Wintertage im Err-Gebiet

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Von Eugen Wenzel.

Im vorletzten Winter war es, im April. Wir waren früh von der Aelahütte aufgebrochen, hatten den Aelapass überschritten und bummelten nun langsam auf der sonnigen Seenterrasse der Laiets der Fuorcla da Tschitta entgegen. Da und dort hatten wir Halt gemacht, sei es, um einen Blick auf die gegenüberliegende Talseite des Oberhalbsteins zu werfen mit ihren Prachtsbergen, dem Piz Piatta oder der Gruppe des Piz d' Arblatsch und Forbisch, oder dann, was viel öfter geschah, um an der gewaltig emporstrebenden Aela-südwand hinaufzuschauen, bis das Genick uns weh tat. Wir hatten ja Zeit zum Bummeln, und die Apriltage sind lang. Auf der Fuorcla da Tschitta empfing uns ein kühles Passwindchen, das auch unsere Unternehmungslust aufzufrischen vermochte, und schon hatten wir den Weg zum Gipfel des Piz Saiteras unter die Bretter genommen.

Gipfelrast — mit der Berninaschaufel war bald eine bequeme Sitzgelegenheit geschaffen, eine Büchse Erdbeeren hatten wir uns kühl gestellt, und aus der wolkenlosen Bläue brannte die Frühlingssonne uns die Gesichter braun. Fast unwillkürlich mag während jener Gipfelstunden der Plan entstanden sein, den Piz d' Err einmal im Winter zu stürmen und durch dessen Nordostwand, die sich da drüben wohl an die tausend Meter ins Val d' Err hinabwarf, unsere Spur zu ziehen. Aber noch war der Berg uns fremd; wir spielten nur mit dem Gedanken einer solchen Skifahrt und erwogen ihre Durchführbarkeit.

Piz d' Err über den Errgletscher.

Es führen viele Wege nach Rom, und die kürzesten sind nicht immer die schönsten, die längeren aber oft nicht die angenehmeren. Unsere Errfahrt nimmt ihren Anfang in Filisur, dem schmucken Dörfchen an der Albula. Die Brücke, über welche man an die Abkürzung des Hüttenwegs gelangt, liegt gerade 1000 m über Meer. Wir haben noch 1200 m zu bewältigen, bis wir die Aelahütte erreichen werden.

Hüttenanstieg — was ist da wohl viel zu erzählen! Man trägt seine Bürde, seine reichliche Bürde. Das 30 m Seil, das Reserveseil, der Stereoapparat, und ach, noch so manch andere liebliche Dinge; sie alle liegen wohl ausbalanciert und verpackt im Rucksack, aber trotz allem, sie machen sich gewichtig bemerkbar. Man tut seinen gemächlichen Schritt und kommt höher. Überall am Wege begegnet man längst vertrauten Plätzchen, auf deren Wiedersehen man sich immer wieder aufs neue freut. Da steht eine krummgewachsene Tanne, die den Weg auf einige Schritte mit ihren abgeschüttelten Nadeln bestreut, dort unter der gerundeten Schneehaube versteckt sich jener Stein, der dich damals im August, als du müde und verschwitzt vorbei wolltest, zum Sitzen einlud, und dort, pass auf, kommt schon die Kurve, aus welcher du den ersten Blick tust auf den Piz d' Aela. Bei den Alphütten vorbeikommend, gedenkst du des freundlichen Hirten, der dir Milch und jungen Käse vorsetzte, und auf der letzten Alpwiese, auf der du nun deine Spur ziehst, leuchten dir im Geiste die dunkeln, weithin duftenden Bollen der Männertreu entgegen. Und mit dem intensiven Geruch dieser Blumen verbinden sich ungewollt einst im Hochsommer von deinem damaligen Gefährten gesprochene Worte, und du erlebst jene Stunde zum zweitenmal wieder. Hüttenanstieg — was ist da wohl viel zu erzählen — das wäre ein Buch für sich.

In der Hütte treffen wir alle zusammen, fünf an der Zahl. Mit vereinten Kräften gelingt es bald, die Wohnlichkeit zu steigern. Bei einer währschaften Abendsuppe werden noch einmal die Einzelheiten des folgenden Tages besprochen, dann kriechen wir unter die Decken. Da ist noch eine Uhr aufzuziehen, dort muss ein Hosenträger gelockert werden, und dann wird es still und kalt in der Hütte. Selbst die in der grossen Eisenpfanne bereitgestellte Hafersuppe bekommt die Kälte zu spüren und überzieht sich mit einem runzeligen, dicken Pelz. Es wird eine kurzbemessene Nachtruhe. Schon um 2 Uhr klingelt der Wecker. Ungern nur verlassen wir den warmen Deckenpfuhl. Der Tag scheint schlecht zu beginnen. Kaum habe ich von den Schlafpritschen herunterhangelnd den Boden erreicht, da macht sich in meinem rechten Bein ein schneidender Schmerz bemerkbar. Die Diagnose ist bald gestellt: Erkältung des Hauptnervenstranges. Was tun? Die Tur aufgeben und nach Hause humpeln? Vorerst wird eine Rosskur beschlossen: das böse Bein wird über das offene Ofenloch gelegt und von den kundigen Fingern eines Turenkameraden meisterhaft geknetet. Die Massage erweist sich als wunderbarer Retter, schon nach fünf Minuten gelingen die ersten Gehversuche und bald darauf kann ich, wie Lazarus nach der Auferweckung, auf gesunden Beinen mit den andern die Hütte verlassen.

31. Januar 1932: In einem normalen Winter gewiss nicht der gegebene Zeitpunkt für eine alpine Skihochtur. Die aussergewöhnlichen Schneeverhältnisse dieses Winters lassen es aber zu, an die Verwirklichung des damals auf dem Piz Saiteras ausgedachten Planes zu gehen. In dunkler Nacht nehmen wir den Weg unter die Bretter. Es hat seinen besonderen Reiz, in dieser Frühstunde durch das Hochtal anzusteigen. Rechts und links ragen gigantische Felsdome in den Sternenhimmel, unscharf in ihren Konturen, da auch sie noch die Nacht umhüllt. Dann und wann wirft man einen Blick gen Osten, um irgendein Zeichen des neuen Tages zu suchen, aber überall zeigt der Himmel sein gleichmässiges Grauschwarz. Ein bissiger Fallwind streicht um die Ohren, das sichere Zeichen, bald auf den Pass zu kommen. Eine unerwartete Märchenstimmung empfängt uns hier oben. Das fahle Licht der Mondsichel gibt der ganzen Landschaft ein ganz sonderbares Gepräge. Die Südwände der beiden Giganten Piz d' Aela und Tinzenhorn sind von diesem grauen Lichte bestrichen, ihre Grate und Wandrippen werfen unsichere, groteske Schatten in die Steilwände, jedem Beschauer es überlassend, phantastische Gebilde und Märchenfiguren darin zu sehen. Der eisige Passwind kürzt unseren Aufenthalt. Die Ski werden von ihren Hemmschuhen befreit für kurze Abfahrt, die aber eher zum seitlichen Abrutschen auf steinhartem Firnhang wird. Ich kenne Skifahrer, die schwören auf Stahlkanten, ich kenne andere, die setzen sich in solchen Situationen auf ihr Hinterteil. Jedem das Seine. Ich halte es mit dem forschen Drauflos-fahren, mit einigen kraftvollen Christianias bewältigt man einen harten Steilhang wohl am mühelosesten. Die Kanten allein schaffen es auch nicht, das beweist das unaufhaltbare Abrutschen eines meiner Kameraden, der sich noch in letzter Stunde vor der Tur ein paar funkelnagelneue Messingkanten auf seine Bretter montieren liess.

Auf der Seenterrasse der Laiets liegt kristallkörniger Pulver. Unsere Bretter pflügen zischend ihre Bahn, und einmütig wird festgestellt, dass es nur solchen Schnee geben sollte im Abfahrtsgelände. Wie kurz ist das Vergnügen! Die Terrasse bricht nach Süden in Steilhängen gegen das Val d' Err oder besser das kleine Seitentälchen Cotschna hin ab. Diese Hänge, denen die Sonne tagsüber, Frost und Wind während langer Winternächte seit Wochen abwechselnd zugesetzt haben, stellen nun gewaltige Anforderungen an unsere Beine. Rasselnd pendeln wir in weitausholenden Spitzkehren durch eine Mulde hinab, bis sich dieselbe dermassen verengt, dass auch dem schnellsten Umschwinger keine Zeit mehr bleibt, aus der einen Kehre in die andere zu kommen. Zum Überfluss steht auch die Mondsichel wieder ungünstig, so dass wir den Weiterweg im Halbdunkel fortsetzen müssen. Die Bretter werden geschultert, und etwas torkelnden Schrittes steigen wir das letzte Stück ins Cotschnatälchen hinunter. 800 Meter Höhenverlust ist etwas viel bei diesen Verhältnissen. Und doch müssen wir zufrieden sein, denn bei einigermassen normaler Schneelage wäre das Passieren dieser Hänge undenkbar. In der Talsohle liegt wieder tiefer Pulverschnee, willkommen unsern zittrigen Beinen. Trotz des guten Schnees birgt die Ausfahrt aus dem Seitental noch manche Überraschung. Das Graudunkel täuscht, und manch einer, der an einem Hügel hochzufahren glaubt, sackt in falscher Gleichgewichtslage in ein Schneeloch. Aber Ende gut, alles gut. Wir schwenken jetzt nach links ein und fahren in den vom Mondlicht erleuchteten Flachhängen oberhalb der Alp d' Err Sot unsere ersten wohlverdienten Bogen. Damit hat die erste Etappe ihren Abschluss gefunden. Es folgt nun das zu dieser Stunde nicht angenehme Geschäft des Fellanschnallens. Aus dem obersten Val d' Err fällt uns ein frischer Gletscherwind in die Seite, Vorbote eines neuen, klaren Tages. Lasst uns noch um diesen Hügel herumgehen ins volle Mondlicht, es mag ja Einbildung sein, aber eine ganz kleine Spur wärmer ist es dort. Die Kunst, sich im gegebenen Moment irgendetwas einzubilden, hat manchen schon über unangenehme Situationen hinweggeholfen.

Wir befinden uns zirka 2000 m über Meer. Die Aelahütte mag ja nicht gerade der günstigste Ausgangspunkt für diese Fahrt gewesen sein, wir haben aber nichts zu bereuen. Eine Mondscheinfahrt im Hochgebirge reiht sich immer mit unvergesslichem Glanz in unser Gedächtnis ein. Über allmählich ansteigende Hänge steuern wir der Alp d' Err Sur entgegen und erreichen sie mit den ersten Anzeichen des neuen Tages. Laut Siegfriedkarte soll da eine C. Unterkunft sein. Wenn es eine solche gibt, so ist sie jetzt wohl verschlossen, oder aber wir suchen falsch. Jedenfalls kriechen wir ohne langes Besinnen durch die halbverschneite Tür eines Kuhstalles, um dort unsere Frühstücksrast zu halten. Für keine noch so schöne und angenehme Einrichtung der modernen Bequemlichkeit gebe ich einen dieser köstlichen, der Romantik nicht entbehrenden Augenblicke her, die eine solche Skifahrt bietet. Da stehen wir nun vor unsern abgeworfenen schweren Säcken, die Hände fröstelnd in der Tasche, mit nachdenklicher Miene. Was sollen wir essen? Und wird sich der Rucksack von selber öffnen? Wieder ist es unser patenter Masseur von heute nacht, der das Richtige findet. Selbsteingemachte, gezuckerte Früchte! Gern greift jeder nach dieser leichten, bekömmlichen Nahrung. Mit einem warmen Schluck aus der Thermosflasche wird das Frühstück abgeschlossen. Einer unserer Kameraden entschliesst sich zur Umkehr. Hier können wir ihn noch alleine zurückziehen lassen, was weiter oben nicht zu verantworten wäre. Mit etwas erstarrten Gliedern treten wir aus dem Eiskeller wieder ins Freie.

Sieh da, der Himmel ist heller geworden, der neue Tag beginnt. Wir stehen als kleine, durchfrorene Menschen am Fusse der grossen Wand, durch die wir unsere Spur zu führen gedenken. Noch zeigt sie ihr grauweisses, nachtschlafenes Antlitz, also gar nicht dazu angetan, unsere Kampfstimmung zu heben. Aber man kennt das und weiss, dass dies alles sich in dem Augenblick ändern wird, wenn die Sonne ihr belebendes Farbenspiel über die Felsen und Gletscher ausschüttet.

Die einzige Anstiegsmöglichkeit bietet sich dem Skifahrer in den drei gestaffelt übereinanderliegenden Gletscherterrassen des Errgletschers. Der Weg deckt sich übrigens mit dem Sommeranstieg, einer Bergfahrt, die aber auch recht selten ausgeführt wird. Vorerst haben wir noch im obersten Val d' Err anzusteigen, einer einsamen, kalten Hochmulde. Nach links, südöstlich ausholend, steigen wir in steiler Rinne — im Sommer mag hier ein Gletscherbach hinabfliessen — zur ersten Gletscherterrasse an. Die gegenüber steil aufstrebenden Berge der Bleis-Martschakette treten wieder in normalere Perspektive. Bei jeder Atempause suchen wir den immer grösser werdenden Horizont ab nach neuen Bergen. Die höchsten unter ihnen haben ganz unvermutet den ersten Sonnenstrahl erhalten, ein farbenprächtiges, ewig gleich schönes Naturschauspiel.

Das erste, aus der Entfernung abschreckend ausschauende Hindernis stellt sich uns in den Gletscherstürzen der zweiten Terrasse entgegen. So hoch es angeht, behalten wir die Ski an den Füssen, dann aber wird es zu steil.

Ohne langes Besinnen greifen wir das Steilstück zu Fuss an. Mir, dem Vorangehenden, geht es da am besten: ich sinke nur bis zu den Knien ein, die Nachfolgenden, der Reihe nach, wie sie hinterherwaten, finden mit immer grösserer Mühe in der ausgetretenen Rinne mit ihrem pulverigen Untergrund einen Stand, vom Letzten hört man nur Pusten und Fluchen. Schneller als gedacht, ist das Bollwerk genommen. Schon haben wir die Hickorybretter wieder an den Füssen, steigen über die mittlere Gletscherterrasse, der dritten, der obersten — der sonnigen entgegen. Wir stehen mitten im Erleben. Das Schwerste scheint hinter uns zu liegen, und die Freude am Gelingen des Aufstieges hat bereits alle erfasst. Weit unten im Talboden liegen die Hütten der Alp d' Err, einsam, der Sonne noch fern. Und so kommt kein Gedanke an eine warme Stube auf. Im Gegenteil, es lockt uns mächtig, der Sonne entgegen-zustürmen, und lange schon habe ich mir einen Strich in den Gletscher dort oben gezogen, wo wir uns treffen sollen.

Unsere Spur führt jetzt neben den Gletscherstürzen des obersten Eiswulstes vorbei. Der Hang ist nicht so steil wie der des unteren Absturzes, so dass wir die Ski nicht schultern müssen. Plötzlich treffen wir mit der Sonne zusammen, das grosse, langersehnte Ereignis. Es will uns aber vorerst gar nicht viel wärmer scheinen. Man darf von der Januarsonne noch nicht zuviel verlangen, und dann befinden wir uns immer noch auf der Nordostseite des Berges. In immer steileren Spitzkehren nähern wir uns der Kante der obersten Terrasse. Da stehe ich plötzlich an klaffendem Randschlund, eine Überraschung, auf die keiner gefasst war. Hatten wir doch weder vom Saiteras noch von irgendwo anders her einen solchen bemerkt. Wir werden ihn zu überlisten wissen. Im Blankeis hacke ich einen Quergang am Rande der hässlichen Spalte, um eine etwas abenteuerlich aussehende, verschneite Brücke auf ihre Überschreitungsmöglichkeit zu untersuchen. Ohne Ski ein heikles Unterfangen, mit den auf dem Rücken so umständlichen Hölzern absolut nicht empfehlenswert. Wir entschliessen uns für den Rückzug, um eine schwächere Stelle ausfindig zu machen. Das einzige, was uns noch verbleibt, ist der Steilhang unter dem felsigen Verbindungsgrat, der vom Piz d' Err zum Piz Jenatsch hinüberzieht. Schnell sind wir an die 50 m abgerutscht, um unter einem Eissturz in den Steilhang hinüberzuspuren. Ein Vorwärtskommen ist hier allerdings nur zu Fuss möglich, die Nase stösst sich fast am Hang, und der Schnee ist weich. Obwohl die Schneebeschaffenheit derart ist, dass ein Abrutschen des ganzen Hanges nicht zu befürchten ist, stellt sich der ganze Körper doch unwillkürlich auf eine unvorhergesehene Überraschung ein. Das Ohr scheint doppelt zu hören, die Augen beobachten ohne Unterbruch den Hang über und neben uns. Schritt für Schritt arbeiten wir uns höher, bis wir nach langen zwanzig Minuten oberhalb des Randschrundes die oberste Gletscherterrasse betreten. Es ist uns ganz klar, dass dieser Aufstieg nur in ganz günstigen, schneearmen Wintern oder dann im Frühling wiederholt werden darf. Das Herz ist frei von Bangen und Nöten, wir haben die Wand hinter uns gebracht. Mit den Stunden, die du mit dem Pläneschmieden erst und dann im Aufstieg mit dem Ausführen derselben verwandtest, mit den vielfachen kleinen Abänderungen und Hindernissen, die dir die Verwirklichung brachte — mit all dem ist der Berg ein Stück deiner selbst geworden, und wenn du seinen Namen aussprechen hörst oder nur in Gedanken ihn streifst, du fühlst, er ist da, in dir, ein Freund.

Der weitere Anstieg über den Errgletscher stellt an und für sich keine grossen Anforderungen mehr. Seine Oberfläche will heute nicht so recht mit unserer gehobenen Stimmung harmonieren. Der windgequälte Schnee ist aus ziegelartig übereinander liegenden Blättern aufgebaut, und über diese hinweggehen heisst unbeholfen Torkeln. Dazwischen gibt es glasharte Stellen, auf welchen man auch mit den Fellen wie auf einer Drehscheibe herum-rutscht. Dazu bläst wieder eine scharfe Bise, so dass auch hier wieder jeder Schritt fast erkämpft werden muss. Wir achten dessen aber kaum. Denn Berge sind emporgetaucht, Berge mit weiten, herrlichen Gletschern, ein Zirkus von überwältigender Schönheit. Die Freude mag heute um vieles grösser sein, da wir plötzlich am Grat oben vor dieses Wunder gestellt werden. Im Schauen sind wir über den Gletscher emporgekommen, ohne sich seiner ungleichmässigen Haut zu erinnern, bis wir am Fusse des Gipfelblockes stehen. Seine Erkletterung wird keine grossen Überraschungen mehr bieten. An windgeschützter Stelle lassen wir die Ski zurück und nehmen den Südgrat in Angriff. Über einen hartgewehten Schneehang erreichen wir die trockenen Felsen. Die Kletterei auf der Südseite des Grates wird zum Vergnügen, obwohl die glatten Skischuhe keinen allzu festen Stand verleihen.

Es ist Mittag geworden. Wir haben den Errgipfel erreicht, und es ist Ruhe und Schweigen um uns, eine Feierstunde. Soll ich die Berge euch nennen, die sich da Kette an Kette reihen? Abwechslungsreich wie ihre formschönen Gestalten hören sich ihre wohlklingenden romanischen Namen an. Aber lassen wir das. Eure Blicke sollen über sie hinweggleiten, dem Schmetterling gleich, der im Hochsommer von Blume zu Blume flattert, einen Augenblick geniessend verweilt und wieder weitersegelt, trunken von tausendfältiger Schönheit. Auch uns wird es nicht gelingen, all das Geschaute zu verarbeiten und zu ordnen, auch wir leben jetzt dem alles andere übertönenden Genuss. Später dann, wenn wir wieder im Alltag stehen, wird das eine oder andere Bild plötzlich vor unseren Augen aufleuchten und uns erfreuen. Ein scharfer, beissender Wind ruft uns nur zu schnell in die Wirklichkeit zurück. Er lässt unsere Gesichter erstarren und die Glieder erzittern, so dass wir gerne wieder in die windgeschützte Südflanke des Berges absteigen.

Der Mensch und besonders der Skifahrer besteht aber nicht nur aus einem stürmenden, begeisterten Herzen und einem steifgefrorenen Gesicht. Irgendwo, einige Handbreiten tiefer, schleppt er einen Beutel mit im Verborgenen, und der nennt sich Magen. Wie auf Kommando hat er sich plötzlich bei allen polternd gemeldet und seine Rechte gefordert. Und da wir gerade an einer windgeschützten Felsnische vorbeikommen, soll er das Seinige haben. Auf angenehm angewärmten Steinen — oder scheint uns das nur so nach dem eisigkalten Gipfelfelsenbreiten wir unsere Spezereien aus, das ewige Kuddel-muddel. Die Orange, die man sich eben einverleibte, scheint doch zu kalt gewesen zu sein, also schnell einen Schluck warmen Tee darüber. Dann wird ein gebackenes Kotelett zwischen die Zähne genommen, und schon ist man bei Schokolade und Biskuit angelangt. So geht das eine Zeitlang durcheinander, bis man sich dann einbildet, jetzt bist du satt. Aber wie ich es schon früher sagte, eine Einbildung zu gegebener Zeit hilft über alles hinweg.

Ganz plötzlich ist es über uns gekommen: Da unten breiten sich Gletscher aus vor unsern Augen, und da erinnern wir uns, dass wir ein paar Bretter besitzen und abfahren wollen. In wenigen Minuten sind wir am Fusse der Felsen und schnallen die Ski an. Wie der Errgletscher, so gleicht auch der Jenatschgletscher der Haut eines Nilpferdes: tausend Furchen und Graben sind klappernd zu überfahren, dass einem fast die Muskeln von den Knochen geschüttelt werden. Ab und zu legt sich einer, von der Zentrifugalkraft des Rucksackes aus dem Gleichgewicht geworfen, auf die Seite. Die andern finden jedoch keine Zeit, sich daran zu erfreuen, denn es hat jeder selbst reichlich genug Arbeit mit seinem eigenen Gleichgewicht. Dann folgen auch wieder gleichmässigere Hänge, die strammer befahren werden. Dort unten grüsst ja auch schon die freundliche Jürg-Jenatsch-Hütte. Ein paar Schwünge noch und eine abschliessende Schussfahrt, dann stehen wir vor dem heimeligen C. Haus selbst. Das Schindelhäuschen liegt auf einem sonnigen Hügel, im Mittelpunkt einer Reihe von Fels- und Gletscherbergen, einer schöner als der andere. Sie ist vor einigen Jahren umgebaut und auf den Winterbetrieb umgestellt worden. Auf der alten Eingangstreppe, die man glücklicherweise beliess, sitzen wir in der warmen Sonne und warten auf das Sieden des Teewassers. Den Rücken an die sonnenwarmen Schindeln gelehnt, den Blick auf das gegenüberliegende Fels- und Gletscherpanorama gerichtet, ein Bild, wie es kein Maler auf die Leinwand zaubern könnte; so halten wir eine Stunde Rast. Mit den wachsenden Schlagschatten, welche die phantastischen Felsgebilde des d' Agnelligrates auf den Picuoglgletscher werfen, wird es auch Zeit, dass wir zu Tal fahren. Die Hütte ist bald in Ordnung gebracht. Schon wenden wir unsere Aufmerksamkeit den Hängen des Bacheinschnittes von Picuogl entgegen.

Talfahrt — was ist da wohl viel zu erzählen! Man trägt seine Bürde, seine immer noch reichliche Bürde. Aber man vergisst es auch hier. Prächtige Pulverschneehänge werden durchfahren. Mühelos zeichnen wir Telemarkbogen und stiebende Gerade hinein. Die Fahrt durchs Val Bever hinaus ist bei schlechten Schneeverhältnissen eher ein Langlauf, heute, mit der leichten Pulverschneelage, wird sie zum grossen Vergnügen. Vor der Alp Val gibt es eine kleine Gegensteigung, da man im Winter oben über das Hügelplateau der Botta da Crasta fährt. Hier oben müssen wir Abschied von der Sonne nehmen. Das tief eingeschnittene Tal liegt schon im Abendschatten. Man könnte frieren allein mit Hinabschauen, wenn nicht die stolze Pyramide des Piz Ot in der Nachmittagssonne erstrahlend ins Tal leuchten würde. Mit einem letzten Blick auf Sonne und Gipfel stossen wir hinab ins schattige Tal. In wenigen Minuten passieren wir die Alp Suvretta, müssen für kurze Zeit auf die gegenüberliegende Talseite, aber bald wieder über flachere Skiwiesen in flüssiger Fahrt talauswärts. Auf einem ausgefahrenen Alpweg, der zuletzt etwas grösseres Gefälle aufweist, kommen wir noch ordentlich in Schuss. « Frisch » wie am frühen Morgen fahren wir dann in die Station Spinas ein. Bis die Ski zusammengebunden sind und der Schnee von den Hosen geklopft, ist auch der Zug da, der uns über Filisur zurück nach Davos bringt.

In einem Coupé für sich sitzen vier Skifahrer mit fröhlichen Gesichtern. Lustige und weniger angenehme Episoden der Fahrt werden nun « entwickelt und fixiert ». Die grosse Fahrt ist in allen Teilen gelungen, nicht allein, weil wir durch Stunden hindurch uns mit allen Hindernissen tapfer schlugen und uns zum Gipfel emporarbeiteten — die Tur war schon lange vorher bis ins kleinste durchdacht, und nicht zuletzt ist sie so wohl gelungen, weil wir uns verstanden und auch in der Leistungsfähigkeit zusammenpassten. Solchen, die eine Fahrt, welche sie in weltabgeschnittene Berge führen wird, wiederholen wollen, diene meine Warnung: nur bei ganz sicheren Schneeverhältnissen!

Piz Jenatsch aus dem Val Mulix.

Das anhaltend gute Wetter dieses Winters, aber besonders die ganz sicheren Schneeverhältnisse in den höheren Regionen zwingen fast, jeden Sonntag wieder in die Berge zu ziehen. Noch stehen wir unter den mannigfachen Eindrücken unserer Skifahrt vom letzten Sonntag auf den Piz d' Err. Wir haben dort schon im Aufstieg Einblick erhalten in Täler und auf Berge, deren weltabgeschiedene Einsamkeit es uns besonders angetan hat. Die reichgegliederte Kette, die sich von den Bergünerstöcken über Piz Saiteras und Piz Bleis Martscha einerseits, über Piz d' Alp Val und Piz Pyramida anderseits rings um die Täler von Tschitta und Mulix herumzieht, weist eine ganze Anzahl von Bergen auf, die fast hochalpinen Charakter aufweisen. Sie führen alle ein Einsiedlerleben. Im Sommer wird sich ab und zu ein Turist dort hinauf verirren, im Winter aber ziehen nur schmale Gemsfährten an den Hängen hinauf und hinab.

Das, was am letzten Sonntag noch heimliches Wünschen war, ist unter der Woche zum festen Entschluss ausgereift. Wir wollen dem Piz Jenatsch, einem Trabanten des Piz d' Err, einen Besuch machen, und da wir es einmal mit den etwas längeren Anstiegswegen halten, nimmt auch diesmal die Fahrt ihren Anfang wieder im Albulatal. Der Abendzug bringt uns am Samstag nach Bergün hinauf. Im Hotel Albula, bei Mama Bischl und ihren beiden Töchtern, machen wir unsern traditionellen Besuch und lassen uns einen ausgiebigen Kaffee brauen. Beim Kaffeeklatsch ist schnell eine Stunde ver-bummelt, unser wartet draussen aber noch ein ordentliches Stück Weg. Unter einem klaren Sternenhimmel wandern wir die Strasse talaufwärts, unserem ungewissen Ziele entgegen. Unter den Viadukten der kühn angelegten Albulalinie führt die Strasse durch das wilde Hochtal, einmal rechts, einmal links von uns rauscht und gurgelt die im Eis gefesselte Albula. Da rollt auch der letzte Zug an uns vorbei ins Engadin. Hinter den hell erleuchteten Fenstern der Eisenbahnschlange ahnen wir Wärme, Behaglichkeit und Geborgensein. Das verführerische Bild ist wie ein Traum schnell wieder entschwunden, und doppelt still und einsam scheint uns das Hochtal.

In einem Heustall haben wir Unterschlupf gefunden. Jeder in seine mitgenommene Wolldecke gewickelt, graben wir uns tiefe Löcher in das staubige Element. Durch das lose zusammengefügte Gebälk unseres Schlafraums summt frostkalter Nachtwind. Immer tiefer arbeiten wir uns ins Heu hinab, bis auch die eingemummten Köpfe unsichtbar geworden sind. Ein in der Zipfelmütze festsitzendes Grashälmchen kitzelt mich bei jedem Atemzuge auf der Nasenspitze, und wehrlos, wie ich mit meinen unter der Decke verpackten Armen bin, versuche ich durch anhaltendes Pusten den unsichtbaren Quäl-geist fortzublasen. Schliesslich wird Ruhe im Stall. Halb stehend verbringen wir eine unruhige Nacht. Im Halbschlaf höre ich einen schwachen Tierlaut, und über dem Nachsinnen, was es wohl gewesen sein könnte, verfalle ich endlich in festen Schlaf.

Der Morgen beginnt mit dem üblichen Pusten und Kratzen, das wir vom Dienst her kennen, dann geht es eine wacklige Leiter hinab zu den Säcken, wo wir uns das Heu von den Kleidern schütteln. Um einen Brand völlig auszuschliessen, wird auf das Abkochen verzichtet. Sorgfältiges Verschliessen des Stalles und wieder hinaus unter den Sternenhimmel. Es ist 6 Uhr.

Auf einem steilen Alpweg, der sich im dichten Wald emporzieht, laufen wir uns die nachtsteifen Beine ein. Eine frische Hasenspur gibt uns ein kurzes Stück das Geleit, um unvermittelt nach links abzuschwenken und in grossen Sprüngen über den Bach zu setzen. Die Läufe dieses Nachtwandlers scheinen unbeschwerter und nicht so steif gewesen zu sein wie die unseren, obwohl auch sein Lager nicht an überaus warmem Orte zu suchen sein dürfte.Von einer ihrer Blätter restlos beraubten Preiselbeerstaude, die ein paar Schritte weiter unter den schützenden Ästen einer kleinen Tanne hervorguckt, streiche ich im Vorbeigehen einige zusammengeschrumpfte, ausgefrorene Beeren. Nach einer schwachen Stunde seit unserem Aufbruch erreichen wir die Alp Mulix, wo wir in einem niedrigen Ziegenstall unsere Frühstücksküche aufschlagen. Wir bedauern hier sehr, keiner Zwergfamilie anzugehören. In gebückter Stellung wird das Sieden des Teewassers überwacht, und wenn einem das Rückgrat zu schmerzen anfängt, versucht man es zur Abwechslung mit Knien. Diese Stellung ist wieder insofern auf die Dauer nicht auszuhalten, als der Boden mit steinhart gefrorenen « Gaissbölleli » bestreut ist. Schliesslich wird aber der Tee fertig, und wir können unser primitives Frühstück mit einem warmen Schluck besiegeln. Im Licht des neu angebrochenen Tages verlassen wir nach einstündigem Aufenthalt die ungemütliche Zelle, dem Unbekannten, dem Neuen entgegen.

Das Val Mulix ist ein interessantes, zwischen hoch aufschiessenden Felsgipfeln eingebettetes Hochtälchen. Die schroffe, aber formschöne Gestalt des Piz Bial und der Zackenkamm des Piz d' Alp Val bilden einen hochalpinen Talabschluss. Von beiden Talseiten abgerutschte Lawinen deuten auf die aussergewöhnliche Gefahr hin, die man nach einem Neuschneefall hier zu berücksichtigen hat. Heute liegt alles, was abrutschen musste, schon unten in der Talsohle. Immer wieder haben wir über holperige Lawinenzungen zu schreiten, bis wir in der Mulde von « Bleisun » zwar harten, aber gleichmässigen Grund vorfinden. An sehr steilen Hängen arbeiten wir uns in weiten Kehren auf die Terrasse « sur 1a Crappa » empor. Goldener Sonnenschein empfängt uns. Auf aperem Grasfleck lagern wir wieder und orientieren uns für den weiteren Anstieg. Der richtige Weg ist bald gefunden. In gleichmässigem Pulverschnee ziehen wir unsere Spur noch ein Stück talaufwärts, um dann an den Steilabfall eines unbenannten, aus der Fuorcla Laviner herabfallenden Gletschers abzuschwenken. Hier wird das Tempo gemässigter, und ein jeder einzelne findet Zeit genug, die umliegenden Berge zu betrachten und zu bestimmen. Ganz überraschend zeigt sich von hier die überaus kühne Prachtgestalt des Piz d' Aela. Neben ihr erscheint selbst der viel näher liegende verwitterte Stock des Piz Bleis Martscha unscheinbar. Weiter oben erhalten wir dann Einblick in das oberste Val Mulix und studieren die Anstiegsroute für eine Besteigung dieses so selten aufgesuchten Gipfels. Die Tur selbst wollen wir uns für später aufsparen.

Auf der Fuorcla Mulix-Bever ( ich nenne den Sattel zwischen Punkt 3056 und Punkt 2965 so ) halten wir kurze Rast. Die Rucksäcke werden hier zurückgelassen. Der Vorstoss auf den Piz Jenatsch soll möglichst ohne Kraftverschwendung gemacht werden. Mit dem Nötigsten, mit Seil und Pickel und natürlich dem Photoapparat bepackt, dringen wir über die Gletscher in das uns unbekannte Gebiet ein. In einer halben Stunde schon erreichen wir den Sattel am Südostfusse des Piz Laviner und sind von der herrlichen Rundsicht auf die Berge des Errgebietes ganz überwältigt. Von majestätischer, dem Auge wohltuender Linienführung ist vor allem unser Berg, der Jenatsch. Im Vordergrund der glanzweisse Gletscher, dann der felsige, mit hübsch aufgesetztem Firnstreifen ruhig ansteigende Südostgrat, das scharfe, nach Norden abfallende Firngrätchen — ein vollkommenes, herzerfreuendes Bergbild. Und dann dort hinten die klotzige Gestalt des Piz Julier, über der feingeschnittenen Pyramide des Corn Suvretta hervorschauend, und dort, zwischen Piz Suvretta und Piz Bever, die gleissende Eisgestalt des Piz Roseg, und dort — und dort — Berge, nichts als Berge.

An den Südhängen des Piz Laviner hinüberquerend, gelangen wir bald darauf in die Fuorcla Jenatsch. Dort erwartet uns eine besondere Überraschung. Wir sehen unsern ganzen Aufstieg vom vorigen Sonntag durch die Nordostwand des Piz d' Err. Noch einmal verfolgen wir unsere steile Spur, dann wenden wir uns der neuen Aufgabe, dem Firngrat des Piz Jenatsch zu. Den untern Teil können wir mit den Ski begehen. Da aber der verblasene Harscht keine Abfahrt gestattet, stecken wir die Bretter bald in den Schnee. Stufe um Stufe tretend, kommen wir an den Felsgrat. Mit den Skischuhen ist das Klettern nur ein halbes Vergnügen. Um so froher sind wir, als die Felsen auch schon wieder in Firn übergehen. In wenigen Minuten stehen wir um die Mittagsstunde auf dem Gipfel des Piz Jenatsch.

Irgendwo glauben wir Glockengeläut zu hören — aber es ist ein Läuten, das aus dem Innern ertönt. Es ist ein gewaltiges, alles begrabendes Tönen, das uns gross und noch grösser werden lässt, bis unsere Lippen sich öffnen und hinausjauchzen, wovon uns das Herz so voll ist. Allen, die nie einen Gipfel des Hochgebirges im Winter betreten haben, möchte ich wünschen, dass sie eine solche Stunde erleben dürften. Sie würden dann verstehen, warum wir immer wieder die Bretter schultern und in die Berge ziehen.

Vom Gipfel des Piz Jenatsch geniesst man eine aufschlussreiche Einsicht in die Berge des ganzen Errgrates. Gipfel wie Piz d' Err, Piz Calderas, Tschima da Flix, Piz Surganda und andere können alle in bequemen Tagesturen von der Jürg-Jenatsch-Hütte erreicht werden. Ein Ferienaufenthalt von einer Woche würde kaum genügen, die ganze Gebirgsgruppe kennenzulernen. Allerdings die Zugänge, sei es nun durch das nach Neuschneefall gefährliche und lange Val Bever, sei es von der Corviglia her über Fuorcla Schlattain und Fuorcla Traunterovas eine etwas kürzere, dafür um so beschwerlichere Höhenroute, oder endlich vom Julierhospiz her durch das Val d' Agnelli und die gleichnamige Fuorcla, sind zum Teil anstrengend und gefahrvoll. Das wird aber keinen Bergfreund abhalten können, den Weg in dieses einzigartige Gletschergebiet Graubündens zu nehmen.

In unseren eigenen Fussstapfen steigen wir nach fast anderthalbstündigem Aufenthalt von diesem Aussichtsgipfel zur Fuorcla Jenatsch ab. Den aufgeweichten Südhang des Piz Laviner haben wir in rascher Traverse in wenigen Minuten durchfahren. In fast geradliniger Schussfahrt legen wir auch das kurze Stück zu unserem Depot auf der Fuorcla Mulix-Bever zurück. Verspätete Mittagsrast: Mit der Berninaschaufel wird eine Bank hergestellt, die Ski werden darüber gelegt und nun wird getafelt. Aus dem Firnkessel von Süden steigt sommerliche Wärme, von Norden, aus dem Val Mulix hinauf, beisst uns ein kalter Wind in den Rücken. So bleibt uns nichts anderes übrig, als uns selbst von Zeit zu Zeit umzudrehen, so wie man eine Gans wendet, dass sie beidseitig hübsch braun wird und knusperig. Braun sind wir allerdings nicht geworden und knusperig kann man die Schicht auch nicht nennen, die unsere Gesichtshaut und Hände bedeckte, als wir uns später im Spiegel betrachteten.

Auf Dessertzugabe müssen wir heute verzichten. Es ist keine Zeit zu verlieren. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, wollen wir doch möglichst lange oben bleiben auf den sonnigen Graten und uns einen Weg suchen über Piz d' Alp Val und Piz Pyramida hinweg nach der Albulastrasse. Über den flachen Rücken von Punkt 2965, dann einer plötzlichen Eingebung folgend, in den Südhängen unter Piz d' Alp Val entlang, gelangen wir zuletzt in steilem Firnanstieg auf dessen Ostgrat. Der ganze Aufstieg ist ziemlich zwecklos, und man hat es nur mir, dem Photographen, zuliebe getan. Ich vermutete nämlich heute morgen schon im Aufstieg, von da ein prächtiges Bild vom Piz d' Aela zu erhalten. Die Mühe hat sich denn auch gelohnt. Nach vollzogener Aufnahme überschreiten wir den glasharten Firnkamm zu Punkt 3009 hinüber, wie sich später herausstellt, eine Bieridee. Der Übergang ist äusserst heikel, mit den geschulterten Brettern ein vollendetes Seiltänzer-kunststück. Ein Absteigen auf der Nordostseite ist unmöglich. Von Punkt 3009 müssen wir dann ohne langes Besinnen wieder auf der Südseite hinab, erreichen nach kurzer Kletterei den sulzigen Firnhang, in welchem wir in flotter Abfahrt bald alles Versäumte nachholen. Auf einem kleinen Bergsee ( Punkt 2808 ) beginnt die grosse Hangtraverse, welche uns in interessantem Auf und Ab parallel mit der Kette des Piz Bial hoch oben über dem Val Bever talauswärts führt. Um 4 Uhr nachmittags schnallen wir zum letztenmal für heute die Felle an die Ski und stürmen den Hang hinauf auf den Ostgrat des Piz Pyramida. Wenig östlich des Gipfels, auf einem fast aper geblasenen Grateinschnitt zwischen Hauptgipfel und Punkt 2921, erreichen wir eine halbe Stunde später den Übergang. Mit jedem Schritte, den wir höher kamen, wuchs auch der Zuckerhut des Piz Ot-Gipfels aus dem Grat empor, und jetzt steht er als kühn aufgebaute, überaus schlanke Felspyramide da drüben und badet sich in den letzten Sonnenstrahlen. Einen Blick noch ins langgezogene Val Bever, durch welches wir vor Wochenfrist hinausfuhren, dann aber tauchen wir hinab in den Schattenkessel des Pyramidagletschers.

Nach wenigen Schritten schon müssen wir die Bretter wieder schultern, um einen felsigen Quergang zu tun. Dem anschliessenden Steilhang trauen wir nur das Schlimmste zu und sausen in frecher Schussfahrt über ihn und den wohlverborgenen Randschrund in den Gletscherkessel hinab. Da sind wir ja plötzlich in ein anderes Gebiet gekommen. Zwischen der breiten Felswand des Piz Uertsch und der mehrgipfligen Kette der Crasta Mora liegt im Abendschatten der Albulapass. Unsere Route ist klar vorgezeichnet: über die Seenterrassen des Lai Alv und der Crap Alv-Seen. So dürfen wir hoffen, noch vor Nachteinbruch die Albulastrasse zu erreichen, und setzen zu forschem Tempo an. Etwas vorsichtiger schwingen wir einen grösseren Steilhang hinab, um dann nach kurzer Gegensteigung hoch über dem Lai Alv durch den Taleinschnitt der Crap Alv-Terrasse in flotter Schussfahrt hinauszuflitzen. Und noch eine Gegensteigung! Die Abfahrt durch den Einschnitt des Sommerwegs ist nicht ratsam, also versuchen wir es weiter östlich. Aber auch diese letzte Anstrengung wird überwunden, um dann gerade über dem Albulatunnel ( wie die Karte zeigt ) einem Bacheinschnitt folgend die Albulastrasse zu erreichen. Dass wir den letzten Hang, der sich beinhart präsentiert, mit geschulterten Brettern und mit dem Pickel Stufen schlagend, hinabbalancieren müssen, soll eigentlich nicht erzählt werden. Es geschieht unter Schimpfen und Poltern, da wir auf einen solchen Abschluss dieser schönen Abfahrt nicht gefasst sind. Auf der Strasse angelangt, kann uns nichts mehr halten. In sausender Fahrt scheinen wir talauswärts zu fliegen, am Weissenstein vorbei bis nach Preda. Es hat schon zu dunkeln begonnen — in uns drinnen aber ist 's heller denn je. Nach einer wärmenden Tasse Kaffee, die wir im Kulmhotel einnehmen, wird die Fahrt fortgesetzt auf der als Bobbahn ausgebauten Albulastrasse. Am Dörfchen Naz vorbeikommend, sind noch die zurückgelassenen Decken zu holen. Sie werden zu Seil und zu Pickel auf den Rucksack gebunden, und dann schiessen wir los. Die Beine sind zu schwach, um eine bremsende Stemmstellung einzunehmen. Zügellos müssen wir die Bretter der eisigen Bobbahn ausliefern, eine regelrechte Höllenfahrt. In wenigen Minuten ist unser Ausgangspunkt, das Dörfchen Bergün, erreicht. Zu gleicher Stunde, wie wir es gestern verliessen, und unter dem gleich klaren Sternenhimmel marschieren wir wieder durchs Dorf.

Die Fahrt ist beendet. Ein neues Blatt deines Lebensbuches ist beschrieben. Schönes und wahrhaft Grosses hast du in dich aufgenommen in diesen Stunden, und nun sollst du daraus schöpfen können, solange du lebst. Und ganz tief in deinem Ich ahnst du, dass selbst darüber hinaus etwas zurückbleiben muss von deinen, den Bergen geopferten und deinen, aus den Bergen empfangenen Kräften — nur weisst du nicht wie.

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