Auf den Ötztaler Gletschern | Club Alpino Svizzero CAS
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Auf den Ötztaler Gletschern

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Von Wallher Flaig.

Im grossen Eis ist das Abenteuer zu Hause. Deshalb ziehen wir in die mächtigen Eisgruppen der Westalpen. Wer die « Grosse Fahrt » noch steigern will, der packt die Eishöhen zur stürmischen Winterszeit an. Hat er sich wochenlang mit den Westalpenriesen herumgeschlagen, dann dünkt er sich erhaben über die Ostalpenberge, und manche « Kanone » lächelt, wenn sie einen begeisterten Jünger von Ötztalern oder Tauern, von Zillertaler oder Stubaier Alpen schwärmen hört. Aber wer die prächtigen Grate der Tauern überstieg, die wilden Eisbrüche und Schneiden der Zillertaler sah, die gewaltigen Eiswüsten der Ötztaler auf Skis durchzogen hat, der lernt um, zumal wenn ihm so ein Empfang zuteil wird wie mir im Gurgler Gebiet. Schon die Autofahrt über eisglänzende und eisgepanzerte Strassen, an Abgründen hin, durch das riesenlange, oft schluchtartige Ötztal ist ein Abenteuer!

Da stand ich nun vor den Gurgler Eishöhen und sah, dass dies trotzige Kerle waren, die sich nirgends in den Westalpen zu schämen brauchten. Märzenstürme und Märzensonne hatten die Berge vom Tal bis zu den Graten eingeharscht und eisgepanzert. Man fuhr wie auf Stein, Stahl und Glas. Die Bretter knatterten und knallten.

Dann schneite es, und wir packten den edelsten Gipfel dort, den Hohen First, an. Er ist 3414 m hoch und liegt ganz hinten im Gaisbergtal, aus dem ein Gletscher herabwallt. Er gab uns eine Nervenprobe auf, die wir unser Lebtag nicht vergessen werden. Im Sturzbereich eines mächtigen Hängegletschers mussten wir ansteigen und waren unbeschreiblich froh, als wir heraus waren aus dieser argen Mausefalle. Kaum waren wir entschlüpft, krachte der halbe Gletscher herab! Ein grausiges Schauspiel vor unseren Augen. Auch in den Westalpen habe ich keine grössere Laue gesehen. Wohl anderthalb Stunden gingen wir beim Abstieg zu Fuss über das meterhohe Trümmerfeld ab, immer die grausame Drohung, blaugehöhlte Brüche, im Genick.

Zuvor aber zauste uns der « First » mit Wetter und Wind. Ein schneidiger Felsgrat, steiler und getürmter als der am Finsteraarhorn. Viel, viel Schnee und im Abstieg dichter Schneefall. Nebel- und Dämmerabfahrt durch die Spalten, in deren eine ich schon im Aufstieg eingebrochen war. Dann Nacht-abfahrt über verblasene Steilhänge...

Am Granatenkogel hatte es schon Steilhänge gegeben, die sich « gewaschen » hatten. Freund Evers, ein halber Anfänger in den Gletscherbergen, staunte über die Wildheit dieser Alpen. Ich klomm hinüber über den Gipfelgrat zum Signal und sah durch ein grosses Nebelmeer die Dolomiten heraus-stossen — formverlorene Berge von sagenhafter Schönheit, die ja auch ein Andreas Fischer bewunderte und vielverwöhnte englische Bergsteiger bestaunten.

Bald darauf wurde uns eine Bildfolge wildester Alpenlandschaften geschenkt, die man nur in den winterlichen Ötztaler Alpen zu schauen bekommt: die Gurgler Schlucht. Die Gurgler und die Venter ( Rosener ) Ache, die bei Zwieselstein zusammenfliessen und die Urquellen der Ötztaler Ache sind, brechen sich von den Gletschern her ihre Bahnen durch gewaltige, kilometerlange Felsenschluchten. Und gerade diese benützt der Wintermann als Anmarschwege! Der Aufstieg durch diese Schluchten lohnt tatsächlich eine Reise ins Ötztal.

Die Talhänge sind zu gefährlich, berüchtigte Lauenzüge ohne Ende. So taucht man denn in diese Urgesteingassen, die sich oft turmhoch, schwarz, senkrecht, links und rechts erheben, oft auf grosse Strecken fast dunkel sich schliessen, oft weithin mit Eisvorhängen — blau und grün — überwallt sind. Anfangs stehen noch prächtige Zirbeln im Kampf mit den Naturgewalten hoch im Gewände. Aber dann werden sie verdrängt. Ungeheure Lauenen sind von beiden Seiten in die Schluchtgräben gestürzt. Ihre gewaltigen Kegel überklettert man, schlüpft wieder in einen finsteren Canon, wo die überschneite Eisdecke des Baches aufgebrochen ist und seine tiefen, klaren, eiskalten Wasser unheimlich strudeln, in eisumgürteten Töpfen. An ihren Rändern pirscht man sich entlang, manchmal zu Fuss, ein unbehaglicher Gang, verderblich für den Alleingänger. Einer stürzte — wenige Tage nach unserem Durchmarsch — in einen solchen schrecklichen Strudeltopf und kam um, nachdem er ( wie die Spuren bewiesen ) einen verzweifelten und doch vergeblichen Kampf mit den glatten Eiswänden durchgefochten hatte.

Hinter den Schluchten kommen die Gletscher und Gipfel — schöne, stolze Kerle, jede Gruppe mit ihrem überragenden Herrscher in der Mitte.

Vom neuen Hochjochhospiz aus stiessen wir dann in die Gletscherweiten der Weisskugelgruppe vor. Mir waren ein Dutzend Läufer anvertraut, um sie in die Hochalpen einzuführen. Das war eine Lust. Wir erstiegen zunächst den Fluchtkogel, 3514 m, der uns gleich wieder bewies, dass er ein Berg unter Bergen ist, denn ohne Eispickel wären wir dort an seinen Eishängen gescheitert! Und der Kesselwandferner bot dazu das Schaustück seiner Eistürme.

Aber welch ein Erleben brachte erst der folgende Tag! Er galt der Finailspitze, die genau gleich hoch ist wie der Fluchtkogel, aber gerade entgegengesetzt liegt und daher mit Nordanstieg und -abfahrt guten Schnee versprach.

Richtig. Wir fanden Pulverschnee « in hellen Mengen », durch die wir flott in edlen, weitgeholten Bogen emporzogen. Aber droben hüllten uns bei grosser Kälte die Nebel ein. Wir ertasteten den Bergfuss, schnallten ab und wühlten uns empor. Es war steil, sehr steil. Aber die Krone trug der Gipfelgrat, wo wir plötzlich über den Wolken standen, vor einer Schneide! Eine Schneide! Herrgott, das war ein Grat! Silberglänzend, neuschnee-verpulvert, überwächtet und steil unterbaut. Einige wenige pirschten sich mit durch zur Spitze. Links und rechts zischten die Staubschlangen hinab. Aber das Nebelmeer glänzte und über ihm die höchsten Spitzen wie silberne Dächer, Dome, Kuppeln und Türme.

Am Hauslabjoch sammelten wir uns wieder. Und nun schossen wir los! Immer einer musste vorfahren — als Spitzenreiter. Und hinter ihm jagte die Meute. Bald war die Nebelschicht durchstossen, auch brach Sonne durch. Jetzt begann eine Sausefahrt ohnegleichen. Ein Dutzend gute Läufer, wohl geschult. Pulverschnee, oft wie ein Traum so schön.

Da — dort jagt der Vorläufer schon dahin und dicht auf die Meute! Jetzt ein Schwung. Eine Wolke fliegt wie eine spritzende Woge. Und noch zwölfmal glitzert die Wolke am selben Ort! Fort sind sie. Lachend sammeln sie sich ob der Gletscherzunge, und schon stösst der erste wie ein Vogel in die Mulde hinab. Der zweite, der dritte, alle. Ein Dutzend Silberfahnen flattern im brausenden Fahrtwind. Geduckte Gestalten fliegen in kerzengeraden Schüssen dahin, als wären sie der Erde entbunden. Sie brüllen vor Uberlust, für die es noch keine Worte gibt, denn als man unsere Sprache erfand, wusste man noch nichts vom Flug durchs weisse Meer.

Die Weisskugel steht mitten drinn im Kristallmeer. Sie schwingt eine silberne Peitsche über dem Eishelm. Mit dieser « Waffe » haut sie uns das erstemal zurück. Aber wir lassen nicht locker. Es kam für klaren Tag, der vor Frost krachte und im Sturm rauchte und dröhnte, Höhensturm. Die Peitsche.

Aber wir stossen vor über den grossen Hintereisferner, der mich an den alten, grossen Aletsch erinnert. Ja, hier im Innern der Ötztaler ist dieselbe Polarlandschaft wie in den Bernern um Korkordia und Finsteraar. Jene Weite, die ich so liebe.

Aber jetzt ist sie sturmüberbraust und frostdurchzogen. Stumm kämpft der Trupp mit diesen schlimmsten Feinden des Wintersteigers. Am Hintereisjoch — schon 3465 m hoch — umknattert uns der Wehschnee. Ein Stück hinauf noch und die Hölzer abgeschnallt. Eingerammt, Pickel her, vorwärts!

Wir erreichen die Schneide. Der Sturm tobt. Schneeguxen zischen. Der Wind orgelt am Grat. Einige kehren um. Wir überklettern den Grat nicht ohne Not. Aber diese Weisskugel muss her. « Das war'gelacht! » Da ist die Spitzel Wir flüchten unter den Grat und schauen hinaus. Über uns rieselt der Wehschnee in Wolken herab. Durch seine Schleier glitzert das helmreiche Heer der Gipfel.

Einige Unentwegte werden noch über den Grat geholt. Wie sie sich freuen: Weisskugel im Sturm. 3744 m. Ein Kerl! Die sich durchbissen, sind stolz. Einer hat ein glashartes, elfenbeinfarbenes Ohr. Aber er ist sehr vergnügt. Und hat Dusel — es geht noch gut vorbei. Der Doktor hat einen Eiszapfen an der Nase. Aber er lächelt verschmitzt und poltert über den Grat hinab. Eine grosse Wächte, ein riesiger Schneeschild rumpelt zusammen, ein Knall und Krach, der den Urhebern in die Knochen fährt...

Als letzter fuhr ich über den Gletscher hinunter. Es war noch immer kalt. Vom vielen Warten und Sorgen um den Trupp war ich durchgefroren und eilte nun — froh, alles heil vor mir zu wissen.

Da — zwei nackte Skiläufer! Herrgott, ich bin ja auch nicht gerade verwöhnt, aber mir läuft es eisig über den Rücken! Da rennen sie nun nochmals den Gletscher hinauf — im Adamskostüm! Jetzt kommen sie in rasender Fahrt in der Spur vorbeigeflitzt... Die Weisskugel lässt ihre Peitsche fliegen, denen aber kann sie nichts anhaben.

Ein kleines Trüpplein folgte mir am letzten Tage. Über das Kesselwandjoch fuhren wir zur Weisseespitze. Wieder ist das Weiss im Namen. Und mit welchem Recht I Eine weisse Kuppel, 3534 m hoch. Wir stiegen mit den Brettern bis auf die Spitze, sahen eine unbeschreibliche Weite.

Dann begann die letzte Abfahrt über den schönsten Ötztaler Gletscher, über den Grossen Gepatschferner. Ihr denkt noch daran, liebe Freunde! Erst der Schuss vom Gipfel in Gepatschsumpf hinab — wenige Minuten, 500 m HöhenunterschiedWir schultern die Säcke und fahren zum Rauhen Kopf vor. Dort beginnt der zweite Teil. Weitere 1000 m über den Gletscher hinab. Steil, an Eistürmen hin, dann durch Gletschertäler und auf eine überfirnte Gletscherebene hinaus — ein Jagen! Steil über Eisrippen und heraus aus dem Bruch, ins Gewände. Zirbelnwald — einige Minuten später! Das milde, dunkle Grün. Leben wir?

Ein langes Waldtal folgt, das Kaunsertal. Hoch droben, zweitausend Meter höher, eine Kuppel im Abendrot. Eine ebenmässige, goldrote Kuppel. Unser Berg. Vor drei Stunden noch droben auf seinem Eisdom. Jetzt rauschen Bach und Wald zu unseren Seiten. Denkt ihr noch daran, liebe Freunde?

Bemerkung: Karte und Führer: Die hier durchstreifte Hauptgruppe der Ötztaler Alpen ist samt der Wildspitze auf der ausgezeichneten « Karte der Gletscherwelt der Inner-Ötztaler Alpen » 1: 50,000 zu finden. Skifähren sind eingezeichnet.

Die Turenbeschreibung findet man im « Schiführer durch die ötztaler Alpen » von S. Lachner und K. Kuntscher ( Verlag Artaria, Wien ).

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