Alpine Unglücksfälle 1888

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Alpine Unglücksfälle 1888 In dem nachfolgenden Verzeichniß sind diejenigen Unglücksfälle mit tödtlichem Ausgang aufgenommen worden, die sich wahrend des letzten Jahres beim Bergsteigen im Hochgebirge ereignet haben, nicht aber die zahlreichen Unglücksfälle, die unter den ständigen Be- wohnern der Alpen bei Ausübung ihres Berufes als Bauern, Sennen, Holzer, Jäger, Strahler u. s. w., oder auch beim Edelweißsuchen jedes Jahr vorkommen. Nur beiläufig angeführt sind ferner diejenigen Todesfälle, die sich nur zufällig gerade bei einer Bergfahrt ereignet haben und ebenso gut bei einem Spaziergang in der Ebene oder im Bureau oder Tanzsaal hätten vorkommen können. Wir zählen dahin den Fall Reinisch ( 8. Juli,, im Bruckgraben bei Gstatterboden, s. Oe. A. Z. Nr. 248 ), der durch Einsturz eines morschen Steges herbeigeführt wurde, den Fall des französischen Touristen Longner, der am 29. Juli in der Belachathütte auf dem Brévent ( Chamonix ) nach kurzer Krankheit starb ( s. Alpine Journal Nr. 102 ), den Fall Rudhardt ( August, Gschwandtnerberg bei Partenkirchen, s. Mittheilungen des D. u. Oe. A.V. Nr. 17 ), bei dem Schlagfluß als-Todesursache anzunehmen ist, den Tod des Fräuleins Adele Kaida ( 11. Aug., am Zeiritzkampl bei Admont, s. Mitth. D. u. Oe. A.V. Nr. 17 ), der, durch starkes Schnüren bei starker Anstrengung herbeigeführt, gerade so gut im Ballsaal, wie bei einer Bergpartie hätte passiren können, den plötzlichen Tod ( Schlagfluß ) des 64jährigen M. /. J. Reynold's auf dem Schaf berg-(17. August, Alpine Journal Nr. 102 ), und endlich den Fall des Dr. V. Schieck, der im August am Sursaß-paß von zwei Tiroler Schäfern ermordet wurde ( s. Mitth. D. u. Oe. A.V. Nr. 102 ).

Endlich fallen für den Zweck der Aufstellung einer vergleichenden Statistik der alpinen Unglücksfälle in Begehung auf führerlose und geführte Touren drei Fälle außer Betracht, die zwar direct mit dem Bergsteigen zusammenhängen, aber theils nicht hinlänglich aufgeklärt sind, theils durch Zufall oder Unvorsichtigkeit auf sonst leicht zugänglichem Terrain eingetreten sind, und am Uetliberg, am Rigi, Niesen oder am Moléson gerade so gut hätten passiren können, wie am Untersberg oder bei dem Fort de l' Olive bei Briançon^ Alpine Unglücksfälle 1888.393 Es sind die$ die Fälle des französischen Lieutenants Meyer, der seit dem Frühling 1888 vermißt und sogar als Deserteur kassirt, gegen Ende August aber todt in einem Abgrund unterhalb des Fort de l' Olive aufgefunden wurde ( s. Alpine Journal Nr. 102 ), des Hrn. J. Zulehner sen., der am 1. Mai mit seinem Sohne den Untersberg besteigen wollte, vom richtigen Wege abkam und über ein kaum 2 m hohes Wändchen todtfiel ( s. Oe. A. Z. Nr. 244 und Oe. Tour. Z. Nr. 10 ), und derjenige des französischen Professors Abel Ber-. gaigne, der am 6. August auf einem Spaziergang bei La Grave ( Dauphiné ) wahrscheinlich auf einem Fels ausglitt, einen Abhang hinunterkollerte und in einem Bachbette an einem Steine den Schädel brach. Wir müssen diesen Fällen noch, allerdings nicht ohne Be- denken, den Unglücksfall Attilio Sirtori's beifügen, der am 25. August allein die Forcola di Cristallina überschreiten wollte, in ca. 2400 m Höhe auf der Bedrettoseite auf dem Felspfade ausglitt, ca. 30 m tief in einen Wildbach abstürzte und von diesem über einen Wasserfall hinausgeschleudert wurde ( s. Mitth. D. u. Oe A.V. Nr. 18 ). Die Forcola di Cristallina ist allerdings ein rauher, wenig begangener Paß, dessen Pfad schlecht unterhalten und oft gar nicht erkennbar ist, aber der Unglücksfall ereignete sich, wie derjenige des Hrn. Sulzer-Ernst am Sanetsch, auf gebahntem Pfade, auf welchem allerdings, wie übrigens auf jedem einem steilen Abhang folgenden Wege, Achtsamkeit nöthig gewesen wäre. „ Luegit zu de Füßen ", ist ein alter, guter Oberländerspruch, und er gilt so gut im Wurzelwerk des Waldes der Voralpen, wie auf den schmalen Fußpfaden der Hochalpen.

Eliminiren wir diese neun Fälle, so bleiben uns immer noch 10 Unglücksfälle mit tödtlichem Ausgange übrig, die mit dem Bergsteigen nicht nur zufällig und local, sondern causal in Beziehung stehen. Acht von diesen 10 fallen auf die Alpen, je einer auf den Kaukasus und die Hohe Tatra. Wir führen sie in chronologischer Reihenfolge auf:

2. April. Raxalpe ( Niederösterreich. Kalkalpen ). L. Kutalek ( f ) und R. Schmitt, ohne Führer.

Die Beiden wollten den Berg über den sogen. Zerbenriegelsteig besteigen. Auf einer Wand oberhalb eines Schneefeldes glitt Kutalek beim Anstiege aus, stürzte ab und blieb todt unterhalb des Schneefeldes liegen. Die Touristen trugen keine Steigeisen und waren nicht angeseilt. S. Oe. A. Z. Nr. 241 u. Oest. Tour. Z. VIII Nr. 8.1 ) 18. Juli. Gerlsdorferspitze ( Hohe Tatra ). A. v. lirandis ( schwer verletzt ) mit dem Führer Johann Mahler ( f ).

Die Beiden brachen bei schlechtem Wetter vom Bade Schmecks zur Besteigung des höchsten Gipfels der Tatra auf, verloren, obwohl Mahler als ganz tüchtiger Führer galt, in Sturm und Nebel den Weg und stürzten über ein Eisfeld ab. S. Oe. A. Z. Nr. 249; Rivista mensile, Juli, Nr. 11.

25. Juli. Dachstein ( Ober-Oesterr. Kalkalpen ). 11. Thannhäuser ( f ), Dr. Zeitler ( f ) und L. Schön-metzler mit Führer Joh. Steiner.

Die Partie hatte trotz ungünstiger Schneeverhältnisse d«i Dachstein glücklich bestiegen; beim Abstieg von der Hünerscharte nun, an relativ unge- fährlicher Stelle, glitt Zeitler beim Ueberschreiten eines steilen Schneefeldes aus, riß Thannhäuser, der ihn halten wollte, mit, beide glitten über das Schneefeld hinab und wurden über eine Felswand hinausgeschleudert. Thannhäuser war sofort todt, Zeitler lebte noch einige Stunden. Die Tour wurde bei Neuschnee gemacht; die Touristen, drei auf einen Führer, waren nicht angeseilt und hatten statt Pickel nur Bergstöcke. S. Mitth. D u. Oe. A. V, 1888, Nr. 16; Oe. T. Z., Aug., Nr. 16.

11. August. Dent du Midi ( Wallis ). L. Ball ( f ) und R. F. Ball,ohne Führer.

Die beiden Touristen hatten den Berg mit einem Führer von Champéry bestiegen, entließen aber auf dem Rückwege bei dem Col des Paresseux den Führer und stiegen allein gegen die Alp Salanfe ab. Beim Abfahren über ein langes, nicht allzu stark geneigtes Schneefeld bildete sich eine Oberlawine. R. F. Ball wurde auf ein Felsplateau geworfen und leicht verletzt, L. Ball dagegen wurde in ein Couloir gerissen und von der Lawine begraben. Nach den ersten Berichten über den Unglücksfall hätte der Führer die Touristen vor diesem Abstiege gewarnt, ohne Gehör zu finden. Ein Brief Mr. R. F. Ball's an das Alpine Journal sagt hierüber nichts. S. Neue Zürch. Ztg., 1888, Nr. 230, Oe. A. Z. Nr. 252 u. 256, Alpine Journal Nr. 102.

17. Aug.Weisshorn ( Wallis ). G. Winkler ( f ).

Hr. Winkler, ein angehender Student, vorzüglicher Kletterer, der am 13. August allein das Zinàlroth-horn bestiegen hatte, bezog am 16. ein Bivouac ober-lialb Arpitetta, um wieder allein das Weißhorn ( 4512 m ) zu traversiren, und ist seither verschwunden. Die dritte der Führerexpeditionen, die nach ihm auf die Suche geschickt wurden, fand seine Spuren am 29. Aug. unten an einer frischgefallenen Lawine. S. Echo des Alpes 1888, Nr. 3; Oe. A. Z. Nr. 252; Alpine Journal Nr. 102.

26 19. August. Monte Cristallo ( Dolomite v. Schluderbach ). R. Wisbeck und G. Dimroth ( verletzt ) mit Führer Mich. Innerkofler ( f ).

Nach gelungener Besteigung des Cristallo wollte die Gesellschaft unterhalb des Cristallopasses eine Querspalte überschreiten; die Schneebrücke brach unter Wisbeck ein, dieser fiel in den Schrund, riß-Dimroth nach, und Innerkofler, der nicht festen Stand hatte und die doppelte Last nicht aufzuhalten vermochte, wurde im Bogen abwärts geworfen und brach den Schädel am Rande der Spalte. S. Oe. A. Z. Nr. 251; Mitth. D. u. Oe. A. V. 1888, Nr. 17 u. 18.

20. August. Dent du Midi. A. Pietri ( f ) mit vier anderen deutschen Handwerkern, ohne Führer, ohne Pickel und Seil.

Die Gesellschaft hatte, den Spuren einer andero Partie folgend, die Haute Cime bestiegen. Beim Abstiege glitt Pietri auf einem steilen Schneehang oberhalb des Col des Paresseux aus und stürzte über die Wand gegen Salanfe ab. S. Oe. A. Z. Nr. 252; Alpine Journal Nr. 102.

30. August. Dych-Tau-Gebiet ( Central-Kaukasus ). W. F. Donkiti und Harry Fox mit den Führern Kaspar Streich und Joh. Fischer ( alle f ).

Am 25. August brach die Gesellschaft von Bezingï auf, um ein Bivouac auf der linken Seite des Doumala-gletschers zu beziehen. Am 26. stieg sie den Doumala-gletscher hinauf in der Richtung gegen den Dych-Tau und kehrte am 28., wahrscheinlich nach gelungener Besteigung des Dych-Tau oder des Mala-Tau, sehr guter Dinge in das Bivouac zurück. Am 30., Morgens 3 Uhr, brach sie wieder nach derselben Richtung auf und ist seither verschwunden geblieben. Wiederholte Expeditionen zum Aufsuchen der Verschollenen blieben ohne Resultat, und im October trat starker Schneefall ein, der weitere Nachforschungen unmöglich machte. Da Ende August das Wetter in jener Gegend gut war, und sowohl Touristen wie Führer Bergsteiger ersten Ranges waren, so ist wohl eine Lawine als Ursache des erschütternden Unglücks anzunehmen. S. Alpine Journal Nr. 102.

16. August. Presenapass ( Adamellogruppe ). G. Rudd ( f ) ohne Führer.

Am 14. August verließ Mr. Rudd, ein amerikanischer Maler, Ala, um nach Bormio zu wandern, wo er am 18. eintreffen sollte. Am 15. war er Mittags in Pinzolo und Abends in der Bedolehütte am Fuß des Adamello, wo er übernachtete. Am 16. schrieb er noch seinen Namen an die Thüre der 21i » Stunden weiter oben gelegenen Leipzigerhütte und ist seither verschollen. Da der Presenapaß, den er überschreiten wollte, ein ziemlich hoher ( 2940 m ), aber leichter Gletscherpaß ist, so ist anzunehmen, Mr. Rudd, der allein ging, habe in einer Gletscherspalte den Tod gefunden. S. Alpine Journal Nr. 102; Riv. mensile, Aug., Nr. 10.

23. September. Manhart ( Julische Alpen ). Genie-Oberlieut. Valenta ( t ), Lieutenant de Val, ohne Führer.

Die beiden Offiziere beabsichtigten von Raibl ( am Predilpaß, Kärnten ) über das Manharthaus und die Lahnscharte nach Weißenfels zu gehen, verfehlten im Nebel den Weg und versuchten von der Traunik-scharte über felsgestufte Steilhänge abzusteigen, wobei der vorangehende Valenta abstürzte und den Schädel brach, während es de Val gelang, zurückzusteigen. Während die Lahnscharte leicht ist, gilt die Traunik-scharte als ziemlich gefährlich, zumal bei nebligem Wetter und vorgerückter Tageszeit. Außerdem sollen die beiden Offiziere nicht zur Bergwanderung ausgerüstet und namentlich nicht mit Bergstöcken versehen gewesen sein. S. Oe. T. Z., VIII, Nr. 20 1 ).

Von diesen 10 Fällen kommen demnach 6 ( Nr. 1, 4, 5, 7, 9 und 10 ) auf führerlose Touren und nur 4 auf solche mit Führern, wobei zu bemerken ist, daß bei Nr. 3 ( und vielleicht auch bei Nr. 6 ) die Fuhrerzahl im Verhältniß zur Touristenzahl zu klein war. Die Zahl der Unglücksfälle mit tödtlichem Ausgang ist also bei den Touren ohne Führer schon absolut größer, als bei denjenigen mit Führer; berücksichtigt man aber, wie ungleich mehr der letzteren ausgeführt werden, so stellt sich das Verhältniß für die führerlosen Touren noch weit ungünstiger. Der Schluß daraus liegt auf der Hand: die Gefahren des Bergsteigens treten bei führerlosen Touren unzweifelhaft viel häufiger zu Tage, als bei solchen, die mit Führer ausgeführt werden. Deshalb die führerlosen Touren schlechtweg verbieten zu wollen, wird Niemandem im Ernst einfallen; denn daß es durchaus zulässige führerlose Touren im Hochgebirge gibt, ist unbestreitbar, und zwischen zulässigen und unzulässi-gen führerlosen Touren läßt sich eine scharfe Grenze nicht ziehen; am wenigsten kann, wie das hie und da angenommen zu werden scheint, die Schneelinie als solche Grenze gelten. Wohl aber ist es, angesichts der ziffermäßig constatirten größeren Gefährlichkeit führerloser Touren, für Jeden, der solche unternehmen will, ernste Pflicht, seine und seiner Gefährten Uebung und Tüchtigkeit, die Ausrüstung und die äußeren, von der Leistungsfähigkeit des Bergsteigers unabhängigen Umstände, wie Witterungs- und Schneeverhältnisse, noch ernstlicher und gewissenhafter abzuwägen, als dies ohnehin bei jeder Hochtour geboten ist.

Vollends ungünstig ist das Resultat dieser Zusammenstellung für die Beurtheilung des Alleingehens im Hochgebirge, gleichviel, ob wir nur die besprochenen 10 Fälle oder, was in dieser Frage wohl gerechtfertigt ist, auch die Eingangs erwähnten Fälle Schieck, Meyer, Bergaigne und Sirtori in Berücksichtigung ziehen. Im ersteren Falle treffen 2 Unglücksfälle von 10 ( Winkler und Rudd ), also 20 °lo, auf Alleingänger, im letzteren 6 von 14, also 43 °,'o, ein erschreckend hoher Prozentsatz, wenn wir bedenken, wie verschwindend klein die Zahl der alleingehenden Bergsteiger, namentlich oberhalb der Schneelinie, ist.

Das Unterfangen Winkler's, allein das Weißhorn von Zinal nach Randa zu traversiren, ist nicht mehr kühn, sondern tollkühn zu nennen, und daß ihm drei Tage früher ein ähnliches Wagestück am Zinalrothhorn geglückt war, ändert an der Sache nichts. Wer solche Touren allein ausführen will, gleicht dem Kinde, das probirt, wie hoch man ein Glas fallen lassen« kann, bis es zerbricht, allerdings mit dem nicht unwesentlichen Unterschiede, daß der eigene Hals das Glas ist, das endlich einmal brechen muß. Aber auch die anderen Fälle, Schieck, Meyer, Bergaigne, Sirtori, Rudd, möglicherweise auch der Fall Rudhardt, sprechen gegen das Alleingehen. Kann ja doch ein an sich unbedeutender Unfall, eine Verstauchung des Fußes, ein Unwohlsein, ein Fall, der vorübergehende Bewußtlosigkeit oder Unfähigkeit, sich weiter zu bewegen, zur Folge hat, da den Tod bringen, wo die Gesellschaft eines einzigen Kameraden Hülfe gebracht hätte. Auch beim Bergsteigen gilt, allerdings in etwas anderem Sinne, der alte Spruch der Schöpfungsgeschichte: es ist nicht gut, daß der Mensch allein seiRed.

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