Alpsteintraversierung — unser vier zum halben Tarif

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VON CHARLES MOTTIER, GENF

Ein Titel, der einige Erklärungen erfordert. In dieser Zeit, wo sich die Kinder ( und auch die Erwachsenen ) an romantischen illustrierten Geschichten voller französischer Phantasie ergötzen, wird man die drei ersten der vier Erix, Denyx, Cousins gleichen Alters, und Claudixe nennen; sie zählen zusammen 35 Jahre. Die Grosszügigkeit unserer teuren SBB, deren Tarife wie wir periodisch hinaufklettern, erlauben dem vierten ( nennen wir ihn Carolix, um im gleichen Rahmen zu bleiben ), zum halben Tarif zu reisen, denn er ist einer der alten Garde.

Samstag, den 11. Juli, steigen alle vier um 14 Uhr in Brülisau aus dem Postauto; der Himmel ist grösstenteils bedeckt, und auf dem rauhen, steilen Weg kann man, ohne stark zu schwitzen, dem herabstürzenden Brüelbach folgen. Touristen, die es eiliger haben als wir, sind zwischen ihren eigenen und den Verproviantierungssäcken für die Gasthäuser oben in einem Jeep eingeklemmt; einer von ihnen thront wie eine Kühlerfigur vorn auf dem Fahrzeug. Wir leisten uns keine solchen « Kunststücke ».

Unser erstes Ziel besteht darin, die beiden bezaubernden Bergseen, den Sämtiser- und den Fälensee, in ihren abgelegenen Talbecken zu besuchen. Der erste ist lieblich und ruht umrahmt von Wäldern und Weiden, während der zweite mit einem Bergler mit gerunzelter Stirne zu vergleichen ist - « es kräuselt der See »; die nahe zusammendrängenden steilen Bergflanken sowie die wilde örtliche Natur lassen ihn düster erscheinen. Der Berghang lässt dem Weg, der sich dem See entlang zieht, gerade noch Platz; seine ernste Schönheit wird sich besonders dann zeigen, wenn ein Bergwetter seine Fluten aufwühlt und die Umgebung verdunkelt. Nicht zu vergessen ist die Fälenalp, Tummelplatz für das Vieh, eine Alp, welche die Einsamkeit dieser grossartigen Landschaft unterbricht. Um sie vom Sämtisersee her zu erreichen, folgt man dem Weg, der eine Felsstufe von hundertfünfzig Metern überwindet, und gelangt zur Bollenwees ( 1450 m ), von wo man den Fälensee von oben in seiner ganzen Länge überblickt.

Carolix will noch mehr sehen; innert dreissig Minuten steigt er zur Saxer Lücke ( 1649 m ) auf und wieder ab, um die gewaltigen Kreuzberge aus der Nähe zu betrachten, diese vertikalen, überhängenden glatten Kalkpfeiler, die das Gleichgewicht zu verlieren drohen und welche an den Pierre-qu'Abotze erinnern, aber viel grossartiger sind. Von der Lücke fällt der Blick in das Rheintal und das Fürstentum hinunter; dieser Aussichtspunkt ist einen Aufstieg wert. Beim Abstieg entzückt die heitere und grüne Talmulde von Furgglen, ein anderer Übergang, der die beiden Seen verbindet.

Um 18 Uhr verlässt unsere Gruppe Bollenwees Richtung Meglisalp, wo die Schlafraumplätze reserviert worden sind, denn es ist Wochenende. Obwohl der Weg noch sehr weit ist, halten wir an, um den akrobatischen Künsten eines unter einem anderthalb Meter breiten Dach aufgehängten Kletterers zu folgen, der diesen Überhang überwinden will; das interessiert natürlich die Nachkommenschaft lebhaft und erweitert ihren Horizont.

Am Fuss der Felsstufe zweigt ein Fussweg nach links in den Berghang ab, der zur Widderalp ansteigt. Während der Verschnauf halte freut man sich an der abendlichen Aussicht auf das Säm-tisertal und seinen reizvollen See. « Es lächelt der See » Weiter oben holt uns der Hüttensenn ein; er hält Claudixe, 9 Jahre alt, welche die Nachhut bildet, einen langen Vortrag in seinem Dialekt; sie hört ihm mit verdutzter Miene geduldig zu und fragt sich, wie man eine so sonderbare Sprache reden und verstehen könne. Dann überholt uns der Redner, um auf dem Bötzel Proviant zu holen.

Endlich, um 20.30 Uhr, kommen wir auf dem Sattel ( 1856 m ) an, von wo aus man die Bergflanke der « Freiheit » auf Schnee- und Geröllhängen traversieren muss, um zu Punkt 1865 zu gelangen. Man lernt dabei den Fuss sicher im Schnee aufsetzen, indem man die Spitze nach vorn in die Fussstapfe des Vorgängers einschlägt, um einen guten Stand zu erreichen, und auch in den Geröllpartien mit dem Fuss flach auftreten. Das Tempo ist nicht schnell, und die Nacht bricht an. Auf einem Schneehang rollt plötzlich ein Hut davon, überschlägt sich dann und bleibt liegen; er wird ohne andere Unannehmlichkeit als eine weitere Verspätung zurückgeholt. Alle sind sehr froh, den zweiten Sattel überschritten zu haben, obwohl der weitere Weg noch sehr steinig und in der Nacht schwierig zu begehen bleibt. Die beleuchteten Fenster des Gasthauses unten auf der Meglisalp flössen der Gruppe wieder Mut ein. Um 21.30 Uhr treffen wir am Ziel ein und finden eine grosse Menschenmenge bei Musik und Tanz vor. Nachdem der Appetit befriedigt und der Durst gestillt ist, beziehen wir unverzüglich den Schlafraum.

Am folgenden Tag herrscht besseres Wetter; jedoch wird vom Säntis auf die von uns veranlasste Anfrage des Gastwirtes gemeldet, dass der Weg des weichen Schnees wegen ausser für Alpinisten mit Pickel und Seil unpassierbar sei; ferner bestehe keine Aussicht: der Gipfel stecke im Nebel. Wir können hier schon sagen, dass wir ihn aus dem gleichen Grund während der ganzen Reise nie zu Gesicht bekamen. Nun, so werden wir den Rotsteinpass überschreiten, was immerhin einen richtigen Aufstieg in Aussicht stellt; unsere kleine Gesellschaft wird ohne merkliche Mühe damit fertig, mit Ausnahme des vierten, dessen Sack vorsichtshalber verschiedenes Ausrüstungsmaterial und Reserveproviant enthält, um Unvorhergesehenem und Überraschungen wegen schlechten Wetters zu begegnen.

Um uns abzulenken und die Kinder zu belehren, macht sich der Berg bemerkbar: mehrere rauschende Schneerutsche springen zu unserer Linken wie Sturzbäche von Felsabsatz zu Felsabsatz die hohe Wand herab; es ist also ratsam, vorsichtig und an Stellen mit Schneesammlungen auf der Hut zu sein.

-Sieh da! Pferde!

Eine Gruppe von drei bepackten Saumtieren - es sind Maultiere - kommen vom Pass herunter. Beim Vorübergehen stellt man fest, welch sicheren Tritt die Tiere in diesem heiklen Gelände haben; es lässt sich auch erklären, warum Proviant und Getränke, die der Gastwirt auf der Passhöhe oben anbietet, mit zusätzlichen, aber doch noch mässigen Taxen belastet sind.

Jetzt steigen auch noch zwei junge Mädchen des Gasthauspersonals ab. Es ist Sonntag; sicher gehen sie nach Meglisalp, um ein wenig zu tanzen; sie tragen nicht ihre Volkstracht mit der prächtigen Spitzenhaube, dafür in der Hand einen kleinen Transistor-Radio, der hin- und herpendelt und die neuesten Schlager ertönen lässt.

Von unten gesehen, wirkt die Altmann-Nordwand sehr abweisend; dennoch sind auf der Karte Wege darin eingetragen. Auf der Passhöhe ( 2120 m ) angekommen, sehen wir mehrere Kletterpartien absteigen, was beweist, dass diese Felsen ein günstiges Übungsgelände für begeisterte Kletterer sind.

Während unseres Picknicks kommen die Dohlen, im Flug hin- und herwippend, bis auf weniger als einen Meter zu uns heran, picken auf, was wir von unserem Essen übriglassen, entfernen sich wieder und erscheinen aufs neue mit kunstvollem Flügelschlag; ihre flinken, graziösen Rundflüge ergötzen die Kinder... und ihren Führer.

Schon beim Aufstieg haben wir auf dem Weg ziemlich viel Schnee angetroffen. Aber beim Abstieg zum Schafboden, wo er tief und durchnässt ist, stapfen wir im « Pflüder »; auch muss die Kleinste, welche über kalte und nasse Füsse klagt, getröstet werden; notdürftig und im Nebeltreiben ersetzt man eines der Sockenpaare durch mehrere Zeitungspapierblätter, die man um die Füsse wickelt, während andere Blätter die Sohlen bilden; dann schlitzt man zwei Plastiksäcken den Boden auf, befestigt diese an den Hosenstössen anstelle von Gamaschen, damit der Schnee nicht in die Schuhe eindringen kann. Beruhigt und aufgemuntert bricht Claudixe wieder frohgemut auf, um so eher, als sich das Bergleben aufs neue offenbart: Drei gellende Piffe - ein Vogel? Nein, es ist das Alarmsignal eines Murmeltieres auf Wachtposten; aber schon ist es wieder verschwunden; oder aber - ein starker Knall widerhallt im Talbecken: ein grosser Felssturz, der von der Wand zu unserer Linken herabrollt und uns anhalten lässt. Es ist drollig zu sehen, wie Blöcke auf den Felsen aufprallen und hoch im Bogen wieder aufspringen, wobei sich diese Sturzbahn weiter unten wiederholt, während das Geröll wie ein Wasserfall herabfliesst; all dieses Material speist eine Geröllhalde, die in der Nähe der Hütten endet.

Am Südhang entfaltet die Flora ihre mannigfaltigen und bunten Farben. Die zarte Soldanelle wartet nicht, bis der Schnee geschmolzen ist: ungeduldig drängt sie hindurch, um ihre feingefransten Glöckchen im hellen Sonnenschein zu schaukeln. Sie war die Lieblingsblume unseres ehemaligen Präsidenten der Sektion Genf, Oberstdivisionärs Grosselin, und brachte einen Spassvogel auf den Einfall, dass ihr Name wie Soldat beginnt und wie Colonel endet!

Richtet man den Blick nach oben, so entdeckt man, wie gezackt, auf mannigfaltige Art geformt, verwittert und zerfallen die Grate des Massivs sind; es zeigen sich Couloirs, Steinschlagrunsen, glatte Wände, hier ein kleines Matterhorn, dort eine Pyramide, deren eine Flanke senkrecht emporstrebt, am Horizont Zacken wie Säge- oder Kammzähne; jeder Geschmack kommt auf seine Rechnung, und wir bekommen eine gute allgemeine Vorstellung von dieser Berggruppe, deren Hauptgipfel, der Säntis, allerdings beharrlich im Nebel verborgen bleibt.

Endlich erreichen wir das obere Ende einer neu erstellten Strasse, steuern aber so hastig auf sie zu, um dem steinigen Weg zu entgehen, dass wir die Abzweigung nach links verfehlen, auf der wir Gamplüt hätten erreichen sollen. Wir bemerken den Fehler zu spät und machen einen Umweg über Chüe-boden, einen unangenehmen Wiederaufstieg auf die obere Strasse, um nach Wildhaus zu gelangen. Wir finden dort in der Rösliwies gute Verpflegung und Unterkunft, was die eine Zeitlang verdorbene Laune wieder herstellt. Die Kinder lernen hier auch noch das Geburtshaus und das Denkmal von Huldrych Zwingli kennen.

Am Montag wird der Wegabschnitt nach Stein ( Toggenburg ) bei schönem Wetter mit dem Postauto überbrückt, denn nun wollen wir die Vorder Höhi ( 1527 m ) überschreiten. Der Fussweg führt nahe dem Wildbach entlang, wobei wir unser Wissen vertiefen: der Dürrenbach fällt von einer Ein-dämmungsschwelle zur andern; die aufeinanderfolgenden Absätze werden von riesenhaften Blöcken von mehr als einer Tonne Gewicht gebildet, und unsere Jungmannschaft begreift, warum in der Schweiz jedes Jahr mit Hilfe des Bundes Millionenbeträge für Arbeiten aufgewendet werden müssen, um Verwüstungen, welche die Wildbäche während der Schneeschmelze und bei heftigen Gewittern verursachen, zu verhüten.

Weiter oben, auf einen guten Kilometer Länge, verwandelt sich der Weg in einen grundlosen Morast; der Schnee ist besonders dieses Jahr sehr lange liegengeblieben, so beharrlich, dass beim Alpfaufzug das Vieh den wasserdurchtränkten Boden gründlich zerstampft hat. Mit unsicherem Gleichgewicht balancieren wir den schmalen Rändern der grundlosen Wegkehren entlang. Bis jetzt hat uns eine angenehme Brise den Aufstieg erleichtert, aber nun überfallen und plagen uns Fliegen und Bremsen; Viehherden und Ställe sind nahe, und so kommen zu den Belästigungen durch die Insekten auch noch ihre « Düfte » hinzu.

Das schöne Wetter verhindert nicht, dass um die Mittagszeit Nebelwolken über den Pass ziehen und die Gipfel der Churfirsten, den Glärnisch und andere Gipfel einhüllen.

Beim letzten Abstieg unserer Reise halten wir einige Minuten an, um eine charakteristische Tätigkeit des Bergbauern zu verfolgen. Während eine Frau und einige junge Mädchen das trockene Heu am Wiesenhang zusammenrechen, bindet der Mann in weisser Bluse einen mannshohen Haufen zusammen; mit aufgestülpter Kapuze gleicht er dem Bauern auf unsern Fünflibern. Jetzt bückt er sich unter die Last, nimmt sie auf die Schultern, zieht sie mit gebeugten Knien auf seinen Rücken, und sobald sie im Gleichgewicht ruht, erhebt er sich mit einem kraftvollen Ruck und trägt das Bündel langsam, gemessenen Schrittes auf den Heuboden. Es ist eigenartig zu sehen, wie sich das Vorbild auf seinen etwa zehnjährigen Sohn überträgt; dieser führt die gleichen Bewegungen mit einer seinem Alter und seiner Kraft angepassten Last aus. Das Leben der Bergbauern ist nicht leicht und beginnt schon im Kindesalter, wie sich unsere kleinen Touristen überzeugen konnten.

Ein Bonbonpapier wird auf die Strasse geworfen. Nein, das darf nicht sein! Der kleine Sünder wird aufgefordert, es aufzulesen, und belehrt, das Papier zu einer kleinen Kugel zusammenzuknüllen und im Gras eines Grabens oder in einem Gebüsch zu verstecken. Nach unsern Picknicks werden unsere Fruchtschalen und andere Abfälle unter einem grossen Stein abgelegt; bei festen oder Plastikverpackungen muss man abwarten, bis man einen Abfallbehälter findet, um sich ihrer zu entledigen. Daheim lässt man seine leeren Schokoladeschachteln auch nicht auf dem Fussboden liegen.

Wir treffen um 15 Uhr in Amden ein, wo uns eine prächtige Aussicht nach allen Seiten erwartet; wir bummeln vergnügt umher und verzichten darauf, nach Weesen weiterzuwandern, sondern verbringen die Nacht in einem komfortablen Schlafraum.

Am Dienstag herrscht sehr schönes Wetter, und die Gipfel treten klar hervor, unter anderen der Glärnisch und vor allem uns gegenüber der kühne Mürtschenstock, auf der andern Seite des Walensees. Ein herrlicher Morgenspazierung erlaubt uns, in Musse diesen prächtigen Fleck Erde zu bewundern; mit dem Blick auf den direkt unter uns liegenden See erreichen wir Weesen, den Endpunkt unserer Reise.Ich empfinde ein tiefes Gefühl der Befriedigung - und auch der Dankbarkeit den Bergen gegenüber, die mir altem, die Last seiner fünfundsiebzig Jahre tragenden Berggänger noch die Gelegenheit und Freude gewährten, seine Enkelkinder in ihre Schönheiten einweihen zu können, die sie dem aufmerksamen Betrachter offenbaren, sie auf den Respekt hinzuweisen, den man ihnen schuldet, und auf die Gefahren, die sich einstellen können; vor allem, dass es mir vergönnt war, sie dieses so verschiedenartige Alpsteinmassiv erleben zu lassen. Wir aus dem Westen des Landes haben selten Gelegenheit, es leicht zu erreichen. Ein Besuch des Alpsteins lohnt sich aber wirklich, denn er ist von einem Netz von Fusswegen durchzogen, die den Zugang in alle Talkessel, zu den Gipfeln, den freundlichen Tälern, langgezogenen Graten und grünen Weiden erleichtern; sein Name ist charakteristisch für ihn: Alp und Stein.

Wie endet nun unsere Geschichte? Man hätte annehmen können, dass die jungen Touristen so müde wären, dass sie am Ende dieses letzten Fussmarsches die wohlverdiente Ruhe geniessen würden; die Luft ist aber so mild und angenehm, der spiegelnde See lockt, verführt - « es lächelt der See, er ladet zum Bade ». Sie sind so liebenswürdig, ihren Führer als würdigen Abschluss der gelungenen Reise zu einer Kreuzfahrt... im Pedalo mit vier Plätzen zum vollen Tarif einzuladen.

( Übersetzung: Jakob Meier )

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