Zum Mont Blanc über die Major-Route

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Pierre Hofmann, Genf

Warum machen Sie Bergtouren?

Wenn ich diese Frage kurz beantworten müsste, würde ich sagen: « Um wiederzufinden, was ich empfunden habe, als ich über die Major-Rou-te auf dem Gipfel des Mont Blanc anlangte. » Die Schönheit des eben beendeten Aufstiegs, dazu das prachtvolle Wetter und das unvergleichliche Panorama liessen mich in diesem Augenblick die vollkommenste Freude erleben, die der Berg überhaupt schenken kann.

Beim ersten Blick hat mich die Brenva-Flanke des Mont Blanc bezaubert. Die Steilheit der 1300 Meter Schnee, Eis und Fels, ihre grossartige Isolierung und die Wucht ihrer Lawinen verleihen ihr eine besondere Schönheit. Wie ein Edelstein durch seine Fassung und ihn umgebende weniger kostbare Steine hervorgehoben wird, thront die Brenva-Flanke in der Mitte des Panoramas, das sich von der Aiguille Noire de Penterey bis zum Mont Maudit erstreckt.

Die Schatten haben sich schon auf die Wand gesenkt, als wir ausser Atem auf dem Col de la Fourche ankommen. Es ist kalt und einsam um uns herum, als wir die Route studieren, die uns morgen ganz hinauf führen soll. Sicher werden wir einen grossen Teil des Weges schon hinter uns haben, wenn die Sonnenstrahlen dem Lande wieder Wärme und Fröhlichkeit bringen.

Andere Seilschaften kommen an, und bald ist die für acht Personen eingerichtete Hütte von vierzehn Alpinisten überschwemmt. Die Glücklicheren liegen auf den Matratzen, die andern schlummern auf dem harten Boden zwischen ihren Rucksäcken. Man hat keine Luft; aber trotz des Mangels an Komfort schläft man ein. Wenn sich die Muskeln endlich entspannen und man in richtigen Schlaf fällt, ist es Zeit aufzustehen. Es ist 23 Uhr 30, und wir zehn machen uns startbereit, zehn halb ausgeschlafene Burschen, die zwanzig Schuhe, zwanzig Steigeisen und die Stirnlampen zusammensuchen, Kocher anzünden und mit 350 Meter Seil manipulieren. Nach völligem Durcheinander sind wir endlich bereit und gehen hinaus. Die Kälte umklammert uns.

Zwei Freunde haben am Hüttengeländer ihr hundert Meter langes Seil gesichert, was uns erlaubt, den Gletscher direkt anzugehen. Die Bewegungen sind ungeschickt, und der wegen des frühen Aufbruchs verärgerte Magen zieht sich zusammen. Sehr oft ist der Aufbruch der unbequemste Augenblick der ganzen Bergfahrt.

Nun sind wir auf dem oberen Plateau des Bren-va-Gletschers. Zur Rechten steigen die Wände sehr hoch hinauf, bis zum Gipfel des Mont Maudit. Uns gegenüber ragt die Moore-Spitze aus der Eisfläche heraus, durch den Firngrat des Col Moore, ein richtiges Eingangstor zur Brenva-Flanke, mit den Wänden verbunden. Rasch überqueren wir den Gletscher; der Frost wirkt sich günstig aus, und der Schnee trägt gut. Wir wollen den Grat schnell überqueren und ins Gefecht kommen.

Über dem Joch erhebt sich rechts als Hanglinie der Eperon de la Brenva. Links drüben stösst der Pilier d' Angle mit einem einzigen Schwung seine sechshundert Meter Granit zum Peuterey-Grat empor. Seine stolze schwarze Silhouette schliesst die Flanke auf der linken Seite ab.

Der erste Teil der Route führt links, schräg über unterschiedliche Hänge, ohne grosse Schwierigkeiten mitten in die Wand hinein, bis zu einem mächtigen Felsen, der Sentinelle Rouge.

Es ist noch sehr früh, aber wir wollen sofort einsteigen, da es angezeigt ist, diese Hänge zu erklimmen und das grosse Couloir zu überqueren, bevor die Sonnenstrahlen Eistürme und Steine aus ihrer nächtlichen Erstarrung lösen. Die ungeheure, auf beiden Seiten der Poire heruntersausende Lawine, die ich voriges Jahr gesehen habe, ist mir noch lebhaft in Erinnerung.

Von der Dunkelheit umschlossen, erkennen wir die wichtigsten Linien der Wand, können sie aber nicht abschätzen, da unsere einzige konkrete Welt im Lichtkreis unserer Stirnlampen liegt. Mechanisch und problemlos bewegen wir uns vorwärts. Zuweilen denken wir überhaupt nichts. Unter unseren Füssen nimmt die Steigung zu; aber nur wer zurückschaut, erkennt, wie steil der Hang wirklich ist.

Als wir über eine Rippe steigen, entdecken wir unsere französischen Freunde zu weit links. Doch ist das möglich? Schon glaube ich, das zur Sentinelle führende Couloir zu erkennen! Plötzlich erwachen wir aus unserer Betäubung. Die ersten siebenhundert Meter haben wir ja schnell zurückgelegt. Wenn das so weitergeht, werden wir einen Rekord aufstellen.

Von jetzt an machen die Schwierigkeiten den Aufstieg erst interessant. Anderseits spornt uns die Rekordzeit-Idee an. Bis dahin sind wir wie Maschinen geklettert. Aber nun wird alles anders. Unsere Umgebung ist ganz aussergewöhnlich; in der Dunkelheit können wir sehr weit unten den hellen Fleck des Gletschers und ganz oben die Kämme unterscheiden. Doch in unserer Reichweite gibt es nur schroffen Fels und Eis: ein Gefühl völliger Einsamkeit.

Etwa hundert Meter weiter links, auf der andern Seite des Couloirs, zeichnet sich das schwarze Relief des Eperon de la Major ab. Um es zu erreichen, muss man durch das Couloir, das in der Nähe des Gipfels beginnt und sich auf unserer Höhe zu einer Rinne verengt. Dieser Ort hat eine traurige Berühmtheit wegen des gleichzeitigen Durchgangs von Alpinisten und Lawinen. Ich denke beim Durchstieg daran, aber die Bedin- gungen sind so gut, dass keine grosse Gefahr besteht. Der Schnee ist hart, und die Steigeisen greifen gut; schnell sind wir fünf mitten in der Traversierung. Zu unseren Füssen bildet die Rinne einen regelrechten Trichter, der sich auf den Gletscher hinunter öffnet. Er ist sehr steil und rauh. Hier erkennt man so richtig, wie notwendig es ist, dass man sich auf seinen Kameraden verlassen kann, denn beim Miteinandergehen könnte der Ausgleitende kaum zurückgehalten werden. Aber dieser Gedanke erweckt keine Furcht in mir, ich habe absolutes Vertrauen. Die grossen Bergtouren machen aus einer Seilschaft eine Einheit, deren Bindungen viel tiefer sind als blosse gemeinsame Freude am Bergsteigen.

Der Hang wird immer steiler. Wir verlassen die Rinne und fangen an, die verschneiten Felsen des Eperon zu besteigen. Zum Glück kann man ziemlich überall klettern, denn in der Nacht ist es schwierig, hier einer sicheren Spur zu folgen. Pulverschnee bedeckt die Griffe. Als Jean-François über einer kleinen Terrasse weiterklettert, hat er plötzlich ein abgebröckeltes Stück Fels in der Hand. Und wenn die Terrasse nun nicht da gewesen wäre und ich nicht genug Seillänge gehabt hätte?...

Im Osten erscheint eine schwache Helle, und wir halten einige Augenblicke an, denn seit der Fourche sind wir immer weitergegangen. Die meisten wirklichen Gefahren liegen hinter uns. Sehr oft kann man einen Nagel einschlagen, wenn das Eis besonders hart, oder einen Haken, wenn der Fels schwierig ist; doch was sollen wir gegen einen drohenden Eisbruch tun?

Der Himmel färbt sich im Osten merkwürdig orange, die Venus strahlt in vollem Glanz, während die Sterne in der beginnenden Dämmerung erlöschen. Es wird kälter, und wir steigen weiter. In diesem Moment entwischt Jean-François wegen einer ungeschickten Bewegung sein Pickel und grüsst uns mit immer schwächer werdendem Aufschlagen. Der Ort ist schlecht gewählt, um diesen Freund zu verlieren, denn über uns warten die Eisgrate.

Als die Morgendämmerung immer herrlicher wird, erreichen wir den ersten Grat. Mit dem Kletterhammer in der Hand, steigt Jean-Fran-çois ganz leicht. Unsere Umgebung ist phantastisch: Oben ist der Gipfel des Mont Blanc von den ersten Sonnenstrahlen rosa angehaucht, und unten schläft das noch in tiefe Dunkelheit versunkene Tal. Zwischen diesen Extremen bewegen wir uns auf dem märchenhaften Pfad eines eleganten Eisgrates. Ein solches Bild muss man mitten aus einer wilden Felswand heraus gesehen haben, um verstehen zu können, was uns immer wieder dorthin zieht.

Glücklich erklimmen wir, von Sonnenschein überflutet, den zweiten Grat, als uns ein böser « Flaschenhals » daran erinnert, dass wir uns auf einer schwierigen Route und nicht nur auf einem Aussichtspunkt befinden. Im Gleichgewicht auf den beiden vorderen Spitzen der Steigeisen erklettern wir diese eisige, zum letzten Grat führende Rutschbahn. Dieser dritte Grat führt zur obersten « Niere », welche daliegt, wie wenn sie jeglichen Ausgang abriegeln wollte. Aber sie hat ihre Schwächen, besonders einen breiten durch einen leichten Überhang verriegelten Riss. Ich steige ein, doch der Überhang lässt mich bald erkennen, dass eine athletische Passage fünften Grades mit einem Sack auf 4500 Metern Höhe nicht leicht zu machen ist. Nachdem ich die Last abgelegt habe, geht alles besser; aber sobald ich diese heraufholen will, macht sie sich selbständig, indem sie sich unter den Überhang zwängt.

Auf dem Gipfel der « Niere » angelangt, ruhen wir uns alle aus.Es ist erst acht Uhr; wir sind schnell gestiegen, zu schnell vielleicht, denn offen gestanden tut es uns leid, dass dieser wundervolle Aufstieg schon zu Ende ist. Wir ziehen diesen Augenblick in die Länge, weil hier trotz beendigtem Aufstieg das Grandiose der Wand noch zu spüren ist. Gleich werden die weniger steilen Hänge die Wand verdecken, und unsere Tour wird langweilig weitergehen. Nach einer guten Rast brechen wir wieder auf, denn, obwohl die Hänge nicht steil sind, macht sie die Höhe doch mühsam: alle fünfzig Meter müssen wir verschnaufen. Endlich betreten wir den Gipfel, nachdem wir wegen der veränderten Neigung ein paarmal meinten, angekommen zu sein.

Ich habe mir schon immer gewünscht, meine erste Besteigung des Mont Blanc über eine der grossen Routen auf der italienischen Seite machen zu können. Heute erfüllt sich dieser Wunsch unter idealen Bedingungen. Kein Wölkchen stört das unvergleichliche Panorama, kein Hauch bewegt die Luft. Während mehr als einer Stunde bleiben wir auf dem Gipfel und geniessen ruhig das unvergessliche Erlebnis.

Übersetzung E. Busenhart

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