Tag zuvor schon eifrig von der Hütte aus betrachtet hatten. Durch unser rasches Vordringen übermütig geworden, hofften wir, am Nachmittag noch die benachbarten Courtes besuchen zu können. Dadurch liessen wir uns verleiten, die Wand in ihrem östlichen, den Courtes zugewandten Teil anzugehen, ein Fehler, der uns nachher grossen Zeitverlust brachte. Nach einer noch einfachen Querung über schneebedeckte Schrofen standen wir in einer tiefeingeschnittenen Schlucht, deren rechte Begrenzungswand einen Ausstieg nach oben zu erlauben schien. Aber schon nach der ersten .Seillänge kamen wir in äusserst schweren Fels.

In einem engen Kamin musste mühsam das zähe Wassereis von den darunterliegenden Griffen und Tritten entfernt werden. Während Hardegg im Kamin arbeitete, standen Fischer und ich direkt darunter in der Falllinie und mussten einen Hagel von Eissplittern über uns ergehen lassen. Dann stellte sich uns eine überhängende Wandstelle in den Weg, an die sich eine glatte, vereiste Platte anschloss. Es waren nur drei Seillängen, aber sie waren so schwer, dass wir dadurch über zwei Stunden aufgehalten wurden. Hardegg hatte wieder geführt. Als ich von oben gesichert nachfolgte, da musste ich seine Leistung aufrichtig bewundern. Nachher folgten noch einige stark geneigte, schneebedeckte Platten. Der Schnee war schon so weich, dass man nicht recht wusste, hält er oder rutscht er mit uns ab. Bei dem Fehlen jedes zum Sichern geeigneten Vorsprunges war der Quergang über diese Stelle ein heikles Beginnen. Dann nahm uns aber ein hübscher Schneekamm auf, der binnen kurzem zu den Gipfelfelsen führte. Die Uhr zeigte oben zu unserem Schreck schon 1130 Uhr, so dass wir auf die Courtes verzichteten und dafür angenehme Mittagsrast hielten. Es klingt wie ein Märchen: 4000 m Höhe, Winter, blauer Himmel und warmer Sonnenschein, dazu der Genuss einer Büchse Ananas. Wen ergreift da nicht blasser Neid?

Beim Abstiege folgten wir dem gewöhnlichen Wege. Aber auch hier war alles unter Eis und Schnee begraben. Kurz entschlossen banden wir unsere beiden Seile zusammen und schwebten an ihnen über die schwie- rigsten Stellen hinab. Auf diese Weise ging der Abstieg ganz glatt vonstatten. Der Schnee in der Firnrinne war so gut, dass wir mit gegenseitiger Sicherung sogar darin abfahren konnten. Wir kamen rasch zum Gletscher und nach schneller Fahrt noch vor Einbruch der Nacht zur Hütte. Die Droites gelten neben der Verte im allgemeinen als die leichtere Bergfahrt. Wir hatten sie deshalb etwas unterschätzt, aber es war eine sehr harte Nuss daraus geworden. Mit dieser Tur waren vorläufig unsere Gipfelfreuden beendet. Während unserer Übersiedelung zum Refuge du Requin verschlechterte sich das Wetter erheblich. Die nächsten 16 Tage standen im Zeichen vergeblicher Angriffe auf den Mont Blanc.

Der Weisse Berg.

Die Winterfahrt auf den Mont Blanc ist ein Unternehmen, das sicher schon öfter abgeschlagen wurde, als wie es zu einem glücklichen Ende kam. Die Zahl der Partien, die auf dem Petit und Grand Plateau oder auf dem Col du Dôme meist infolge Wetterwechsels, allzugrosser Kälte und heftigen Windes stecken geblieben sind, ist kaum zu nennen. Bekannter sind schon die winterlichen Überschreitungsversuche, die nicht zum Ziele führten.

Die Brüder Sella, denen am 5. Januar 1888 mit den Engländern W. A. Donkin und H. Fox und den Führern Hans Fischer, Emil Rey und Daniel Maquignaz die erste Winterüberschreitung von Courmayeur nach Chamonix gelang, hatten ein Jahr zuvor schon einmal eine Höhe von 4400 m erreicht, aber infolge eines sehr schlimmen Sturmes umkehren müssen. Ulrich Wieland und Rudolf von Tscharner 1 ) überschritten im April 1924 den Mont Blanc in derselben Richtung zum erstenmal mit Ski; auch sie wurden beim ersten Versuch am Aiguilles-Grises-Kamm abgeschlagen. Die Brüder Hans und Fritz Barth und Heinrich von Allmen, die mit Ski im Februar 1927 vom Col du Midi ausgegangen waren, erlagen im Abstieg wenig unterhalb des Gipfels einem wütenden Schneesturm 2 ). Im Mai 1925 unternahmen Capt. de Gennes und Armand Charlet von der Requinhütte aus einen Versuch mit Sommerski; schlechtes Wetter zwang sie, ihre Tur am Col de 1a Brenva abzubrechen. Karl Wien 3 ) und Joachim Leupold, denen im April 1927 die erste Längsüberschreitung gelang, mussten ebenfalls vorher einmal auf dem Mont Blanc du Tacul ihr Vorhaben aufgeben. Viele Versuche anderer Partien, die bis jetzt nicht zum Ziele kamen, sind bekannt; sicher noch mehr aber sind nicht in die Öffentlichkeit gedrungen.

Nach unseren glücklichen Fahrten auf die Verte und die Droites sassen wir im Refuge du Requin und warteten. Ein einziger schöner Tag hätte uns genügt, den grossen Plan durchzuführen. Aber wenn die Sonne einmal schien, dann tat sie es nur, um uns zu foppen. Ein paar Stunden später heulte schon wieder der Schneesturm. Missmutig krochen wir unter die Decken oder spielten in der ungemütlichen Hütte den ewigen Skat. Mehrmals setzten wir zum Grossangriff an, aber jedesmal mussten wir wieder umkehren; es waren trostlose Tage. Einmal waren wir bis zum kleinen Hüttlein am Col du Géant gekommen; dort wurden nach zweitägigem Warten die Lebensmittel knapp. Die Seilabfahrt zu dritt ( Fischer war abgereist, da seine Zeit abgelaufen war ) über den zerklüfteten und schlecht verschneiten Géantgletscher in dichtem Nebel bei heftigem Schneetreiben wird mir zeitlebens in Erinnerung bleiben. Wir hatten uns in unsere Überanzüge gehüllt, Schneider dirigierte hinten und korrigierte mit Hilfe des Kompasses die Richtung, ich fuhr voraus. Es war so wenig zu sehen, dass ich oft nicht wusste, fahre ich jetzt in eine Spalte hinein oder ist der dunkler gestreifte Schneestreifen vor mir nur eine Schneewehe. Es ist mir heute noch rätselhaft, wie wir uns durch den grossen Bruch hindurchfanden, ohne ein einziges Mal fehlzufahren.

Beim letzten Versuch wurde uns der Erfolg vor der Nase weggenommen. Eines Nachmittages waren wir mit neuem Proviant auf dem Weg von Chamonix zum Refuge du Requin. Das Wetter sah hoffnungslos aus, und doch wollten wir nicht weichen, bevor Proviant und Geld zu Ende waren. Eine dichte Nebelwand drückte über den Gletscher herab, von Sicht keine Spur. Der Bezard half uns treulich zu den Hängen am Fusse der Séracs du Géant, über die man den letzten Steilanstieg des Sommerweges im Winter umgeht. Inzwischen war es Nacht geworden. Plötzlich schimmerte Licht durch den dünner werdenden Nebel. Noch ein paar Schritte, der Nebel senkte sich, unter uns lag im silbernen Licht des Mondes ein endloses Nebelmeer, eben wie der Spiegel eines Sees. Ein klarer Sternenhimmel versprach gutes Wetter. Die gedrückte Stimmung, die uns den ganzen Tag über begleitet hatte, war verflogen. In der Hütte wurden sofort die Rucksäcke gepackt. Nach sechsstündiger Rast brachen wir morgens um 330 Uhr auf. Bei Dunkelheit folgte eine geisterhafte Fahrt durch den Géantbruch. Tiefer Neuschnee erforderte anstrengende Spurarbeit. Erst kurz nach 11 Uhr war die Schulter des Mont Blanc du Tacul erreicht. Hier empfing uns ein wahnsinniger Sturm, der Mont Blanc hatte sich hinter dichten Schlechtwetterwolken verborgen. Mit Mühe und Not stiegen wir noch auf den Gipfel des Tacul, während schon der Sturm scharfe Schneekristalle uns ins schmerzende Gesicht jagte. Dann mussten wir schweren Herzens unsere Gipfelpläne für diesen Winter begraben.

Ein Jahr später standen wir wieder im Banne des Mont Blanc. Diesmal wollten wir aber von der anderen Seite aus anpacken. Die Sonne strahlte schon tagelang vom südlich blauen Himmel, als wir in Courmayeur eintrafen. Als dritter hatte sich uns Helmut Schröder angeschlossen. Die « Einlauftur » führte uns auf die Aiguille Noire de Peuterey. Dann kam Fischer, unser Kamerad von Verte und Droites. Schon am nächsten Tag rüsteten wir zur Mont-Blanc-Fahrt. Wir hatten die Absicht, über den Glacier de Miage italien anzusteigen und über den Col du Géant nach Courmayeur zurückzukehren.

Da wir nach gelungener Fahrt vom Col aus noch den einen oder anderen Gipfel mitnehmen wollten, beorderten wir zwei Träger mit Proviant zum Rifugio Torino, die uns die grosse, im Winter geschlossene Hütte öffnen sollten. Überhaupt machten wir es uns bei der Ausführung dieser langen Tur so bequem wie möglich. Um den langen Hüttenanmarsch von Courmayeur zur Cabane du Dôme zu kürzen, zogen wir am Abend des 18. März noch ins Val Veni zu einer kleinen Alphütte, deren Schlüssel uns Grivel, der hervorragende Pickel- und Steigeisenschmied Courmayeurs, in entgegenkommender Weise verschafft hatte.

Nach einem Zwischenspiel legten wir unsere Spur über den sanft ansteigenden Miagegletscher, der im Sommer ein Schuttstrom schlimmster Sorte ist, jetzt aber eine angenehme Skiwiese war. Erst hinten beim Steilanstieg zur Domehütte wurde uns das Leben sauer, als wir mit geschulterten Brettern bis übers Knie in den weichen Schnee einsanken. Auf der Hütte beschloss ein frugales Mahl den Tag.

Am folgenden Morgen dauerte es lange, bis wir aus den Decken krochen, aber wir wollten ja heute nur zum Refuge Vallot hinauf. Zu Fuss querten wir den hartgefrorenen Hang zum Glacier du Dôme hinüber. Hier schnallten wir an und legten Schleife an Schleife über seine steilen Schneehänge. Aber bald gab es einen Aufenthalt; eine alte Knöchelverletzung machte sich bei Fischer schmerzhaft bemerkbar. Er musste auf die Tur verzichten, bitter für ihn bei diesem herrlichen Wetter; ungern liessen wir ihn ziehen. Zu dritt spurten wir über den teilweise ziemlich zerklüfteten Gletscher. Bis 3900 m brachten uns die Ski, von da an mussten wir sie den weiten Weg über den Mont Blanc hinweg bis zum 3600 m hohen Col du Midi tragen.

Der Aiguilles-Grises-Kamm leitete uns zum Hauptgrat, wo wir eine lange, warme Sonnenrast hielten. Wohlgestärkt brachen wir nach zwei Stunden, die Ski und Rucksäcke zurücklassend, zur Aiguille de Bionnassay auf. Die Bionnassay ist der westliche Eckpfeiler des Massivs, ein spitzer Firngipfel, zu dem von unserem Rastplatz aus ein zierlich überwächteter Schneegrat führt. Der Gang über diese Firnschneide ist ein reiner Genuss. Zur Rechten gleitet der Blick 1000 m über die steile Nordwand hinab, und weit schweift das Auge über die flachen Vorberge Savoyens. Auf dem Gipfel sah ich, wie Schneider plötzlich entsetzten Blickes nach Süden hinabstarrte. Wir meinten, die erste Winterbesteigung des Berges gemacht zu haben, und nun sahen wir vom Col de Miage her eine feine Spur heraufziehen! Da bleibt doch kein Auge trocken. Eine französische Partie mit Armand Charlet war uns um wenige Stunden zuvorgekommen, ein seltsamer Zufall. Wir riefen den Franzosen noch ein paar höfliche Glückwünsche zu, dann machten wir kehrt und eilten zu unseren Sachen zurück. Langsam stiegen wir, die Ski auf der Schulter, über die breiten Schneefelder des Dôme du Goûter. Kalte Windstösse kündeten den nahen Sonnenuntergang an. Blauschwarzer Dunst erfüllte die Täler, eisige Kälte strahlte der weisse Berg vor uns aus. Ein ungemütlicher Ort, und wir eilten rasch zur Hütte.

Über den Zustand des Refuge Vallot hatten wir uns keinen Illusionen hingegeben. Und so waren wir nicht sehr erstaunt, als wir im Innern der Hütte zunächst weiter nichts sahen als eine Menge Pulverschnee. Die unten liegenden Decken waren leidlich trocken, so dass wir uns ein ganz brauchbares Lager zurechtrichten konnten. Wir haben dann auch tadellos geschlafen.

Am nächsten Morgen wieder das übliche Bild, keiner wollte zuerst aufstehen; jeder hatte die Ausrede auf der Zunge, dass in der Frühe beim Anstieg zum Mont Blanc die Gefahr, die Füsse zu erfrieren, zu gross sei. Es schien tatsächlich ganz anständig kalt zu sein. Um 945 Uhr machten wir uns auf den bekannten Weg über die Bosses du Dromadaire zum Gipfel. Im Sommer ist meist eine breite Spur auf dem Kamm getreten, jetzt waren einzelne Stellen scharf und eisig. Die Ski waren eine unangenehme Beigabe; jeder hatte eine andere Tragmethode. Die beiden Freunde hatten kurze leichtere Bretter; Schröder trug sie quer durch den Rucksackriemen gesteckt, Schneider aussen auf den Rucksack gebunden; ich zog sie an einer um die Schulter geschlungenen Reepschnur nach. Die Methode Schneiders scheint die beste zu sein, wenn man keine zu langen Hölzer hat.

Zur Mittagsstunde lag ganz Europa zu unseren Füssen. Das Wetter, wie all die vorhergehenden Tage, von seltener Pracht. Bei meinen sommerlichen vier Mont-Blanc-Besuchen war die Luft nie so klar und windstill gewesen wie an diesem 21. März. So weit das Auge reichte, nirgends eine Wolke. Es fehlen mir die Worte, alles zu beschreiben, was wir sahen: im Westen deutlich der Genfer See, weit, weit im Norden ein Hügelzug, es mag der Schwarzwald sein, im Osten das Matterhorn, der Ortler, ein unendliches Gipfelmeer.

Während die Kameraden zum Mont Blanc de Courmayeur hinübergingen, hielt ich in einer kleinen Mulde köstliche Gipfelrast... Dann war es aber höchste Zeit zum Aufbruch, noch ein weiter Weg stand uns bevor. Wir stiegen ab. Am Mont Maudit konnten wir aber nicht vorbeigehen, er war im Winter noch unerstiegen. Die ersten Schwierigkeiten fanden wir dann beim Abstieg zum Col Maudit. Vier Seillängen 60 Grad steiles Blankeis mit Steigeisen zu begehen ist keine Kleinigkeit, wenn ungefüge Ski einen aus dem Gleichgewicht bringen wollen. Oberhalb des Bergschrundes steckte vom Sommer her noch ein Abseilklotz im Eis. Wir legten das Seil herum, und gleich waren wir unten. Den folgenden Steilhang mussten wir genau in der Fallirne hinabsteigen, ein Lawinenhang, wie er im Buche steht.

Am Col Maudit stellten wir den Anschluss an unsere vorjährige Fahrt her. Wir glaubten, gewonnenes Spiel zu haben, denn damals waren wir ohne Schwierigkeiten von der Schulter des Mont Blanc du Tacul zum Col du Midi abgefahren. Schon nach wenigen Minuten sahen wir aber, dass der Hang diesmal ein ganz anderes Gesicht hatte. Infolge des heissen Sommers und trockenen Winters war er stark zerschrundet. Anfangs kamen wir gut durch. Dann standen wir plötzlich vor einem riesigen Schrunde, der den Hang in seiner ganzen Breite durchriss. Lange suchten wir nach einem Übergang; vergeblich. So sehr breit war die Spalte gar nicht, aber der untere Rand lag fast überall 10 bis 20 m tiefer. An der günstigsten Stelle schätzten wir in der Dämmerung die Höhe auf etwa 7 m. Abseilen ging nicht, da der Schrund zu breit gähnte. Es blieb nur eine Wahl: springen. Ich legte Rucksack und Ski ab, trat an den Rand und liess mir 12 m Seil freigeben. Es gehört viel Überwindung dazu, so tief zu springen. Ich zögerte lange, es war mir gar nicht wohl zumute. Schliesslich riss ich mich zusammen und sprang los. Die Luftreise schien mir lange zu dauern, dann schlug ich heftig mit dem Körper auf — der Schnee war hart — und rutschte rückwärts in die Spalte hinein. Da hing ich 2 m unterhalb des Randes zwischen lotrechten Eiswänden am Seil. 6 m weiter unten sah ich ein Band, das seitwärts aus der Spalte herausführte. Ich verständigte die Freunde, die mich sicher gehalten hatten. Sie gaben zunächst Seil nach, und mit Hilfe des Seiles und der Steigeisen kam ich an die Oberfläche. Den anderen war die Lust vergangen, zu springen; die tatsächliche Sprunghöhe war 10 m. Zunächst wurden Rucksäcke und Ski zu mir herabgeseilt, dann wurde Schneiders Pickel in den Schnee gerammt. Am doppelten Seil erschien zunächst Schröder; unterhalb des überhängenden oberen Spaltenrandes hing er frei in der Luft. Nachher zog ich ihn zu mir herüber. Als Letzter folgte Schneider; als er gerade halbwegs war, schien der Pickel nachzugeben, und Schneider liess sich im Eiltempo vollends herunter. Wir traten etwas vom Spaltenrand zurück; ein Ruck am Seil, und im hohen Bogen flog der brave Sicherungspickel herab.

Inzwischen war es dunkel geworden. Aber ein heller Mond half uns freundlich weiter. Aus dem Tal von Chamonix schimmerten lange Lichter-reihen herauf. Wir bereuten jetzt, so spät aufgebrochen zu sein.

Der ganze Hang war wie verhext. Nach 100 Meter standen wir vor einem zweiten noch höheren Schrund. Nirgends ein Übergang zu sehen. Schon wollten wir uns ergeben und zum Biwak richten, als Schneider eine letzte Erkundung vornahm. Er hat eine gute Nase. Er kam zurück und führte uns über ein steiles Wändchen zum Boden einer den grossen Schrund senkrecht treffenden Spalte. Ein abenteuerlicher Gang im Mondschatten. Fast wurde uns unbehaglich zumute in diesen Schluchten knisternden Eises, wo der sondierende Pickel oft schwarze Löcher öffnete oder haltlos im Flugschnee versank. Aber dieses Gewirr von Spalten und Eisblöcken leitete uns zum letzten Hang oberhalb des Cols und damit zum Ende der Schwierigkeiten. Schon trafen wir auch Spuren einer Partie, die scheinbar vergeblich versucht hatte, im Aufstieg diesen Weg zu gehen. Jetzt wurden uns die Bretter wieder lieb.

Langsam glitten wir im schönsten Mondlicht ins obere Becken des Géantgletschers. Dann ein langgezogener Wiederanstieg zum Col du Géant. Am kleinen Col des Flambeaux stiessen wir auf zwei Skispuren, die vom Col Est de Toule, über den der Winterweg zum Rifugio Torino führt, herüberzogen; unsere Träger waren also programmässig aufgestiegen. Die Fahrt ging zu Ende. Es war fast Mitternacht, als wir die Träger weckten. Sie freuten sich sichtlich über unsere glückliche Ankunft, holten Asti aus dem Keller und bereiteten uns ein zünftiges Mahl.

Als wir am Morgen die Matratzen verliessen, zogen von Westen her lange Zirren über den Himmel. Am folgenden Tag sassen wir wieder in Courmayeur. Schlechtes Wetter hatte weitere Unternehmungen vom Col du Géant aus verhindert.

Aiguille Noire und Aiguille Blanche de Peuterey.

Courmayeur ist kein Wintersportplatz. Seine Berge sind steil, so dass für genussreiches Skilaufen kein Raum bleibt. Die Bergfahrten auf der Südseite des Mont Blanc sind schon im Sommer fast ausnahmslos schwierig; daher haben im Winter bisher nur wenige Bergsteiger das verlassene Courmayeur aufgesucht. An einem kalten, klaren Märzabend trafen Schneider, Schröder und ich in Courmayeur ein.

Als Einlauftur kam die Aiguille Noire de Peulerey in Frage. Sie war im Winter noch nicht erstiegen, der Anmarsch ist kurz, und die Verhältnisse schienen günstig zu sein. Im Tal lag nur nordseitig Schnee; auf den steilen Südhängen hatte die warme Märzsonne der letzten Tage tüchtig aufgeräumt. Eine verfirnte Schneedecke begann erst in 1600 m Höhe.

Am 15. März 1929 wandern wir ohne Ski auf wohlbekanntem Pfad ins Val Veni, in jenes wildschöne, zweimal von schuttbedeckten Gletschern gesperrte Tal, aus dem die berühmtesten Grate und Wände des Mont Blanc zu mächtiger Höhe emporragen. Bald wenden wir uns den schwarzen Wänden der Aiguille Noire zu und stapfen in der heissen Mittagssonne mühselig über kranken Schnee zum Fuss der 400 m hohen Felswand, mit der der Fauteuil des Allemands ins Val Veni abbricht. Durch diese infolge ihrer grossen Steilheit fast schneefreie Wand führt ein verwickelter Hüttensteig, wenn man ein paar Steigspuren, drei Eisenstifte und einige Nagelkratzer auf dem glatten Urgestein so bezeichnen darf. Gegen Abend betreten wir die kleine, aber feine Noirehütte des Italienischen Akademischen Alpenklubs, eine winzige Sardinenbüchse, in der höchstens für 8 Personen Raum ist.

Die Aiguille Noire ist der weit ins Tal vorgeschobene Eckpfeiler des Peutereygrates. Stünde der Berg isoliert, so würde er das Matterhorn an edler Formenschönheit übertreffen. Im Sommer war die Noire einige Male in sehr kurzer Zeit bestiegen worden, und da die Felsen von unten sehr trocken und schneefrei aussehen, so glauben wir, den Gipfel schon in der Tasche zu haben. Als wir um 5 Uhr früh die Hütte verlassen, sind wir fest davon überzeugt, dass wir gegen Abend wieder zurück sein werden. Das Wetter ist tadellos, nicht sehr kalt, also lassen wir doch gleich alle unnötigen Kleidungsstücke unten; zu was brauchen wir Wollwesten, Windjacken und Überanzüge, solch unnötige Dinge wie einen Zdarskysack und Steigeisen an einem Felsberg — verrückte Idee. Und so gehen wir den Berg an in einer Ausrüstung, wie man etwa vom Stripsenjoch aufs Totenkirchl geht. Das ist aber den Berggeistern, die uns an sich nicht schlecht gesinnt sind, doch zuviel. Nichts rächt sich schneller als Unterschätzung der Schwierigkeiten eines Berges.

Bald stehen wir vor einer langen Firnrinne, die uns zum Grat führen soll. Ihr unterer Teil ist zunächst flach, dann muss aber Schneiders Pickel zwei Stunden lang in Tätigkeit treten. Am Grat werden wir von einem luftigen Blick auf die Géant-Jorasses-Gruppe überrascht. Insbesondere ist es der steile Südabsturz dieser Berge, der Eindruck auf uns macht. Alle Einzelheiten sind deutlich zu erkennen, so klar ist die Luft, so günstig die Zeichnung von C. Moos, Rüschlikon.

Beleuchtung. Wir halten uns aber nicht auf, sondern wollen die versäumte Zeit nachholen. Aber was wir da sehen, ist wenig erfreulich. Die Bänder und Rinnen, über die der Weiterweg entlang des Grates führt, sind tief unter Eis und Schnee begraben. Das vervielfacht die Schwierigkeiten. In interessanter aber zeitraubender und ermüdender Kleinarbeit dringen wir vorwärts. Ein Quergang auf erweichtem Schnee, der steilen Platten aufliegt, erscheint besonders gefährlich. Mehrmals halten uns Rinnen auf; ihr schlecht-geschichtetes Gestein ist mit wasserüberronnenem Eis bedeckt. Die Sonne, deren warme Strahlen uns den ganzen Tag begleiten, hat längst ihren höchsten Stand überschritten. Um 3 Uhr nachmittags sind wir noch weit vom Gipfel; da tauchen die ersten Zweifel auf. Ob wir wohl vor Einbruch der Nacht noch aus den Felsen kommen werden? Aber das Wetter ist beruhigend sicher und windstill. Unermüdlich klettern wir weiter, endlich am letzten Gipfelaufbau finden wir zum erstenmal die erwarteten trockenen Felsen und turnen im Eiltempo über sie hinweg.

Auf dem Gipfel lassen wir uns zu kurzer Rast nieder. Die Freude über den errungenen Sieg ist aber nicht sehr gross, denn es steht uns noch der ungewisse Abstieg bevor. In den Tälern liegen schon blaue kalte Schatten. Auch uns wird die Sonne bald verlassen. Da bleibt uns nicht viel Zeit, die Aussicht zu bewundern. Einen frostigen Blick werfen wir auf die bleichen Gletscher von Freyney und Brenva, darüber schauen wir steile Hängegletscher mit 100 m hohen senkrechten Abbrüchen, glatte Granitpfeiler, schöngeschwungene Firngrate, alles gekrönt von der durch die Strahlen der scheidenden Sonne vergoldeten Gipfelwächte des Mont Blanc de Courmayeur.

Dann hinunter so schnell als möglich. Aber die Nacht naht unerbittlich. Eine Zeitlang suchen wir im Schein der kleinen Mondsichel unseren Weg. Aber es ist zu gefährlich; es kann nur einer klettern, während die anderen zwei sichern. Griffe und Tritte kann man nur fühlen, nicht sehen. An einer geschützten Stelle finden wir eine kleine Felsbank und beschliessen zu bleiben.

Eine Winternacht in 3400 m Höhe! Biwaktoilette ist bald gemacht, die nassen Schuhe und Strümpfe werden ausgezogen und trockene Handschuhe über die Füsse gestülpt. Alle drei Paar Füsse werden in den einzig vorhandenen Rucksack gesteckt, sie müssen sich gegenseitig wärmen. Über unsere leichten Skianzüge haben wir nichts umzulegen. Alle unsere leichten Sachen liegen unten auf der Hütte. Das ist bitter. Wir verteilen den vorhandenen Proviant, der aus nichts als einer Tafel schlechter italienischer Schokolade besteht, und setzen uns auf die schmale Felsleiste. Um uns möglichst warm zu halten, drängen wir unsere Oberkörper dicht aneinander. Zunächst empfinden wir noch die Romantik unserer Lage. Weit blicken wir über die Berge der Grajischen Alpen; deutlich sind die steile Grivola, der breite Paradiso erkennbar. Aus der tief eingeschnittenen Dora Baltea blinken vereinzelte Lichter zu uns herauf, aber sie verschwinden gegenüber dem hellen Glanz des Sternenhimmels, der sich in winterlicher Klarheit über uns wölbt. Langsam kriecht die Kälte an uns heran und dringt durch die dünnen Hüllen. Ab und zu wechseln wir die Plätze, machen uns Bewegung und suchen uns warm zu halten. Oft sehen wir auf die Uhr, jedesmal sind nur Minuten vergangen. All unser Fühlen und Denken drängt sich zusammen zu dem einzigen Wunsche nach Sonne, Licht und Wärme. Gegen Morgen scheinen wir uns an die Kälte gewöhnt zu haben, wir vermögen sogar etwas zu schlafen. Freudig sehen wir, wie langsam die Sterne verblassen. Und als die ersten Sonnenstrahlen den Gipfel der Grivola treffen, da beglückwünschen wir uns gegenseitig, dass wir die Nacht ohne Schaden zu nehmen verbracht haben. Dann steigen wir zu Tal.

Über die anschliessende Mont-Blanc-Überschreitung ist weiter vorne schon berichtet. Nach unserer Rückkehr vom Col du Géant bei schlechtem Wetter besprachen wir die Heimreise. Schröders Zeit war knapp bemessen, und mich behinderte die Prellung, die ich mir beim Sprung über die Spalte am Mont Blanc du Tacul zugezogen hatte. Da erzählten uns Führer, es sei eine Partie gesichtet worden, die Courmayeur in Richtung Val Veni oder Val Ferret verlassen habe. Dieses, wie sich später herausstellte, falsche Gerücht über das Auftauchen einer Konkurrenz veranlasste uns, noch so lange auszuhalten, bis alle Möglichkeiten erschöpft waren. Als am dritten Tag das Wetter freundlicher aussah, fuhren Schneider und Schröder zum Gran Paradiso, während ich mein Bein auskurierte. Ich versuchte, mir die Zeit mit Photographieren in den malerischen Weilern der näheren Umgebung Courmayeurs zu vertreiben. Das war eine ziemlich gefährliche Geschichte, denn das Photographieren ist im italienischen Grenzgebiet streng verboten, und die Umgebung Courmayeurs wimmelte von Patrullien. Auch die Passkontrolle ist sehr scharf; so waren wir einige Tage vorher im Val Veni nicht weniger als dreimal von Zollgendarmen, Faschisten und Alpinis revidiert worden.

Als die Kameraden vom Paradiso zurückkamen, war das Wetter wieder gut, und unser Entschluss, zur Cabane Gamba zu gehen, stand fest. Es gibt in den Alpen eine Anzahl Berge, die sich lange Zeit einen sagenhaften Ruf der Unnahbarkeit bewahrt haben. Am meisten war das bei der Aiguille Blanche de Peuterey, dem schwierigsten Viertausender, der Fall. Auch wir hatten vor diesem Berg gewaltigen Respekt, und unsere Absicht eines Besteigungsversuches im Winter wagten wir kaum laut auszusprechen, aus Furcht, für verrückt erklärt zu werden. Verschiedene Freunde hatten bei theoretischen Erwägungen über die Möglichkeit der Besteigung aller Viertausender im Winter diese Frage glatt verneint. Wir wollten uns die Sache auf alle Fälle einmal ansehen; wenn eine Besteigung im Winter möglich war, dann musste sie sich bei den besonders günstigen Verhältnissen dieses Jahres am ehesten ausführen lassen.

So strebten Schneider und ich am Karfreitag in mühsamer Schnee-stapferei, mehrere Lawinenbahnen mit List und Schnelligkeit überwindend, der Cabane Gamba zu. Zweimal gingen über eine Stelle, die uns von Anfang an verdächtig erschienen war, donnernde Lawinen hinweg; das erstemal bevor wir die Rinne querten, das zweitemal eine halbe Stunde später. Von etwa 30 Seilschaften, welche in den 44 Jahren, die seit der ersten Besteigung des Berges vergangen waren, die Aiguille Blanche besucht und meist überschritten haben, konnten nur drei ein Biwak vermeiden. Deshalb waren wir mit Biwakzeug wohl versehen, als wir am Ostersamstag früh beim Schein des abnehmenden Mondes vor die Hütte traten. Zunächst galt es, den Glacier du Freyney zu gewinnen, um ihn dann in Richtung auf das eigentliche Massiv des Berges zu überschreiten. Es gibt da zwei Möglichkeiten: entweder man quert von der Hütte aus direkt zum Gletscher hinüber, den man dann inmitten eines wilden Bruches, durch welchen man hindurch muss, betritt, oder man steigt über Schneefelder 500 m von der Hütte aus hoch und überschreitet einen trennenden Felsriegel in einer kleinen Scharte, dem sogenannten Col de l' Innominata; die anschliessende Querung des Gletschers oberhalb seines Bruches ist dann leicht.

Wir wählten den letzteren Weg. Bald war die Scharte erreicht, die Wächte durchschlagen. Nach Norden sahen wir eine steile Felswand zum Gletscher hinabschiessen. Sie lag im Mondschatten und war dick verschneit, alle Vorsprünge mit Pulverschnee bedeckt. Ein Stein, den wir hinabwarfen, entfesselte kleine Lawinen, die, immer schneller werdend, zum Gletscher hinab-zischten. Der Abstieg war hier so gut wie unmöglich, auf alle Fälle mit grossem Zeitverlust verknüpft. Die schwarzen Wände der Aiguille Noire, die bizarren Nadeln der Dames Anglaises und der unheimliche Gletscher, dessen Totenstille plötzlich das Krachen fallender Séracs unterbrach, machten bei der geisterhaft fahlen Mondbeleuchtung auf unser empfängliches Gemüt einen tiefschaurigen Eindruck. Nach einigem Zögern verliessen wir den finsteren Ort. Wir stiegen fast bis zur Hütte zurück und erkundeten den Weg durch den Bruch des Freyneygletschers, den wir dann am nächsten Morgen gehen wollten.

Wenn die Verhältnisse an der Aiguille Blanche ähnliche waren wie an diesem kleinen, allerdings nach Nordosten gelegenen Col, dann hatten wir wenig Aussicht auf Erfolg. Unsere Stimmung an diesem erzwungenen Ruhetag auf einsamer unwirtlicher Hütte war infolge dieses Misserfolges ziemlich gedrückt. Man kann sich vor grossen Besteigungen manchmal eines Gefühls der Beklemmung nur schwer erwehren. Unruhig wälzten wir uns in der verdunkelten Hütte auf den Matratzen, die wir aufgesucht hatten, um unsere Vorräte zu sparen. Draussen war ein strahlender Tag, durch die Ritzen des leichten Baues verirrten sich ein paar Sonnenstrahlen; bei völliger Windstille hörte man nur das Tropfen der Schmelzwasser. Wenn wir wenigstens tüchtig zu essen gehabt hätten! Aber ausser dem Turenproviant, den wir nicht anbrechen durften, stand uns nur ein Rest Nudeln, etwas Brot und Kondensmilch zur Verfügung. Aus diesen drei Bestandteilen wurde am Abend eine Suppe gekocht.

Der Aufbruch sollte um 1 Uhr stattfinden. Da wir keinen Wecker hatten, verschliefen wir uns und verliessen erst um 4 Uhr die Hütte. Schneider legte sofort wie ein wildgewordener Eber los, um die verlorene Zeit einzuholen. Der Schein der schmalen Mondsichel ersparte uns die Laterne. Auf dem nach Süden gelegenen Gletscher liess uns hart gefrorener Schnee rasch vorrücken. Wir sprangen über Spalten, stiegen in andere hinab, um auf ihrem Grunde entlanggehend besseres Gelände zu erreichen. In verwirrendem Zickzack legten wir unter absturzbereiten Séracs unsere Spur. Es ist der tollste Gletscherbruch, durch den wir uns je hindurchgefunden haben. Wer den Gletscher nicht gesehen hat, kann sich kein Bild davon machen, wie er, mit nichts vergleichbar, während seines 31/2 km langen Laufes eine Höhe von 2 km überwindet. Überraschend schnell kamen wir ohne Aufenthalt der Aiguille Blanche näher und standen gerade bei Tagesanbruch an ihrem Fuss.

Von der tiefsten Stelle des Peutereykammes, der Brèche Nord des Dames Anglaises, zieht eine 500 m hohe Eisrinne herab. Sie ist der gegebene Zugang zum Südostgrat des Berges. Während einer kurzen Schnaufrast wurde etwas Dörrobst und Zucker verschlungen. Dann rasch weiter. Mit zunehmender Höhe wurde das Couloir steiler und steiler. Aber die Steigeisen griffen gut. Trotz schmerzender Knöchel gewannen wir sehr schnell, etwa eine Stunde nach Verlassen des Gletschers, die düstere Scharte, von der wir die andere Bergseite schauten. Über dem Val Ferret erhob sich einsam der Grand Combin. Ein paar Föhnstreifen kündeten einen Wetterumschlag an, der sich aber zu dieser Jahreszeit nach der vorhergegangenen Schönwetterperiode nur langsam durchsetzen konnte.

Die Steigeisen wurden abgelegt und im Rucksack verstaut; dann legten wir Hand an den Fels. Auffallend ist die grosse Brüchigkeit des Gesteins in der Ostflanke des Berges, über die früher der übliche Anstieg führte. Daher kommt auch der schlechte Ruf, in dem die Blanche steht. Am Grat ist die Steingefahr gering, dagegen erfordert das schlechte Gestein dauernde Aufmerksamkeit. Die Kletterei ist nicht sehr interessant, um so mehr aber die Routenführung des Preuss-Weges, der die beiden grossen Gratabbrüche das eine Mal in der West-, das andere Mal in der Ostflanke umgeht. Wir hatten uns von der Aiguille Noire aus vierzehn Tage vorher genau den Grat angesehen und waren uns über den einzuschlagenden Weg vollständig im klaren. Bei der Umgehung des untersten Gratabsatzes hielt uns ein infolge Vereisung sehr schwieriger Kamin auf, der zu einem bequemen Bande führte. Das Band leitete uns quer durch eine senkrechte Felswand zu leichten Felsen, über die wir den Grat gewannen. Bisher war alles so schnell und glatt gegangen, dass wir jetzt zum erstenmal die leise Hoffnung aussprachen, ein Biwak vermeiden zu können. Das beschleunigte noch mehr unsere Schritte.

Sobald der Grat schwerer wurde, querten wir in die Ostflanke. Hier lag viel Schnee. Teils pulvrig, teils schwach verfirnt, bedeckte er Griffe und Tritte. Leicht ansteigend wurden zwei Schneerinnen gequert und dann eine ganz ausgeprägte Felsrippe betreten; es ist die sogenannte Preuss-Rippe. Auf ihr turnten wir, rasch Höhe gewinnend, in prächtiger Kletterei zum Hauptgrat zurück. Das Gelände wurde immer leichter. Schon ganz nahe sahen wir die weisse Firnhaube des Gipfels. Wir frohlockten. Noch einmal die Steigeisen heraus, der letzte Hang, und der Gipfel war unser 1 Was wir in unseren kühnsten Träumen kaum erhofft hatten, war Wirklichkeit geworden. Dieser gefürchtetste aller Viertausender hatte uns einen prächtigen Sieg geschenkt, weil wir ihm mit Achtung genaht waren. Ohne es zu wollen, hatten wir dabei noch eine Zeit erzielt ( Hütte—Gipfel in 6 1/2 Stunden ), die von keiner der vorhergehenden Partien im Sommer erreicht worden war. Das erfüllte uns mit grosser Freude.

Die Aussicht von der Blanche hat grosse Ähnlichkeit mit der von der Noire. Nur steht man noch tiefer inmitten der einsamen Welt der Felsen und des Eises; noch höher scheint der Mont Blanc sein Haupt über all der schimmernden Pracht zu erheben. Ein unangenehmer stossweiser Wind hatte sich aufgemacht, droben am Mont Blanc standen grosse Schneefahnen, weitere Vorboten des kommenden Wetterumschlages. Wir eilten rasch hinunter, an der ersten geschützten Stelle wurde die verdiente Gipfelrast nachgeholt. Nach einer guten Stunde folgten wir abwärts unseren Spuren. Das brüchige Gestein erforderte weiterhin grosse Vorsicht, aber besonders grosse Schwierigkeiten waren nirgends zu überwinden. In der Scharte beobachteten wir eine Zeitlang die Rinne, aber es blieb alles ruhig. Der Winterschnee hielt die Steine gefangen. Aber es lag jetzt erweichter nasser Schnee auf einer harten Unterlage. Der Abstieg war daher weit schwerer als der Aufstieg. Es bildeten sich dauernd gefährliche Stollen an den Steigeisen. Auch der matschige Glacier du Freyney mit seinen verdeckten Spalten erhielt uns noch in Spannung. Um 18 Uhr wurde glücklich die Hütte erreicht, in der wir uns nur kurz aufhielten, um Ordnung zu schaffen.

Bei Einbruch der Dämmerung betraten wir das Strässchen, das durch das Val Veni nach Courmayeur hinausführt. Die Sterne flimmerten verdächtig hell, und der Nordföhn heulte durch das Tal, als wir müde durch die Dunkelheit stapften. Kurz vor Betreten des Ortes löste sich plötzlich hinter einer Holzbeige ein schwarzer Schatten los, der uns dicht auf den Fersen folgte. Bei der ersten Laterne rief er uns an. Es war ein Grenzer, dem unser Erscheinen etwas die Langeweile der Nachtwache vertrieben hatte. Er erkannte uns bald als die einzigen « Kurgäste » des Ortes und liess uns laufen. Im Gasthaus waren die Bauern gerade dabei, Ostern auf ihre Art zu feiern. Wir waren müde und legten uns bald schlafen, mit dem Bewusstsein, ein besonderes Osterfest erlebt zu haben.

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