Wyss Wändli — Weg der Erinnerungen

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- Weg der Erinnerungen

Willy Auf der Maur, Seewen ( sz )

Der Gr. Mythen von Süden, links die konkave Westwand, die Mythenmatt und der Gipfelaufbau 141 Harmonie Harmonie ist das A und 0 der ganzen Bergsteigerei! Wo sie fehlt, erstarren Gesichter zu Masken, verkommen Gespräche zu Gerede, bleiben Seilstränge in den Ästen hängen ( weil der eine Kletterer rechts, der andere links der Legföhre aufsteigt ).

Harmonie braucht meist wenig Worte, ist diskret, leise, so leise, wie es unsere Schritte heute sein möchten, im Bergwald und in den ersten, gestuften Felsen über den Baumwipfeln. Aber, o weh: Knackende Zweige, knir-schender Splitt und fallende Steine künden den äsenden Gemsen am heutigen, frischen Morgen das Nahen der Menschen.

Die Einstiegsplatte Schweigen könnte auch eine Art Egoismus sein, vermute ich, und da ich bei meinen beiden Weggefährten - Neulingen im Umgang mit bestandenen Bergsteigern - nicht den Eindruck von Selbstsucht oder Eigenbrötelei erwecken möchte, fühle ich mich am eigentlichen Einstieg zum Wyss Wändli, der leichtesten der Westwandrouten am Grossen Mythen, bemüssigt, Akzente in die tote Stille zu setzen.

Hätte die Goldrose, wie die Blume bei uns genannt wird, ihren formvollendeten Kelch im Winde gewiegt, mein Mund wäre ein weiteres Mal übergelaufen, wie er es auch schon in der ersten halben Stunde unseres Aufstiegs, im Mythenbann, getan hatte, als wir an einem zweimal mannshohen grünlichgrauen Felsblock vorbeiwanderten. Es war der , ein Block, der dem Spaziergänger die überhängende Seite zeigt, über seinen Buckel bis unter den Oberrand hinauf aber leicht zu besteigen ist. Mein lieber Bergfreund Franz hatte hier in seinen Bubenjahren jeweils Gottesdienst gehalten. Die Vision war zu erheiternd, zu erhebend auch, als dass ich sie meinen feinfühligen Seilgefährten hätte vorenthalten können. So hatte ich denn versucht, den blonden, ernsten Buben vor ihr geistiges Auge zu zaubern, wie er, die Kante des Blocks nur gerade mit Kopf und Brust überragend, inmitten eines Meeres silbern aufblitzender Blätter mit ausgebreiteten Armen sein in den Wald hineinsang, begleitet vom hellen Gezwitscher der Vögel und dem ernsten Gemurmel bärtiger Tannen. Am Fuss des malte ich noch das Kreuz hin: die aufgerichtete, seitlich einge-knickte Deichsel des Leiterwägeiis, das möglicherweise bereits mit dürren Asten beladen, vielleicht aber auch noch leer war. Denn zu jener Zeit, in den Kriegsjahren, so hat mir mein Freund schon oft versichert, sei es meist recht schwierig gewesen, im Wald Fallholz zu fin- den, so dass er sich mit beträchtlichem Risiko sogar an Legföhren und Krüppeltannchen herangemacht habe, die, an Felssätze und Nossen geklammert, klagend ihre toten Arme von sich gestreckt hätten.

Auf der Rampe Inzwischen sind meine Gefährten unbeschadet bei mir angekommen, und so kann ich die zweite Seillänge in Angriff nehmen. Es ist dies eine steile, eher griffarme Rampe. In jedem Bergbuch würden die Akteure in einer Kletterstelle von derart geringer Schwierigkeit wie Götter über die Szene stolzieren. Ich aber muss zu meiner Schande gestehen, dass mich in diesen fünf, sechs Metern schon öfters eine leichte Unruhe überfallen hat. Gibt es nicht Tage, an denen man als Bergsteiger von einem grenzenlosen Misstrauen erfüllt ist, an denen man keinem Griff mehr traut und dauernd den Boden unter den Füssen zu verlieren glaubt? Heute geht es recht gut. Ich erreiche den Standplatz auf dem Genecand-Gesims. Mächtig wölbt sich die Wand über mir auf: Hier ist kein Durchkommen mehr für Genusskletterer! Unser Heil liegt drüben, hinter einer abschüssigen, grasdurchsetzten Rippe, in einem System von Rinnen und Bändern.

Das Genecand-Gesims Fragen Sie niemanden, wo dieses zu finden sei. Den Dingen einen Namen zu geben, ohne dass es jemand ahnt, ist nämlich meine heimliche Leidenschaft. Das Gesims habe ich so getauft, weil wir hier in meinen alpinen Lehrjahren jeweils die Schuhe gewechselt haben: die Kletterfinken mit den Hanfsohlen in den Rucksack, die Tricouni-Bergschuhe heraus. Und weil mich meine Erinnerungen an den unbequemen Schuhwechsel mit stillem Vergnügen zum Genfer Alpinisten Félix Genecand ( 1878-1957 ) hinzuführen pflegen. Genecand war nämlich der Erfinder des Tricouninagels!

Die Tricouninägel, zu gezackten Randbe-schlägen aneinandergereiht, haben seinerzeit den Alltag in den Bergen auf den Kopf gestellt. Kaum ein Bergbauer, kaum ein Wildheuer, kaum ein Holzer, kaum ein Jäger, der nicht sein Schuhwerk damit ausrüstete. Und dann die Bergsteiger! Ihnen schenkte der Tricouninägel neue Horizonte, ein erstarktes Selbstbewusstsein und viel Lebensfreude. Es war aber auch beglückend, an einem frühen Sonntagmorgen in schweren, tricounibeschla-genen Schuhen mit festem Schritt zwischen den Häuserreihen dem Berge zuzuwandern. Das Klirren und Geixen des griffigen Be-schlags auf abgeschliffenem Kopfsteinpflaster war schönste Musik, auch wenn sich darob verwunderte Frühmessegänger um- drehten, Katzen um die Hausecken huschten und Vorhänge in Bewegung gerieten ( wer weiss, aus welchem Garn damals die Träume der jungen Mädchen - und stellvertretend ihrer Mütter- noch gewoben waren !). Man fühlte sich bärenstark in diesem Schuhwerk. Nicht ganz zu Unrecht, denn die Tricouninägel waren wie kleine, hungrige Raubtiere: Im harten Firn, im Geröll, im rauhen Granit, überall bissen sie herzhaft zu. Am gefrässigsten aber zeigten sie sich auf schlüpfrigen Erdtritten und im steilen Gras. Hier waren sie in ihrer Gier kaum mehr zu bremsen, und deshalb war die Zeitepoche der Tricouninägel auch diejenige der grossen Grasrouten.

Sympathisch, dieser Genecand, so sympathisch wie Wisel, den ich am Einstieg heute einmal mehr einen Neuling an sein Seil knüpfen sehe und den ich -wiederum nur insge-heimConcierge des Wyssen Wändlis> nenne. Concierges gibt es übrigens viele in den Bergen. So kenne ich einen ( Concierge des Salbit-Süd>, einen des Chaiserstocks, einen des Lauchernstöcklis, einen des Wildspitzes und wäre deshalb keineswegs erstaunt, wenn sogar jeder Berg in der Schweiz seinen Concierge hätte.

( Seht ihr dort oben, links über der Schlucht, die Schlingen in der Wand? Dort ist der Quergang der südlichen Westwand, die ich einmal mit Thedy gegangen bin. Ich stand an dieser ausgesetzten Stelle eine furchtbare Angst aus. Unbeeindruckt von meinem Gejammer liess sich Thedy oben, am Standplatz, nur mit einem belustigten Lachen vernehmen. Er glaubte an mich, mehr als ich selbst, und rief mir, über die Weite und Tiefe hinweg, dann doch noch einige Anweisungen zu. ,Du musst nur Ja, ja: Du musst nur! Rasch gesagt, aber in diesen vertrackten Quergängen, mit

Am Quergangband Wir sind auf dem Band angelangt, das uns an seinem südlichen Ende den Ausstieg auf die Mythenmatt vermitteln wird. Ein landschaftlich herrlicher Quergang erwartet uns. Die linke Hand hakt sich hier an den Kanten fester abgespaltener Blöcke ein, während die Beine flink ein viermal schuhbreites Gesims entlang eilen. Wie möchte ich meinen Begleitern doch den eindrucksvollen Tiefblick gönnen! Aber ausgerechnet jetzt muss der Nebel aus dem Abgrund steigen.

dem Weg zum Einstieg die Namen der Bäume und Sträucher genannt, mit dem Schuh Pferdeäpfel aus dem Weg geschoben, verirrte Weinbergschnecken ins taufrische Gras gesetzt. Ein Naturfreund, aber kein Freund von Tiefblicken, denn mein Ansinnen hatte er entrüstet vom Tisch gewischt.

Das Ausstiegswändli Nebelschwaden hin oder her, die Freude am Ausstiegswändli können sie uns nicht verderben. Ein Fest für den Gleichgewichtssinn, den Bewegungsdrang, den Tastsinn... diese Seillänge! Hier und jetzt, über der Legföhre, unter der ich durchgeschlüpft bin, mitten in der Wandstufe mit den sauberen, waagrechten Leisten müsste man mich fragen, warum ich klettere.

Die Einstiegsplatte, schwierigste Stelle der Wyss-Wändli-Route. Nicht zur besonderen Freude der Kletterer pflegt - nach längeren Regenfällen - Wasser aus den Löchern und Rissen der Wand zu quellen.

klärung von derjenigen eines Kameraden, der mich, vor Jahrzehnten, genau an dieser Stelle mit einem Mädchen, meiner Zukünftigen, auftauchen gesehen hatte.Verdutzt und etwas spöttisch hatte der Besagte aufgelacht, mit der flachen Hand über sich den senkrechten Fels des Wyss Nollen getätschelt und uns übermütig zugerufen: ( Dies hier ist halt meine Braut !) Der Mann, von dem die Rede ist, hiess Franz, doch war es nicht der Franz vom ( Altar-stein> und selbstverständlich auch nicht der Franzi aus dem Land des Kaiserschmarrens, sondern der Franz, dem in den kommenden Jahrzehnten Dutzende von Erstbegehungen gelingen sollten und der sich - zu seiner Ehrenrettung sei es verraten - später auch noch eine fleischliche Braut angelacht hat. Mit ihm hatte ich einige Jahre zuvor kiloweise technisches Material in der Bergwelt spazieren geführt, was uns am Ufer des Wägitalersees einmal sogar polizeilich bestätigt wurde. Zwei Hüter des Gesetzes mussten dort in uns, aufgrund des mitleiderregenden Zustandes unserer Hände, die klassischen Blumenräuber gerochen haben. Jedenfalls wurden wir von ihnen höflich aufgefordert, die Rucksäcke zu öffnen. Doch nachdem sie einige Zeit darin gewühlt, der eine in Franzens, der andere in meinem Sack, hatten sie unter ihren Dächli-mützen hervor einen vielsagenden Blick ausgetauscht und dann ganz offensichtlich enttäuscht, für jedermann deutlich hörbar, zu Protokoll gegeben: ( Die haben ja nichts als Eisen bei sich !) Das Eisen, unsere schweren Haken und Karabiner ( man wusste damals noch nichts von legiertem Bergsteigermaterial ), pflegte Franz vorwiegend in die Ritzen unserer Felstürme Peter und Paul am Kleinen Mythen einzutreiben, während ich, getreu einer in Paris bei einem Bouquinisten am Ufer der Seine preisgünstig erstandenen Anleitung, die Seilstränge bediente. Kein Mensch, nicht einmal unsere alpinen Lehrmeister, hätten uns damals erklären können, wie das technische Klettern geht. So hing denn unser ganzes Kletterglück von der dünnen Broschüre aus der Grossstadt ab, deren Titel La technique de la varappe artificielle oder ähnlich lautete. Er hätte ebensogut ( Die Technik des Mehlsack-hissens> heissen können, denn die ( Methode ) verurteilte den Seilführer zu einer Haltung, die statisch nur geringfügig von derjenigen eben eines Mehlsackes abwich. Sie verlangte, dass der Vordermann abwechslungsweise den einen, dann den andern Strang des Doppelseils in die Hakenreihe einführte, und weil auf den primitiven Zeichnungen weder eine Stehschlinge noch eine Trittleiter zu entdecken war, musste es offensichtlich Aufgabe des Seilzweiten sein, den Kameraden hochzuhissen und das Seil so lange strammzuhalten, bis der nächste Haken geschlagen war. Von allen Nachteilen abgesehen, verschaffte mir diese ( Technik ) in kurzer Zeit ganz hübsche Ober-armmuskeln, während sich Franz, der um die Weichteile angeseilt war, zunehmend über Bauchschmerzen beklagen musste.

Mythenmatt ( Hier muss es Pfefferminz geben ), stellt Susi bei den Karrenfeldern am Rand der Mythenmatt fest. Beim Namen Seidelbast hätte ich aufgemerkt. Seidelbast ist für mich gleichbedeutend mit Bergfrühling, Wiedererwachen der alten Kletterleidenschaft, Aufbruch. Ich weiss die Staude mit den starkduftenden Blüten in geschützten, trockenen Felswinkeln, allüberall in den südgewandten Flanken der Mythen, an Stellen, welche die Sonne schon im April auszubrennen pflegt, wenn die Bergsteiger noch von Felsinsel zu Felsinsel hüpfen, um dem dahinfaulenden Schnee auszuweichen. Zu Seidelbast unterhalte ich eine fast mystische Beziehung, aber zu Pfefferminz...!

Nun, dass es so weit von den Teestuben entfernt nach Pfefferminz duftet, scheint mir trotzdem recht erstaunlich, so bemerkenswert wie die Tatsache, dass in frühern Jahrzehnten Schafe an diesem Kraut gerochen haben. Die Mythenmatt — jene auffällige, schiefe Grasfläche unter dem rötlichen Gipfelkopf — wurde früher tatsächlich nicht nur von Gemsen beweidet. Darüber zu rätseln, auf welchem Weg die Schafe hier hinaufgelangten, ist erlaubt. Jedenfalls muss Schafhirt Kälin, wie seine eventuellen Vorgänger, gute Schuhe getragen haben, wahrscheinlich solche mit Tricounibe-schlag. Wie es auch sei, es geht auch mit Gummischuhen, heutzutage, allen Unkenrufen der Nachkriegszeit zum Trotz. ( Eure Gummisohlen mögen ja recht und gut sein, aber wenn euch einmal auf der Mythenmatt ein Regenschauer überrascht, dann möchte ich euch sehen... nasses Gras und Gummi, das wirkt doch wie Schmierseife. Dann werdet ihr wie eingesalbte Ölgötzen in die Tiefe fahren !) Der dies weissagte, hatte zwei listige, von Lachfalten eingerahmte Äuglein und einen Kopf, der oben in einen Spitzhut und unten in einen Spitzbart auslief. Es war Köbel, der Bildhauer und phantasiereiche Unterhalter, und er war nur einer von den vielen Skeptikern. Köbel sah sich später ins Unrecht versetzt, den Tricouni-nägeln ist er aber meines Wissens trotzdem sein ganzes Leben lang treu geblieben. Ist dies nicht ein Grund, sein Andenken noch besonders in Ehren zu halten!

Jeder Mensch trägt eine Galerie in sich, die er nach eigenem Wunsch mit Bildern bestük-ken kann. Alpinisten pflegen darin Bergbilder aufzuhängen, und da der Eintritt in diesen Raum an keinerlei Formalitäten gebunden ist, lassen sich diese aufbauenden Gemälde im Alltag bei jeder beliebigen Gelegenheit betrachten. Eine Örtlichkeit, wo sich solche Bilder sammeln lassen, ist das Rot Grätli am Gipfelkopf des Grossen Mythen. Die Bilder sind hier dreidimensional, gehen in die Höhe, in einen Himmel, an dem die rote Schweizerfahne flattert, in die Weite, zum Zürichseebecken, zum Alpstein, in die Urner und Unterwaldner Alpen, in die Tiefe, auf die dunkeln Wälder und blühenden Weiden des Alptals, auf den bunt gefleckten, mit Seen geschmückten Talkessel von Schwyz.

Zuoberst schliesst sich der Kreis Das Rot Grätli trägt uns in schiefrigem Fels und auf weichen Rasenpolstern in Kürze auf die felsige, karge Gipfelfläche. Keinen Augenblick zu früh und keinen zu spät, denn eben beginnt vor der Kulisse des Mythenhauses die Weissweinflasche ihre Runden zu drehen. Auch uns drückt man, wie erwartet, ein funkelndes Glas in die Hand. Erhebend, später, der Augenblick, in dem der Präsident sein Manuskript hervorkramt und seinen Mund öffnet. Doch genau in dieser Sekunde werden Bild und Ton von einem dichten Nebelschwaden verschluckt. Ein, zwei Minuten nur - die Zeit für einige Schlückchen -, dann ist der Spuk vorbei, und ich sehe mich zu meinem grossen Erstaunen ( Wirklichkeit oder Halluzination ?) von einer Runde netter Kerle in goldbetressten Uniformen umringt. Es sind all die Concierges, denen ich im Aufstieg nachgesonnen. Doch gibt es da, höchst verwunderlich, noch eine Gruppe schnauzbärtiger, würdiger Herren zu bestaunen, mit breitrandigen Hüten, geschlossenen Kragen, Gilets, Uhrenketten und hohen Haselstöcken, mit eigenem Mundschenk, malerisch zum Fototermin angeordnet. Es sind die Gründer des Vereins, die Männer, die mit ihrer Begeisterung und ihrem Geldbeutel den Berg für den Wanderer erschlossen haben, die Concierges des Mythenwegs, die ich bis heute nur aus der Jubiläumsschrift gekannt habe. Sie alle heben prostend ihr Glas, zwinkern und lachen mir freundlich zu.

Ich hab 's ja immer gesagt: Harmonie ist das A und 0 der ganzen Bergsteigerei!

Es muss nicht immer Bilderbuchwetter sein: Aufbruch vom Einstiegssat-tel der Wyss-Wändli-Route am Gr. Mythen.

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