Zwei Bergfahrten

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JVon Jakob Krebser

Mit 1 Bild ( 120Niederuster ) Monte Rosa, Signalkuppe 4561 m.

Wieder hielt der Frühling seinen Einzug. Spriessende Knospen und grünende Wiesen kündeten vom Sieg des Lebens über die Starrheit des Winters. Doch wir Bergsteiger und Skifahrer träumen in dieser Zeit immer noch von brausenden Abfahrten, von Schwung und Schuss. Wir können uns noch nicht entschliessen, die Ski, mit denen uns so manche frohe Erinnerung der letzten Monate verbindet, einfach in die Ecke zu stellen. Immer wieder steigen wir hinauf ins Hochgebirge, wo noch tiefer Winter herrscht, und erleben jedesmal neu die Fahrt aus dem Winter in den lachenden Frühling hinein.

Eine der höchsten Höhen, die in den Alpen mit Ski erreicht werden kann, ist der Monte Rosa. Schon bei unserem ersten Zermatter Aufenthalt, bei dem uns in einer herrlichen Augustwoche mancher Viertausender gelang, behielten wir uns die prächtige Monte-Rosa-Gruppe für eine Skifahrt offen. Jahre vergingen...

Ostersonntag, Betempshütte. Aus einem Gewirr von Ski und Stöcken suchen Freund Noldi Baumann und ich beim Schein eines Kerzenstummels die Bretter hervor. Um « Viertel vor sechs » machen wir uns auf den weiten Weg zur Signalkuppe. Harter Schnee erlaubt ein gutes Tempo. Eine ganze Karawane nimmt Kurs auf den Monte-Rosa-Gletscher, Anwärter für die Dufourspitze. Wir zweigen rechts ab und sind glücklich, allein zu wandern. Nachdem die steilen Moränenhänge hinter uns liegen, seilen wir uns an und queren den spaltenreichen Grenzgletscher, um weit rechts den ersten Abbruch zu ersteigen. Riesige Spalten mahnen uns an den ganzen Ernst der Dinge. Zu unserer Rechten schiesst in mächtiger Steilheit die Lyskamm-Nordwand in die Höhe. Schlanke Felsrippen, drohende Hängegletscher und jähe Eisrinnen kennzeichnen diese gewaltige Flanke, die schon um 1890 von Christian Klucker erstmals bezwungen wurde.

Leicht steigend gelangen wir wieder auf die Monte-Rosa-Seite des Gletschers. Der zweite Abbruch liegt nun rechts von uns. Riesige Querspalten werden auf festen Schneebrücken überschritten. Hoch am Lyskamm gleisst das Sonnenlicht. Weiter führt unser Weg empor auf den blendenden Hochfirn unter den südlichen Monte-Rosa-Gipfeln. Der Gipfel der Signalkuppe, auf dem die Capanna Margherita steht, wird sichtbar und scheint zum Greifen nahe. Doch gemach, diese letzten paar hundert Meter sind bekanntlich die härtesten. Keuchend geht der Atem, hörbar pocht das Herz. Über holperigen Windharsch erreichen wir den letzten Hang, der steil zur Hütte hinaufführt. Da er vereist ist, entledigen wir uns der Ski und steigen zu Fuss das kurze Stück hinauf. Überwältigend ist die Sicht: über Italien lagert ein unendliches Nebelmeer, darüber Berge von den Ostalpen bis zum Monte Viso! Gebannt stehen wir still und betrachten diese erhabene Welt, die uns alles Menschliche vergessen lässt. In ungeahnter Steilheit fällt der Gipfel nach Osten ab. Ein Gefühl der Unsicherheit beschleicht einen, wenn man auf dem schwanken Holzsteg hart über dem Abgrund um die Hütte spaziert. Mit Ausnahme dieses Holzsteges ist die Hütte solid gebaut. Aussen mit Kupferblech verkleidet und mit starken Drahtseilen am Fels verankert trotzt sie den Stürmen.

Nachdem wir auch das Innere eingehend gemustert haben, gehen wir zurück zu den Ski. Kurz ist die Abfahrt in den Gnifettisattel. Dann steigen wir zur Zumsteinspitze an. E'.in Firngrätchen und anschliessend eine kurze Blockkletterei leiten zur Spitze hinauf, welche ein kleines Kreuz ziert. Prächtig ist der Blick in die gewaltige Ostwand, in der die gefährliche Marinelli-rinne in die Tiefe von Macugnaga abfällt. Hemdärmlig sitzen wir auf den Blöcken und blinzeln zufrieden in die Sonne. Dehnten wir gestern auf unserem Nachbargipfel, der Dufourspitze, die Rast auf volle zwei Stunden aus, so lassen uns heute die Gedanken an die bevorstehende Abfahrt nicht allzulange rasten. Bei den Brettern zurück, machen wir uns unverzüglich startbereit. Vorläufig gleiten wir ohne Seil über die ausgedehnten Firnhänge hinunter. Bald mahnen jedoch die Spalten zur Vorsicht. Wir verbinden uns mit dem Seil. Vorzüglicher Schnee schenkt uns trotz dem Seilfahren ungetrübten Genuss. Ein einziges Mal nach einer « Haarnadelkurve » werde ich durch einen gewaltigen Ruck zu Boden gerissen. Ich schaue zurück und sehe, dass Noldi gestürzt ist. Aber rasch ist er wieder fahrbereit. Nur zu schnell liegen die beiden Abbruche hinter uns. Jetzt aber weg mit dem Seil! Einen phantastischen Sulz hat uns die Sonne zubereitet, und ungehemmt sausen wir in die Tiefe. Nachmittags 2 Uhr lösen wir die Strammer vor der Betempshütte.

Auf sonnenwarmen Platten geniessen wir köstliches Nichtstun.

Direkter Ostgrat des Ersten Kreuzberges Spät sind wir, mein Freund Christian Hauser und ich, ins kleine Dörfchen Sax im Rheintal gekommen. Es geht gegen Mitternacht, wie wir nach kurzem Imbiss aufbrechen, um noch an den Fuss der Kreuzberge zu steigen, deren gezackte Silhouette schwarz in den dunkeln Himmel ragt. Neben einem munter plätschernden Bach führt uns der Weg empor in den frisch duftenden Tannenwald. Verführerische Abzweigungen und « Abkürzungen » locken auf Abwege. Doch unsere Spürnasen finden mit Glück immer den richtigen Pfad. An einer steilen Fluh entlang windet sich der Weg zuletzt hinauf zur Unteralp. Verträumte Lichter blinken herauf aus der Ebene des Rheintals. Da die Hütte von den Sennen voll besetzt ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als weiterzusteigen zur Oberalp. Als dunkler Klotz schiesst zu unserer Linken der « Erste » drohend in die Höhe. Er zeigt nicht mehr die elegante, zum Himmel weisende Linie wie von der Saxer Lücke aus, sondern hat etwas Unheimliches an sich. Nach ausgiebiger Stolperei, bei der uns die sterbende Taschenlampe manchen Fluch entlockt, legen wir uns endlich um halb 3 Uhr auf der Roslenalp ins Heu.

Ein prächtiger Herbstmorgen grüsst uns, da wir verschlafen vor die einfache Hütte treten. Mangels einer Kochgelegenheit ist das « Café complet » schnell beendet. Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als wir am Einstieg unser klimperndes Rüstzeug umhängen. Ein « Ovo-Sport » stecke ich noch in die Tasche, dann schwinge ich mich in die rasendurchsetzten Steilplatten. Bald sind wir in Kirchturmhöhe über dem Einstieg und stehen auch schon vor der ersten « Knacknuss ». Vorsichtig schiebe ich mich neben einer schwach ausgeprägten Rippe mit sorgfältiger Gewichtsverteilung in die Höhe. In der nachfolgenden Platte steckt ein gewöhnlicher Hunderternagel, der treffliche Dienste leistet. Ein paar Meter höher schnappt der Karabiner in einen Haken. « Seil straff! » — Langsam schiebe ich den Oberkörper nach rechts, erwische einen Griff und ziehe mich hinüber in eine Nische auf guten Stand. Kurz an einen rostigen Haken gebunden suche ich dann, während Christel nachkommt, nach dem Weiterweg. Ein Riss zieht sich senkrecht empor; wohl die Route der Erstbegeher. Doch weiter rechts entdecke ich zwei Haken in der glatten Wand. Nachdem mein Freund nachgekommen ist, packe ich an. Die Erkletterung dieser Stufe ist ein kleines Kunststück für sich. Zweimal muss ich ansetzen, bis es geschafft ist. Die nächtliche Rackerei macht sich doch ein wenig bemerkbar. Jedenfalls bin ich froh, dass der Freund die Führung der nächsten Seillänge übernimmt. An fast grifflosen Steilplatten quert er nach links auf den Grat zurück, um schräg aufwärts hinter einer Ecke zu verschwinden. Bald erreicht mich sein zuversichtlicher Ruf.

Diese Querung ist wirklich ein Leckerbissen. Ein Haken hilft über die ersten kitzligen Meter hinweg. In griffigerem Gestein turne ich an Christel vorbei zum Beginn des 70-Meter-Kamins hinauf. Über meine Schulter hinweg greift der Seilgefährte den Überhang an, der in die dunkle Klamm hineinführt. Anhaltendes Pusten sagt mir, dass es gilt, die ganze Kraft einzusetzen. Nach geraumer Zeit stecke ich dann selbst zwischen den glatten Wänden. Stemmend und spreizend gewinne ich der Senkrechten Meter um Meter ab. Wir sind uns einig, dass das der tollste Kamin ist, in dem wir je steckten! Gleich nehme ich das folgende Stück in Angriff, das stark überhängend ist. Meterweit hängt das Seil einwärts zum sichernden Freund. Unter dem Körper gähnt die bodenlose Tiefe. Endlich legt sich der Fels zurück, ist aber immer noch lotrecht. Breiter wird der Kamin, eine Rippe zieht sich in der Mitte empor, um oben im letzten Überhang auszulaufen.

Mit dem Ruf « Seil aus » erreiche ich einen kleinen Stand. « Kla-glagg » tönt es aus der Tiefe. Fast muss ich lachen: Christel hat wieder einmal seinen Hammer verloren! Aber der schwere Teil der Fahrt liegt ja bald hinter uns. So hat dieses kleine Missgeschick keine Bedeutung. Zudem hat mein Gefährte immer das Glück, den Abtrünnigen wieder zu finden. Diesmal lag er fast 20 Meter von den Felsen entfernt im Gras.

In kleiner Nische befindet sich hier das Gratbuch. Ehrfürchtig lesen wir die Worte auf der ersten Seite:

« Dieses Büchlein soll einst erzählen von grosser Tat, von Männern, die mit kühnem Sinn einsame Pfade suchen.

Gestiftet von Paul Schafflützel, S.A.C. Toggenburg. » Ja, Paul Schafflützel, einer der kühnen Erstbegeher dieses grossen Felsweges! Still denken wir an den guten Kameraden, der ein Opfer seiner geliebten Berge wurde.

Weiter! Nach etlichen Metern Stemmarbeit klimme ich an der Mittelrippe im enger werdenden Spalt höher. Noch einmal verlangt schwerer Fels alles Können einzusetzen; zum letztenmal schnappt unter dem Überhang der Karabiner. Tastend sucht sich die Hand hoch links einen Griff. Ein kräftiger Klimmzug, dann meldet ein froher Jauchzer dem Gefährten, dass das Schwere überwunden ist. Noch geht es durch einen kurzen Spalt hinauf, und dann stehen wir im hellen Sonnenschein auf der Schulter des Ostgrates. Ein herrliches Gefühl, wenn man nach Stunden schwerer Kletterei aus dem düsteren Schlund ans Licht heraustritt. Wir halten kurze Rast und essen eine Tafel « Ovo-Sport ». Die jetzt folgende leichte Kletterei zum Gipfel verlangt mitunter noch « handfestes Raufen » mit krummholzigem Legföhrengestrüpp.

Hielt uns im untern Teil der Fahrt der Fels vollkommen in seinem Bann, so kommen jetzt mehr die landschaftlichen Reize zur Geltung. Luftig ist der Weg. Tief unten liegt das Dörfchen Sax. Buntfarbiger Herbstwald grüsst herauf. Lange sitzen wir mit Kameraden, die den « Süd-Ost » erklettert haben, auf dem Gipfel.

Bei den Säcken zurück, essen wir mit Heisshunger unseren restlichen Proviant und blicken hinauf in die blanken Platten, die mit dem grossen Kamin heute morgen noch voller Geheimnisse für uns waren.

Gegen Abend fahren wir heimwärts. In hartem Rhythmus schlägt der Motor seinen Takt und bringt uns in Minuten über weitere Strecken, als wir heute in Stunden erkämpften.

Signalkuppe, Erster Ost, zwei Bergfahrten in ihren Zügen grundverschieden. Hier Gehberg, im Stil einer grossen Westalpenfahrt, dort enorme Steilheit, die mit Ostalpentechnik überwunden wird. Wohl ist im bergsteigerischen Sinne der Hochtour der Vorzug zu geben. Und doch möchten wir sie niemals missen, die Stunden grossen Erlebens im schweren Fels. Denn die Ungewissheit des Kommenden, das Entdecken des Weges und das Erforschen des Felsens über die nächste Seillänge, im extremen Fall das fiebernde Suchen nach der nächsten Hakenritze, ist es nicht im kleinen, was im grossen das Eindringen in ein unbekanntes Tal, das Erblicken einer neuen Landschaft oder das Suchen des Weges am grossen Berg? Und gewinnen wir bei solcher Betrachtung nicht auch dem Klettern auf schwersten Pfaden einen Sinn ab? Im Grunde genommen sind die Motive die gleichen: es ist das Suchen und Erforschen des Unbekannten. Und dabei ist unwesentlich, ob wir eine Fahrt unternehmen, bei der Haken oder Ski zur Durchführung notwendig sind, die Hauptsache bleibt immer das Erlebnis und das neue Sichvertiefen in die Wunder der Bergwelt. Suche jeder die Wege, die seiner Veranlagung und seinem Können entsprechen!

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