Aermighorn-Ostgrat

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In memoriam Jakob Rumpf †.

Taufrisch prangte auf Feldern und Wiesen schon die Herbstzeitlose. Empfindliche Sommerblumenkinder hatten sie allein zurückgelassen. In tausendfältiger Pracht spielte verspätetes Sonnengold im nahen Wald, Herbst-sonnenwende war vorbei. Nun gedachten wir unseres Vorhabens. Gelingen sollte uns endlich, was der tränenfrohe Sommer vereitelt hatte: das Aermighorn.

Zwei waren geblieben von der stolzen Zahl der angemeldeten Himmelstürmer. Doch die wussten im Bunde einen Dritten und zogen los. Dass wir auf « Abwege » gerieten, daran war der Dritte schuld, Kobi Rumpf, das Klettergenie vom Kiental. Gar oft schon, wenn wir in stiller Gipfelstunde nach den « Kientalern » gespiegelt, hatten wir gemerkt: der kühne Ostgrat am Aermighorn liegt ihm im Sinn! Jetzt war für sein Vorhaben die Stunde gekommen. Dank dem treuen Kameraden für seinen Vorschlag, denn selten hat uns ein Berg Herrlicheres geboten.

An klarem Bergwasser inmitten dunkler Tannen und blumiger Weiden nimmt der Ostgrat seinen Anfang. Ein bescheidener Geselle in seinem ersten Tun. Wer wollte auch seiner achten, da unmittelbar vor der Haustüre! Ungezählte Scharen pilgern jahraus jahrein an seinem Fuss vorbei; schimmernde Gletscher und gleissende Firne im Talhintergrund, die locken stärker. Auch uns war es so gegangen. Wohl hatten wir neulich noch die pralle Felsenflucht seiner Südostwand und hoch überhin seine herrliche Linienführung gesehen, doch hatte bis jetzt immer noch der entscheidende Ansporn gefehlt. Nun war er da!

Vor braunem Hüttlein sitzen wir auf einsamer Alp. Stierenquindli nennt sie die Karte. Trotzige Fluhsätze von Schersax und Aermighorn stehen hoch über ihr. Flüssiges Silber fliesst von Gipfeln und Flühen, rauscht in schimmernden Wellen zu Tal. Hoch über dem Andrist steht der Vollmond. Früh vor dem jungen Tag werden wir auf schwerem Gang in steiler Wand sein. Schon naht Mitternacht, und noch weilen wir draussen und träumen. Bergfrieden auf Wald und Weide, über Höhen und Tiefen. Unfassbar und unendlich ist die Stille des Hochlandes. Augenblicke zum Nimmervergessen. Lautes Getue ist hier nicht am Platze. Still in sich gekehrt mag da ein jeder für sich die daherstürmenden Gedanken und Gefühle ordnen.

Längst war der Silbersee auf dem Gamchigletscher ausgelaufen, das letzte Scheit in der offenen Feuergrube verglüht. Und als drinnen am rohgezimmerten Tisch der letzte Kerzenrest erlosch, klang leise vom harten Führerlager her: « Sternli, liebs Sternli, guet Nacht! » Kurz war die Rast. Das unbequeme Lager und draussen die blinkenden Sterne, sie waren schuld daran.

Ernste Gedanken wollen uns beschleichen. Sie erzeugen jene seltsame Stimmung, wie sie der Bergfahrer vor Antritt einer ernsthaften Kletterei gar wohl kennt. Es ist das Kommende, Ungewisse, das uns beschäftigt.

Doch nicht lange! Kobi wähnt uns zwei noch im tiefsten Schlafe und will still nach dem Wetter Ausschau halten. Über die kurze Treppe muss er wohl die beiden fehlenden Stufen vergessen haben, denn plötzlich hören wir ein lautes Poltern. Schon glauben wir an einen kleinern « Umfall », als er in seinem unverfälschten Kientalerdialekt aufbegehrt: « Potz Tonder, das mangleti nid e sevel z'pressieren dasahi! » Bald stehen wir alle draussen in der herrlichsten Nacht, die wir je in den Bergen erlebt. Als wär 's auf dem Minaret einer türkischen Moschee, steht der Mond hoch im Südwesten auf dem Dündenhorn. Jetzt gilt 's dem Ostgrat! Mein Vertrauen zu Kobi Rumpf steht felsenfest. Auf einer Reihe herrlicher Fahrten hat er mich begleitet und hat als Leiter der ersten und bis dahin einzigen Partie die ganze furchtbare Reihe der « Roten Zähne » am Gspaltenhorn überklettert.

Im Nordwesten der Alp schnellen steile Weiden zum äussersten Gratausläufer empor. Wir erreichen ihn in einer knappen halben Stunde bei den letzten kümmerlichen Tännchen. Der sanft ansteigende Rasenbuckel und besonders die steil abfallende Nordflanke sind ein wahres Gemsenparadies. Im ganzen grossen Schongebiet vom Gerihorn bis zum Hohtürli sei das Gratwild nirgends zutraulicher als hier, belehrt uns der Führer. Als Wildhüter gibt er uns gleich eine Probe davon. Geräuschlos sind wir bis zum ersten steilen Grataufschwung angestiegen und halten, eng aufgeschlossen, kurze Umschau. Kein Steinchen fällt. Noch dringt helles Bachrauschen zu uns herauf. Alles andere hat der Frost zur Ruhe gebannt. Im fahlen Frühdämmer-licht erscheinen Grat und Gipfel silhouettenhaft. Da zupft mich der Führer: « Dort dort oben! » Und richtig, wie aus Erz gegossen steht wenige Meter über uns ein Prachtsbock zwischen Legföhren, Alpenrosen- und Wacholderstauden! Nicht im mindesten scheint ihn unsere Gegenwart zu stören. Wie wir uns aber bewegen, macht er Kehrt, und erst jetzt bemerken wir, dass unsere ganze Umgebung von Gemsen wimmelt. Ohne den geringsten Laut verziehen sie sich links und rechts der Gratschneide in sicherere Gegenden. Als grössere und kleinere Rudel weideten sie während unseres spätern Aufstieges friedlich auf tief erliegenden Bändern. Gemsenparadies!...

Und wieder zupft mich der Führer und weist nach oben: « So, Mandleni, hü! » In einem ersten, steilen Aufschwung flieht der Grat zur Höhe. Über Stufen und Bänder links und rechts der Schneide sucht hier jeder auf eigene Faust den « Weg », um dann unvermutet auf dem « Hubel » wieder zu der « Gesellschaft » zu stossen. Die Kletterei ist anregend und gibt den richtigen Auftakt für all das Kommende.

Vorsicht ist überall geboten, hier des losen Gerölls wegen, dort aus Respekt vor unsicher aufliegenden Rasenschöpfen. Die stetig zunehmende Tiefe in Nord und Süd mahnt zu sauberem Klettern.

Ganz unvermutet betreten wir den obersten Rasenbuckel im Grate. Abweisend gähnt vor uns eine tiefe, zersägte Scharte, und jenseits, durchflutet vom ersten Morgensonnengold, schnellt in kaum geahnter Schroffheit die Wand zum Vorgipfel hinan. Dort auf der äussersten Kante nach Süden werden wir uns den Anstieg zu erkämpfen versuchen.

Das Plätzchen, worauf wir lagern, ist geschaffen zum Plaudern und Sinnen, doch uns fehlt die Zeit. Kaum dass wir ein bisschen gefüttert haben, verbindet uns schon das Seil. Und fein säuberlich turnt der Führer in die erste Scharte hinein. Hier wird es jeglichem Pflänzlein zu steil, selbst die magern Wildheuplanggen bleiben zurück.

Nun linker Hand, untenherum über schlechtgriffige Dachziegelplatten. Oder...? Da rennen wir sauber an! « Uber allen Grat inha, sinne-n-i, u das gange mir! » erklärt Kobi. Jetzt zieht er los! Alle Register seiner vielgepriesenen Kletterkunst lässt er spielen. Das ist unbedingte Forderung. Lose liegt Stein auf Stein, als spotteten sie bisweilen jeglicher Schwergewichtstheorie. Stützpunkte findet weder Hand noch Fuss, so dass Aufräumungsarbeiten nach bekannten Mustern uns während einer Stunde nur langsam ansteigen lassen. Wahre Salven der losen Gesellen nehmen ihren Weg nach links und rechts zur Tiefe.Von den Aufschlagstellen brenzelt 's zu uns herauf. Behutsam kommen wir höher und biegen nun vom Grat nach rechts in die Wand hinein.

Eine schwach ausgeprägte Schlucht hinauf gewinnen wir rasch an Höhe und glauben schon, der Berg biete einstweilen keine ernsthafteren « Sachen » mehr, als wir nach einem hübschen Erker urplötzlich vor der Schlüsselstelle des Aufstieges stehen.

Nur ganz wenig von der Senkrechten abweichend, erhebt sich über uns, etwa 20 Meter hoch, eine böse Wandstufe. Zum Glück liegt hier fester Grund. Rauhes, schimmerndes Urgestein weist in schwindelndem Gang zur Höhe. Durchfurchte nicht eine schwach ausgebildete Rippe den trutzigen Felsgrind, kaum gäbe es ein Weiterkommen.

Des Führers vollendete Kletterkunst kommt hier voll zur Geltung. Mit flach aufgepressten Händen und angezogenen Knien stemmt er sich katzengleich zur folgenden Leiste empor. Dank ihm, er hat die Fahrt entschieden! Wir geben uns redliche Mühe, ohne die verlockende « Anziehungskraft von oben » durchzukommen, was indessen nur zum Teil gelingt. Schon sind wir alle wieder beisammen. Zu beiden Seiten, unter knappem Überhang, stürzt in glattem Plattenpanzer die Wand zu Tal, aus dessen blauer Tiefe grüne Weiden grüssen. Staunend überblicken wir unsern Herweg und geben uns Rechenschaft, was ein Versagen des Vordermannes an solcher Stelle bedeuten müsste.

Doch nun herrscht eitel Freude, denn der Vorgipfel ist nimmer fern. Wir betreten ihn vier Stunden nach Verlassen der Hütte. Herrlich ist die Aussicht auf die zum Greifen nahen Berge im Süden. Ein glänzender Bogen von gleissendem Hermelin funkelt vom Eiger bis zum Balmhorn. Dazu wogt jetzt knappe 100 Meter unter uns ein brodelndes Nebelmeer und erhöht unbeschreiblich packend die schimmernde Pracht. Lange verweilen wir auf der herrlichen Warte. Erst als vereinzelte Nebelschwaden zu uns herauf-branden, denken wir an den Weitermarsch.

Als turmbesetzte Schneide von durchwegs erstaunlicher Schärfe zieht der Verbindungsgrat, nur wenig ansteigend, südwestlich zum 1 km in der Luftlinie entfernten Hauptgipfel hinüber.

Da beginnt das alte Spiel auch schon von neuem. Lose aufgelegte Blöcke jeglicher Grösse und ohne Charakter krönen die Schneide.Von Turm zu Turm, von Scharte zu Scharte klettern wir, scheinbar endlos, bis ungefähr in der Mitte des Grates ein ausserordentlich tiefer und glatter Einschnitt den Weiterweg versperrt.

Doch nicht lange, denn drüben winkt ja der Steinmann, der Gipfel. Ein kurzes Seilmanöver zur Tiefe, ein menschlicher Steigbaum zur Höhe, und überlistet ist dieser Ausbund von einem « Chlack ». Nun ist der Widerstand des Berges gebrochen. In stoischer Ruhe lassen sich die noch verbleibenden Grinde überturnen, und 6 Stunden nach unserem Abgang auf Stierenquindli betreten wir den Hauptgipfel, 2746 m.

Aufbrodelnde Nebel verwehren uns fast nach allen Seiten hin den Ausblick. Doch was verschlägt 's! Herrlich ist das Gefühl des errungenen Sieges, und köstlich perlt ein guter Tropfen. Doch noch unendlich freudiger erfüllt uns die Gewissheit, zur Erschliessung des noch viel zu wenig beachteten Anstiegs über den Ostgrat etwas beigetragen zu haben.Arthur Dick.

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