Wolken

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Von Willy Zeller.

Föhn. Fliegerwolken surren über bleiern glotzenden Moorlöchern. Schlaff hangen die Wollgrasblüten an blaugrünem Halm. Ein giftscharfer Ton hängt über dem verbrannten Hang. Es ist wie das aufdringliche Vibrato blitzender Stahlsaiten. Miriaden von Insekten schaffen ihn jede Sekunde neu. Blau oxydierte Fliegen stehen reglos in der Schwüle, vitriolfarbene Punkte schwirren über den schmachtenden Weiden. Mit hölzernem Knarren fliegen Schnarrheuschrecken zwischen die Steine. Ihre Flügel leuchten brandrot durch die Dürre. Ich sehe jedes Fenster des talwärts rollenden Zügleins glitzern, höre das freche Geratter des Motorrades auf dem weissen Zirkelbogen tief unter mir, vernehme das aufdringliche Gebimmel des Vieruhrglöckleins im Bergdorf. Über der grellen Firnhaube dort hinten steht eine kunstvoll geschliffene Linse. Nadelscharf sind die Enden ausgezogen, die irisierenden Ränder locken in sphinxhafter Falschheit. Über die Senke quellen schwere Wolkenwülste. Unsichtbare Tiere schieben fette Zungen durch die Lücken. Gefrässig lecken sie an den schwarzgrünen Waldwänden. Bald tauchen hoch über ihnen kleine Schleierfetzen auf, von unsichtbarem Keuchen nach Norden geblasen. Dichter und dichter folgen sie sich, wie kopflos vor drohendem Unheil davonstürzende Herden. Lüstern lecken die rauchgrauen Zungen die glasigen Wände glatt.

Südwest. In trostlosem Grau dehnt sich das Felstal. Bleiche Schneefetzen hocken zwischen den zerschundenen Blöcken, zerfressen von tausend Schuttkörnern, die die Wände von sich gespien. Endlos der Weg. Hexensabbat hetzt über die Kämme. Zottige Wolkengespenster greifen gierig nach den Fersen der Voranstürzenden, schlingen verworrene Haare um die Türme und werden die Beute hohnlachender Verfolger. Das gellende Pfeifen echot minutenlang um die wundgeriebenen Gratschultern. Feiste Wolkenwalzen treiben heran, von lüsternem Dirnengekeif empfangen. Auf jeder Zacke hocken schon strähnenhaarige Riesen, werden kopfüber von ihren Satanssitzen gerissen und flüchten mit wild zerfetzten Gewändern. Kein Lichtstrahl entlarvt das teuflische Treiben. Wieder jagen unförmliche Schwaden heran, peitschen mit Hagelhieben die toten Blöcke, halten scheinheilig inne, um mit heulendem Grinsen klatschende Fluten in die Öde zu schleudern. Triefend rauscht es von den Wänden, bis der Sturm die schimmernden Kaskaden packt und zu stiebenden Fahnen bläst. Schleimige Wolkendrachen kriechen den Wänden nach, glotzen starr in die Risse und Schluchten, greifen gefrässig um sich, tasten sich mit scheusslichen Polypen-armen heran und hüllen alles in ihren schweissigen Verwesungshauch. In eisigem Schweigen leidet das Tal.

Wetterumschlag. Irrsinn hat weisse Kreidestriche über den Himmel gezogen. Irgendwo setzen sie an, ziehen schnurgerade nach Osten, bäumen sich plötzlich in sinnloser Verrenkung und reissen ab. Zu Tausenden laufen sie ineinander, drücken fremde Zeichen in den blauen Grund, verschlingen sich zu medusenhaarigen Knäueln und zerflattern. Über der milden Kuppe dort drüben sind sie in friedliche Furchen gelegt, doch dann fährt ein Riesenkamm über sie und zerrt sie zu Bündeln. In die sorglich sortierten Wattebäuschchen ist ein tiefblaues Loch gerissen, in das von allen Seiten Fasern züngeln. Nun streckt sich über den Himmel der Leib eines Gefallenen, in den Granaten-splitter scheussliche Wunden geschlagen. Hinter den tintenblauen Tannenspitzen lodert es auf. Grelle Wolkengarben spritzen in den pastellweichen Grund, fressen sich höher und höher und verlöschen. Wild flackert das Firnfeld zur Rechten. Doch es ist nicht das herrliche Leuchten, das hüpfende Sonnenfunken daraus zu zaubern wissen. Es ist Feuer vom Scheiterhaufen gefallener Helden. Nach kurzer Spanne verbleicht der Berg und starrt aus fahler Totenmaske wesenlos ins Leere. Der Tag verbebt. In rauchenden Schwaden irrt es heran, endlose Heere in wahlloser Folge, riesige Säulen in wälzendem Zug. Letzte schmale Lichtstreifen werden zu nadelscharfen Spindeln gepresst. Ein kalter Wind streicht um die Tannen. Leis wimmert es in den Ästen.

Ostwind. Vor fernen Bergen hängt ein blaues Schleiertuch an silbernen Maschen. Still träumt die Wand. Der zerhauene Eisbruch schläft unter seidigem Schimmer. Lang haben die kahlen Schuttfächer ihr knirschendes Hohngeriesel vergessen. Weiche Schneebänder schmiegen sich in die Falten des Berges. Der tosende Fall steht hinter milchweissen Scheiben. Kaum rauscht ein verwehter Laut herüber. Stunden der Reife. Ich liege im golden braunen Quellenmoos und staune aus halbgesunkenen Wimpern in die Wolken. Still schweben sie in der Bläue, weisse Falter auf blauem Samt. Ziellos werden und vergehen sie. Den zersplitterten Gipfelturm umtändeln mollige Wolkenfinger. Es ist wie hauchfeines Kosen der Mutterhand über den Scheitel des Lieblings. Sanft löst sich sich, leise sinkt sie hinter den märchenblauen Dunsthang. Über die Lücke guckt ein pausbackiges Kindergesicht. Aus prallen Wangen bläst es in die wattebauschigen Faserwölklein. Sie zerfliessen unmerklich. Eines erreicht den Grat, bleibt daran hangen wie Pappelwolle im Schlehdorn und vergeht. Mir zu Häupten fährt ein scharfschnäbliges Wikingerschiff. Gischt stäubt um den hellen Bug, flatternde Fahnen heften sich an die leuchtenden Segel. Schon steigen die Wogen, umrauschen das silberrandige Deck, flackernd lodert es auf, das stolze Fahrzeug zerfliesst, wie es gekommen. Noch blinzle ich schlaftrunken in die unsäglich tiefe Bläue und sehe fast unbewusst den blutbetropften Apollo über mir gaukeln, höher und höher steigen, bis er im fernen Meer ertrunken ist. Will er sich auf die Wolken setzen?

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